Vergehen

So gläsern ihre Haut,
scheint durch wie Pergament;
vor Jahren schon ergraut –
die Lebenszeit, sie rennt.

Und plötzlich war sie alt,
gezeichnet ihr Gesicht;
die einst so jung,
von stattlicher Gestalt,
geht jetzt gebückt,
den Tag erkennt sie nicht.

Wenn stumme Blicke grüben
sich wie ein Strom, der fließt,
sie ihren Blick den trüben
mit Tränen übergießt.

In einer Welt versunken,
in der sie ganz allein,
Erinnerung ertrunken
wird sie am Ende sein.

Das Essen und das Trinken
hat sie längst eingestellt,
will ganz und gar versinken
nun in der Anderwelt.

Ist schon die Macht, die ziehet,
die sagt: Die Zeit ist reif!
Das Lebenslicht verglühet
zur wohl bestimmten Zeit.

Schließt ihre Augen beide,
in erdumgrenztem Kreis.
getröstet ist die Seele,
die neue Wege weiß.

Dunkle Jahre

Edmund Blair Leighton 1853-1922 – The Unknown Land

Der Tränen hab’ ich viel vergossen,
in stetem Leid ertrank mein Herz
und war’n die Augen fest geschlossen,
empfand ich tiefen Seelenschmerz.
 
Ich irrte lange durch die Zeiten,
fand keinen Menschen, der mich trug,
ließ mich von Traurigkeit begleiten,
nur Ablehnung fand ich genug.
 
So gingen hin die alten Tage,
mir folgte nur die Einsamkeit,
nichts änderte die Lebenslage,
die Liebe blieb so fern, so weit.
 
Mein Herz, das suchte stets den Wandel,
doch Menschen brachten nicht das Glück
und durch das oftmals falsche Handeln,
blieb nur die Bitterkeit zurück.
 
Nach langen dunkeltrüben Jahren
sind’s neue Wege die ich gehe,
ich darf mit Dankbarkeit erfahren,
die liebevolle Gottesnähe.

Schlüssel zum Herzen

Jakub Schikaneder 1855-1924

Geschlossen!, steht an deinem Herzen;
du hast die Tür fest zugemacht vor Jahren.
Bitt’re Erfahrung, Schuld und Trennungsschmerzen –
hast nie verwunden, was dir widerfahren.
                                
Gefängniswärter deines Seelenkerkers
bist du allein – den Schlüssel hast nur du.
Mimst auf der Lebensbühne Kraft und Stärke,
doch hinterm Vorhang, da schaut keiner zu.
 
Du hast dich fast daran gewöhnt, an dieses Leben.
Zu hoch die Seelenmauern, unbezwungen,
die grau und stählernd fest dein Herz umgeben –
Wärme und Licht sind dort nie durchgedrungen.
 
Selbst unter Menschen fühlst du dich allein,
sehnst dich nach Nähe und erlaubst sie nicht.
Nur Gott darf manchmal milder Tröster sein
und Engel wärmen dich mit Himmelslicht.
 
Öffne dein Herz und schließe inn’ren Frieden,
die Zeit heilt manche deiner Lebenswunden;
lass’ das Gefühl von Liebe wieder siegen,
genieße still die wahren Götterstunden.