Maß der Zeit

Göttliche Geometrie – Vladimir Kush (1965 – )

Das Maß der Zeit, vergangenes Empfinden,
verschmilzt alsdann mit Gegenwart,

lässt Künftiges in Hoffnung gründen,
die eine Aussicht hat, auf Tat.

Ereignisse, die Wellen schlagen,
sind bald schon in vergangener Zeit,

wenn sie jedoch Gefühle tragen,
sind sie stets Gegenwärtigkeit.

Ist das Empfinden einst vorüber,
ziehn sie in „alte Zeiten“ um.

Wir ordnen Zeit, wie Pflanzenfreunde
die Blätter im Herbarium.

Bestimmen taktvoll unser Leben,
gleich, wie das Pendeln einer Schwingung;

die Rotation der Erdumläufe
sind unsrer Zeiteinheit Bedingung.

Der Zeiten Anfang? – Unerklärlich!
Es bleibt uns ein Mysterium.

Sterblich sind wir – Allväter ewig,
hier bleibt das Universum stumm.

Schatten der Vergangenheit

Johann Heinrich Füssli (1741-1825)

Ich fühle, wie Gestalten
im Dämmerschatten stehen,
sind unsichtbar verknüpft
mit meinem Zeitgeschehen,
zeigen hilflose Momente,
warnend und wohlbekannt,
von denen ich mich trennte –
vernarbtes Lebensband.

Möcht’ ich mich auch entziehen,
in wilder, langer Flucht,
so kann ich nicht entfliehen,
aus dieser Lebensschlucht.
Schau mutig ich hinüber,
mit ungetrübtem Blick,
bringt dieses Schau’n doch wieder
Erinnerung zurück.

Sind’s dunkle Lebensflecken,
die dort im Nebel stehen,
die mir aus finster’n Ecken
tief ins Bewusstsein gehen.
Die vielen off’nen Wunden –
sie heilen wird die Zeit –
sind noch nicht überwunden,
obwohl Vergangenheit.

Durchlebte Zeit

„Träumerei“ Gemälde von Franz Guillery (1863-1933)


Wie schnell die Zeit läuft,
wenn du bei mir bist,
wie sie zu stehen scheint,
wenn du mich küsst.

Wenn deine Lippen sanft auf meine Hände gleiten,
dann ist es so,
als würden die Sekunden schleppend schreiten
und sich nur zögernd mit den Strömen der Vergänglichkeit verbinden,
als müssten unsre Seelen sich in ihren Tiefen wieder finden.
Nur unsre Liebe hilft uns aus dem irdischen Geschehen,
hinüber in die zeitenlose Dimension zu gehen.
Wenn unsre Geister sich im Über-All verbinden,
dann werden wir uns in den fernen Himmeln wieder finden,
die wir verlassen mussten schon vor Ewigkeit;
nun fanden wir uns auf der Erde wieder,
hier und heut.

Wenn mir dein Augen-Blick wie ein Versprechen scheint,
das uns nicht erst in der Unendlichkeit vereint,
dann werden mir die Tage lang und endlos scheinen,
und in der Zeit des Wartens werd‘ ich bittre Tränen weinen.

Du gabst mir nichts,
nur deine Liebe gabst du, deinen lieben Blick,
doch brachtest du mir das Elysium in diese graue Welt zurück.
Gib mir die Hand für eine lebenslange Reise durch die Zeit,
sag niemals, unsre Liebe sei Vergangenheit.

Die Zeit von gestern

Die alte Zeit ist fort. Mit ihr Generationen.
Auf Sand des Einst ist unsre Welt gebaut,
als winziges Atom, das schlummert in Ionen.
Ihr Bild, verklärt, nur Abbild, mild ergraut.

Verklärte Zeit! Was ist von dir geblieben,
wenn das Gedenken manche Wahrheit schönt?
Wie war dein Früher? Ist es übertrieben…
ist es ein falsches Bild von dir, das uns verhöhnt?

Der Sand der Gegenwart lässt Schritte schwanken.
Mein Blick mag ungern manche Wahrheit schauen.
So manche Nacht gefüllt mit Taggedanken,
die kreisten bis zum nächsten Morgengrauen.

An Fetzen der Vergangenheit zu kleben,
fest in sich tragend altes Zeitgeschehen;
ringen nach Luft im Wellentanz des Lebens,
im Auf und Ab, wie Treibholz und vergehen.

Die Zeit steht still

Foto: Gisela Seidel

Die Uhr blieb stehn, nach mehr als 100 Jahren.
Ein silbern Zifferblatt, vom Glas bedecktes Kleid,
trotzte so manchen Kriegsgefahren,
doch schließlich siegt der Zahn der Zeit.

Die Zeiger ruhn, sie zogen ihre Runden,
als ich von Krieg und Frieden keine Ahnung hatte.
Im Zeichen bittrer oder süßer Stunden
drehten die Räder unter’m Zifferblatt.

Dem Ticken folgte eine ‚laute‘ Stille,
war wie ein Zeitensterben dann.
Die Uhr, nur schwarz und hölzern ihre Hülle,
auf die ich nichts mehr lesen kann.

Ihr Schlagwerk musste lange schweigen,
doch weiß ich noch den Klang zur vollen Runde,
mit dem er prägte meinen Lebensreigen
und manch durchlebte Kinderstunde.

Als Kind sah ich oft mahnend Omas Hand,
wenn zaghaft sie den großen Schlüssel nahm
und jedes Dreh’n die Feder wand,
damit das Pendel in Bewegung kam.

Voll Übermut hät‘ ich gern aufgezogen,
was meiner Oma lieb und teuer war.
Doch ich war klein, Impuls bewogen,
den Schlüssel wollt ich nehmen, unsichtbar,

und auf ein Bänkchen steigen, ungestört
den Schlüssel drehen…bis die Feder sprang,
den Dialekt in Omas Schimpfen hören…
verklärt mein Blick zurück ins Irgendwann.

Die Zeiger stehen still, die Zeit blieb stehn.
Für mich ein Zeichen von Vergänglichkeit.
Als Kind hab ich die Raben fliegen sehn,
als sie entkamen aus dem Uhrenkleid.

Neues Jahr – Lebenszeichen

Gestern wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Schwere Blutvergiftung, ausgelöst durch einen Nierenstein. Ich bin zwar noch schlapp, habe aber Hoffnung auf Besserung, denn der Stein wurde beseitigt. Mit ihm weitere 12 kg. Seit Anfang Dezember hatte ich mit Schüttelfrost und Fieber herumgelegen. Erst dachte ich, es sei Corona. Es war ein Wink des Himmels, dass eine mir unbekannte Ärztin nicht nur den Test machte, sondern mir einen Urinbecher mitgab. Dann hieß es Noteinweisung. Eine falsche Bewegung und ich hätte tot umfallen können.
Hiermit melde ich mich zurück, in der Hoffnung, dass es allen gut geht. Bei mir wird es noch eine Weile dauern, aber dann ist hoffentlich Frühling in Sicht.

Im Geheimen – Sulamith Wülfing

Das reine, nicht gelebte,
das, wie ein Buch,
mit leeren Seiten,
vom Leben selbst geschrieben,
mit Wahrheit, Hoffnung,
Krieg und Frieden,
mit Gutem und mit Bösem,
auf hellen oder dunklen Seiten,
zur Lebensfreude
oder gar zum Leid,
hält jeden neuen Tag
dir als Geschenk entgegen.
Wie du die Stunden füllen wirst,
mit Leben oder Tod,
mit Liebe, Abschied,
liegt in deiner Hand…
ist Gottes Plan.
Das alte Jahr verging;
Schicksale, die es trug,
sie knüpfen an und werfen Schatten
auf das unbefleckte, neue.
Im Buch des Lebens
schlägt Gott die nächste Seite um.
Fülle mit deinem Licht die Tage
deiner Jahre. Beleuchte alles Dunkle,
löse auf die Schatten, zu neuer Hoffnung,
in ewigem Kreislauf!

Ewigkeitssonntag – 22.11.2020

Aus dem Poesiealbum meiner Mutter:
„Lass die Winde stürmen auf der Lebensbahn, ob die Wogen türmen gegen deinen Kahn. Schiffe ruhig weiter, wenn der Mast auch bricht. Gott ist dein Begleiter. Er verlässt dich nicht.“

Meine Oma sagte immer, die Zeit würde schneller vorbeigehen, je älter man ist.
Sie hatte recht. Als ich noch arbeitete, lag montags noch die lange Woche vor mir. Jetzt vergeht sie viel schneller. Monate und Jahre vergehen wie im Flug.

Es ist schon ein Kreuz mit der Zeit.
Sie belastet den Alltag der Menschen. Allerdings ganz anders, als zu Luthers Zeiten. Damals, als die Kirchen noch gut gefüllt waren, maß man dem Kirchenjahr eine große Bedeutung zu. Das tut man noch Jahrhunderte später. Obwohl ich mich von der Kirche entfernt habe, frage ich mich: Welche Bedeutung hat das Kirchenjahr heute noch?

Es beginnt mit dem 1. Advent in der dunklen Jahreszeit, nachdem der depressive November seine Nebel lichtet, wieder durchlässig wird für die Strahlen des Lichterglanzes. Eine Geburt kündigt sich an; etwas ganz Neues von größerer Reinheit soll entstehen. Nur deshalb wird Maria als unberührte Jungfrau und dennoch als Mutter dargestellt. In der Adventszeit beginnt die Zeit der Besinnung. Die Hektik des Alltags soll draußen bleiben.
Man besinnt sich auf das was wichtig ist, begegnet Liebe und Einsamkeit mit anderen Gefühlen als sonst.

Im neuen Jahr dann, darf das ‚geborene Kind‘ ganz zur Entfaltung kommen. Es bringt Hoffnung auf einen neuen Frühling, auf Licht und Leben. Es ist die Zeit, in der Unkraut und Weizen noch durcheinander wachsen. Die Zeit der Ernte scheint noch weit. Viele Blüten werden sterben müssen, um anderen das Leben zu ermöglichen. Fastenzeit und Passion – Zeit der Leiden, des Sterbens und der Wiederauferstehung. Mensch und Natur entdecken die göttliche Kraft des Werdens.

Sommer – ermüdender Alltagstrott. Man kommt zurecht, wenn auch langsam unter der Hitze der Alltäglichkeiten.

Erntedankfest – die Speicher sind gut gefüllt für den Winter. Die Felder liegen brach. Bald fegen die Herbstwinde darüber und uns an unsere eigene Vergänglichkeit erinnern. Aber es bleibt eine Hoffnung auf einen neuen Frühling, darauf, dass der Tod nur eine Wandlung ist.

Der Ewigkeitssonntag beendet den Jahreskreis und alles beginnt aufs Neue.
Wir sind nicht alleine auf diesem Weg, der uns nach dem Lebenssinn fragen lässt.

Man sagt: „Planen ist alles!“ – Eine aus der Hektik des Alltags geborene Halbwahrheit. Lebenszeit lässt sich nicht planen. Mein Sohn ist ohne vorheriges Anzeichen gestorben. Die Hektik des Alltags hat seine Lebenszeit verschlungen.
Nun muss ich das Gefasst-Sein üben und frage mich, was wirklich wichtig ist.

Das ‚Christ-Kind‘ wird trotzdem zur Welt kommen, alles Negative über Bord werfen und uns an das Lebenswerte in dieser Welt erinnern. Das sehe ich als Sinn dieses Geburtstages, auch wenn der genaue Zeitpunkt nirgendwo bestätigt ist.

Der christliche Geist trägt das zeitlos Liebevolle in sich und wird unser Herz durch schöne Klänge für angenehme Dinge öffnen und Familien zusammenführen. Er lässt uns nicht vergessen, dass die Liebe zu Gott auch Nächstenliebe heißt. Das schließt auch die Tiere mit ein.

Gelassenheit müssen wir lernen. Sich selbst nicht mehr so wichtig nehmen. Die Zeit zurückdrehen, in der die Kirchturmuhren noch halbstündlich läuteten. Eine Oase finden, in der die Hektik der Zeit draußen bleibt.

Foto: Gisela Seidel

Raum der Stille

Ich rufe deinen Namen…LAUT!

Du hörst mich nicht – du bist so weit.
Kein Wort dringt in die Einsamkeit hinein.
In meinem Raum der Stille steht die Zeit!
Nur Eines drängt sich in mein Herz, das Wort: ALLEIN.
Wo sonst Gefühl, da steht ein Nichts im Raum.
Es treibt ein Vakuum mir in die Sinne ein
und legt sich dunkel mir in jeden Traum.

Die Ströme der Gedanken stehen still,
um mich die laute Flut des welken Tags,
wo monoton die Zeit nur stehen will,
das Warten endlos an der Seele nagt.
Dringt Schwere in die Langsamkeit der Zeit,
wird jeder Augenblick zur Phantasie,
bereitet ihr den Hauch von Ewigkeit;
der Tag scheint endlos – irgendwie.