Tropfen

Wasserperlen kleben auf der Scheibe –
unaufhörlich wie der Regen rinnt.
Tropfen, schillernd im kristallnen Kleide,
fließen ineinander mit dem Wind.

Wie die Tropfen waren wir verbunden,
spürten uns bei Tag, im stillen Traum.
Nun ist alles, was uns band verschwunden,
keine Liebe füllt den toten Raum.

Kalt und leer hast du dich selbst beschrieben,
denn dein Lebenskrug brach jäh entzwei.
Nichts als Wehmut ist zurück geblieben,
und der Regen klopft den Takt dabei.

Alle Wärme wurde mir genommen,
spür‘ nur Kälte statt Geborgenheit.
Wird die Sonne nach dem Regen kommen,
oder gar ein neuer Winter vor der Zeit?

Fern von dir

Maximilian Pirner 1854-1924

Du bleibst die größte Liebe meines Lebens,
verblasst ist nur der öde, äußre Schein;
er trug den Glanz des Wollens, nicht des Gebens;
die falschen Hoffnungsschimmer trübten ein.
 
Du warst die Andacht, ich der Wahrheitsfinder,
der sich im Nebel stets im Kreise dreht.
Um dich der Hauch der Reinheit; Seelenbinder
warst du, den ich mir einst von Gott erfleht.
 
Die Trauer ist der dunkle Dieb des Lichtes,
sie nahm mein Innen – ich versink in ihr.
Tief auf dem Todesgrund in mir gebricht es.
Was wärmend dich und mich einst band, gefriert.
 
Ich schüttle ab die schweren Kälteschauer,
doch greift die kalte Hand erneut nach mir.
Sie reißt mich mit, ich treib in hoffnungsloser, grauer
Vergessenheit. Nichts führt zurück zu dir.
 
Wie soll ich deine Augen je vergessen?
Wenn ich hineinsah, fühlte ich das Glück!
Die Sehnsucht hat mein krankes Herz zerfressen.
Kein weher Wunschgedanke bringt dich je zurück.
 
Auch, wenn ich des Vermissens stille Qualen
noch immer leide…mehr, mit jedem Tag,
muss ich auf schwarzer Leinwand fremde Bilder malen,
weil ich das Bild von dir nie wieder denken mag.
 
Wenn ich es denke, bricht mir dein „nicht Wollen“
mein Herz in stiller Seelenqual. Du fehlst!
Das neue Jahr begann mit Donnergrollen.
Wird es mir Tage bringen, die du nicht beseelst?!
 
Mein Alles warst du – ich war nur die Schwere,
die Last, die auf dir lag und die dich bitter machte.
Du wolltest Ruhe, tauschtest Liebe ein, in Leere.
Wortlos gingst du! Ob es dir Frieden brachte?
 
Ich gab die Hoffnung auf – sie starb und doch…
sitz’ manchmal ich am Fenster, schau hinaus.
Gleich kommt er um die Ecke, denk‘ ich noch,
dann seh‘ ich dich im Geiste: meine Maus.
 
Kurz streichle in Gedanken ich dein Haar,
fühl dein Gesicht für einen Augenblick.
Doch schon beim nächsten Wimpernschlag ist klar:
Es war nur Illusion…und doch mein ganzes Glück.

Wertlos

Caspar David Friedrich 1774-1840

Wertlos sind heut manche Sachen,
die mir einmal wichtig waren.
Und nach vielen, langen Jahren
kann ich nun darüber lachen.

Menschen, Werte, Liebe, Leiden,
sie vergeh’n im Strom der Zeit.
Hat sie uns vom Trug befreit,
bringt sie lächelnd späte Freuden.

Gerade noch gestreichelt, später
ist’s die Andre. Wie verlogen
wird so manches Herz betrogen!
Der Geliebte wird zum Täter.

Was uns glänzend blendet, stumpft,
Liebe ist ein Wort – nicht mehr!
Hier auf Erden fehlt uns sehr,
was in höchsten Himmeln trumpft.

Es ist gut, dass manches endet!
Liebe trübt so oft die Sicht,
und bei hellem Tageslicht
wird der schöne Schein gewendet.

Wir verlieren unsre Träume,
deren Wahrheit wir erwarten,
denn im großen Liebesgarten
wachsen viel zu hohe Bäume.

Und manchmal

Und manchmal ist er noch da.
Dann füllt sich die Traumwelt mit Licht.
Obwohl schon so fern… doch so nah.
Und manchmal seh’ ich sein Gesicht.
 
Ich seh’ seine Lippen, so stumm,
und Hände, die greifen nach mir;
fühl’ seine Gedanken. Nur dumpf
dringt’s durch die verschlossene Tür.
 
Wie ein Reim, der harmonisch sich schließt…
War verbunden im Gleichklang mit ihm.
Wenn Moll Melodien durchfließt,
halte ich still sein Requiem.
 
Kein Gefühl dieser Welt füllt mein Herz,
kein Vers reimt sich wieder auf ihn.
Aus Harmonie wurde Trauer und Schmerz,
Erinnerung bleibt! – Wo der Sinn?

Trugschluss

John William Waterhouse  1849-1917

Manche Träume, die träumt man allein,
des Abends bei flackernden Kerzen,
manch eine Treue ist leider nur Schein,
die Wahrheit erkennt man mit Schmerzen.
 
Manch einen Wandel durchlebet die Zeit,
was gestern geglänzt, steht durchrostet.
Schnell friert die Liebe im eisigen Kleid,
Wärme von einst ist durchfrostet.
 
Vermeintliches Gold wird zum wertlosen Tand,
blättert ab von brillanter Attrappe.
Nimmt dem Edlen das Feine, die entblößende Hand,
wird das Hartgold zur biegsamen Pappe!
 
Manch eine Liebe ist Alltag und Pflicht,
manch eine bringt Wachstum und Segen.
Gefühl und Vertrauen, wenn beides bricht,
sinkt die Sonne im Schatten des Regens.

Mein Halt

Peter Fendi 1796 – 1842

Mein Herz ist müd’ vom Weinen, Hoffen.
Nicht enden will mein schicksalsschwerer Gang
auf Wegen, steinig, zukunftsoffen –
weit fort von dir.

Ich schau den Himmel an:
Mir scheint, das Blau ist fahl,
wird nie mehr leuchten.

Ein Sonnenstrahl streift mild mein Angesicht.
Er trocknet meine Augen nicht, die feuchten;
an meiner Traurigkeit zerbricht sein Licht.

So lang schon bist du fort, und immer wieder
spür ich das Atmen deiner Seele um mich her.

Dein Geist ist bei mir. Schwer sind meine Lider.
Nur deine Augen sehend wandle ich umher.

Bin nicht mehr ich. Mein Sein ist gramestrunken.
Nichts und doch alles bindet mich an dich.
Wenn ich in Nächten tief im Traum versunken
mein Selbst verliere,
halte mich!

Vergleiche

Paul Delaroche – 1797-1856 – Hinrichtung von Lady Jane Gray

Bin ein Vulkan, mit Lava überströmt.
Mein Außen ist erstarrt, mein Innen glüht.
Es bettet mich die heiße Asche ein.
Bringe das Unheil, wenn der Morgen früht.
 
Bin längst wie ein verglühter Stern im All,
der, obwohl tot,
sein Leuchten sendet in die Nacht.
Bin wie der Vogel, der frühmorgens sang,
bis ihn die Katze abends umgebracht.
 
Wenn mir der hellste Klang im Moll ertönt,
werd’ ich in diesem Ton gefangen sein.
Treib wie ein Holzscheit in der offnen See,
bin wie vom Fluch gebannt in einen Stein.
 
Bin einer neuen Wunde bittres Weh –
die tiefe Einsicht, bringe den Verzicht.
Bin das erfror’ne Pflänzchen unterm Schnee,
ein langes Schweigen, das man endlich bricht.
 
Als längst vergess’ne Illusion
in deinem Unbewussten treib ich hin,
treib fort von dir, räum hoffnungslos den Thron
der ungekrönten Königin. 
 

Unser Weg

Sehnsüchtig blicke ich ins Weite,
geh still den Weg, der unser war.
Nachdenklichkeit geht mir zur Seite,
macht mir mein Sehnen offenbar.
 
Zeugt jeder Stein und Baum des Weges
von deiner Gegenwart allhier,
so wird mein Gang – ich überlegt es -,
ein Weg, der tiefen Seufzer mir.
 
Nur Trauer fühl ich, übermächtig.
In mir tobt Wehmut, Gram und Pein.
Mein Gang ist schwer, mein Schritt bedächtig,
denn heut geh‘ ich den Weg allein.
 
Der Wind, er haucht mir deinen Namen,
„Mein Liebes“ schwebt mir sanft durchs Licht.
Doch, ach, der Spott kennt kein Erbarmen,
wenn er mit deiner Stimme spricht.
 
Treibt hohnvoll mir mit diesen Worten
den Schmerz in meinen Seelengrund.
Fühl ich an den vertrauten Orten,
noch deinen Kuss auf meinem Mund.
 
Dort steht verwaist die Bank. Und wieder
füllt sich mit Traurigkeit mein Herz
und meine tränenschweren Lider,
verschließen sich in wehem Schmerz.

Wo bist du, der mir so vertraut,
der mich so sanft und zart umfing?
Nichts blieb mir! Wie der Abend graut,
so graut mir auch mein Lebenssinn.
 
Warst meines Daseins reichste Fülle,
gabst Liebe mir als schönen Schein.
Trag deren inhaltslose Hülle,
in eine leere Zeit hinein.

Flüchtiges

Foto: Gisela Seidel

Ich schau zum Himmel…
wie das Wolkenband entschwebt,
so, wie die Zeit entgleitet,
und die Gedanken suchen
ihren Weg zu dir,
fern bist du mir, so, wie die Schäfchen
dort am Firmament.

Ich trage dich
in meinem müden Herzen,
wie ein Beben,
das mich erweckt und fühlend macht,
im Schmerz.
Der Tag vergeht,
so, wie das Wolkenband entschwebte,
doch du bliebst fern mir.

Oh, so dunkel wird die Nacht!
Die langen Stunden waren voller Schweigen,
gefüllt mit Sehnsucht bin ich,
wie ein Schwamm, mit Bitterkeit.
Ich resigniere an der Welt, am Leben,
wo ich die Liebe suchte,
fand ich Leid.

Raum der Stille

Ich rufe deinen Namen…LAUT!

Du hörst mich nicht – du bist so weit.
Kein Wort dringt in die Einsamkeit hinein.
In meinem Raum der Stille steht die Zeit!
Nur Eines drängt sich in mein Herz, das Wort: ALLEIN.
Wo sonst Gefühl, da steht ein Nichts im Raum.
Es treibt ein Vakuum mir in die Sinne ein
und legt sich dunkel mir in jeden Traum.

Die Ströme der Gedanken stehen still,
um mich die laute Flut des welken Tags,
wo monoton die Zeit nur stehen will,
das Warten endlos an der Seele nagt.
Dringt Schwere in die Langsamkeit der Zeit,
wird jeder Augenblick zur Phantasie,
bereitet ihr den Hauch von Ewigkeit;
der Tag scheint endlos – irgendwie.