Mond

Bild: Karin M.

Streifst ab die Sonnen-Tageshülle,
 behältst nur ihren Schein.
 
Dein Licht ist kalt, bizarr.
 
Beseelst mit kühlem Glanz
die dunkle Schattenstille.
 
Traumhüter,
Wandler der Gezeiten.
 
Kreist ruhelos,
 vertraut,
bis dass die Welt vergeht.
 
Allabendlich
ist jeder Blick zu dir
wie ein Gebet.

Gottesnähe

William Adolphe Bouguereau 1825-1905

So, wie der Wind die Wolken treibt,
rastlos am Firmament,
ist nichts seit Anbeginn der Zeit,
das uns von Gott getrennt.
 
ER zeigt in allem ewiglich
sein gütiges Gesicht,
in der Natur entzündet ER
die Liebe uns im Licht.
 
Allgegenwärtig schützt ER uns
durch seine Engelschar,
wir sind in ihm und ER in uns
für ewig, immerdar.
 

Gebet

Viktor Sieger 1843-1905


Ich sprach von Dir als von dem sehr Verwandten,
zu dem mein Leben hundert Wege weiß,
ich nannte Dich, den alle Kinder kannten,
für den ich dunkel bin und leis.

Ich nannte Dich den Nächsten meiner Nächte
und meiner Abende Verschwiegenheit,
und Du bist der, in dem ich nicht geirrt,
den ich betrat wie ein gewohntes Haus.
Jetzt geht Dein Wachsen über mich hinaus:
Du bist der Werdenste, der wird.

Aus dem Worpsweder Tagebuch 4.10.1900

XIII. Sonett an Orpheus

Sei und wisse zugleich des Nicht-Seins Bedingung,
den unendlichen Grund deiner innigen Schwingung,
dass du sie völlig vollziehst dieses einzige Mal.

Text: Rainer Maria Rilke 1875-1926

Gebet

Kurische Nehrung – Hans Kallmeyer 1882-1961

Herr, gib uns helle Augen
Die Schönheit der Welt zu sehn!
Herr, gib uns feine Ohren,
Dein Rufen zu verstehn.
Und weiche, linde Hände
Für unserer Brüder Leid
Und klingende Glockenworte
Für unsre wirre Zeit!
Herr, gib uns rasche Füße
Nach unserer Arbeitsstatt –
Und eine stille Seele,
Die deinen Frieden hat!

Frieda Jung (1865-1929)
Ostpreußische Heimatdichterin
geboren im Landkreis Gumbinnen

Gebet

William Adolph Bouguereau 1825-1905

Wie lieb spinnst Du so leise
von meines Lebens Glück,
so klug versprichst Du weise
mir glückliches Geschick.
 
Soll’n scheiden sich die Geister
aus der Vergangenheit,
stehst Du als Lebensmeister
mir zukünftig bereit.
 
Wirst meinen Weg begleiten,
trägst mich mit starker Hand;
Du wirst mich schützend leiten,
ins unbekannte Land.
 
Ich werde staunend schauen,
Dir danken im Gebet,
wenn altes Gottvertrauen
durch meine Seele geht.