Vergänglichkeit des Augenblicks

William Adolphe Bouguereau 1825-1905

Zukunft wird gegenwärtig und vergeht.
Flüchtiger Augenblick des Jetzt,
ein Lidschlag macht aus dir Vergangenheit.
Nichts kann dich halten,
nichts zurückholen.
Du wirst durchlebt und bist sogleich verloren,
und die Erinnerungen, die du trägst, sind folgenschwer.
Die Dimension der Zeit – ein trügerisches Bild.
Verbirgt sie doch die Polarität des Lebens vor unseren Herzen.
Aus Glück wird Unglück,
aus Liebe – Hass,
aus Leben – Tod.
Oft trennt uns nur ein Augenblick von diesem Wandel.
Wie ein winziges Atom ein Teil des Ganzen,
so ist der Moment des Seins der Schlüssel zur Ewigkeit.

Die heilige Sprache

Turmbau zu Babel – Pieter Brügel 1525-1569

Ist jeder Mensch, der früher einmal gelebt hat, wirklich ganz verschwunden, oder lebt er weiter, von Welt zu Welt, von einer Zeit zur anderen, von Ewigkeit zu Ewigkeit?

Trotz aller Umstürze und Umbrüche bleibt ‚das Wort‘ bestehen. Von Generation zu Generation wird es schriftlich oder mündlich weitergereicht. Es ist uns Menschen die Tewa, die Arche Noah. Dort wird alles mitgenommen, in die neue Welt hinübergetragen. Dort entsteht Leben unter anderen Verhältnissen. So erzählen die Göttersagen vom Leben in früheren Welten und tragen so das Entstehen vom Uranfang mit sich durch alle weltlichen Zeitalter hindurch.

‚Das Wort‘ überlebte so manchen Weltuntergang. Angefangen von der Geschichte des Menschen im Paradies und vom Untergang des Paradieses für den Menschen. Wir lesen von Kains Vertreibung und vom Weltuntergang im Geschlecht Enosch, dem 3. Sohn Adam und Evas. Damals begann man den Namen Gottes, JHWH, anzurufen.

Weiter erfahren wir vom Untergang durch die Sintflut (diese Geschichte wird bereits im Gilgamesch-Epos beschrieben ca. 1800 v. Chr.) und der Zerstörung von Sodom und Gomorrha. Es gibt viele Weltveränderungen und Hungersnöte. Mythen erzählen von einer Distanzierung zwischen Himmel und Erde; der Abstand hätte sich 10 mal verändert. Auch hätte der Mensch des Altertums eine andere Luftzusammensetzung geatmet. Die Welt ist schon mehrfach aus den Fugen geraten und hat sich selbst erneuert. Geschöpfe, wie Dinosaurier, sind ausgestorben, angeblich durch einen Meteoriten Einschlag, dann die Eiszeit…neues, anderes Leben.

Die Bibel zeigt Bilder von Verwüstungen, durch die die Welt augenblicklich ihr Gesicht änderte. Nach dem Untergang Babels bekam die Menschheit ein anderes Bewusstsein.

Wenn Tewa, die Arche Noah des Wortes ist, was bietet sie den Menschen, wenn sich Worte wieder tiefgründig erschließen lassen und nicht, wie heutzutage nur oberflächlich ausgesprochen werden? Die Gesellschaft befasst sich im Moment größtenteils mit gedankenlos hingeworfenen Sprachfetzen – siehe Facebook und Co. Man redet davon, die Handschrift abschaffen zu wollen. Dabei hat jedes Wort einen tieferen Inhalt, jede Handschrift zeigt den individuellen Charakter des Schreibers.

Manchmal er-innern wir uns an die Gedanken in uns und nehmen sie wahr durch unsere Wahr-nehmung.

Im ‚Wort‘ wird das Bild einer besonderen Spaltung der Menschheit dargestellt, wenn nämlich beim Turmbau zu Babel eine Wortverwirrung über die Menschen kommt, weil diese durch die Errungenschaften ihres diesseitigen Denken und Handels glauben, den Sinn des Lebens zu erfahren.

So ist das auch bei den vielen Religionen: Das Wort verliert seine Einheit, gerät aus den Fugen. Jeder versteht unter den gleichen Worten etwas anderes. Damals entwickelte sich die Menschheit zurück und heute?

Die Menschheit lebt auf wissenschaftlich gestützter Basis, läuft aber jedem Wahn hinterher, seien es Mode, Schönheit oder Sport. In Demonstrationen wird der Mensch zum Messer- oder Stein schwingenden, brüllenden Primitiven, der seine Begehrlichkeiten durchsetzen will. Die vielen Gaffer, die sich am Elend anderer weiden und gar nicht wissen, was sie da tun. Die Geldgier kennt keine Grenzen, denn es gilt nicht das Wohl der Allgemeinheit, sondern lediglich das eigene. Reisen ohne Grenzen, um die primitive Kultur in die Welt zu tragen, Kinder schänden, mit Unterstützung der frommen Kirchenleute; überall Blut, Krieg und Spiele. Weltweit hungernde Menschen und andererseits maßloses Schlachten und Essen von allem was sich bewegt.

So ist die Welt minderwertig geworden. Das Wort bildet den Charakter des Menschen. In den ‚Sozialen Netzwerken‘ haben manche Menschen schon längst ihren Charakter verloren. So wird auch der Sinn der Sprache zerstört. Aber auch der fehlgeleitete Mensch ist im Wesen Mensch im Bilde Gottes.  Es braucht viel Geduld, um den edlen Kern unter dessen Hoffnungslosigkeit und Bösartigkeit zu finden.

Einerseits ist so mancher Mensch an geistiger Größe gewachsen, andererseits erscheint mancher  hier auf dieser Welt leichtsinnig und beschränkt. Deshalb braucht der Mensch hier Grenzen durch irdische Gesetze.

Mit dem Verlust des Wortes in den Sprachen geht auch die Erinnerung verloren. Mit dem Wort wird das Leben durch die Zeit getragen. Bei verstümmelten Worten und Geschichten kann Verwirrung nicht ausbleiben. Naht ein neuer Weltuntergang?

Das ganze Leben hier ist Gebet. Jeder Gedanke, jedes Wort, jede Tat sind Teil des Gespräches.

Gehen wir bedacht damit um!

Der alte Baum

Foto: Mariamne, Pixelio.de

Ein alter Baum, der sich gen Himmel streckt,
zu dessen Krone Zweig an Zweig sich binde,
der unter dunkel, harter Borkenrinde
die Ringe seiner Jahre wohl versteckt.
 
In hundert Jahren wird er noch hier stehen,
wenn sich die Zeit schon lang gedreht
und neuer Geist durch Land und Köpfe weht,
hat er so manchen Sturm gesehen.
 
Sein Laub singt uns im Wind die alte Weisen,
von Liebesglück und Leid, das er geschaut,
und nur ein winzig Herz, geritzt in seine Haut,
wird mit ihm in die ferne Zukunft reisen.
 

Ein bisschen Kabbala

Maler unbekannt

Wasser und Zeit

Die Bibel ist nicht nur ein Buch mit vielen Geschichten. Sie beinhaltet auch einen kabbalistischen Hintergrund, der oft nur den jüdischen Gelehrten bekannt ist. Doch dadurch eröffnen sich weitergehende Einsichten.

In der hebräischen Sprache hat jeder Buchstabe eine Schwingung, die in Zahlen ausgedrückt wird.

Selbstlaute a, e, i, o, u, werden nicht geschrieben, sondern lediglich durch Punkte ausgedrückt. Ändern sich die Punkte, ändert sich die Bedeutung.

Wasser heißt im Hebräischen = ‚majim‘ – mit dem Wortwert: Mem-Jod-Mem, 40-10-40. Mem מם ist der Buchstabe mit dem Namen ‚Wasser‘…das Fließende, Bewegende. Wasser und Mem verweisen damit auch auf den Begriff ‚Zeit‘. Sie schreitet unwiderruflich fort und löscht das Er-Leben des Augenblicks. Ertrinken in der Zeit und Ertrinken im Wasser sind eigentlich dasselbe. Deshalb wird Zeit immer mit der 40 oder mit 400 gemessen. So ging Moses nicht, wie geschrieben, 40 Jahre, sondern eine sehr lange Zeit durch die Wüste, die gar nicht benennbar ist.

Das Gehen durch diese Welt ist also wie ein Gehen durch Wasser und Zeit am 7. Tag.

Noah hatte damals die ‚teba‘, das Wort, um durch das Wasser hindurchzukommen. Sein Schiff schützte ihn davor, im Wasser zu versinken. Es ist also ‚das Wort Gottes‘, das die Menschen bewahren kann, in der Masse der Vielheit dieser Welt unterzugehen.

Da Jesus zum Bereich der Ewigkeit gehört, wurde er vom Wasser (der Zeit) getragen und konnte nicht darin versinken, als er darüber schritt. Dies Bild der Bibel zeigt uns, dass das Wort Gottes niemals untergehen wird.

Wenn der Mensch am 8. Tag nach der Jordan Überquerung die andere Welt erreicht hat (Bibel), entsteht ein neuer Zustand. Fluss oder Meer bedeuten in der Bibel immer eine Trennung zwischen Diesseits und Jenseits. Dann wird es keinen Gegensatz mehr zwischen Leben und Tod geben, wie am 7. Tag, in dem sich die Menschheit und das Hier und Jetzt befindet. Die 7 ist die Schlüsselzahl zu unserer dreidimensionalen Welt. Man sagt auch, sieben Seelen Gottes würden die Welt beleben: die materiell-physische, die vegetative, die animale, die mentale, die kausale, die göttlich-seelische und die göttlich-schöpferische. Dieselbe Aussage machte Paracelsus.

Es gibt viele Beispiele, bei denen die Zahl 7 eine große Rolle spielt. In der Bibel beispielsweise die sieben fetten und sieben mageren Jahre, Gott gab am Himmel das Zeichen seines Bundes mit Noah, den Regenbogen, der aus sieben Farben besteht. Sieben Wirbelknochen des Halses, sieben Töne einer Oktave, die sieben Hügel, auf denen Rom erbaut ist, sieben Köpfe des Drachen in den Märchen, etc.

Wenn sich eine Fläche in der 3. Dimension offenbart, entsteht ein Würfel mit sieben Faktoren: sechs Flächen und dem 7. Faktor, dem Kubikinhalt.

In der Offenbarung des Johannes stellt er das Bild des ‚Neuen heiligen Jerusalems‘, das die Braut des Lammes ist, als einen Würfel dar. (Off. Joh. 21,16).

Zwischen dem 7. und 8. Tag liegt hier noch die Schwelle des Todes. Wer diese überschreitet, kommt in den 8. Tag. Das gilt nicht nur für den einzelnen Menschen, sondern auch für die ganze Welt.
Das ist der Sinn des ewigen Lebens in der kommenden Welt. Nur der, der durch den Tod gegangen ist, darf die Auferstehung feiern.

Tagesanbruch

Kinderfrühstück von Paul Anker 1831-1910

Stille ruht noch in der Stadt.
Schlaf hängt an den Fensterscheiben.
Hoch vom Baum ein müdes Blatt,
lässt sich sanft zu Boden gleiten.
 
So vergehen Tageszeiten.
Viele werden sie erleben;
andre beim Hinübergleiten
in die andre Welt entschweben.
 
Friedlich schleichen die Sekunden.
Dankbar blick ich in die Ferne.
Grüß den Sonnenball, den runden,
grüß auch Mond und alle Sterne.
 
Tag, ich heiße dich willkommen!
Und die alte Uhr tickt leise.
Was du bringst und was genommen,
segne ich auf gleiche Weise.
 

Raum der Stille

Ich rufe deinen Namen…LAUT!

Du hörst mich nicht – du bist so weit.
Kein Wort dringt in die Einsamkeit hinein.
In meinem Raum der Stille steht die Zeit!
Nur Eines drängt sich in mein Herz, das Wort: ALLEIN.
Wo sonst Gefühl, da steht ein Nichts im Raum.
Es treibt ein Vakuum mir in die Sinne ein
und legt sich dunkel mir in jeden Traum.

Die Ströme der Gedanken stehen still,
um mich die laute Flut des welken Tags,
wo monoton die Zeit nur stehen will,
das Warten endlos an der Seele nagt.
Dringt Schwere in die Langsamkeit der Zeit,
wird jeder Augenblick zur Phantasie,
bereitet ihr den Hauch von Ewigkeit;
der Tag scheint endlos – irgendwie.

Zeitenwechsel

Treibt durch das Jahr
so schnell die Zeit,
mit weiten Riesenschritten,
man sehnt sich nach
des Frühlings Kleid
und gleich ist es
entglitten.
 
Schon hüllt des
Sommers heißer Atem
die Welt in prächt’ges Glühen,
sieht man bereits
in stillem Warten,
den Herbst schon Regen sprühen.
 
Bald fegt der Wind
mit starker Hand
den Staub der warmen Tage,
dann geht ein Welken durch das Land,
bringt trüb
der Stürme Plage.
 
Und fern erscheint
ein weißes Leuchten,
der Frost, er steht im Eisgewand.
Die Winterzeit streut ihre feuchten
Gesellen auf das kalte Land.
 
So wird der Wechsel
aller Zeiten
von hell nach dunkel uns beschert,
sind schlechte Jahre zu bestreiten,
gefolgt von guten umgekehrt.
 

Winter adé

Alfons Mucha 1860-1939 – Jahreszeiten ‚Frühling‘

Die Wärme kriecht durch meine Haut,
durchfließt die kleinsten Poren,
die Sonne strahlt, wohin man schaut
wird neues Grün geboren.
 
Die Bäume voll der Knospen Pracht,
stehn bald in neuem Kleide,
der Frühling hat sie über Nacht
befreit vom Winterleide.
 
Die Erde atmet tief und dehnt
sich aus im dunklen Bette,
streckt sich nach langer Nacht und gähnt,
durchtrennt die Zeitenkette.
 
Die kalte Zeit wird bald vergehn,
sie scheidet nun, mit Wehen
wird eine neue Welt entstehn,
zum staunend Wunder sehen.
 

Neues Jahr

Im Geheimen – Sulamith Wülfing

Das reine, nicht gelebte,
das, wie ein Buch,
mit leeren Seiten,
vom Leben selbst geschrieben,
mit Wahrheit, Hoffnung,
Krieg und Frieden,
mit Gutem und mit Bösem,
auf hellen oder dunklen Seiten,
zur Lebensfreude
oder gar zum Leid,
hält jeden neuen Tag
dir als Geschenk entgegen.
Wie du die Stunden füllen wirst,
mit Leben oder Tod,
mit Liebe, Abschied,
liegt in deiner Hand…
ist Gottes Plan.
Das alte Jahr verging;
Schicksale, die es trug,
sie knüpfen an und werfen Schatten
auf das unbefleckte, neue.
Im Buch des Lebens
schlägt Gott die nächste Seite um.
Fülle mit deinem Licht die Tage
deiner Jahre. Beleuchte alles Dunkle,
löse auf die Schatten, zu neuer Hoffnung,
in ewigem Kreislauf!

Zeitgeist

Mondlicht08

Zeitgeist

Die Zeit vergeht,
so zäh wälzt sie sich oftmals,
wie ein Lavastrom
und so behäbig,
manchmal scheint’s,
sie ist nur Illusion.
 Durch die Epochen
kommt sie gekrochen;
doch halten kann man sie nie
und irgendwann wird sie vergehen,
mit ihr das Zeitgeschehen,
und eine neue Zeit
sie folgt der alten,
so wie ein endlos Band
geknüpft an die Gewalten
der vergang’nen Zeiten,
steht sie in dunklem Kleid
und hast du sie erkannt,
wird sie dir sanft entgleiten.