Herbst auf der ganzen Linie

von Erich Kästner

Nun gibt der Herbst dem Wind die Sporen.
Die bunten Laubgardinen wehn.
Die Straßen ähneln Korridoren,
In denen Türen offen stehn.

Das Jahr vergeht in Monatsraten.
Es ist schon wieder fast vorbei.
Und was man tut, sind selten Taten.
Das, was man tut, ist Tuerei.

Es ist, als ob die Sonne scheine,
Sie lässt uns kalt. Sie scheint zum Schein.
Man nimmt den Magen an die Leine.
Er knurrt und will gefüttert sein.

Das Laub verschießt, wird immer gelber,
Nimmt Abschied vom Geäst und sinkt.
Die Erde dreht sich um sich selber.
Man merkt es deutlich, wenn man trinkt.

Wird man denn wirklich nur geboren,
Um, wie die Jahre, zu vergehn?
Die Straßen ähneln Korridoren,
In denen Türen offen stehn.

Die Stunden machen ihre Runde.
Wir folgen ihnen Schritt für Schritt
Und gehen langsam vor die Hunde.
Man führt uns hin! Wir laufen mit.

Man grüßt die Welt mit kalten Mienen.
Das Lächeln ist nicht ernst gemeint.
Es wehen bunte Laubgardinen.
Nun regnet’s gar. Der Himmel weint.

Man ist allein und wird es bleiben.
Ruth ist verreist, und der Verkehr
Beschränkt sich bloß aufs Briefeschreiben.
Die Liebe ist schon lange her!

Das Spiel ist ganz und gar verloren.
Und dennoch wird es weitergehn.
Die Straßen ähneln Korridoren,
In denen Türen offen stehn …

Erich Kästner (1899-1974)

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

8 Gedanken zu „Herbst auf der ganzen Linie“

  1. Liebe Gisela, das Gedicht von Erich Kästner beschreibt sehr treffend unser aller Leben und den Lauf der Zeit. Großartig wie wenig Worte es bedarf das zum Ausdruck zu bringen
    Erich Kästner war schon ein ganz besonderer Mensch. Ich bin davon überzeugt, er hat das Leben vieler Menschen, gewollt oder unbewusst, durch sein Gedankengut geprägt.
    Ich kann mich noch sehr gut an „Das fliegende Klassenzimmer“ erinnern. Nachdem ich diesen Film gesehen hatte, war mein Interesse an der Schule bedeutend größer.
    Lieben Gruß, Lilo

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