Gedichte und Poesie von Gisela Seidel über Gott und die Welt
Ein anderer Zeitgeist
Zeichnung von Ludwig Richter (1803-1884)
Es gab eine Zeit, es ist noch nicht lange her, da hatten die Leute 15 Kinder und mehr. Ganz ohne Kindergeld – das gab’s noch nicht, 12 Stunden Arbeit waren Tagespflicht, und Schulgeld zahlten sie für jedes Kind, Lehrgeld für die, die in Ausbildung sind.
Die Straße gehörte den Kindern zum Spiel, und wenn eines von ihnen in den Schotter fiel, dann sorgten sich Eltern wenig um sie, sondern nur ums Loch in der Hose am Knie. Da piepte kein Handy, man maß Liebe, nicht Likes. Es gab simple Fahrräder, keine Mountainbikes; auch mal Langeweile und Stille daheim, wenn es draußen dunkelte, musste man rein.
Man folgte den Eltern mit Respekt. Die Alten wurden nicht ins Heim gesteckt, und sollte man alleine sein, vom Leben müde gemacht, dann hat die Caritas Hilfe, nur für Gotteslohn gebracht. Den Dienst an Kranken leisteten die Frauen, ein Arzt kam ins Haus, um nach Kranken zu schauen. Niemand musste mit Fieber im Warteraum sitzen, um stundenlang Blut und Wasser zu schwitzen.
Arbeiter konnten sich Autos nicht leisten, ein Telefon bekamen längst nicht die meisten; auch wenn die Arbeit fern war, fuhr man Rad. Ein Moped war ein Traum, wie jede Fahrt. Oft lief man Kilometer, stundenlang; es fuhr nicht überall die elektrische Straßenbahn. Die Welt war riesengroß und jeder Schritt und jeder Gang ein Stück vom Lebensglück.
Man nutzte jeden Tag schon früh, daheim. Arbeit war immer, Freizeit „schrieb man klein“. Man nähte, kochte, strickte noch per Hand; bevor man Waschmaschinenkraft erfand, mühte man sich den lieben, langen Tag mit Waschen, Trocknen und Bügeln ab. Staubsauger waren noch unbekannt, Teppiche wurden geklopft, bis man sie staubfrei fand. Die Frauen verbrachten ihr Leben daheim, mussten dem Ehemann untertan sein. Geld und Auskommen hat er gebracht; das Sagen behielt er und häusliche Macht.
Handwerker war jeder Mann im Haus; man teerte Dächer, baute die Zimmer aus, man legte angstfrei die Elektrik unter Putz, geerdet war nichts, vor dem Schlag fehlte Schutz; mit Kitt setzte man Fensterscheiben ein, und kaufte Kohleöfen für ein warmes Heim. In Aschetonnen, wöchentlich abgefahren, gab es weder Papier noch Plastikwaren. Man düngte den Garten mit Biomüll, aus stinkenden Kuhlen, inmitten des Garten-Idylls. Auch das Plumpsklo wurde jährlich geleert, auf die Beete gekippt, als Dünger verwertet.
Kaninchen hockten in kargen Ställen, ließen sich mästen, bis zum Schlachten quälen. Nicht ein einziges Mal fühlten sie Boden und Licht, nur den Schlag in den Nacken, der am Ende sie bricht.
Es gab Brote mit Butter, darauf Zucker gestreut, nur selten Fleisch; sonntags war Bratenzeit. Schmalhans war Küchenmeister im Revier, nur sonntags kaufte man manchmal ein Bier. Abends gab es das Fernsehen nicht, nur eine Stimme, die aus dem Radio spricht.
Heut‘ ist alles anders, der Wandel Magie, ein Zeitgeist, der flüstert: Nimm’s leicht, c’est la vie.
Ein anderer Zeitgeist, und ich wil ihn auf keinen Fall zurück. Mir sind solche Verhältnisse aus der Großmutterfamilie mütterlicherseits vertraut. 12 Kinder, alle bettelarm und ungebildet. Die Männer waren „gefallen“, die Frauen schmissen das Restleben, manche zerbrachen dran. Wie meine Oma, die mit 54 an einem Tumordurchbruch starb. Ja, es gab einen Hausbesuch, der gnädige Arzt setzte ihr eine Morphinpumpe, die ihr den Rest gab. Das Glück immerhin hatte sie.
Ich war 6, das Haus steht noch.
Meine Oma väterlicherseits ist weit vor meiner Geburt gestorben. Sie ist jämmerlich verreckt, in einem so genannten „Krüppelheim“, an den Folgen ihrer Zwangssterilisation. Niemand konnte sie aufnehmen, alle waren zu sehr in ihren eigenen Überlebenskampf gefangen. Meine Eltern haben sie gelegentlich besucht, damals 10-Bett-Schlafsääle, Exkremente überall, Frauen mit heraushängenden Gedärmen. Anfang der 50er war das.
Nein, ich will nicht zurück in die „gute alte Zeit“, die heute verklärt und romantisiert wird. Die taugt nur zum Gedichte schreiben.
Ja, Du hast recht. Es war zwar nicht überall so schlimm, doch wenn der Papst gegen Verhütungen aller Art predigte, war man folgsam. Zwangssterilisationen wurden damals vor allem bei psychischen Erkrankungen angewendet. Anfang der 50er? Diesen Zeitgeist will ich auch nicht zurück. Meine Erinnerungen an die 50er Jahre scheinen wirklich verklärt zu sein.
Mit meinem Gedicht wollte ich etwas anderes aussagen. Die heutige Gesellschaft jammert in den höchsten Tönen, wie schlecht es ihr geht. Dabei bekommen sie vom Staat alles, was sie brauchen. In früheren Zeiten hatten die Menschen nichts. Kaum jemand half, wenn die Nächstenliebe ausblieb. Wir sollten uns darauf besinnen, wie gut es uns eigentlich geht.
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Ein anderer Zeitgeist, und ich wil ihn auf keinen Fall zurück. Mir sind solche Verhältnisse aus der Großmutterfamilie mütterlicherseits vertraut. 12 Kinder, alle bettelarm und ungebildet. Die Männer waren „gefallen“, die Frauen schmissen das Restleben, manche zerbrachen dran. Wie meine Oma, die mit 54 an einem Tumordurchbruch starb. Ja, es gab einen Hausbesuch, der gnädige Arzt setzte ihr eine Morphinpumpe, die ihr den Rest gab. Das Glück immerhin hatte sie.
Ich war 6, das Haus steht noch.
Meine Oma väterlicherseits ist weit vor meiner Geburt gestorben. Sie ist jämmerlich verreckt, in einem so genannten „Krüppelheim“, an den Folgen ihrer Zwangssterilisation. Niemand konnte sie aufnehmen, alle waren zu sehr in ihren eigenen Überlebenskampf gefangen. Meine Eltern haben sie gelegentlich besucht, damals 10-Bett-Schlafsääle, Exkremente überall, Frauen mit heraushängenden Gedärmen. Anfang der 50er war das.
Nein, ich will nicht zurück in die „gute alte Zeit“, die heute verklärt und romantisiert wird. Die taugt nur zum Gedichte schreiben.
L.G, sorry für meine Heftigkeit, Reiner
Ja, Du hast recht. Es war zwar nicht überall so schlimm, doch wenn der Papst gegen Verhütungen aller Art predigte, war man folgsam. Zwangssterilisationen wurden damals vor allem bei psychischen Erkrankungen angewendet. Anfang der 50er? Diesen Zeitgeist will ich auch nicht zurück. Meine Erinnerungen an die 50er Jahre scheinen wirklich verklärt zu sein.
Wir neigen dazu, uns die Vergangenheit schön zu denken. Soweit es uns persönlich betrifft, lässt sich das noch mit der damaligen Jugend erklären.
Mit meinem Gedicht wollte ich etwas anderes aussagen. Die heutige Gesellschaft jammert in den höchsten Tönen, wie schlecht es ihr geht. Dabei bekommen sie vom Staat alles, was sie brauchen. In früheren Zeiten hatten die Menschen nichts. Kaum jemand half, wenn die Nächstenliebe ausblieb. Wir sollten uns darauf besinnen, wie gut es uns eigentlich geht.