Wilder Herbst

In meiner Jugendzeit, die längst vergangen,
durchschritt ich viele Straßen ohne Ziele,
und die Motoren, die noch anders klangen,
waren nur wenig laut und nicht so viele.

Wir waren wild, wie wilder Herbstbeginn.
Ich trieb im schwingenden Warum-denn-nicht.
Was mir die Alten sagten, war mir kein Gewinn;
ich sammelte Erfahrung und nicht Pflicht.

Versäumte alles, was mir nicht gefiel:
Die Schule war mir gar ein bitteres „Ach!“,
die alten Schreibmaschinen dort ein Spiel,
Stenografie – ich gähnte mich durchs Fach.

Die Qual des Alltags lag auf mir wie Fluch;
ich sperrte mich vor dem, was kommen muss.
Versäumte absichtlich den Schulbesuch,
doch einmal war mit allem Schluss.

Der Zeitvertreib, er führte mich in ein Bistro,
das in der Nähe meiner Schule Treffpunkt war.
Ich saß allein. Drei Pärchen tanzten, doch wieso,
bin ich mit diesen Fremden mitgefahren?

Es war des Lebens missliches Geschick,
als mich drei Männer in den Wald gebracht;
dass ich noch lebe, ist ein großes Glück.
All das Geschehene hat mich reif gemacht.

So wenig haben Menschen mir gegeben,
und was sie gaben, nahmen sie zurück.
Ich legte Pflichten auf mein ‚lockeres‘ Leben
und sah: Ein Lächeln Gottes ist das Glück.

Altersschranken

Irdische und himmlische Liebe – FRANZ VON LENBACH (1836 ‐ 1904)

Vorbei die Zeit des Gegenüberstehens,
verborgene Blicke des Vorübergehens,
ein Ahnenlassen, wie das Herz empfindet,
voll Scham erröten, völlig unbegründet,
verlegen dann die Hand zum Gruße reichen,
ungern von der geliebten Seite weichen.

Die Jugend ist vorbei, ist abgehandelt,
kein Trieb, der meine Sinne wandelt.
Mit alter Seele frei von Leidenschaft,
aus tiefstem Herzen manches Mal gedacht:
Befreiung heißt Verzicht und nicht Verbot,
ist die Gewissheit vor dem Abendrot.

Liebt man nicht nur das Bild im Spiegel,
sein selbst kreiertes Gütesiegel?!
Kann Unbekanntes Seligkeiten bringen,
das nicht gestaltet ist nach eignen Dingen?
Die rosarote Blindheit der Gedanken
eröffnet die im Alter auferlegten Schranken.

Doch gab ich meinen Kräften neuen Sinn,
damit ich hier auf Erden nah dem Himmel bin.

Das Spiegelbild

The Mirrow – Sir Frank Francis Bernard Dicksee (1853-1928)

Oh, du Ergraute,
wie fremd wird mir dein Bild,
das Altvertraute,
und wie erscheint es mir so unbekannt?

Wo gestern noch der späte Sommer
wob mein Lebensband,
dort spüre ich den Herbst nun leise schleichen
und meinem unbeschwerten Ausseh’n
mussten Falten weichen.

Noch gestern blickte ich in junge Augen,
doch heute schau’n sie müde, voller Sorgen,
spür’ ich die Zeit an meinen Lebenskräften saugen,
frag’ ich dich Spiegel, was zeigst du
mir morgen?