Schwingungen

Hörst du es schwingen,
wie ein Fließen,
sich unaufhörlich
in den Raum ergießen?
Vernimmst du auch
der Schwingung sanftes Hallen,
Töne in Dur mit kurzen Intervallen?
Ein glockenklarer Klang
breitet sich aus
und Seelenfrieden
fließt durchs ganze Haus.
Vermagst du auch das heil’ge Singen hören,
so, wie von wunderbaren Engelchören?
Dann schließe deine Augen fein
und atme tief die Liebe in dich ein.
FĂŒhlst mit dem Himmel dich verbunden,
in gottesnahen Kuschelstunden.

Ein Hauch von Liebe

Liebe ist auf dieser Welt nur ein Hauch der göttlichen Liebe. Die Macht des Geistes ist das Höchste; es gibt nichts GrĂ¶ĂŸeres in dieser Welt. Die Liebe ist die grĂ¶ĂŸte Macht von allen; Liebe ist die Macht des Geistes in Aktion. Liebe, so steht es in der Bibel, ist die ErfĂŒllung des Gesetzes.

Gott, der Große Geist, ist der Inbegriff von Liebe und Weisheit. Er ist die Dynamik, die es allem ermöglicht, zu existieren, zu atmen, sich zu bewegen, GefĂŒhle zu haben und sich auszudrĂŒcken. Gott ist jenseits allen endlichen VerstĂ€ndnisses, jenseits aller Begrenzung und BeschrĂ€nkung. Er ist der unendliche Geist, die Quelle von allem, was je gewesen ist und je sein wird. Er ist der Geist, der die Liebe möglich macht und alles Bewusstsein mit den Attributen Seiner Göttlichkeit ausgestattet hat. Er ist der Geist, der sich im Menschen regt und ihn befĂ€higt, sich zu Höhen des Idealismus, der Selbstaufopferung und des Dienstes zu erheben. Wir sind Teil seines Plans.

Die göttliche, unendliche Liebe hat den großen Plan erdacht. Da es unendliche Liebe gibt, muss es auch Barmherzigkeit geben, denn Barmherzigkeit, MitgefĂŒhl, Toleranz, Gerechtigkeit, NĂ€chstenliebe, Liebe, das sind die Attribute der Göttlichkeit.

Man kann in keinem Labor den Geist sezieren. Genauso wenig kann der Mensch Leben erschaffen. Leben erschaffen kann nur Gott. Wie niedrig die Form des Lebens auch sein mag, sie kann von Menschen nicht hergestellt werden, weil das Leben nicht physisch ist.

Der Tod hat keine Macht ĂŒber das Leben oder die Liebe.

Man wird mich belĂ€cheln, wenn ich schreibe, dass mir meine Katzen stets nĂ€herstanden als Menschen. Ich liebe Tiere ĂŒber alles. Es tut mir innerlich weh, wenn ich diese Geschöpfe leiden sehe. Katzen sind meine LebensgefĂ€hrten geworden, und ich bin dankbar dafĂŒr, durch die Liebe dieser Tiere in meinem irdischen Dasein beschenkt worden zu sein. Ich fĂŒhle mich dadurch reichlich gesegnet. Sie haben und hatten Liebe von einem Menschen und ich hatte Liebe von ihnen. Ich bin ĂŒberzeugt davon, dass es meinen bereits verstorbenen Katzen nach dem Tod gutgeht, ohne Anzeichen von Alter oder Gebrechen, sondern schön in der Anmut; sanfte, liebevolle Geschöpfe, denen ich in ihrer Entwicklung hoffentlich helfen konnte.

Liebe in ihrer höchsten Form ist göttlich; Liebe in ihrer niedrigsten Form ist der Gipfel der Selbstsucht.

Die Schatten der Erfahrungen sind zu Meilensteinen auf dem Weg der geistigen Erkenntnis geworden. Zu sich selbst zu finden und sich selbst zu lieben, waren schwierige Wegstrecken, die ich zurĂŒcklegen musste.

Liebe kann nicht gemessen oder gewogen werden, Liebe kann mit keinem Skalpell oder Instrument seziert werden, aber sie existiert. Die Liebe ist die grĂ¶ĂŸte Macht im Universum, sie ist die ErfĂŒllung des Gesetzes. Das ganze Universum existiert wegen der Liebe. Es ist die Liebe, die das Schicksal jedes Lebewesens im gesamten Sein lenkt.

Die Liebe, die der Gipfel, die Grundlage und die Quelle allen Lebens ist, dringt durch den Menschen und versucht, sich in grĂ¶ĂŸerem Maße auszudrĂŒcken, sodass in der FĂŒlle der Zeit das ganze Universum von der Liebe des Wesens, das alles gestiftet hat, umhĂŒllt sein wird.

Es ist leicht, die zu lieben, die dem Spiegelbild gleichen. Darin liegt keine Tugend, keine Heiligkeit. Aber diejenigen zu lieben, die einem feindlich gesinnt sind, das ist die Eigenschaft einer entwickelten Seele.

Die höchste ist die altruistischste Form, sie liebt, weil sie muss, sie liebt, weil sie weiß, dass die Liebe die ErfĂŒllung des göttlichen Gesetzes ist.

Vielfach ist die Liebe zu einer Familie egoistisch, eine Liebe zu Blutsbanden. Oft wird sie von einem BeschĂŒtzerinstinkt geleitet und ist ein Überbleibsel der tierischen Abstammung im Evolutionsstrom. Aber die Liebe ist zu ihren höchsten Aspekten fĂ€hig, wenn sie danach strebt, alle zu lieben, ohne an sich selbst zu denken, ohne Belohnung, ohne WĂ€rme, sondern weil sie Selbstverleugnung ist, das Göttliche in Aktion. Die Liebe will dienen, aufrechterhalten, trösten. Die Liebe drĂŒckt sich in Barmherzigkeit, MitgefĂŒhl, Freundlichkeit und GĂŒte aus. Sie offenbart sich in Verzicht und Opferbereitschaft.

Die Liebe in unserer Welt ermöglicht viele wundersame Taten, wie Aufopferung, Heldentum, Dienst und Selbstverleugnung. Aber können wir die Kraft der Liebe ermessen, die von einem hoch entwickelten, geistigen Wesen ausgeht, das einen Teil der Lebenskraft selbst sammelt, um befÀhigt zu sein, uns Menschen ein Schutzschirm zu sein?

Erst nach dem Tod verstehen wir die wahre Bedeutung der Liebe, denn die Liebe ist im Wesentlichen eine geistige Eigenschaft. Liebe ist die Eigenschaft, die Seelen und GemĂŒter verbindet. Die Liebe ist ein Ausdruck des Großen Geistes. Liebe ist der Wunsch, alle notwendigen Opfer zu bringen, um zu dienen. Die Liebe sieht kein Übel, keinen Schmerz, keinen Schaden, sie begehrt nichts fĂŒr sich selbst.

Die wahre Liebe ist die Vereinigung zweier Seelen. Der Große Geist hat in unendlicher Weisheit bestimmt, dass jedes der beiden Geschlechter das andere ergĂ€nzt. Und dort, wo die vollstĂ€ndige Verschmelzung stattfindet, ist es wahre Liebe, denn jeder liefert, was dem anderen fehlt, und die DualitĂ€t bildet die Einheit. Da sie ein Teil des unendlichen Geistes ist, hat sie eine unendliche Anzahl von Variationen, die von der niedrigsten bis zur höchsten reichen, von der magnetischen und physischen körperlichen Anziehung ĂŒber die mentale bis hin zur geistigen, die die Grundlage ist.

In dieser Welt ist sie außergewöhnlich. Es ist die Ausnahme, nicht die Regel, dass sich die beiden HĂ€lften treffen. Wenn sie es tun, finden sie zueinander und werden ganz. Das ist die natĂŒrliche Ehe der Seelen. Es ist die uralte Lehre von den AffinitĂ€ten, den Seelenverwandtschaften, die ihren Ausdruck finden. In einem Prozess, der Millionen und Abermillionen von Jahren dauert, kann man sehen, dass das Zusammentreffen von zwei HĂ€lften oder AffinitĂ€ten nicht ĂŒblich ist, weil sie etwa zur gleichen Zeit geboren werden mĂŒssen. Wenn dies der Fall ist, ist es Teil des göttlichen Plans.

Die indische Philosophie behauptete schon vor Jahrtausenden, dass der Mensch vor Urzeiten beide Geschlechter in sich getragen hat, so wie es auch in der 1. Schöpfungsgeschichte der Bibel steht. Der Mensch war demnach androgyn wie ein Engel, also Mann und Frau in einer Person. Die Entwicklung der Teilung war ein Prozess, der in Jahrmillionen geschehen ist. Das Naturgesetz, als Gesetz der Materie, hat die beiden Geschlechter voneinander gelöst, um sie dann aber in einem Ă€ußerlich erlebten Akt wieder körperlich zu vereinigen. Doch ist diese Vereinigung nur fĂŒr kurze Zeit und nur körperlich.

Die Sehnsucht nach Zusammenschluss im Geiste bleibt bestehen, die Sehnsucht nach einem einzigen Ich. Eines Tages wird man einsehen, dass die sexuelle Kraft nur ein Selbstbetrug ist. Man glaubte, in der körperlichen Einheit die vollkommene ErfĂŒllung erreichen zu können. Ein Feuerwerk, das gleich danach ausgebrannt und erloschen war. Es blieb eine Sehnsucht nach dem GlĂŒck, die nicht auszulöschen ist.

Die Liebe ist die Offenbarung einer Kraft, die hier auf Erden Menschen zwingt, sich zu vereinigen. Es ist nur ein körperliches Einswerden möglich. Die Seele bleibt alleine. Um diesem Teufelskreis zu entkommen, mĂŒssten wir die sexuelle Kraft in eine schöpferische wandeln, d. h., sie auf eine höhere Ebene erheben und sie ins Erhabene steigern, verfeinern, veredeln und den Trieb im kĂŒnstlerischen, kulturellen Schaffenskreis umsetzen.  

„Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sich ĂŒberwindet!“ – Goethe

Geistesfreiheit

Vladimir Kush
Die Welt verwandelt sich durch Taten,
durch die Gedanken, die du in dir trÀgst.
SĂ€e die Liebe im Bewusstseinsgarten,
damit du Hass und Zweifel untergrÀbst.

Wo Liebe blĂŒht, da schreibt das Herz Geschichte.
Ein neuer Himmel wird sich dir erschließen;
dann kann ein Strahl von Seinem Lichte
auf die noch dunklen Völker fließen.

FĂŒlle mit Farben die Tristesse der Zeit,
damit sie aufgehellt im Licht erstrahlt;
unter den Körpern blitzt ein geistig’ Kleid,
das unvergÀnglich dir die Freiheit malt.

Als Kind des Himmels ist sie dir gewiss!
Geknechtet trÀgt die Welt die Dornenkrone,
doch anders, als die Menschheit es umriss:
Bewusstsein wird im Leiden erst zum Lohne.

Neue Erde

In der sternenklaren Stille
tummeln sich die ew’gen Geister;
unsichtbar und nach dem Willen
ihres Schöpfers, Herrn und Meister.

Aus dem frĂŒh erwachten Hauche,
jung und frisch aus Wasserfluten,
eine neue Erde tauche!
Alte Götzen stehn in Gluten.

Untergang den Falschen drohe –
Gott aus Holz, in Gold und Stein,
sind in ungeheurer Lohe
fortgenommen aus den Reihen.

Sanftmut lebt, der still gestaltet,
bleibt fĂŒr immer hier auf Erden,
und von Weisheit, fromm verwaltet,
wird die Liebe wiederkehren.

Kommt der große Tag der SĂŒhne?
Zeit und Stunde kennt nur Einer!
Doch der „JĂŒngste Tag“ wird kommen;
wenn ich heute geh’, ist’s meiner.

Andachtsvolle Weihnachten

Vincenzo Irolli (1860-1949)
Weihnachtsfest, Zeit der Erinnerungen.
FrĂŒh lernten wir als Kinder diese KlĂ€nge,
wie schon die Alten hatten einst gesungen;
die Kirche war gefĂŒllt bis in die ob’ren RĂ€nge.

Das Orgelspiel klang feierlich und trug
den Ton der Flöten durch die Reihen.
Wir sangen Christ entgegen, frohgemut;
der Saal war ganz erfĂŒllt von Glanz und Freuden.

Vor dem Altar sah ich die Englein schweben,
ich malte mir den Heiland, neu geboren.
Der Tag war mir ein himmlisches Erleben,
ich wurde aus dem Alltag fortgehoben.

Hell strahlend fiel herab der lichte Traum,
nahm mir die Sorgen fort und Nöte,
es streifte mich des Lichtgewandes Saum,
als wenn’s der ganzen Welt Erlösung böte.

Der Weg der Pflicht

KI generiert mit Gemini
Schwer, wenn die Schritte vor Barrieren stehen
und jedes Denken schwÀcht das Weiterschreiten.
Gefahrlos sind die Wege kaum zu gehen,
zu undurchsichtig die UnwÀgbarkeiten.

TĂŒrmen Barrieren auf; der fremde Wille
beherrscht manch menschliches Geschick.
Dann wird zum Drahtseilakt die TatenfĂŒlle,
jede Bewegung mahnt mit Todesblick.

Der Menschen Absicht ist mal gut, mal böse;
Bekriegen dient als Waffe und als Schutz.
All die Soldaten in dem Kriegsgetöse
sind auf dem Weg der Pflicht, die töten muss.

Marschieren durch die vielen Dornenranken,
den Stacheldraht, der keine BlĂŒten trĂ€gt;
das Schlimmste dieser Welt sind die Gedanken,
wenn sie zum Schlachtfeld ziehn, das nie vergeht.

Die vielen Herrscher ĂŒber Krieg und Frieden,
die nur befehlen und bequem aus ihren Sesseln
der WĂŒrde Unantastbarkeit verbiegen
und sie durch falsche Pflichten an sich fesseln.

Sind wie die Steine, kalt, mit leeren Worten,
wenn sie mit Eigenlob und Aberwitz berichten,
sie kĂŒmmert nicht die Schönheit mancher Orte,
die sie in ihrem GrĂ¶ĂŸenwahn vernichten.

Der Weg der Pflicht wird oft zum Überwinden,
wenn er der inneren Wahrheit nicht entspricht,
denn jeder Schritt wird dann zum Missempfinden,
fehlt es an Liebe und an Zuversicht.


WerkstattmÀnner

Mein Vater und ich
Die Traumwelt schloss sich und die Nachtgespenster 
verteilten sich im Dunst des Morgengrauens;
sie klebten als Erinnerungsschwaden vor dem Fenster,
verloren sich am Fuß des TrĂ€umebaumes.

Durch trĂŒbe Scheiben ließ man mich erkennen,
was heute farblos und verwaschen scheint,
gegeißelt hab‘ ich meines Körpers Brennen,
mich ausgeschaltet, wenn die Seele weint.

Heut‘ denk‘ ich an des Vaters starke Arme,
wie sie mich manchmal schlugen, ohne Grund,
herzlos schien er, voll Wut, ohne Erbarmen,
als er mich fast erschlug zu jener Stund‘.

Erinnere mich an Mutters kalte Blicke,
ihr Schweigen, um dem Vater beizupflichten.
Zum Ausgleich all der blutigen Geschicke
vergab ich ihnen, duldend und nicht richtend.

Dann kam die Zeit, die nur dem Körper diente,
niemals der Seele, mitnichten dem Verstand.
Auswege, die ich mir selbst verminte;
der Schrei nach Liebe, die mich niemals fand.

Die vielen ‚WerkstattmĂ€nner‘, wie Maschinen,
die an mir schraubten, werkelten und gingen,
wie ich das Los zog, all die zu bedienen,
die mich benutzten, um mich zu verdingen.

Als EinverstĂ€ndnis haben’s alle aufgefasst,
weil ich geschwiegen habe, wie das MĂ€dchen,
das sich gehorsam fĂŒgte, denn die alte Last
hing elternhörig am verbundenen FÀdchen.

LĂ€ngst sind sie fort, der Tod hat sie genommen.
Gedanken kreisen. War’s das, was ich wĂ€hlte?
Bin ich auf diesem Lernpfad angekommen,
zu unterscheiden, was mich stÀndig quÀlte?

Zusammenfassung: Dieses Gedicht ist ein Zeugnis davon, wie Gewalt und VernachlÀssigung eine Seele brechen und wie das antrainierte Schweigen ein Leben lang nachhallt. Es ist ein tief dunkler Text, aber das Niederschreiben dieser Dunkelheit ist an sich schon ein Akt der SelbstermÀchtigung und des Lichts.

Fest der Liebe

Bild von Sulamith WĂŒlfing (1901-1989)
Als die Vögel weggezogen,
ist die Welt so still geworden.
Alles Laub liegt lÀngst zu Boden,
der vom Regen vollgesogen.

So bizarr stehn jetzt die BĂ€ume,
recken ihre nackten Zweige;
fĂŒhlen sich vom Wind gewogen,
bald stehn sie in weißem Kleide.

Nur der Sonne warmes Strahlen,
weckt das Leben in den Gliedern,
doch nur kurze WinterwÀrme
schönt die KÀlte hin und wieder.

Und der Geist der Menschenkinder
grĂŒbelt oft in stillem Denken,
trÀumt und hofft, erinnert sich,
wie es war, das Freudeschenken

unter wurzelfreien BĂ€umen,
die man schonungslos geschlagen,
schmĂŒckte und sie lichtbehangen,
prÀsentiert an Weihnachtstagen.

Wenn die Kinderaugen funkeln,
die Erwachsenen Lieder singen,
feine PlÀtzchen backen, naschen,
und sich freuen an all den Dingen,

dann ist WĂ€rme in den Stuben,
jede Sorge winzig klein;
denn das Christkind in den Herzen
lÀsst im Hause Liebe sein.

Wintergedanken

Ernst Ferdinand Oehme (1797-1855)
Quellen mĂŒssen die Gedanken
gerad‘ in langen WinternĂ€chten,
wo sie Wort um Wort begannen
einsam Reim an Reim zu flechten.

FĂŒr die Vielen nicht, fĂŒr manche;
nur fĂŒr diesen oder jenen,
der abseits der großen Menge
lauscht den bald vergessenen Tönen.

Wie mit Schritten zur Kapelle,
auf verschneitem Weg zu kommen,
ganz abseits des Pilgerzuges,
doch im Feuerschein der Frommen.

DemĂŒtig, gebĂŒckten Hauptes,
durchs verschneite Pförtlein treten,
um vor weihnachtlicher Krippe
und dem Kindlein selbst zu beten.

Denn die Zeit ist schwer geworden,
macht den Heiligen Geist zur Fabel,
und aus neuen WohlstandstrĂŒmmern
baut der Wahn ein neues Babel.

Oftmals möcht‘ ich schier verzagen:
Geld und Macht sind höchste Götter.
Unbedeutend werden sterben,
all die Heuchler und die Spötter.

Helf’ uns Gott den Weg nach Hause
aus dem Erdenelend finden,
lass aus Glaube, Liebe, Hoffnung
uns den Kranz „Erlösung“ binden!

Ewigkeitssonntag

Aus dem Poesiealbum meiner Mutter:
„Lass die Winde stĂŒrmen auf der Lebensbahn, ob die Wogen tĂŒrmen gegen deinen Kahn. Schiffe ruhig weiter, wenn der Mast auch bricht. Gott ist dein Begleiter. Er verlĂ€sst dich nicht.“

Jahre vergehen wie im Flug. Es ist schon ein Kreuz mit der Zeit, die physikalisch in Ordnung gebracht, vierdimensional die RelativitĂ€tstheorie bildet. Sie erfĂŒllt, beseelt den Alltag der Menschen oder kann ihn belasten. Niemand kann das Fortschreiten der Gegenwart, von der Vergangenheit kommend und zur Zukunft hinfĂŒhrend, halten.

Anders als heute tickten die Uhren zu Luthers Zeiten. Damals, als die Kirchen noch gut gefĂŒllt waren, maß man dem Kirchenjahr eine große Bedeutung zu. Das tut man noch Jahrhunderte spĂ€ter. Obwohl ich mich von der Kirche entfernt habe, frage ich mich: Welche Bedeutung hat das Kirchenjahr heute noch?

Es beginnt mit dem 1. Advent in der dunklen Jahreszeit, nachdem der depressive November seine Nebel lichtet, wieder durchlĂ€ssig wird fĂŒr die Strahlen des Lichterglanzes. Eine Geburt kĂŒndigt sich an; etwas ganz Neues von grĂ¶ĂŸerer Reinheit soll entstehen. Nicht nur deshalb wird Maria als unberĂŒhrte Jungfrau und dennoch als Mutter dargestellt.

In der Adventszeit beginnt die Zeit der Besinnung. Die Hektik des Alltags soll draußen bleiben. Man besinnt sich auf das, was wichtig ist, begegnet Liebe und Einsamkeit mit anderen GefĂŒhlen als sonst.

Im neuen Jahr dann, darf das ‚geborene Kind‘ ganz zur Entfaltung kommen. Es bringt Hoffnung auf einen neuen FrĂŒhling, auf Licht und Leben. Es ist die Zeit, in der Unkraut und Weizen noch durcheinanderwachsen. Die Zeit der Ernte scheint noch weit. Viele BlĂŒten werden sterben mĂŒssen, um anderen das Leben zu ermöglichen. Fastenzeit und Passion – Zeit des Leidens, des Sterbens und der Wiederauferstehung. Mensch und Natur entdecken die göttliche Kraft des Werdens.

Sommer – ermĂŒdender Alltagstrott. Man kommt zurecht, wenn auch langsam unter der Hitze der AlltĂ€glichkeiten.

Erntedankfest – die Speicher sind gut gefĂŒllt fĂŒr den Winter. Die Felder liegen brach. Die Herbstwinde fegen darĂŒber und erinnern uns an unsere eigene VergĂ€nglichkeit. Aber es bleibt eine Hoffnung auf einen neuen FrĂŒhling, darauf, dass der Tod nur eine Wandlung ist.

Der Ewigkeitssonntag beendet den Jahreskreis und alles beginnt aufs Neue.

Wir sind nicht allein auf diesem Weg, der uns nach dem Lebenssinn fragen lÀsst.

Man sagt, man mĂŒsse das Leben planen. – Eine aus der Hektik des Alltags geborene Halbwahrheit. Lebenszeit kann nicht geplant werden. Mein Sohn ist ohne vorheriges Anzeichen gestorben. Die Hektik des Alltags und die Einstellung der Menschen haben seine Lebenszeit verschlungen. Ich musste das Gefasstsein ĂŒben und frage mich, was wirklich wichtig ist.

Das ‚Christkind‘ wird trotzdem zur Welt kommen, alles Negative ĂŒber Bord werfen und uns an das Lebenswerte in dieser Welt erinnern. Das sehe ich als Sinn dieses Geburtstages, auch wenn der genaue Zeitpunkt nirgendwo bestĂ€tigt ist.

Der christliche Geist trĂ€gt das zeitlos Liebevolle in sich und wird unser Herz durch schöne KlĂ€nge fĂŒr angenehme Dinge öffnen und Familien zusammenfĂŒhren. Er lĂ€sst uns nicht vergessen, dass die Liebe zu Gott auch NĂ€chstenliebe heißt. Das schließt auch die Tiere mit ein.

Gelassenheit mĂŒssen wir lernen. Sich selbst nicht mehr so wichtig nehmen. Die Zeit zurĂŒckdrehen, in der die Kirchturmuhr noch halbstĂŒndlich lĂ€utete. Eine Oase finden, in der die Hektik der Zeit draußen bleibt.

Foto: Gisela Seidel