Winterende

Jakub Schikaneder (1855-1924)
Das Grün in diesem Land ist blass, befleckt,
dem Wachstum fern, im Wintergrau verblichen;
das kahle Astwerk, das sich in die Lüfte streckt,
ist wärmesuchend vor dem Frost gewichen.

Wie ein Chamäleon, bereit für neue Farben,
liegt es getarnt, das Kolorit verdeckt;
fast unsichtbar, die Haut mit Kältenarben,
geduldig, tief im letzten Schnee versteckt.

Das Leben haucht im Atem feuchte Wärme,
im Februar klopft ein eisig‘ Kälteherz,
erstarrt ist die Natur in Sonnenferne,
am Winterende pflügt der Monat März. 

Dann bricht hervor aus dunklen Erdenschollen,
was in der Tiefe längst im Kern geboren,
und aus naturbedingtem heil‘gem Wollen
treibt es hinaus am warmen Frühjahrsmorgen. 

Winterwelt

Natur, berauscht von Licht und Leben,
liegt ruhend in den Winterbetten.

Der kalte Wind, ein frostig Beben,
trägt Flocken auf die kargen Stätten.

Frisch trägt die Luft die kühlen Träume
bis in die fernsten Weltenecken.

Macht aus den Kanten Rüschensäume,
legt grünes Land in weiße Decken.

Die Bäume strecken kahl die Äste,
vom Schnee bedeckt, ein schweres Tragen,

begrüßen flatterhafte Gäste;
die träumen müd‘ von Frühlingstagen.

Die Winterzeit geht in die Stille,
hält mit der Welt den Atem an.

Wo die Natur, mit neuer Fülle,
das nächste Jahr beleben kann.

Herzlichkeit

Herbst-Vision – Victor Prouvé (1858-1943)
Sie können in die Ferne sehen,
von schlanken Birkenzweigen,
sie sehn die alte Welt verblühn,
schaukelnd im Jahresreigen. 

Die Krähen ziehen ihre Kreise,
verwaist sind schon die Felder;
das Jahr geht auf Erholungsreise,
das Laub wird braun und gelber. 

Die Gärten sind längst keine mehr,
nur kurzgeschorener Rasen,
Ein Blatt darauf scheint hier verquer,
Beton ziert die Terrassen. 

Natur geht fort im Bau der Welt,
künstlich, das neue Denken;
gebt Herzlichkeit zurück, sie fehlt,
der Große Geist wird’s lenken.

Herbstwelt

Albert Anker 1831-1910
Noch wiegt der Baum sein Blattgewand,
das herbstlich bunte, schöne.
Sein grünes Kleid ist braungebrannt –
in hell und dunkle Töne.
 
Regen beschwert die müde Pracht,
lässt sie zu Boden gleiten.
Der Sturmwind treibt die fahle Fracht
hinab, hinauf, beizeiten.
 
Die Straßen sind des Laubes voll –
es raschelt auf den Wegen.
Ein Jeder bringt der Mühe Soll
dem Erntedank entgegen.
 
Die Sonne scheint verhalten, mild;
gar lang die Regenzeiten.
Die triste Dunkelheit verhüllt
das In-den-Winter-gleiten.
 
Die Lebensgeister sind verstummt,
nun herrscht ein dunkles Treiben.
Die Erde ruht. Die Herbstwelt summt
besinnlich, leise Weisen.

Altweibersommer

Rosenzeit – Ferdinand Georg Waldmüller (1793 -1865)
Des Sommerzaubers Üppigkeit vergeht;
noch treibt er Knospen, doch mit Langsamkeit.
Die letzten Rosen zeichnen ihren Weg
und ihre Blütenblätter deuten Endlichkeit.

Des späten Frühlings Wunderblumenband
ist nun zerrissen, durch den Wind der Nacht.
In Wald und Tal hat sich ein Netz gespannt
und der Altweibersommer weint und lacht.

Morbide übt die Welt den Abgesang;
die Sonne lächelt sanfter durch die Zweige.
Bis zum September ist’s ein kurzer Gang.
In Lüften schwebt ein Faden feiner Seide.

Die Farbenpracht des Herbstes ist bereit
sich auf das helle Sommerkleid zu legen.
Er taucht in Gelb und Braun das Blätterkleid
und kühlt die ausgebrannte Welt mit Regen.

Hochsommer

Edmund Blair Leighton 1852-1922
Es liegt die Glut des Sommers auf der Welt.
Die Wärme ist zum Greifen, Tag und Nacht.
Sie treibt die Dürrezeit schon früh durch Stadt und Feld.
Die Winde ruh’n und sammeln ihre Kraft.

Schon jetzt sah ich manch müdes, braune Blatt,
wie es mit letzter Kraft am Sommerzweige klebt
und schließlich herbstverloren, kraftlos, matt,
den Weg ‚Vergänglichkeit‘ zu gehen pflegt.

Die Nachtigall singt Abschiedsmelodien,
vertagt sind Frühjahrsträume bis ins nächste Jahr.
Wenn Vogelschwärme in den Süden ziehn,
dann ist der trübe Herbst zum Greifen nah.

Die Regensehnsucht schaut den Himmel an.
Kein Wölkchen hängt am tiefen Himmelblau,
und rinnt das Lebenswasser irgendwann,
entleert sich sanft das feuchte Wolkengrau.

Dann trinkt die Welt das langersehnte Nass,
füllt dürftig auf, was längst schon Staub geworden,
es grünt erneut das längst verdorrte Gras
und erste Winde kühlen unsren Morgen. 

In Stein gebannt

Bild von John_Nature_Photos auf Pixabay
Bebend die Starre zerbrechen, 
versunken in blutroten Bächen,
als Magma erstickten die Gluten,
auftauchen in ruhigeren Fluten. 

Felsen, verurteilt zum Schweigen,
Lautlosigkeit - Schrei ihrer Leiden.
Graue Riesen, in Stein gebannt,
stiegen als Mahnmal über das Land.

Ströme des Fühlens beleben,
wie Edelweiß auf felsigen Wegen.
Brachland mit Leben erfüllen,
die Tränen der Steine stillen. 

Alte Verkrustungen sprengen
und in den Herzen, den engen, 
die hinter Härte versteckten,
milden Züge entdecken.

Ausgeflogen

Bild von Gerhard C. auf Pixabay
Zwischen groben Ästen hängt ein Vogelnest;
ist verwaist und leer, drin ein Schalenrest,
und am unteren Stamm sitzt ein Federknäuel,
schreit nach der Mama. – Warten wird zum Gräuel.

Amselmama schwebt hin und wieder hin,
Nest war schon zu klein und zu groß was drin. 
Aufgeriss‘nes Maul, wenn die Mutter kommt,
sie stopft alles rein, was sie kriegen konnt‘.

Ihre Brut wird groß, Mehrungsziel ist hin
und von vorne los geht der Paarungssinn. 
Doch mit einem Mal ist kein Singen mehr
und das kleine Nest ist verlassen, leer. 

Die Natur verstummt. Vögel ziehen fort.
Dann kommt bald der Herbst; kälter wird’s am Ort.
Alle Zeiten ziehn angedacht durchs Jahr,
nächster Frühling kommt und das Vogelpaar.

Baut sogleich ein Nest, neu, im feinen Licht,
singt der Sonn‘ entgegen, die durch Zweige bricht.
Fragt nie nach der Dauer ihres kleinen Lebens,
folgt im leichten Flug ihrem Sinn des Strebens. 

Sommerahnung

Sweet Summer – John William Waterhouse (1849-1917)
Der Himmel malt ein lichtes Funkeln,
leuchtend und glänzend, wie ein Stern,
was vormals farblos und im Dunkeln,
strahlt nun mit buntem Seelenkern.
 
In Seidenglanz gehüllter Morgen,
ersetzt die schlafengeh’nde Nacht,
mit Sonnenschein, der große Sorgen
jetzt kleiner und erträglich macht.

Was lange Zeit im Erdeninnern,
zeigt nun die volle Blütenpracht;
Flora und Fauna, sie erinnern,
was uns erschuf die Schöpferkraft.
 
Genießen wir die warmen Stunden,
gestreute Vielfalt, buntes Land,
legen mit hellen Glückssekunden
das Leben uns in leichte Hand.
 
Vorbei das Frieren und das Warten
auf eine lang ersehnte Zeit,
das Leben ist ein großer Garten,
die Welt erscheint im Sonntagskleid.

Löwenzahn

Samenkörner segeln fort, 
wie die Schiffe mit dem Wind,
hin bis in die fernsten Orte, 
die versteckt im Dunkeln sind.

Irgendwann mit Licht beschienen, 
fällt auch dort ein winz’ger Strahl,
stellt das Leben her in ihnen, 
und sie wachsen ohne Zahl. 

Dort entsteht die kleine Blume, 
blütenschwer in gelber Pracht,
zarte Blüte wohlgefällig, 
dehnt zum Sonnenschein ihr Blatt.

Schwer, das Köpfchen, gelb und offen, 
um die Stängel Blätter satt,
Stiele sind, wenn sie gebrochen, 
wohl gefüllt mit weißem Saft. 

Nur des Abends, müd vom Blühen,
wenn die Sonne schlafen geht,
schließen sie die Blütenkelche, 
wenn die Nacht um Wandel fleht. 
Pludrig werden sie erwachen, 
aus dem Blütenblatt ein Flaum,
rüsten ihre vielen Samen, 
für den Flug im Lebenstraum. 

Bis zum nächsten Jahr vollendet 
sich der Kreislauf der Natur,
sie sind fort - wir seh’n sie wieder - 
nur der Wind kennt ihre Spur.