Mein Weg

Vier Wände um dich,
Mauern, meterdick,
sie lassen mir kein Licht,
nichts dringt zu mir,
das Dunkel weicht
mir nicht ein kleines Stück,
verschlossen bleibt zum
Herzen deine Tür.
 
Wo sonst Gefühl,
klafft unverhüllt ein Nichts,
ein Schweigen, das sich
an den Mauern bricht.
Wo sonst die Leidenschaft
fast nie erlischt,
treibt nun ein kühler
Wind mir ins Gesicht.
 
Wie sehn ich mich
nach deinem lieben Wort,
nur sachlich schreibst
du mir aus deiner Welt,
als ob die Frau an deiner
Seite ahnt,
den fremden Ton,
der auf die Tasten fällt.
 
Versteckt, verborgen
in der Illusion, im Labyrinth
des ewigen Verzichts,
als ob die Liebe hier
der Schlüssel ist,
doch oft passt er zu deinem
Herzen nicht.
 
Verschließt du dich vor mir
geh ich zurück
in mein verlass’nes Tal der
Einsamkeit.
Begleitet hast du mich
ein kleines Stück,
auf meinem Weg
durch meine Dunkelheit.

Homogene Mischung

Sir Samuel Luke Fildes 1844-1927

Wo sich Geist und Geist berühren,
rinnt das Öl ins Wasser.
Fremdheit weicht, die du verspürt‘,
Grenzen werden blasser.
Cremig, der Zusammenschluss,
fließendes Verbinden.
Suchend wendet sich das Muss
hin zum Wiederfinden.
 
Zeit an Zeit, gereift, gelebt –
Göttern gleich geborgen.
Sehnsucht hat ins Herz gewebt,
was du einst verloren.
Nun entdeckst du einen Drang,
den du schon vergessen,
und dein Herz wird still und bang:
Hattest längst vergessen!

Wenn du wiederkommst

Wenn du wiederkommst,
wird meine Seele jubilieren.
Wie ein fruchtbarer Boden
zwischen kalten Steinen
wirst du erscheinen.
Mein Herz kann nicht still sein,
will dich nicht verlieren,
im Weinen.

Meine Arme sind leer,
meine Sinne so trübe –
als grübe sich dumpfer Schmerz
in mein Denken.
Mir ist das Leben so schwer,
fühl’ mich unendlich müde.
Wohin wird es mich lenken?

Wie ein Liebesbrief
mit erbrochenem Siegel,
der versteckt vor der Welt
deinen Namen trägt,
bist du mein Ich hinter dem Spiegel,
das sich wie ein Gewissen in mir regt.

Untrennbares löst sich,
es bindet das Leben;
das Schicksal trägt in sich,
was geht und beginnt.
Die Hoffnung breitet in Liebe die Flügel,
wenn du wiederkommst,
mit dem Frühlingswind.

Liebe

Maximilian Pirner 1854-1924

Dein Blick ist mir das hellste
Licht auf dieser Welt,
wenn du es löscht,
bin ich allein im dunklen Raum.
Und meine Liebe zu dir,
die mich unlösbar in Fessel stellt,
ist stark – will Früchte tragen,
wie ein Baum.
 
Doch du beschneidest ihn,
lässt ihn nicht blühen,
und er fragt Gott: „Wann wird es Frühling sein?“
Die trüben Himmel sind stets über ihm
es bleibt die Kälte, und er steht allein.
 
Auch, wenn ich meine Hände nach dir strecke,
so wie der Baum zum Himmel sein Geäst,
so bleibst du fern, bist unerreichbar fort,
bist wie ein Horizont, der mir kein Leuchten lässt.
 
Nicht immer hält der Liebe Band
uns sanft umschlungen,
unlösbar ist es – trennen wird die Zeit.
So leb ich zwischen Sehnsuchtsleid
im Taumel, hoffend, wartend,
und täglich sind es die Erinnerungen
an jene Stunden,
als wir weltvergessen, voller Liebe,
einander in die Herzen lauschten,
und Liebe dort, so wie ein sanftes, frisches Windesrauschen,
ein Frühlingsweben in die Seelen schrieb:
 
Ich hab Dich lieb!
 

Liebesqual

Sie streicht mit sanfter Feder
über deine Haut.

Ein zartes Spiel,
noch lächelst du,
dem Streichelnden vertraut.

Doch jedes lose Gleiten
wird schnell zur Folter dir,
und du erstarrst
beizeiten.

Gefährlich ihre Kür.
Gefühlskalt geht sie mit dir
ganz grausam ins Gericht.

Sie lächelt noch,
mit Grausen erkennst du
ihr Gesicht.

Sie lacht das gleiche Lachen,
aus dem die Lust entsprang,

geöffnet war ihr Rachen,
mit dem sie dich verschlang.

Nun liegst du ihr im Magen,
du wälzt dich in der Qual.

Trotzdem würdest du sagen:
„Dasselbe noch einmal“. 

Tausend Höllen

Tausend Münder kannst du küssen,
tausend Lippen;
tausend Zungen kannst du spüren.
Niemals findest du den Mund,
der dich geküsst wie meiner,
der dich völlig löste von der Welt,
der dich fern in tausend Himmel trug. –
so küsst dich keiner!

An deinen Lippen hing ein Beben,
als küsst’ ich tausend Lippen.
Ich streichelte die Wangen dir wie Samt,
und deine Stirn liebkoste ich wie Seide.
Aus deinem Mund hab ich mich satt getrunken,
er labte mich noch süßer als der Wein.
Und deine Augen, wie ein Ort, versunken,
zog mich in tiefste Harmonien hinein.

Nun lieg ich auf dem Grund des Tränensees,
ertrunken,
mich hat die Welle fort von dir getragen.
In deine Arme war ich hin gesunken,
achtlos und schwach
hast du mich fallen lassen,
in tausend Höllen.

Traumbild

Caspar David Friedrich 1774 – 1840

Bald bist Du gänzlich fort aus meinem Leben!
Du gehst nicht ganz – ein kleiner Teil bleibt hier,
den senke ich mit liebevollem Weben
in die verborgne Kammer meines Herzens mir.
 
Nicht losgelöst sind alle Erdenstricke.
Noch hält mich die Erinnerung gebannt,
doch bald pflegt Schwester Zeit mit leisem Schritte,
mir mein gebrochnes Herz mit sanfter Hand.
 
Sie wird den Balsam des Vergessens auferlegen,
der wie der Nachtwind sich in Seelen senkt.
Sie wird die Wunden heilen, die noch quälen
und tröstend Sehnsucht stillen, wenn der Tag beginnt.
 
Die Einsamkeit wird sich in Stille wandeln,
mein Herz wird heilen, irgendwann und -wie.
Nur manchmal senkt mir dein verklärtes Handeln
„Verbundenheit“ in meine Phantasie.
 
In diesem Dunstbild sehe ich dich wieder,
du hüllst mich ein, in weißes Traumgespinst.
Dein Geist singt mir am Tage Trauerlieder,
zeigt mir, dass Traumesbilder nicht das Leben sind.

Der Geist dieses Ortes

aus: Werthers Leiden von Johann Wolfgang von Goethe,
Zeichnung von Friedrich Bold

Genius huius loci – in Weimar

Es gibt einen Ort, dessen Schwingung,
erstrahlt mir so rein wie Kristall.
In seinen Facetten, da spiegelt
sich dein Geist noch ein letztes Mal.

Spür’ noch deinen Arm, deine Blicke,
die heller erstrahlten als Licht.
Warst mir der Schönste zum Glücke,
erhaben, dein Geist, dein Gesicht.

Als leise im Frühlingserwachen
dein Mund mich zärtlich berührt,
da hab ich auf heißen Wangen
den Hauch deiner Liebe gespürt.

In unseren Herzen lag Frieden,
Glückseligkeit gab uns Geleit,
doch blühten die Herbstzeitlosen
schon lange uns vor der Zeit.

Das Schicksal, es streute uns Rosen,
doch der Geist unsrer Liebe trieb fort.
Vorbei ist das Streicheln und Kosen,
die Blüten, zertreten, verdorrt.

Das Leben hat alles genommen;
dein Geist ist so fern mir, so weit.
Nun ist der Winter gekommen –
du hast dich von mir befreit!

Seelenflüge

Die Seele öffnet ihre Flügel, wenn sie liebt.
Hebt alle Erdenanker, treibt im Meer des Sehnens,
und so, wie Sommerwolken über Wellen schweben,
treibt sie bis an die fernsten Weltenenden
im Strom der Leichtigkeit dem Liebenden entgegen.
 
Der Ruf der Seele sucht das Ohr des andern,
der einsam und allein am fernen Ufer stehend wartet
und voller Angst den Weg zurück nicht findet.
Dazwischen sucht die Woge des Vergessens
im Strom verflossner Zeit Vergangenes zu lösen.
 
Die Seelenflügel sind im Liebesfluge weit gebreitet.
Sie suchen Herzensbrücken über Abgrundtiefen
auf neuem Grund zu bauen. In Liebe fest verankert,
dem bodenlosen Strudel fliehend.
Nur, wenn man liebt, dann hat die Seele Flügel.

Sonniger Nachmittag

Die Luft um uns hängt voller Geigen,
der leise Wind ist ganz erfüllt
 von Glücksgefühl. Ein Strahlenreigen
umspielt dein liebes, trautes Bild.

Der Zweige sanftes Auf und Nieder
 klingt rhythmisch, wie ein Flügelschlag,
es schwingt in unsren Herzen wieder,
der golddurchwirkte, heitre Tag.

Wie Flüstern hebt das Blätterrauschen
von Baum zu Baum sich, wie ein Chor.
Es singt und klingt – wir stehn und lauschen
und Seligkeit durchströmt das Ohr.

Wir fühlen Harmonie und Frieden,
der unsre Seelen sanft erfasst,
vereint mit der Natur, getrieben
von Liebe, fern von aller Last.