Verlorenes Paradies

Es geht ein Hoffen um die Welt,
 ein altes Sehnen,
 
ein Streben, frei vom Drang nach Geld,
befreit von Tränen,
 
es ist die Suche nach dem Glück,
für ewig gar,
 
bringt uns das Paradies zurück,
wie’s damals war,
 
in dem nur dornenlose Rosen stehen
und alle Lebensräder rückwärts drehen;
 
in dem es keine Sünde gibt,
nur einen Gott, der uns unendlich liebt;

befreit von Priestern und Gelehrten,
die Gottes Wort ins Weltliche verkehrten.

Nur Liebe ist dann unsre Religion;
vorbei die Konkurrenz vor Gottes Thron.

Besteht die Welt denn nur aus Lügen?

Märchen von Hans Christian Andersen – Des Kaisers neue Kleider

Es lügen Große mit den Kleinen
und lassen sich für Geld verbiegen,
um Macht zu halten, zu verneinen,
dass manche Menschen besser lügen.

Sie trotzen, golfen oder wüten,
wo‘s doch vorbei, und unbegründet
und zeigen ihrer Unschuld Güte,
obwohl ihr Heil’genschein verschwindet.

Noch leben sie auf großem Fuße,
schleichen mit finsterem Gesicht.
Ihr Größenwahn wird längst zum Fluche,
doch die Fassade bröckelt nicht.

In ‚Kaisers neuen Kleidern‘ stehend,
leugnet man seinen Niedergang,
damit manch Dummer, Spenden gebend,
noch schmeichelnd ‚Jacke ziehen‘ kann.

Des Lügners Nacktheit sieht ein Jeder,
die ganze Welt schaut auf sein Toben.
Lügt er nun weiter oder geht er?
Brillen dem Volk und Hirn von Oben!

Bald fällt von diesen Zweigen

Text:

Bald fällt von diesen Zweigen
das letzte Laub herab.
Die Busch´ und Wälder schweigen,
die Welt ist wie ein Grab.

Wo sind sie denn geblieben?
Ach, sie sangen einst so schön.
Der Reif hat sie vertrieben,
weg über Tal und Höh´n.

Und bange wird´s und bänger
und öd´ in Feld und Hag;
die Nächte werden länger
und kürzer wird der Tag.

Die Vögel sind verschwunden,
suchen Frühling anderswo;
Nur wo sie den gefunden,
da sind sie wieder froh.

Und wenn von diesen Zweigen
das letzte Laub nun fällt,
wenn Busch´ und Wälder schweigen,
als trauerte die Welt.

Dein Frühling kann nicht schwinden,
immer gleich bleibt dein Geschick,
du kannst den Frühling finden,
noch jeden Augenblick.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)

Text: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)
Musik: anonym – Französische Volksweise (auch: Ich hab die Nacht geträumet)

Schicksale

William Adolphe Bouguereau 1825 – 1905

Ich begleitete im Jahre 2003 eine vom Tod ihres 15 jährigen Sohnes psychisch sehr angeschlagene Frau nach Kassel, damit sie dort an einem von Psychologinnen begleiteten Familienstellen nach Bernd Hellinger teilnehmen konnte. Dort wurden 15 Menschen behandelt. Ich wollte nur Begleitung sein und mich dort nicht aufstellen lassen. Letztendlich überredete man mich doch. Ich übernahm die Rolle von Juden, die zur Zeit des Holocaust im KZ umgebracht worden sind.

Damals habe ich es nicht für möglich gehalten, dass man in die Rolle eines anderen Menschen schlüpfen kann, und dessen Empfindungen wahrnimmt.

Der Mann, der sich behandeln ließ, bekam regelmäßig derartige Wutausbrüche, dass er zu Hause alle Möbel kurz und klein schlug. Er war ca. 40 Jahre alt. Er belastete sich unbewusst mit der Schuld seines Vaters, der im Krieg die Juden mit seinem LKW zum Bahnhof zur Deportation gebracht hatte und fragte sich, wieso er lebte und diese Menschen nicht. Das kam erst im Laufe der Therapie zu Tage.

Im Laufe des Familienstellens kam er dann auf mich zu, berührte mich an der Schulter und entschuldigte sich für das Tun seines Vaters. In diesem Moment habe ich zig Emotionen gleichzeitig gespürt: Wut, Angst und Verzweiflung. Es folgte eine nicht enden wollende Trauer, die sich in Weinkrämpfen bei mir bemerkbar machte. So sehr die Therapeutinnen auch versuchten, mich zu beruhigen, es gelang ihnen nicht. Die Sitzung wurde abgebrochen, aber mein Weinen hörte erst auf, als der Patient mehrfach um Verzeihung bat. Dann erst konnte ich damals die Rolle verlassen, doch sie verfolgt mich heute noch. Damals schrieb ich dieses Gedicht:

Wenn wir zusammensinken durch des Lebens Last,
den Himmel und die Sonne nicht mehr finden,
weil dunkler Schatten unser Herz erfasst
und unsre Seele schreit aus Höllengründen.
 
Wenn unser Kreuz zu groß wird, das wir tragen,
wir nur noch haltlos, schwankend weiterziehn,
bis wir in einsam dunklen Tagen
in keiner unserer Taten Zukunft sehn.
 
Wenn die Vergangenheit uns hält mit Klammerhänden,
belastet durch das Schicksal unsrer Ahnen;
wenn wir verzweifelt uns an die Verstorbnen wenden,
dann wird der Himmel uns zur Vorsicht mahnen.
 
Die Toten sind befreit von allen Bürden,
sie hatten ihre eigne Lebenslast zu tragen.
Ob sie die unsre helfend mindern würden,
das sollte man, dies würdigend, erfragen.
 
Zur Hilfe wird man viele gute Seelen finden,
aber auch solche, die noch sehr am Erdendasein haften;
die sich bei Aufruf fest an deine Aura binden,
dich dort verbleibend, negativ umnachten.
 
Drum lass im Dunkeln, was im Dunkel war verborgen,
habe Respekt vor Allem was einmal gewesen,
denn eine andere Macht wird für Beleuchtung sorgen,
und finstre Seelenflecken der Familie lösen.

Winterträume

Iwan Iwanowitsch Schischkin (1832-1898) – Winter

Ach, wie war es eine Freude,
wenn wir morgens aufgewacht;

wenn das Eis am Fensterkleide
Blumen pflanzte über Nacht,

fielen sanfte Winterträume
flockendicht auf den Asphalt,

lag der Schnee auf allen Bäumen,
deckte Böden, Tal und Wald,

haftend auf des Weges Strecke;
Flocken trieben himmelsfern.

Hell erstrahlt die Straßendecke,
leuchtet, wie ein lichter Stern.

Unter’m Glanze der Laternen
streut die weiße Glitzermacht

flatterhafte Funkelsterne
flockenprächtig in die Nacht.

Hell erleuchtet sind die Fenster,
wo die Menschen stehn und schaun.

denn das kalte Wintertreiben
deckt längst Weg und Apfelbaum.

Ach, es sind nur Kindheitsträume.
Hier schneit es schon lang nicht mehr.

Und die letzten Apfelbäume…
ach, wie lang ist das schon her.

Ur-ewige Liebe

Quelle: Wikipedia

Urew’ge Liebe, Anfang und Vollendung,
Ursprung und Ziel! An jeder Wegeswendung
rückschauend halt ich Rast, um mich zu laben,
und auf den Spuren, die mein Fuß gegraben,
geht das Erinnern meinen Weg zurück…

Und aus den Stapfen, die entgegenkommen,
steigt Bild um Bild. – Du hat sie mir genommen,
weil sich mein Herz, das allzu leicht verschenkte,
ans Bild verlor. Doch immer wieder drängte
mein hoffend Herz zu nie erfülltem Glück. –

Wie ein Verbannter zog ich einst die Straßen,
als ein Verkannter litt ich ohne Maßen.
Nur Halbheit war mir, wo ich Ew’ges meinte,
bis sich mir Bild um Bild in Dir vereinte.
Von Deinem Glanz ist jedes nur ein Stück!

Urew’ge Liebe, Vater aller Wesen,
Dein Siegel steht auf jeder Stirn zu lesen,
Dein Glanz strahlt mir aus allen Augen wider,
Dein Segen strömt als Licht zur Erde nieder.

Eh ich Dich suchte, bist Du mir begegnet,
eh ich mich sehnte, hast Du mich gesegnet!

<Ephides>

Tropfen

Wasserperlen kleben auf der Scheibe –
unaufhörlich wie der Regen rinnt.
Tropfen, schillernd im kristallnen Kleide,
fließen ineinander mit dem Wind.

Wie die Tropfen waren wir verbunden,
spürten uns bei Tag, im stillen Traum.
Nun ist alles, was uns band verschwunden,
keine Liebe füllt den toten Raum.

Kalt und leer hast du dich selbst beschrieben,
denn dein Lebenskrug brach jäh entzwei.
Nichts als Wehmut ist zurück geblieben,
und der Regen klopft den Takt dabei.

Alle Wärme wurde mir genommen,
spür‘ nur Kälte statt Geborgenheit.
Wird die Sonne nach dem Regen kommen,
oder gar ein neuer Winter vor der Zeit?

Werden und Vergehen

Grabstein auf dem Melatenfriedhof in Köln. Foto: Gisela Seidel

Es ist ein ewig Auf und Ab,
ein Werden und Vergehen.

Die Erde ist ein großes Grab,
die Zeit nur ein Geschehen.

Wie Blätter fallen sie vom Baum,
die vielen Todgeweihten.

Die Lebenszeit bleibt nur ein Traum
von Hoffnung in den Zeiten.

Du schöne Welt, du süßer Klang,
bald muss ich Abschied nehmen.

Bin wie die Vielen, müd und bang,
vom Dasein wund gelegen.

Und bettet mich der Sonne Strahl
in neue Frühlingsfülle,

so wandle ich ein weit’res Mal
auf dieser Erdenhülle.

Verklärtes Lied, im letzten Klang
dem Himmelsglanz zu singen;

der alten Töne neuer Sang,
Vollendung und Beginnen.

Ewigkeitssonntag – 22.11.2020

Aus dem Poesiealbum meiner Mutter:
„Lass die Winde stürmen auf der Lebensbahn, ob die Wogen türmen gegen deinen Kahn. Schiffe ruhig weiter, wenn der Mast auch bricht. Gott ist dein Begleiter. Er verlässt dich nicht.“

Meine Oma sagte immer, die Zeit würde schneller vorbeigehen, je älter man ist.
Sie hatte recht. Als ich noch arbeitete, lag montags noch die lange Woche vor mir. Jetzt vergeht sie viel schneller. Monate und Jahre vergehen wie im Flug.

Es ist schon ein Kreuz mit der Zeit.
Sie belastet den Alltag der Menschen. Allerdings ganz anders, als zu Luthers Zeiten. Damals, als die Kirchen noch gut gefüllt waren, maß man dem Kirchenjahr eine große Bedeutung zu. Das tut man noch Jahrhunderte später. Obwohl ich mich von der Kirche entfernt habe, frage ich mich: Welche Bedeutung hat das Kirchenjahr heute noch?

Es beginnt mit dem 1. Advent in der dunklen Jahreszeit, nachdem der depressive November seine Nebel lichtet, wieder durchlässig wird für die Strahlen des Lichterglanzes. Eine Geburt kündigt sich an; etwas ganz Neues von größerer Reinheit soll entstehen. Nur deshalb wird Maria als unberührte Jungfrau und dennoch als Mutter dargestellt. In der Adventszeit beginnt die Zeit der Besinnung. Die Hektik des Alltags soll draußen bleiben.
Man besinnt sich auf das was wichtig ist, begegnet Liebe und Einsamkeit mit anderen Gefühlen als sonst.

Im neuen Jahr dann, darf das ‚geborene Kind‘ ganz zur Entfaltung kommen. Es bringt Hoffnung auf einen neuen Frühling, auf Licht und Leben. Es ist die Zeit, in der Unkraut und Weizen noch durcheinander wachsen. Die Zeit der Ernte scheint noch weit. Viele Blüten werden sterben müssen, um anderen das Leben zu ermöglichen. Fastenzeit und Passion – Zeit der Leiden, des Sterbens und der Wiederauferstehung. Mensch und Natur entdecken die göttliche Kraft des Werdens.

Sommer – ermüdender Alltagstrott. Man kommt zurecht, wenn auch langsam unter der Hitze der Alltäglichkeiten.

Erntedankfest – die Speicher sind gut gefüllt für den Winter. Die Felder liegen brach. Bald fegen die Herbstwinde darüber und uns an unsere eigene Vergänglichkeit erinnern. Aber es bleibt eine Hoffnung auf einen neuen Frühling, darauf, dass der Tod nur eine Wandlung ist.

Der Ewigkeitssonntag beendet den Jahreskreis und alles beginnt aufs Neue.
Wir sind nicht alleine auf diesem Weg, der uns nach dem Lebenssinn fragen lässt.

Man sagt: „Planen ist alles!“ – Eine aus der Hektik des Alltags geborene Halbwahrheit. Lebenszeit lässt sich nicht planen. Mein Sohn ist ohne vorheriges Anzeichen gestorben. Die Hektik des Alltags hat seine Lebenszeit verschlungen.
Nun muss ich das Gefasst-Sein üben und frage mich, was wirklich wichtig ist.

Das ‚Christ-Kind‘ wird trotzdem zur Welt kommen, alles Negative über Bord werfen und uns an das Lebenswerte in dieser Welt erinnern. Das sehe ich als Sinn dieses Geburtstages, auch wenn der genaue Zeitpunkt nirgendwo bestätigt ist.

Der christliche Geist trägt das zeitlos Liebevolle in sich und wird unser Herz durch schöne Klänge für angenehme Dinge öffnen und Familien zusammenführen. Er lässt uns nicht vergessen, dass die Liebe zu Gott auch Nächstenliebe heißt. Das schließt auch die Tiere mit ein.

Gelassenheit müssen wir lernen. Sich selbst nicht mehr so wichtig nehmen. Die Zeit zurückdrehen, in der die Kirchturmuhren noch halbstündlich läuteten. Eine Oase finden, in der die Hektik der Zeit draußen bleibt.

Foto: Gisela Seidel