Freud und Leid

Die Harmonie der Gegensätze

Caspar David Friedrich 1774-1840 – Sonnenuntergang

Freud und Leid hatten wie immer dicht beieinander gesessen und mit einem weinenden und einem lachenden Auge in den Abendhimmel geschaut. Die Nacht bemühte sich, in stetem Wechsel die Schicht des Tages zu übernehmen, welcher sich nun eiligst verabschiedete. Ein letztes Hell senkte sich hinter den Horizont und machte dem undurchsichtigen Dunkel Platz, das sich nun über das weite Land legte und auch Freud und Leid mit einem sanften, grauen Tuch bedeckte.
Dort, wo die rote Erde nah und der blaue Himmel so weit waren, hielten Freud und Leid einander die Treue, und die Untreue hatte noch niemals an ihre Türe geklopft. In all den langen Jahren hatte ihr Bestreben, durch ein ausgewogenes Geben und Nehmen in Harmonie zu leben, gute Früchte gebracht und nichts brachte bisher auch nur den kleinsten Funken Disharmonie in ihr Dasein.
Doch eines Tages war alles anders!
Freud, der durch sein stets gut gelauntes Wesen, Lebensfreude und positive Energie versprühte, war des morgens freudestrahlend erwacht und nach einem kurzen Räkeln aus seinem Bett gesprungen. Mit einem munteren Satz hatte er das Fenster geöffnet, währenddessen Leid sich stöhnend auf die andere Seite drehte und mit einem: „Booh, muss das denn sein?“, seinen Unmut über das hereinfallende Licht kundtat.
Freud stand mit offenem Mund und großen, weit aufgerissenen Augen am Fenster und starrte nach draußen.
„Leid, komm schnell, das musst du sehen! Du wirst es nicht glauben, aber nebenan sind ganz komische Leute eingezogen!“
Missmutig wie immer, wälzte sich Leid aus dem Bett, rieb sich den Rücken, der wieder mal schmerzte und schlurfte stöhnend zum Fenster.
„So, wie die aussehen, gehören die eher in die Hölle, als in unser kleines Paradies. Die sehen aus, wie richtige Zombies! Ich glaube, mir wird schlecht…!“, sagte Leid und ging schnellen Schrittes in Richtung Bad, wohin ihm Freud mitleidig folgte.
„So hartherzig, wie die aussehen, könnte man ja Angst kriegen!“, meinte Leid, nachdem er seinen Magen völlig entleert hatte.
„Die könnten glatt auf der Geisterbahn anfangen! Das wäre doch lustig!“, bemerkte Freud mit einem Lachen.
„Ich werde gleich mal rüber gehen und einen guten Tag wünschen! Sicher sehen die schlimmer aus, als sie sind!“
Kaum hatte Freud das ausgesprochen, war auch schon die Türe hinter ihm ins Schloss gefallen, und Leid sah ihn vom Fenster aus an die Türe der Nachbarn klopfen.
„Guten Morgen!“, hörte er Freud sagen. „Wir haben gesehen, dass Sie eingezogen sind. Ich möchte mich vorstellen. Ich bin Freud und mein Bruder Leid ist nie weit von mir entfernt.“
Feindselig wurde Freud von seinem Gegenüber gemustert, der seine Türe nur einen Spalt weit geöffnet hatte.
„Mein Name ist Missgunst. Ich und die Zwietracht leben jetzt hier, Sie werden sich schon gewöhnen! Das ist ein schönes Haus, das Sie da bewohnen! War sicher teuer, oder!?“
„Wer ist dort an der Türe?“, klang es wenig freundlich aus einem Hinterzimmer.
„Es ist Freud, unser Nachbar!“, antwortete Missgunst. „Leid wohnt auch bei ihm.“
„Soll verschwinden, bevor ich ungemütlich werde!“, schrie Zwietracht und begann Unfrieden zu säen.
Mit einem Satz war Freud zurück zur eigenen Haustüre gesprungen und rief dem neuen Nachbarn zu: „Nächste Woche ist hier Kirmes, da könntet Ihr…!“
„…auf der Geisterbahn anfangen und Leute erschrecken!“, tönte Leid aus vollem Halse aus dem Fenster, so, dass Missgunst und Zwietracht es hören konnten.
„Wartet nur, heute Mittag werdet Ihr den Rest unserer Familie kennen lernen! Ich hoffe nur, dass der Streit nicht wieder die Versöhnung mitbringt! Aber Hass wird dabei sein, wenn die Liebe nicht wieder die Stärkere ist und ihm verbietet, mitzukommen. Der Ärger wird auf jeden Fall die Wut mitbringen und die werden wir dann rauslassen!“
Kaum hatte Zwietracht diesen Satz zu Ende gesprochen, hatte Leid das Fenster zugeschlagen.
„Freud, warum musstest du auch rüber gehen?! Immer bist du soooo freundlich und biederst dich überall an. Aber des Einen Freud ist des Anderen Leid!“
„Ich, des Anderen Leid?“, blickte Freud hilflos und schaute fragend auf Leid.
„So etwas hat er ja noch nie gesagt?!“, ging es Freud durch den Kopf, und er merkte, dass die ersten Saaten der Zwietracht aufzugehen schienen.
„Ganz egal“, dachte Freud, „ich gehe fort! Soll er doch sehen, wie er allein ohne mich klar kommt!“
An diesem Abend war Leid zum ersten Male von aller Freud(e) verlassen, und der weite Himmel, der eigentlich wie jeden Abend aussah, hielt ihm seine Einsamkeit vor Augen und brachte seine Trauer in eine andere Dimension. Über den sonst schon so grauen Alltag hatte sich eine undurchsichtige, dunkle Decke gelegt, die kein noch so kleiner Lichtstrahl zu durchdringen vermochte.
Leid war es bald leid, ohne Freud leben zu müssen, und den halben Tag lang saß er am Fenster und hielt nach ihm Ausschau. Doch Freud kam nicht wieder! Dafür aber die Enttäuschung, und die brachte Traurigkeit und Verzweiflung gleich mit. Wie konnte Freud ihm so etwas antun?! Das zunächst kleine Leid wurde mit jedem Tag größer und wurde ganz seiner Rolle gerecht.
So vergingen Wochen und Monate, doch Leid blieb nicht lange allein, denn zu ihm gesellten sich bald Kummer und Krankheit, die ihn mit Schmerz und Tränen überschütteten.
Erst, als er glaubte, darin ertrinken zu müssen, geschah etwas, das sein Leben veränderte. Die unheimliche Familie von nebenan war ausgezogen, denn da die Saaten von Zwietracht bei Leid allein nicht aufgehen konnten, und Freud ja schon lange ausgezogen war, suchten sie nun einen neuen Wirkungskreis.
Lange blieb ihr Haus jedoch nicht leer. Neue Nachbarn meldeten sich an und klopften an Leids Türe. „Hallo, guten Tag! Wir sind die neuen Nachbarn, Liebe und Glück und hoffen, dass wir gut miteinander auskommen werden!“
Leid war ein wenig verlegen, denn irgendetwas erinnerte ihn an Freud, und es war das erste Mal seit langem, dass ein Lächeln über sein sonst so trauriges Gesicht huschte.
Mit Liebe und Glück in der nächsten Nähe, kam wenig später auch die Freude zurück. Das Leid hielt sich fortan ruhig im Hintergrund und sagte nie mehr ein verletzendes Wort. Und so saßen sie zu viert und schauten gemeinsam in die Weite des goldenen Abendhimmels, der mit einem Male so nah schien und voller Geigen hing.

Verhängnisvolle Worte

William Adolphe Bouguereau 1825-1905 – Frühlingsmelodie

Ersonnen sind der Worte viele,
besinnliche Gedankenspiele,
 
die ganze Blätter-Wälder füllen,
erdacht, geschrieben, ganz im Stillen;
 
Anziehungskraft des fremden Flairs,
Unendlichkeit des Schriftenmeeres,
 
lässt uns in ferne Welten tauchen,
kann Märchen Wirklichkeit einhauchen;
 
das, was sonst niemand anders schafft,
vollbringt des Wortes Zauberkraft.
 
Schenkt uns ein Wort der Liebe Glück,
so nimmt ein andres dies zurück;
 
mit ein paar hingesagten Sätzen,
kann man die Seele tief verletzen
 
und oft noch leidet man alsdann
darunter gar ein Leben lang.
 
Wählt eure Worte mit Bedacht
und sprecht nicht aus, was Leiden schafft,
 
kann man in wunden Augen lesen,
dass Schweigen besser wär’ gewesen.

Einsamkeit

Caspar David Friedrich 1774-1840 – Frau am Fenster

Keine Stimme, die ruft,
kein Herz, dem ich fehle,
nur Einsamkeit, Stille,
durch die ich mich quäle –
aus der Ferne, der Klang der Motoren
und manchmal will sich die Ruhe
in meine Seele bohren.
 
Suche Beschäftigung,
die diesen Bann durchbricht,
doch wirklich finde ich sie nicht.
Kann mich nicht fügen,
nicht konzentrieren,
möcht‘ manchmal den Verstand verlieren.
 
Ich schau die Wände an –
es sind dieselben, die ich vor einer Stunde sah;
verwandeln möchte ich die gelben
in bunte, mit Punkten,
die ich dann zählen könnte,
um mich abzulenken,
vom Denken.

Fern von dir

Maximilian Pirner 1854-1924

Du bleibst die größte Liebe meines Lebens,
verblasst ist nur der öde, äußre Schein;
er trug den Glanz des Wollens, nicht des Gebens;
die falschen Hoffnungsschimmer trübten ein.
 
Du warst die Andacht, ich der Wahrheitsfinder,
der sich im Nebel stets im Kreise dreht.
Um dich der Hauch der Reinheit; Seelenbinder
warst du, den ich mir einst von Gott erfleht.
 
Die Trauer ist der dunkle Dieb des Lichtes,
sie nahm mein Innen – ich versink in ihr.
Tief auf dem Todesgrund in mir gebricht es.
Was wärmend dich und mich einst band, gefriert.
 
Ich schüttle ab die schweren Kälteschauer,
doch greift die kalte Hand erneut nach mir.
Sie reißt mich mit, ich treib in hoffnungsloser, grauer
Vergessenheit. Nichts führt zurück zu dir.
 
Wie soll ich deine Augen je vergessen?
Wenn ich hineinsah, fühlte ich das Glück!
Die Sehnsucht hat mein krankes Herz zerfressen.
Kein weher Wunschgedanke bringt dich je zurück.
 
Auch, wenn ich des Vermissens stille Qualen
noch immer leide…mehr, mit jedem Tag,
muss ich auf schwarzer Leinwand fremde Bilder malen,
weil ich das Bild von dir nie wieder denken mag.
 
Wenn ich es denke, bricht mir dein „nicht Wollen“
mein Herz in stiller Seelenqual. Du fehlst!
Das neue Jahr begann mit Donnergrollen.
Wird es mir Tage bringen, die du nicht beseelst?!
 
Mein Alles warst du – ich war nur die Schwere,
die Last, die auf dir lag und die dich bitter machte.
Du wolltest Ruhe, tauschtest Liebe ein, in Leere.
Wortlos gingst du! Ob es dir Frieden brachte?
 
Ich gab die Hoffnung auf – sie starb und doch…
sitz’ manchmal ich am Fenster, schau hinaus.
Gleich kommt er um die Ecke, denk‘ ich noch,
dann seh‘ ich dich im Geiste: meine Maus.
 
Kurz streichle in Gedanken ich dein Haar,
fühl dein Gesicht für einen Augenblick.
Doch schon beim nächsten Wimpernschlag ist klar:
Es war nur Illusion…und doch mein ganzes Glück.

Flüchtiges

Ich schau zum Himmel…
wie das Wolkenband entschwebt,
so, wie die Zeit entgleitet,
und die Gedanken suchen
ihren Weg zu dir,
fern bist du mir, so, wie die Schäfchen
dort am Firmament.
Ich trage dich
in meinem müden Herzen,
wie ein Beben,
das mich erweckt und fühlend macht,
im Schmerz.
Der Tag vergeht,
so, wie das Wolkenband entschwebte,
doch du bliebst fern mir.
Oh, so dunkel wird die Nacht!
Die langen Stunden waren voller Schweigen,
gefüllt mit Sehnsucht bin ich,
wie ein Schwamm, mit Bitterkeit.
Ich resigniere an der Welt, am Leben,
wo ich die Liebe suchte,
fand ich Leid.

Karfreitagstimmung

Caspar David Friedrich 1774-1840 – Spaziergang in der Abenddämmerung

Wie soll ich den Frühling genießen,
mit all seinen Blumengeschenken,
wo unlängst die Blüte der Liebe verwelkte,
in meinen Händen?
 
Wie kann die Sonne meine Seele erwärmen,
mit all ihrem Strahlengefunkel?
Wenn Tränen mir Sinn und Antlitz verhärmen,
bleibt mein Herz kalt und dunkel.
 
Wie kann ich Hoffnung in Gedanken binden,
wo alle Zukunftsbilder jüngst zerstört?
Wo werd’ ich jemals wieder finden,
was mir noch nie zuvor gehört?
 
Kann sich das Schweigen aus Gräberreihen –
wo kein Kreuz gleicht dem andern –
wie ein Wunder durch himmlischen Schluss,
ganz plötzlich in Lachen verwandeln?
 

Schatten der Vergangenheit

Ich fühle die Gestalten
im Dämmerschatten stehen,
sind unsichtbar verknüpft
mit meinem Zeitgeschehen,
wollen hilflos mich umklammern,
flehend und unerkannt,
herüber kommt ihr Jammern
aus fernem Anderland.
Möcht’ ich mich auch entziehen,
in wilder, langer Flucht,
so kann ich nicht entfliehen,
wenn man mich bittend sucht.
Schau mutig ich hinüber,
mit ungetrübtem Blick,
bringt dieses Schau’n doch wieder
Erinnerung zurück.
Sind’s dunkle Lebensflecken,
die dort im Nebel stehen,
die mir aus finster’n Ecken
tief ins Bewusstsein gehen?
Die vielen off’nen Wunden –
sie heilen wird die Zeit –
sind noch nicht ganz verwunden,
obwohl Vergangenheit.
 

Erinnerungen

Baron Frederic Leigthon 1830-1896

Ach, wie weh wird mir ums Herz,
lausche still den dunklen Tönen;
Seele fühlt den tot geglaubten Schmerz,
kann sich noch nicht ganz versöhnen.
 
Längst vergangen und vorbei
sind die beweinten Zeiten,
dass manche Hoffnung brach entzwei,
wird bang betrübt mich leiten.
 
Die Menschen, die ich einst geliebt,
sind fern und fremd geworden.
Das Glück schlich fort, so wie ein Dieb,
und blieb fortan verloren.
 
So oft geharret und gehofft,
vergeblich war mein Warten,
zierte statt Rosen nur zu oft,
Verdruss den Lebensgarten.
 
Was dort an Blüten voller Pracht,
mit Liebe einst gesäet,
hat mir das Schicksal über Nacht,
wohl gänzlich fort gemähet.
 
Mit leeren Händen steh ich nun,
mein Herz der Wunden viele.
Oh, lieber Gott tausch‘ durch dein Tun,
Unglück in Glücksgefühle.
 

Nach dem Tod

John William Waterhouse 1849-1917 – Borea

Lebensfahrt

Es eilt des Lebens Fahrt
vorbei an Freud’ und Leid,
nie hält es an,
erst, wenn das Ziel erreicht,
steht es im Trauerkleid.

Was kommt nach dem Tod?

Diese Frage beschäftigt uns alle, früher oder später, und niemand weiß eine Antwort darauf.

Wenn man jung ist, steht das Leben im Mittelpunkt. Die Frage nach dem Tod scheint dann nicht wichtig. Er wird verdrängt, sogar verleugnet. Es kann doch gar nicht sein, dass die Lebenskraft vergeht, fast unmerklich, wenn sie nicht plötzlich durch ein großes Unglück genommen oder durch Krankheit eingeschränkt wird.

Ewiges Leben, bewusst, in einem einzigen menschlichen Körper, ist für mich persönlich eine Horrorvorstellung. Sterben und Vergehen bietet Raum für Neuwerdung und Verwandlung. Dann kommt der Tod als Freund.

Menschen hoffen schon immer auf ein ewiges, körperliches Dasein. Wie würden sie sich im Schlaraffenland langweilen, wo Überfluss herrscht und schöne Eintönigkeit?! Die Juden und andere Glaubensgemeinschaften warten bereits seit ewigen Zeiten auf den Erlöser, den Messias, der das Gleichgewicht und die Gerechtigkeit auf dieser Welt wiederherstellt.

Für mich sind Überlegungen vom materiellen Paradies auf Erden Utopie. Dieses Paradies befindet sich auf einer anderen, geistigen Ebene. Dort, wo es weder Tod noch Krankheiten gibt, nur ewige Glückseligkeit, von der alle Propheten, Dichter und Denker schrieben.

Ich freue mich, wenn ich meinen alten Körper irgendwann ablegen darf und auf mein Zuhause bei Gott, ganz egal wie das aussehen mag. Sind wir nicht alle wie die Schmetterlinge? Den alten Kokon abstreifen, der uns solange gequält hat und mit offenen Flügeln dem Licht entgegen fliegen!  

Wir alle haben vergessen, woher wir einst kamen, doch manchmal scheint uns eine vage Erinnerung mitten ins Herz hinein.

Auch, wenn ich „nur“ als winzige Spur wieder ein Teil des Ganzen werden sollte, und die Persönlichkeit meines jetzigen Lebens sterben wird, wie alle davor, vertraue ich darauf, dass meine Ur-Seele in ihrer Einzigartigkeit erhalten bleibt.

Immer wird das, was Gott für alle Menschen nach dem Tod vorgesehen hat, sinnvoll und gut sein.