Kleiner Rückblick – Erwachsen werden

Fortsetzung Teil 8

Fotos aus dieser Zeit existieren leider nicht mehr, weil ich das Album verloren habe.

Wenn ich nach diesem Vorfall nicht gegangen wäre, hätte mich mein Vater womöglich totgeschlagen. Sein Jähzorn machte ihn unberechenbar.
Ich erinnere mich noch genau an den Hergang meiner Flucht: Vater hatte Nachtschicht und schlief im Wohnzimmer auf der Couch, als ich mit einer großen Reisetasche und meinem Kofferradio, zitternd wie Espenlaub, durch die Hintertüre ins Freie schlich, den Beatles-Song „She’s leaving home“ und die Hoffnung auf ein angstfreies Leben im Kopf.

In der Parallelstraße wartete ein Bekannter aus der Disco mit seinem Auto auf mich und brachte mich in den Nachbarort, gar nicht weit von meinem Elternhaus entfernt. Dort war ich zunächst in einem möblierten Zimmer untergekommen, das ich mir aus der Zeitung gesucht hatte. Zum Glück hatte die Vermieterin keinen Ausweis verlangt. Meine Lehre hatte ich geschmissen, weil mich meine Eltern dort gefunden hätten. Ich wollte nur weg von ihnen… raus aus meinem Gefängnis. Zwanzig Mark hatte ich mitgenommen. Das war mein ganzer, gestohlener Reichtum. Wie ich die Miete aufbringen sollte, wusste ich nicht. Es war mir in dem Moment egal. Es ging immer irgendwie weiter, hoffte ich. Das war wie eine Art Ur-Vertrauen.

Die ersten Tage lief ich umher und trampte ziellos durch die Gegend, wie ich es auch vorher schon oft getan hatte, um auszubrechen. Abends ging ich in eine Kneipe, unweit von meinem Zimmer entfernt. Dort lernte ich einen Fernfahrer kennen, der mich abends mit in die Hafenbar „Der goldene Anker“ nahm. Dort gab es Striptease und Porno auf der Bühne. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich war peinlichst berührt. Es war das Lokal mit dem schlechtesten Ruf in der Stadt. Aber ich war furchtbar naiv und innerlich tot. Ich dachte nicht nach, über die Absicht, die hinter der Einladung steckte. Schließlich ließ ich mich von dem Mann überreden, am nächsten Tag mit nach Nord-Holland zu fahren, wo er eine Fuhre abliefern musste.
Als wir dort ankamen, war es mitten in der Nacht, und er wurde handgreiflich. Ich wehrte mich und lehnte es ab, zum Schlafen zu ihm in seine Kabine zu kommen. Also wartete ich, bis er eingeschlafen war und stahl ihm 20 Mark aus seiner Brieftasche. Ich wollte nur weg…nur wieder nach Hause kommen…obwohl es das ja gar nicht mehr gab. Ich war in einem fremden Land, irgendwo an der See, und ich hatte Angst. Ich irrte ziellos durch die Nacht. Irgendwo fand ich eine Kneipe, die noch offen war und ging hinein. Ein Holländer sprach mich an, machte aber keinen Hehl daraus, dass er Deutsche nicht ausstehen konnte.
Ich erzählte ihm von meiner Misere und erklärte ihm, dass ich nicht wüsste, wie ich von dort aus nach Moers kommen könnte. Er nahm mich ein Stück weit in seinem Auto mit und meinte dann, dass ich es mit 20 Mark nicht bis über die Grenze schaffen würde. Dann bot er mir 25 Gulden für einmal Geschlechtsverkehr. Was sollte ich tun?

„Augen zu und durch! Es sind nur ein paar Minuten“, dachte ich und ließ mich benutzen. Ich würde diesen Kerl nie wiedersehen. Ich hatte keine Wahl, doch Minuten können verdammt lang sein.

Als ich aus dem Wagen ausstieg, ekelte ich mich vor mir selbst. Aber ich hatte nun wenigstens Geld genug, um von dort fort zu kommen. Es war gegen Morgen, als ich mich an die nächste Hauptstraße stellte, um per Anhalter nach Venlo zu trampen. Ein LKW-Fahrer hielt an und nahm mich mit. Er sah sofort, dass es mir nicht gut ging und war sehr fürsorglich zu mir. Irgendwo hielt er unterwegs auf einem Rastplatz an und brachte mir etwas zu Essen und zu Trinken. Er nahm mich mit bis nach Ede. Von dort aus fuhr ich mit dem Bus bis an die Grenze. Am frühen Morgen kam ich dort an – völlig fertig und übermüdet.

Ich erinnere mich sogar noch an die wollweiße Baskenmütze, die ich damals trug, und wie schmutzig und hässlich ich mich gefühlt habe. Ich ging in das Bahnhofscafé, weil mein Bus nach Deutschland erst später fuhr. Dort sah ich eine Clique deutscher Hippies am Nebentisch sitzen, und ich lauschte ihren Gesprächen.
„Wir haben kein Geld und nichts mehr zu essen!“, sagte einer von ihnen. „Wie sollen wir bloß die nächste Zeit überleben?“
Ich überlegte nicht lange, stand auf, ging an den Nachbartisch und legte wortlos mein Geld hin. Alle sahen mich an, als hätten sie einen Geist gesehen. Ein Mann stand auf und bedankte sich überschwänglich bei mir.
„Unsere Gebete wurden erhört. Dich hat der Himmel geschickt!“, rief er mir nach.
Bis auf das Fahrgeld war ich den Rest meines erbärmlichen Hurenlohns los, und es ging mir besser. Dann bin ich mit dem Bus nach Hause gefahren. Ein Zollbeamter kontrollierte beim Einstieg die Pässe. Niemand schien mich zu suchen. Eine Stunde Fahrt, dann war ich wieder zu Hause. Als ich ausstieg und den vertrauten Boden betrat, war es mir, als würde ich aus einem Alptraum erwachen.

In meinem Zimmer habe ich mich erst einmal gewaschen und wollte ausschlafen, doch am späten Nachmittag klopfte jemand energisch an mein Fenster. Es war der Fernfahrer, der sein Geld zurückhaben wollte. Ich hatte es nicht mehr, und er machte einen Riesenlärm vor dem Haus. Als ich versprach, ihm das Geld wiederzugeben, ist er mit der Drohung, zur Polizei zu gehen, wenn ich es nicht täte, schließlich fort gegangen.

Abends ging ich in eine Disco in Homberg, in der ich einige Leute kannte. Ein Bekannter verkaufte mir dort einen LSD-Trip für 1 DM. Ich hätte nicht gedacht, dass eine so kleine Pille eine solch große Wirkung haben könnte. Aus Vorsicht schluckte ich die Hälfte, und die Auswirkung blieb nach einer halben Stunde nicht aus.

Ich sah Pärchen auf der Tanzfläche, die gar nicht da waren und musste über alles und jeden lachen. Irgendwann begann sich meine ganze Umgebung in bunte Punkte aufzulösen. Alles bewegte sich unter mir, und ich lief wie auf Wellen. Ich stand an der Theke und sah zwei junge Männer am Nebentisch sitzen. Einer war blond und hatte lockige, schulterlange Haare. Er trug eine Lederweste mit Fransen, und in meinem berauschten Zustand nahm ich ihn als ein ganz armes Geschöpf wahr, dem ich helfen musste. Ich ging zu ihm an den Tisch und fragte ihn, ob er kein Zuhause hätte.
„Du kannst bei mir schlafen, wenn du willst!“, bot ich ihm an.
Ich war nicht Herr meiner Sinne, als ich das sagte. A. stellte sich vor und willigte ein. Dann liefen wir…oder vielmehr ich schwebte über die Straßen in Richtung Nachbarort, wo mein Zimmer war. Alles waberte und wogte in seiner Buntheit unter mir und um mich herum. Ich lief lachend mit dem Wohnungsschlüssel in der Hand und suchte das passende Haus.

Dann übernachteten wir in meinem Zimmer. Ich weiß nicht, was wir taten, aber wir taten es. Mein Begleiter war mir völlig fremd, aber es war mir egal…wie alles andere auch. Am nächsten Morgen sah ich in den Spiegel und traute meinen Augen nicht. Mein Gesicht war nicht mehr MEIN Gesicht! Es wirkte verzerrt und schien voller Pusteln zu sein.
Ich schaute mir die Bescherung im Zimmer an. Die Kissen und die Bettwäsche waren Urin durchtränkt. Die weiße Wäsche hatte rote Flecken, wie in meiner Kindheit. Das Inlett hatte abgefärbt. Ich war voller Panik und schämte mich.
Als ich meine Begleitung sah, war ich zu Tode erschrocken!
„Wen hast du denn da mitgenommen!?“, dachte ich entsetzt.
A. war aufgewacht, und ich versuchte, ihm meinen Zustand zu erklären. Schnell verließen wir die Wohnung. Wir liefen und liefen – stundenlang, bis die Wirkung der Droge schließlich nachließ. Nie wieder habe ich später so etwas genommen. Ab und zu rauchte ich Haschisch, was meinem Kreislauf nicht gerade gut bekam. Das taten alle, die ich kannte, aber ich empfand es als negativ, und als ich mit Ende Zwanzig beinahe einen Kreislaufkollaps von Marihuana bekam, habe ich die Finger gänzlich davon gelassen.

A. war Matrose. Sein Vater hatte das eigene Schiff versoffen. Es lag in Rotterdam an der Kette. Nun fuhr A. auf verschiedenen Schiffen als „Springer“. Als ich ihm von meiner finanziellen Misere erzählte, bot er mir an, dass ich mitfahren könnte. Des nachts holten wir schweigend meine Sachen aus dem Zimmer. Ich habe die Vermieterin nie wiedergesehen. Später habe ich noch oft an sie denken müssen. Was sie wohl gedacht haben mag, als sie das Zimmer betrat? Das tat mir leid.

Mehrere Monate lang fuhr ich mit auf dem Schiff, den Rhein rauf und wieder runter. Es war abenteuerlich und langweilig zugleich, aber ich hatte eine kostenlose Unterkunft und Essen genug. A. war Holländer, ein ruhiger, einfach strukturierter Mann, wohl aber sehr rechthaberisch. Er sorgte für mich, wollte als Gegenleistung aber die Koje mit mir teilen. Ich ließ ihn gewähren. In mir war sowieso alles tot.

Der Satz: „Augen zu und durch“, wurde zu meinem Lebensmotto. Für mein Überleben bezahlte ich einen hohen Preis!

Irgendwann hatte A. genug von mir. Mit voll bepackten Reisetaschen ließ er mich im dicksten Winter von einem Lotsenboot in Kaub an Land setzen. Ich sollte bei seinem Großvater auf ihn warten. Der war schon äußerst senil. Alles ließ er unter sich gehen. Ich putzte es angewidert weg und wartete…tagelang, wochenlang. A. blieb auf dem Schiff. Niemand wusste, wann er wiederkommen würde.

In meiner Verzweiflung rief ich meine Mutter an.
„Komm nach Hause!“, bat sie mich. „Hier bei uns ist dein Zuhause!“
Ich wunderte mich über ihre Gefühlsregung. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ein halbes Jahr war inzwischen vergangen. Ich verließ Kaub und fuhr mit der Bahn in Richtung Heimat. Als ich dort ankam und mein Elternhaus betrat, war alles beim Alten.

Meine Mutter machte sich lustig über mich.
„Es geht eine Träne auf Reisen!“, sang sie jedes Mal mit, sobald das Lied von „Adamo“ im Radio gespielt wurde und blickte dann augenzwinkernd zu mir. Mit „Träne“ meinte sie mich. WDR4 dudelte von früh bis spät in der Küche. Der Schlager wurde oft gespielt. Sie fand das lustig… ich sehr verletzend.

Mein Vater grinste, als er mich nach meiner Rückkehr wiedersah und sagte ironisch: „Bin ich froh, dass DU wieder da bist!“

Da merkte ich, dass sich im Grunde nichts geändert hatte. Meine Eltern hatten mich mit der Interpol suchen lassen. Mussten sie ja! Ich war oft über die Grenze gefahren, aber die Polizei hatte mich nicht gefunden. A. hatte sich strafbar gemacht, weil er mich minderjährig mit an Bord des Schiffes genommen hatte. Mein Vater bestand darauf, ihn anzuzeigen. Schließlich wurde ein Kompromiss gefunden. Er wollte auf die Anzeige verzichten, wenn wir zusammenbleiben würden.
A. mietete sich ein Zimmer, und wir trafen uns dort. Einmal kam ich mit dem Bus aus der Stadt und bemerkte, wie jemand von der Haltestelle aus hinter mir herlief. Ich hörte seine Schritte und drehte mich um. Es war ein jüngerer Mann, den ich nicht kannte. Wenn ich schneller ging, ging auch er schneller. Kurz vor meinem Elternhaus holte er mich ein und stand mit offener Hose und erigiertem Glied vor mir.
„Fass ihn nur einmal an!“, forderte er gierig, doch in meiner Panik riss ich mich los und lief weg. Doch er war schneller als ich. Zwei Häuser vor der elterlichen Wohnung warf er mich gegen die Stahltüre der nachbarlichen Garage. Diese sprang auf und schlug mit lautem Knall gegen die Wand. Der Kerl stieß mich wie von Sinnen zu Boden und stürzte sich auf mich. Ich landete mit dem Kopf auf der Stoßstange des Autos. Er saß über mich gebeugt und zerriss mir die Bluse, als der Nachbar erschien und irgendeine blöde Bemerkung machte, weil er die Situation nicht erfassen konnte. Der Übeltäter sprang auf und verschwand.

Ich rannte nach Hause und meine Eltern reagierten mit Kopfschütteln, taten aber nichts. Ich verkroch mich in mein Zimmer und heulte.
Das war nicht das letzte Mal, dass mir so etwas passierte. Meine Ausstrahlung auf Männer muss wohl sehr erotisch gewirkt haben. Ich war mir dessen nicht bewusst. Einmal stand ein Mann onanierend an der Bushaltestelle, als ich zur Arbeit fuhr; ein anderer Kerl verfolgte mich später mit derselben Handlung durch den Hauptbahnhof. Hier muss ich anmerken: Es waren jedes Mal deutsche Männer.
A. und ich, wir fügten uns den Forderungen meines Vaters, obwohl kein Gefühl zwischen uns war, nur dieses Muss. Schließlich heirateten wir im September 1972, allein, mit zwei Trauzeugen, die ich nicht mal kannte. Ich war froh, das Haus meiner Kindheit verlassen zu können. Darauf lag kein Segen.

Fortsetzung folgt…

Kleiner Rückblick – Erwachsen werden

Fortsetzung Teil 7

14 Jahre – 1967

Ich wuchs heran und der Zeitgeist änderte sich. Anfang der 50er Jahre besann man sich demütig auf die Dinge, die der Krieg erhalten hatte. Der Nachwuchs der „Ich bin doch nur lieb Gesellschaft“ der 60er Jahre begehrte mit einem Mal auf. Mit einem Teenager dieser Generation kamen meine Eltern nicht zurecht. Sie forderten absoluten Gehorsam, solange ich in ihrem Hause wohnte. Man duldete keine Widerworte, gleich einem militärischen Drill, wodurch jedes selbstständig werden unterbunden wurde.
Mehr oder weniger schweigend wurde ich groß. Mit den Eltern konnte ich nicht reden. Da waren respektvolle, nein, angstvolle, aber keine freundschaftlichen Bande. Bei Tisch unterhielten sich die Erwachsenen. Wir Kinder hatten zu schweigen und wussten überhaupt nicht wozu wir da waren.
Als ich mit zwölf Jahren wieder einmal mit den Eltern in der Rhön war, bekam ich von einem Jungen namens Erwin ein erstes Küsschen. Sehr beschämend war das, zumal meine Freundinnen am Fenster lästerten und kicherten. Aber es war nur ein Küsschen, kein Kuss. Jahre später erfuhr ich, dass dieser Mann zu einem Dorf bekannten Säufer geworden war. Mit 15 Jahren war ich dann ein letztes Mal dort, an diesem, für mich, paradiesischen Ort. Dort gab es zwar viel Arbeit, aber die Tiere und Menschen dort gaben mir Entschädigung für vieles.

Da meinem Vater Frauen mit langen Haaren nicht gefielen, „befahl“ er mir zum wiederholten Male einen Kurzhaarschnitt. Folglich ließ ich mir die Haare streichholzkurz schneiden, wie Julie Driscoll, die ich damals sehr verehrte.

Meinen Freundinnen wuchs ein Busen, mir nicht, und ich füllte meinen ersten Büstenhalter mit Tempo Taschentüchern, um beim Sportunterricht nicht unangenehm aufzufallen. Aber das tat ich ohnehin, weil ich total unsportlich war. Auf unserer Straße spielte man Völkerball, und ich landete immer in der Mitte, obwohl ich eine Riesenangst vor dem Ball hatte.

Mit einer Schulfreundin Monika hatte ich in einem stillen Winkel des Gartens Zungenküsse geübt. Wir erkundeten unsere veränderten Körper, und ich wartete darauf, dass sich, wie bei allen anderen auch, die Monatsblutung einstellte.
Mit vierzehn Jahren verließ ich nach meiner Konfirmation die Volksschule nach der 9. Klasse. Dieses Jahr Verlängerung war gerade erst eingeführt worden. Ich konnte lesen, schreiben und rechnen. Fürs Leben und eine Lehre musste das reichen. Naturkunde erhielten wir anschaulich in den Grüngürteln der Stadt. Als Abschlussfahrt, ab dem Bahnhof in Homberg, wählte unser Rektor Wolf, Bad Münstereifel.
Zusätzlich bekamen wir Mädchen Kochen, Nadelkunde und Hauswirtschaft beigebracht. Damals stand man noch auf dem Standpunkt: Eine Frau wird sowie verheiratet und braucht später nicht zu arbeiten. Dafür hatte sie Kinder zu kriegen und den Haushalt zu führen. Der Mann bezahlte den Unterhalt. Wer das Geld hat, hat auch das Sagen. Eine Frau galt als Besitz des Mannes. Haushaltsgeld wurde zugeteilt. Meine Mutter fuhr zweimal im Jahr nach Duisburg ins Zentrum, um uns neue Anziehsachen zu kaufen. Das war etwas ganz Besonderes. Dann gab es nämlich Blockschokolade mit ganzen Nüssen von Karstadt. Eine außergewöhnliche Leckerei!

Wie alle Mädchen in der Pubertät sprach ich mit den Freundinnen auch über die männliche Anatomie, die uns belustigte, aber auch in Furcht versetzte. Ich hatte meine Ängste vor dem ersten Mal in mein Tagebuch geschrieben. Meine Mutter las es, denn es gab bei uns keine Dinge, die ich verheimlichen konnte. Sie machte sich lustig über das, was ich schrieb. Ich war schockiert und schämte mich entsetzlich. Zur Aufklärung bekam ich die Zeitschrift „Constanze“ hingelegt, in der die Unterschiede zwischen Mann und Frau und auch die Folgen des Beischlafes erklärt wurden. Auch den ersten nackten Busen sah ich in dieser Illustrierten. Der erste Bikini wurde abgelichtet. Das war besonders für meine Großeltern eine Sittenlosigkeit, die ihresgleichen suchte. Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter, wenn es Kuss-Szenen in einem Fernsehfilm gab, Schnalzgeräusche von sich gab, die mit einem Kopfschütteln verbunden waren. Dies war für mich peinlicher, als die Filmszenen selbst.

Meine Freundin S. hatte ich über meine Schulfreundin kennen gelernt. Sie wohnten nah beieinander. Wir waren damals beide 13/14 Jahre alt gewesen. Sie stammte aus einem „guten Stall“. Ihr Vater war Geschäftsführer der großen Kaufhauskette in Duisburg gewesen, bei der meine Mutter die Blockschokolade kaufte. S.s Mutter, damals Laufstegmodell für Unterwäsche, hatte 15-jährig den damals dreißig Jahre älteren Mann heiraten müssen, weil sie von ihm mit S. schwanger war. Ihre Muss-Ehe war finanziell gut abgesichert, aber unglücklich. Deshalb flüchtete die Mutter in die Religion.

S. hatte noch drei Schwestern, die mit ihr im Glauben der Zeugen Jehovas erzogen wurden. Ich nahm manchmal an den Bibelstunden teil und reiste mit zu den Kongressen. Aber ich erfasste das alles nur oberflächlich und gezwungenermaßen, damit S. mit mir ausgehen durfte.

Obwohl sie nicht die ‚hellste Kerze auf der Torte‘ war, war sie eine Art Vorbild. Sie war immer nach der neuesten Mode gekleidet und schminkte sich nach den aktuellen Ratschlägen der „Bravo“. Ich folgte ihrem Beispiel, womit ich bei meinem Vater auf derben Widerstand stieß. Alles, was ich mir an Kosmetik zu-legte, wanderte umgehend in den Mülleimer. Also schminkte ich mich heimlich mit Lidstrich und Wimperntusche, begann zusammen mit S. das Rauchen und toupierte mir die Haare, wenn er es nicht sah. Die ersten Minikleidchen gab es erst nach heftigem Kampf. Meine Mutter nähte sie mir. Später tat sie das auch für meine Freundin, damit wir dieselben Sachen tragen konnten. An meinem 15. Geburtstag erlaubte mein Vater mir offiziell das Rauchen.

Ich bekam nur ein kleines Taschengeld. S. und ich versuchten zum Tanzen ins Gemeindehaus zu gehen, was allerdings verboten war. Dort spielte jeden Freitag die Band „The Roadrunners“. Wir wussten, dass dort regelmäßig von der Polizei Razzien durchgeführt wurden.

„Ich habe den Ausweis vergessen“, war eine beliebte Ausrede, die keiner der Polizisten mehr hören wollte. Die Erwischten wurden mit zur Wache genommen, von wo sie die Eltern abholen mussten. Mein Vater hätte mich totgeschlagen! Das war viel zu gefährlich, und weil ich bereits um 20 Uhr zu Hause sein musste, lohnte es sich nicht, das Risiko einzugehen.

Wenig später kamen die ersten Diskotheken in Mode, die man „Beatschuppen“ nannte und italienische Eisdielen und Milchbars. Wir trafen uns regelmäßig dort und lernten auch junge Männer kennen. Ich wollte dazu gehören, obwohl ich sehr schüchtern und albern war. Es wurden Partys gefeiert, wo getanzt und geknutscht…manchmal ein bisschen „gefummelt“ wurde – mehr aber nicht.

S. hatte die Erlaubnis ihrer Eltern. Die Mutter holte uns dort sogar ab und brachte mich nach Hause. Schon an der Haustüre schlug mein Vater zu. Er prügelte mich blau und grün, weil ich auf einer Party gewesen war. Meine Eltern wussten gar nicht, was eine Party war. Für meinen Vater war es eine Bar, in der ich mich rumgetrieben hatte. Im Beatkeller war nichts Schlimmes passiert, aber er glaubte mir nicht, obwohl mir S. Mutter beistand.

Mit 14 Jahren machten wir einen Campingurlaub auf einem Zeltplatz an der Thülsfelder Talsperre bei Cloppenburg. Meine Eltern erlaubten, dass S. mitfahren durfte. Auf dem Zeltplatz bekamen wir sofort Kontakt…auch zu jungen Männern in unserem Alter. Wir übernachteten in einem separaten Zelt, und da es uns nicht erlaubt war, abends in einem Lokal am See zum Tanz zu gehen, schlichen S. und ich heimlich fort, wenn meine Eltern schon schliefen. Das funktionierte immer, bis auf ein Mal. Es kam ein heftiges Gewitter auf und meine Eltern erwachten in der Nacht. Als sie merkten, dass wir nicht im Zelt waren, warteten sie im Auto auf uns.

Irgendwann des Nachts kehrten wir zurück und das Geschrei war groß. Der Jähzorn meines Vaters auch. S. bekam von ihm eine Ohrfeige, und ich einen Tritt in den Hintern. Am nächsten Tag brachen wir die Zelte ab und fuhren postwendend nach Hause. S. und mir wurde ein Kontaktverbot auferlegt, und ich erhielt zwei Jahre lang Hausarrest. Das war schlimmer, als in einer Haftanstalt. Mein Vater redete kein einziges Wort mehr mit mir. Noch weniger als sonst. Wenn ich in seine Augen schaute, sah ich den blanken Hass darin. Es war ganz furchtbar für mich.

Nach der Volksschule musste ich eine private Handelsschule in Duisburg besuchen. Ich mochte diese Unterrichtsfächer überhaupt nicht: Schreibmaschine, Steno, Englisch und BWL. Meinen Berufswunsch durfte ich nicht ausüben.
In dieser Zeit trafen meine Eltern für mich die Berufswahl. Ein Besuch des Gymnasiums kam für mich nicht in Betracht, weil ich ein Mädchen war, und weil mein Vater meinte, dass ich aus einer Arbeiterfamilie stammend, dort nichts zu suchen hätte.
„Die heiratet doch sowieso irgendwann!“, war sein Argument. Da wäre ein höherer Bildungsweg rausgeworfenes Geld gewesen. Für ihn kamen nur zwei Berufe für mich in Frage: Sekretärin oder Krankenschwester. Beides wollte ich nicht. Mein Wunsch, vielleicht Tierpflegerin im Zoo zu werden, wurde niedergeschmettert und an ein Kunststudium war wegen des fehlenden Abiturs gar nicht erst zu denken. Schon als Kind hatte ich gerne gezeichnet und wäre damals sehr daran interessiert gewesen, diese Kenntnisse zu vertiefen.
Ich wollte nicht zur Handelsschule gehen und danach eine Lehre machen. Nichts interessierte mich weniger als das.

Aber mit meinen Eltern war darüber nicht zu reden. Ich glaube heute, dass sie alles daransetzten, mich aus dem Haus zu ekeln, denn sie wollten aus meinem Zimmer ein Badezimmer bauen.
„Solange du die Füße unter MEINEN Tisch stellst, hast du zu tun, was ICH dir sage!“, war das Gegenargument meines Vaters. Er war ein Despot und duldete keine Widerrede! Also fuhr ich fortan täglich mit dem Bus ins Zentrum der Stadt und ging auf die Handelsschule, in der Nähe des Theaters. Obwohl wir immer noch Kontaktverbot hatten, sah ich S. jeden Tag im Bus, weil sie auf das dortige ‚Bretter-Gymnasium‘ gehen musste, weil ihr Vater das aus Prestigegründen so wollte.

Dann kam das Erwachsenwerden plötzlicher als gedacht. Ich suchte mir Freiräume, so oft ich konnte. Ich schwänzte die Schule so oft es ging. Nahestehende Menschen gab es kaum. Da war niemand, dem ich mein Leid hätte klagen können, als ich mit Fünfzehn meine Unschuld durch eine Vergewaltigung verlor.

Meine Eltern hatten mir Geld gegeben, und ich sollte davon im Nachbarort Moers etwas für sie einkaufen. Vorher ging ich in das Café Roos und traf dort eine Clique Jugendlicher, die mir flüchtig bekannt waren. Einer dieser Parka tragenden Männer – er hatte einen Irokesenschnitt – stahl mir das Geld und versprach, es mir wieder zu geben, wenn ich mit ihm zu seinen Eltern fahren würde. Ich war naiv genug, ihm das zu glauben und fuhr mit dem Bus einige Haltestellen weiter, wo angeblich die Eltern wohnten.

An den Kohlehalden im dortigen Zechengelände hat er sich an mir vergangen, obwohl ich meine Periode hatte. Aus Angst ließ ich es über mich ergehen. Was hätte ich auch tun sollen? Augen zu und durch! Ich hatte keine Chance, konnte nicht weglaufen. Der Mann war doch viel stärker als ich, und auf Seiten der Männer standen immer Macht und Recht. Das Geld sah ich nicht wieder, und zu Hause gab es obendrein noch Prügel, weil mein Vater mir vorwarf, ich hätte es für mich ausgegeben. Der Mann suchte mich heim und bedrohte mich. Meinem Vater wollte er erzählen, was ich für eine war. Er verging sich mehrfach an mir, obwohl ich Schmerzen hatte und manchmal kaum sitzen konnte. Aber ich schwieg.

In dieser Zeit kam mein Opa ins Krankenhaus. Ich erinnere mich noch genau an seine Worte, als er zum letzten Mal die Türe zum Flur durchschritt.
„Ich komme nicht wieder!“, hatte er mit traurigen Augen gesagt, doch ich verstand nicht den tiefen Sinn seiner Worte. Für mich war er Bestandteil des Hauses und immer da. Dann lag er im Krankenhaus und man stellte bei ihm Krebs im fortgeschrittenen Stadium fest. Ob es am Magen oder im Bauchraum war, weiß ich nicht mehr. Mit uns Kindern sprach man nicht darüber. Nachdem die Diagnose gestellt worden war, ging es ganz schnell. Oma drängte noch, ich sollte ins Krankenhaus gehen, um Opa zu besuchen. Ich ging. Er wirkte erleichtert, als ich das kleine, dunkle Zimmer betrat, in dem er lag.
„Endlich bist Du gekommen!“, hatte er mit zitternder Stimme gesagt. „Es wurde auch Zeit!“

Es war das letzte Mal, dass ich Opa lebendig gesehen habe. Kurz darauf fiel er ins Koma und wachte nicht mehr auf. Dann musste ich mit in die Leichenhalle des Parkfriedhofes. Dort lag er im offenen Sarg und Oma kämmte ihm das Haar. Mich gruselte. Es war kalt, und ich wollte niemals dort aufgebahrt liegen. Als man den Sarg in die Erde hinabließ, war es ganz furchtbar. Hier würde nun sein Körper verrotten. Aber es gibt doch vier Elemente, denen man sich zurückgeben kann. Feuer war mir lieber…wärmer. Tod war unvorstellbar. Nichts mehr fühlen ebenfalls. Vielleicht war ich damals zu jung gewesen und zu sehr mit mir selbst beschäftigt!?

Mein Bruder und ich machten nach der Beerdigung einen großen Bogen um das Schlafzimmer unserer Großeltern, weil wir uns fürchteten und glaubten, Opas Geist müsse noch immer dort sein, obwohl er im Krankenhaus gestorben war. Nach der Beerdigung habe ich noch oft von verwesten Leichen geträumt. Obwohl Opa nicht schlimm ausgesehen hatte, als er tot da lag, hätte ich ihn lieber lebendig in Erinnerung behalten.

Kurz darauf wurde eine Mandeloperation bei mir notwendig, und ein Arzt verletzte mich dabei so sehr in der Mundhöhle, dass ich wochenlang mit übelsten Entzündungen zu kämpfen hatte. Als ich dann noch auf der Krankenhaus-Toilette eine tote Frau vorfand, die zusammen mit mir operiert worden war, war das die zweite Leiche in Folge, die ich zu Gesicht bekam. Mein männlicher Peiniger hatte mir damals ein Stofftier ins Krankenhaus gebracht und verschwand für immer. Gott sei Dank!

15 Jahre alt

Ein Jahr lang überwand ich mich und ging zur Handelsschule, danach schwänzte ich mehr und mehr den Unterricht, und die Noten wurden immer schlechter. Dort hinzugehen war eine Qual für mich, und ich schrieb die Entschuldigungen selbst – bis meine Mutter es schließlich entdeckte. Wieder gab es Prügel und böse Worte. Vater drohte mit Kinderheim. Wie gerne wäre ich damals dorthin gegangen.

Der Zustand zu Hause wurde mir unerträglich. Zum ersten Mal schrieb ich mir meinen Frust von der Seele, doch die Seiten wurden von meiner Mutter gefunden und landeten im Herdfeuer.

Ich wollte nur weg – egal wohin! Eines Tages – es war mitten im Winter, stellte ich mich an die nächste Autobahnauffahrt und fuhr per Anhalter nach Bielefeld. Dort kannte ich keine Menschenseele, aber ich bildete mir ein, irgendjemandem zu begegnen, der mich mitnehmen und erlösen würde.

Ich lief und lief kilometerweit von der Autobahnabfahrt bis zur Innenstadt, und es wurde immer kälter. Frierend und hungrig verkroch ich mich spät abends in den Kellereingang eines Schulgebäudes, doch ich konnte zum Glück nicht einschlafen. Es waren mehrere Grad Minus und der Boden war gefroren. In meiner Not lief ich zu einem Imbiss, der noch geöffnet hatte und bat die Inhaber, die Polizei zu holen. Der Streifenwagen kam sofort und man nahm mich mit zur Wache. Dort gab man mir etwas zu trinken, und man informierte meinen Vater telefonisch über meinen Aufenthaltsort. Er musste mich mitten in der Nacht abholen, und ich hatte Angst, als er mit hochrotem Kopf, zusammen mit seinem Freund, die Wache betrat. Die Rückfahrt nach Hause war eine Tortur, die ich hinten auf der Rückbank des Autos überstehen musste. Dieses Ereignis verschärfte alsdann meine häusliche „Haft“.

Wegen des Hausarrestes schaffte ich mir Freiräume, wann immer ich es konnte. Ich ging fast gar nicht mehr zur Schule und trampte oft den ganzen Tag umher. Irgendwo musste ich ja den Tag verbringen! Neben dem großen Kaufhaus in der Innenstadt gab es das Bistro „Expresso“, in dem ich mich häufig mit Schulkollegen aufhielt. Wenn ich blau machte, waren sie nicht da, sondern in der Schule. Eines Morgens traf ich dort auf drei Pärchen, die ich nicht kannte. Sie konnten wunderbar Rock and Roll tanzen. Es war wie in einem amerikanischen Film. Wir saßen zusammen und sie fragten mich, ob ich nicht mit in die Nachbarstadt fahren wollte. Ich hatte, trotz des völlig überladenen Wagens, keine Bedenken, und da ich sowieso den Tag herumkriegen musste, fuhr ich mit. Am Zielort angekommen, ließen sie zu meiner Verwunderung die Frauen aus dem Auto und fuhren mit mir in den Wald. Meine Angst kann sich wohl jeder vorstellen, zumal ich die erste Vergewaltigung noch gut in Erinnerung hatte.
Einer der drei Männer zückte sein Messer und befahl mir, ich solle meinen Mantel auf die Erde legen und mich darauf. Dann vergewaltigte er mich…er versuchte es zumindest. Ich leistete aus Angst keinen Widerstand, aber es tat weh, weil ich mich verkrampfte. Die beiden anderen schauten zunächst zu, dann aber weg und hatten wohl keine Lust mehr. Weil es nicht so funktionierte, wie er es sich vorgestellt hatte, ließ der Mann wütend schreiend von mir ab und onanierte auf meinen neuen Fishgrat-Mantel. Ich hatte Angst, er würde mich töten, doch dann ließen die Männer mich im Wald zurück und fuhren weg.

Ich wusste weder wo ich war, noch wie ich nach Hause kommen sollte. In meiner Not stellte ich mich an die nächste Straße, und ein älterer Herr hielt an. Er merkte gleich, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte. Deshalb brachte er mich bis nach Hause. Das war Glück im Unglück. Ich konnte mich, wie bei der ersten Vergewaltigung, niemandem anvertrauen. In mir war alles tot!

Meine Mutter sah nur den beschmutzten Mantel und die zerrissenen Strumpfhosen. Sie schimpfte darüber und stellte keine Fragen. Ich weiß noch genau, was ich damals trug: Einen schwarzen Kittelrock mit Kellerfalte, eine weiße Gardinenbluse und Plateauschuhe.

Die nächste Periode blieb aus und weil meine Mutter annahm, dass ich schwanger sei, wurde ich in ein heißes Bad gesteckt und musste zwei Liter heißen Rotwein trinken. Danach jagte sie mich mit dem Fahrrad bergauf und bergab, bis sich irgendwann eine Blutung einstellte. Nein, sie wollte nicht wissen, wer mich geschwängert hatte und ob es überhaupt so war. Es gab damals keinen Schwangerschaftstest. In ihren Augen war ich schlecht und selbst daran schuld, und mein Vater hielt mich sowieso für schwer erziehbar, weil ich meinen Eltern immer fremder wurde.

Eine neue Zeit hatte mit den 60er Jahren begonnen, die eine Scheinfreiheit brachte, mit der die Gesellschaft gar nicht umgehen konnte, und ich saß zwischen den Stühlen, weil ich erwachsen wurde und dazugehören wollte. Ein aufmüpfiges Kind.

Nach den beiden Vergewaltigungen war mein vorher sowie schon „angekratztes“ Selbstwertgefühl unter den Nullpunkt gesunken. Was war ich den Männern wert? Wie hoch war mein Selbstwertgefühl? Was strahlte ich aus, dass man mir immer wieder Gewalt antat? Warum benutzte man ausgerechnet MICH? In meinem Kopf reifte die Überzeugung heran, dass Männer Frauen benutzen…und dass diese sich benutzen lassen müssten, weil ihnen die Männer körperlich überlegen sind oder aus finanzieller Abhängigkeit. Später übertrug ich diese Überzeugung nicht nur auf Männer, sondern auch auf die Menschen. Mich benutzte man, und ich ließ es zu, um anerkannt und geliebt zu werden.

Ich erkämpfte mir damals jeden kleinen Freiraum. Heimlich traf ich mich mit S. und schlich mich nachts aus meinem Zimmer. Mein Bruder sollte das Fenster offen lassen, damit ich jederzeit ins Haus zurückkehren konnte. Doch als ich wiederkam, war es geschlossen. S. Mutter hatte meine Eltern angerufen und ihnen erzählt, dass ich nicht in meinem Bett liegen würde. Total panisch hatte ich mich daraufhin in der Werkstatt eingeschlossen. Als mein Vater vor mir stand, gab es Ohrfeigen.

Schließlich kam ein blauer Brief von der Schule ins Haus. Darin stand, dass meine Versetzung gefährdet sei und man riet meinen Eltern dazu, mich abzumelden, was auch geschah. Eine Lehrstelle als Groß- und Außenhandelskaufmann wurde im Nachbarort gefunden, doch die Stimmung zu Hause war auf den Nullpunkt gesunken.
Wenn ich meinem Vater in dieser miesen Laune morgens über den Weg lief, schrie er mich an: „Mach’ nicht solch eine Fresse, sonst schlag’ ich dir eine rein!“
Ich, als sein Spiegelbild, mochte ihm in diesen Momenten wenig Freude bereitet haben.

Im Großen und Ganzen gefiel mir die Lehre besser als die Schule. Mein damaliger Firmenchef war ein umgänglicher Mann, ebenso der Geschäftsführer. Sie erkannten mein Problem, denn ich kam häufig mit blauen Flecken am Körper und um die Augen ins Büro. Bei meinem Vater löste bereits ein falsches Wort oder ein falscher Blick von mir eine Ohrfeige aus. Ich hatte Angst, mit ihm an einem Tisch zu sitzen. Er schlug zu, wenn ich es am Wenigsten erwartete. Wir konnten unsere Gegenwart nicht mehr ertragen.
Damit ich meine Lehre fertig machen konnte, bot mein Chef meinen Eltern an, dass ich in einer Einliegerwohnung bei ihm und seiner Frau wohnen könnte, bis ich den Abschluss gemacht hatte. Mein Vater lehnte das ab, weil er die Kontrolle über mich behalten wollte.

Drei Jahre galt es so zu überstehen. Zu Hause wurde es nicht besser. Ich war nicht geliebt, nur geduldet und das auch nur bedingt, solange ich tat, was meine Eltern von mir erwarteten.

Eine Zeit lang war es einigermaßen erträglich. Ein Jugendlicher aus der Nachbarschaft erzählte mir im Freibad, dass es bei ihm zu Hause nicht mehr auszuhalten sei. Er wollte weglaufen und bat mich, mitzukommen. Als ich ihm das versprach, dachte ich, dass er das sowieso nicht tun würde. Aber er tat es zu meiner Verwunderung doch. Eines Tages, es war gerade einigermaßen erträglich zu Hause, sagte er mir, dass es soweit wäre. Obwohl ich mit diesem Jungen eigentlich nichts zu tun hatte, glaubte ich, mein Versprechen einlösen zu müssen. Mit wenigen Sachen ging ich angeblich zum Schwimmen und kehrte nicht nach Hause zurück.

Vierzehn Tage lang „gammelten“ wir durch die Stadt, übernachteten im Park und wuschen dort im Brunnen unsere Sachen aus. Brötchen und Milch stahlen wir in aller Herrgottsfrühe vor den Haustüren fremder Leute. Ich versuchte, meine Uhr und Schmuck zu verkaufen. Irgendwann saßen wir auf der Straße auf einem Wiesenstück und bemerkten, dass ein Auto immer wieder an uns vorüberfuhr, bis es schließlich anhielt. Der Fahrer sah aus wie ein Italiener. Er sprach uns mit gebrochenem Deutsch an und fragte uns, ob wir Arbeit suchen würden. Dann nahm er uns mit.

Der junge Mann, den ich begleitet hatte, verschwand am nächsten Tag spurlos. Ich blieb allein zurück. Fortan wohnte ich bei der angeblichen Schwester des vermeintlichen Italieners, der sich später als Türke entpuppte. Türken waren mir unbekannt. Die Schwester war seine Frau, die er immer wieder ganz furchtbar zusammenschlug, weil sie sich zu emanzipieren versuchte. Einmal stürzte sie dabei von oben die Treppe hinunter. Ich dachte, sie sei tot.

Dieser Türke besorgte mir einen Job in einer Schnellreinigung in der Nachbarstadt. Das ging damals noch ohne Steuerkarte. Nun hatte ich wenigstens ein wenig Geld. Aber er verlangte auch einen „Lohn“ dafür. Als ich mich in seinem Auto zu weigern versuchte, öffnete er das Handschuhfach und zeigte mir ein Messer, das dort lag. Wieder hieß es für mich: „Augen zu und durch!“ Nach Hause zurückkehren, das konnte ich nicht. Die Angst vor meinem Vater war zu groß. Was hätte ich tun sollen?

Nur ein paar Tage blieb ich bei diesem Menschen und seiner Frau. Irgendwann kam ich von der Arbeit zurück und meine Eltern saßen im Wohnzimmer. Bis heute weiß ich nicht, wie sie meinen Aufenthaltsort herausbekommen konnten. Aber ich war froh…und irgendwie doch nicht.

Der Türke lauerte danach noch ständig auf unserer Straße nach mir und versuchte mich an meiner Lehrstelle abzufangen. Einige Wochen später legte mir meine Mutter ganz aufgeregt die Tageszeitung vor die Nase. Dort stand geschrieben, dass der Türke aus dem Auto heraus einen anderen Mann aus Eifersucht erschossen hatte. Dafür verurteilte man ihn zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

Zwei Mal in der Woche ging ich in die Disco. Mehr konnte ich mir von meinem Taschengeld nicht leisten, denn ich musste mein Lehrgeld komplett zu Hause abgeben. 7,50 DM mussten für die Woche reichen und Zigaretten waren teuer. Mehr gab es nicht, nur ab und zu erhielt ich von meinem Vater ein paar Zigaretten aus seiner Schachtel. Da er selbst rauchte, hatte er dagegen keine Einwände. Mit 15 Jahren durfte ich bereits zu Hause rauchen.

Das Geld reichte nicht aus, um im Sommer ins Freibad zu gehen, und da ich schon jahrelang Mitglied des Schwimmvereines war, konnte ich schlecht fehlen. Als meine Oma für zwei Wochen an die Mosel reiste, fand ich in ihrem Wohnzimmerschrank eine Porzellandose, die bis zum Rand mit Fünfmarkstücken gefüllt war. Ich konnte nicht widerstehen und nahm mir täglich ein Stück heraus. Als sie wiederkam, war die Dose fast leer. Es gab mächtigen Ärger deswegen aber Oma verzieh mir.

Im selben Jahr fand ich in der Badeanstalt die Jahreskarte eines mir unbekannten Mädchens, das etwa im gleichen Alter war wie ich. Erst wollte ich die Karte abgeben, doch dann entschloss ich mich, sie zu fälschen. Ich klebte eines meiner Fotos ein und änderte den Namen. Nur hatte ich nicht bedacht, dass die Nummer des Ausweises registriert war. Irgendwann fiel es auf, und ich musste zur Polizei und zum Jugendamt.

Genau in diesem Jahr im Sommer verliebte ich mich zum ersten Mal in einen Jungen namens Hansi und verlor ihn nach nur zwei Wochen wieder an ein anderes Mädchen, das ebenfalls im Verein war. Erst später erfuhr ich, was mir dadurch erspart geblieben war. Hansi starb mit neunzehn Jahren an Leukämie.
Mein Liebeskummer verschwand damals sehr schnell wieder, als ich Dietmar im Freibad kennenlernte. Wir trafen uns oft und „gingen“ schließlich miteinander, was nicht mehr war, als irgendwo heimlich herumzuknutschen. Auch diese Episode war nicht langlebig. Immerhin „ging“ ich zwei Mal mit ihm.

Mit 17 Jahren bekam ich endlich einen eigenen Hausschlüssel und durfte bestimmen, wann ich nach Hause kommen wollte. Vor Mitternacht sollte dies jedoch geschehen sein. Ich hielt mich an die Vereinbarung mit meinen Eltern, spätestens um Mitternacht zu Hause zu sein, doch einmal wurde es später, weil ich auf einer Party mit etwas Alkohol im Blut eingeschlafen war, und ich vergaß ausgerechnet in dieser Nacht meinen Schlüssel. Ich musste meine Mutter aus dem Bett schellen, und sie fragte natürlich reichlich sauer, wo ich gewesen sei.
„Ich war auf einer Party“, gestand ich ihr fast panisch, doch sie meinte, ich sei in einer Bar gewesen.

Als mein Vater mich am Frühstückstisch zur Rede stellte und mich wegen dieses Missverständnisses blutig schlug und mir das Nasenbein anbrach, war meine Mutter wie immer wortlos daneben gestanden und hatte es geschehen lassen. Mein grünes Strickkleid konnte ich wegwerfen, die Tagesdecke von meinem Bett ebenfalls. Alles war voller Blut, und er hörte nicht auf, auf mich einzuprügeln. Es machte ihn noch wütender, als ich mich zu lange im Bad aufhielt und nicht schnell genug an den Frühstückstisch zurückkehren konnte. Da kam er ins Bad und zog mich an den Haaren in die Küche zurück.
„Beim nächsten Mal nehme ich eine Axt, und wenn ich dafür in den Knast gehe!“, drohte er mir mit hasserfülltem Gesicht.

Das nächste Mal wollte ich nicht abwarten! Ich wartete auf eine Gelegenheit und flüchtete aus dem Haus.

Fortsetzung folgt…