Die Kindsmörderin

Die Kindsmörderin – Gabriel Cornelius Ritter von Max (1840–1915)

Von Friedrich Schiller
Die Schreibweise folgt nicht der Schreibweise des Originals

In diesem Gedicht nimmt Schiller Partei gegen den Erzeuger des Kindes,
der die geächtete Mutter nach dem Beischlaf alleine ließ.

Horch – die Glocken weinen dumpf zusammen,
Und der Zeiger hat vollbracht den Lauf,
Nun, so sei’s denn! – Nun, in Gottes Namen!
Grabgefährten brecht zum Richtplatz auf.

Nimm o Welt die letzten Abschiedsküsse,
Diese Tränen nimm o Welt noch hin.
Deine Gifte – o sie schmeckten süße! –
Wir sind quitt du Herzvergifterin.

Fahret wohl ihr Freuden dieser Sonne
Gegen schwarzen Moder umgetauscht!
Fahre wohl du Rosenzeit voll Wonne,
Die so oft das Mädchen lustberauscht;

Fahret wohl ihr goldgewebten Träume,
Paradieseskinder Fantasie’n! –
Weh! sie starben schon im Morgenkeime,
Ewig nimmer an das Licht zu blühn.

Schön geschmückt mit rosenroten Schleifen
Deckte mich der Unschuld Schwanenkleid,
In der blonden Locken loses Schweifen
Waren junge Rosen eingestreut: –

Wehe! – Die Geopferte der Hölle
Schmückt noch jetzt das weiß-lichte Gewand,
Aber ach! – der Rosenschleifen Stelle
Nahm ein schwarzes Totenband.

Weinet um mich, die ihr nie gefallen,
Denen noch der Unschuld Lilien blühn,
Denen zu dem weichen Busenwallen
Heldenstärke die Natur verliehn!

Wehe! menschlich hat dies Herz empfunden! –
Und Empfindung soll mein Richtschwert sein! –
Weh! vom Arm des falschen Manns umwunden
Schlief Louisens Tugend ein.

Ach, vielleicht umflattert eine andre
Mein vergessend dieses Schlangenherz,
Überfließt, wenn ich zum Grabe wandre,
An dem Putztisch in verliebten Scherz?

Spielt vielleicht mit seines Mädchens Locke?
Schlingt den Kuss, den sie entgegenbringt?
Wenn verspritzt auf diesem Todesblocke
Hoch mein Blut vom Rumpfe springt.

Joseph! Joseph! auf entfernten Meilen
Folge dir Louisens Totenchor,
Und des Glockenturmes dumpfes Heulen
Schlage schrecklich mahnend an dein Ohr –

Wenn von eines Mädchens weichem Munde
Dir der Liebe sanft Gelispel quillt,
Bohr es plötzlich eine Höllenwunde
In der Wollust Rosenbild!

Ha, Verräter! Nicht Louisens Schmerzen?
Nicht des Weibes Schande harter Mann?
Nicht das Knäblein unter meinem Herzen?
Nicht was Löw’ und Tiger milden kann?

Seine Segel fliegen stolz vom Lande,
Meine Augen zittern dunkel nach,
Um die Mädchen an der Seine Strande
Winselt er sein falsches Ach! – –

Und das Kindlein – in der Mutter Schoße
Lag es da in süßer, goldner Ruh,
In dem Reiz der jungen Morgenrose
Lachte mir der holde Kleine zu,

Tödlich lieblich sprang aus allen Zügen
Des geliebten Schelmen Konterfei;
Den beklommnen Mutterbusen wiegen
Liebe und – Verräterei.

Weib, wo ist mein Vater?, lallte
Seiner Unschuld stumme Donnersprach,
Weib, wo ist dein Gatte?, hallte
Jeder Winkel meines Herzens nach –

Weh, umsonst wirst Waise du ihn suchen,
Der vielleicht schon andre Kinder herzt,
Wirst der Stunde unsrer Wollust fluchen,
Wenn dich einst der Name Bastard schwärzt.

Deine Mutter – o im Busen Hölle! –
Einsam sitzt sie in dem All der Welt,
Durstet ewig an der Freudenquelle,
Die dein Anblick fürchterlich vergällt,

Ach, in jedem Laut von dir erwachet,
Toter Wonne Qualerinnerung,
Jeder deiner holden Blicke fachet
Die unsterbliche Verzweifelung.

Hölle, Hölle wo ich dich vermisse,
Hölle wo mein Auge dich erblickt,
Eumeniden-Ruten deine Küsse,
Die von seinen Lippen mich entzückt,

Seine Eide donnern aus dem Grabe wieder,
Ewig, ewig würgt sein Meineid fort,
Ewig – hier umstrickte mich die Hyder; –
Und vollendet war der Mord –

Joseph! Joseph! auf entfernte Meilen
Jage dir der grimme Schatten nach,
Mög mit kalten Armen dich ereilen,
Donnre dich aus Wonneträumen wach,

Im Geflimmer sanfter Sterne zucke
Dir des Kindes krasser Sterbeblick,
Es begegne dir im blutgen Schmucke,
Geißle dich vom Paradies zurück.

Seht! da lag es – lag im warmen Blute,
Das noch kurz im Mutterherzen sprang,
Hingemetzelt mit Erinnys Mute,
Wie ein Veilchen unter Sensenklang; – –

Schrecklich pocht schon des Gerichtes Bote,
Schrecklicher mein Herz!
Freudig eilt’ ich in dem kalten Tode
Auszulöschen meinen Flammenschmerz.

Joseph! Gott im Himmel kann verzeihen,
Dir verzeiht die Sünderin.
Meinen Groll will ich der Erde weihen,
Schlage Flamme durch den Holzstoß hin –

Glücklich! Glücklich! Seine Briefe lodern,
Seine Eide frisst ein siegend Feu’r,
Seine Küsse! – wie sie hochan lodern! –
Was auf Erden war mir einst so teu’r?

Trauet nicht den Rosen eurer Jugend,
Trauet, Schwestern, Männerschwüren nie!
Schönheit war die Falle meiner Tugend,
Auf der Richtstatt hier verfluch ich sie! –

Zähren? Zähren in des Würgers Blicken?
Schnell die Binde um mein Angesicht!
Henker kannst du keine Lilie knicken?
Bleicher Henker zittre nicht! – – –

Wikipedia deutet folgendermaßen: „Louise ist sich ihrer Schuld sicher, aber der wahre Mörder ist die Liebe, ein Paradox.“

Das sehe ich anders: Zeitgeist, Begehrlichkeiten und Leidenschaften dieser Welt sind die wahren Mörder. Liebe kann niemals Mörder sein!

Goethe war der Vorfall, den Schiller beschreibt, bekannt. Er arbeitete 1772 als Rechtsanwalt in Frankfurt a. M., seiner Heimatstadt. Susanna Margaretha Brandt wurde wegen Kindesmord 1772 mit dem Schwert hingerichtet. https://www.youtube.com/watch?v=mm5ElyuPkHc

Goethe selbst nahm in „Dichtung und Wahrheit“ zu dem Vorgang nicht Stellung, sondern berichtete lediglich in knapper, distanzierter Form: „Bald setzte ein entdecktes großes Verbrechen, dessen Untersuchung und Bestrafung die Stadt auf viele Wochen in Unruhe.“ Er selbst nahm ihre Geschichte als Vorbild für den „Urfaust“.

Im Falle der im Jahre 1783 hingerichteten Dienstmagd Johanna Catharina Höhn, die ebenfalls ihr Kind getötet hatte, geht die Forschung mittlerweile davon aus, dass Goethe – gegen die Intention des Herzogs Karl August – die Todesstrafe befürwortet hat, die in Weimar vollstreckt wurde.

Das verschleierte Bild zu Sais

Gedicht von Friedrich von Schiller (1759-1805)

Dies ist eines meiner Lieblingsgedichte. Die Wahrheit liegt auf dem Weg des Lebens, der ein fortwährendes Lernen ist. Nur dieses Lernen macht den Menschen erst empfänglich für die Wahrheit. Dazu zählt auch die Selbsterkenntnis. Das Gedicht zeigt, dass ein vorschnelles, verbotenes Handeln zu einem kummervollen Leben führen kann.

Ein Jüngling, den des Wissens heißer Durst
nach Sais in Ägypten trieb, der Priester
geheime Weisheit zu erlernen, hatte
schon manchen Grad mit schnellem Geist durcheilt,
stets riß ihn seine Forschbegierde weiter,
und kaum besänftigte der Hierophant
den ungeduldig Strebenden.
»Was hab ich, wenn ich nicht alles habe?« sprach der Jüngling.

»Gibts etwa hier ein Weniger und Mehr?
Ist deine Wahrheit wie der Sinne Glück
nur eine Summe, die man größer, kleiner
besitzen kann und immer doch besitzt?
Ist sie nicht eine einzge, ungeteilte?
Nimm einen Ton aus einer Harmonie,
nimm eine Farbe aus dem Regenbogen,
und alles, was dir bleibt, ist nichts, solang
das schöne All der Töne fehlt und Farben.«

Indem sie einst so sprachen, standen sie
in einer einsamen Rotonde still,
wo ein verschleiert Bild von Riesengröße
dem Jüngling in die Augen fiel. Verwundert
blickt er den Führer an und spricht: »Was ists,
das hinter diesem Schleier sich verbirgt?«
»Die Wahrheit«, ist die Antwort. – »Wie?« ruft jener,
»Nach Wahrheit streb ich ja allein, und diese
gerade ist es, die man mir verhüllt?«

»Das mache mit der Gottheit aus«, versetzt
der Hierophant. »Kein Sterblicher, sagt sie,
rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
Und wer mit ungeweihter, schuldger Hand
den heiligen, verbotnen früher hebt,
der, spricht die Gottheit« – »Nun?« –
»Der sieht die Wahrheit.«

»Ein seltsamer Orakelspruch! Du selbst,
Du hättest also niemals ihn gehoben?«
»Ich? Wahrlich nicht! Und war auch nie dazu
versucht.« – »Das fass ich nicht. Wenn von der Wahrheit
nur diese dünne Scheidewand mich trennte –«
»Und ein Gesetz«, fällt ihm sein Führer ein.
»Gewichtiger, mein Sohn, als du es meinst,
Ist dieser dünne Flor – für deine Hand
zwar leicht, doch zentnerschwer für dein Gewissen.«

Der Jüngling ging gedankenvoll nach Hause.
Ihm raubt des Wissens brennende Begier
den Schlaf, er wälzt sich glühend auf dem Lager
und rafft sich auf um Mitternacht. Zum Tempel
führt unfreiwillig ihn der scheue Tritt.
Leicht ward es ihm, die Mauer zu ersteigen,
Und mitten in das Innre der Rotonde
trägt ein beherzter Sprung den Wagenden.

Hier steht er nun, und grauenvoll umfängt
den Einsamen die lebenlose Stille,
die nur der Tritte hohler Widerhall
In den geheimen Grüften unterbricht.
Von oben durch der Kuppel Öffnung wirft
Der Mond den bleichen, silberblauen Schein,
und furchtbar wie ein gegenwärtger Gott
erglänzt durch des Gewölbes Finsternisse
In ihrem langen Schleier die Gestalt.

Er tritt hinan mit ungewissem Schritt,
Schon will die freche Hand das Heilige berühren,
Da zuckt es heiß und kühl durch sein Gebein
und stößt ihn weg mit unsichtbarem Arme.
Unglücklicher, was willst du tun? So ruft
in seinem Innern eine treue Stimme.
Versuchen den Allheiligen willst du?
Kein Sterblicher, sprach des Orakels Mund,
rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
Doch setzte nicht derselbe Mund hinzu:
Wer diesen Schleier hebt, soll Wahrheit schauen?
»Sei hinter ihm, was will! Ich heb ihn auf.«
(Er rufts mit lauter Stimm.) »Ich will sie schauen.«

Schauen!
Gellt ihm ein langes Echo spottend nach.
Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt.
Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?
Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,
so fanden ihn am andern Tag die Priester
am Fußgestell der Isis ausgestreckt.
Was er allda gesehen und erfahren,
Hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig
war seines Lebens Heiterkeit dahin,
ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe.

»Weh dem«, dies war sein warnungsvolles Wort,
wenn ungestüme Frager in ihn drangen,
»Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,
Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.«

Erklärung:

  1. Sais: Eine antike Stadt in Ägypten (Unterägypten), am Nil gelegen.
  2. Hierophant: Ein Priester, der heilige Gegenstände zeigt.
  3. Rotonde: Eine Rotunde ist ein Gebäude mit einem kreisrunden Grundriss.
  4. Flor: ein dünner Vorhang aus Seide oder Wolle.
  5. Isis: Ist eine Göttin in der ägypt. Mythologie. Sie war die Göttin der Geburt, der Wiedergeburt und der Magie, aber auch Totengöttin.