Heilige Einsamkeit

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Seele,
befreie dich vom Staub des Lebens,
trage das weißeste Kleid deiner Gedanken,
sei blendende Lichtgestalt der Gegenwart.

Atme Höhenluft,
erhelle die Dunkelheit der Welt,
zerbreche nicht am lauten Stimmengewirr des Zeitgeistes.

Fürchte dich nicht,
wenn der Schmutz des Tages manchmal dein Kleid dunkelt.
Er trübt selbst den klarsten Spiegel.

Flüchte dich in die heilige Einsamkeit,
wo der Wind dich befreit und erweckt,
zu neuer Empfindung und Sehnsucht als Gnade.

Spanne deine Flügel aus
im Aufwärtsstreben zu den ewigen Sphären.
Finde die blaue Blume aller Lebensoffenbarungen
auf dem Berg der letzten Sicht.

Verfall und Gnade

Caspar David Friedrich (1774-1840)

Ein Ort voller Namen und Jahreszahlen;
ein Ausruhen von Liebe, Leiden und Qualen.
Das Weltgedächtnis im Massengrab
der Körperwelten, all‘ der, die es jemals gab.

Vorbei an den Steinen kalter Gemäuer,
streift des nachts der Mond wie ein Ungeheuer.
Sie scheinen ihr Schweigen im Mondlicht zu brechen,
hört, wie sie wispern, jammern und sprechen.

Gedankengespinste verweben die Orte,
es stocken dort vor Ehrfurcht die Worte.
Man spürt die Vielfalt der Weltenstufen,
die vergessenen Seelen, die ihr Leben suchen.

Jeder Grabstein spricht von geendeter Zeit,
umschwebt von Angst vor Vergänglichkeit,
ist angefüllt mit morbiden Träumen,
letzter Gruß aus verfallenen Friedhofsräumen.

Der Moment versinkt im tiefen Seelenmeer
aus Weltenschmerz, Tempeln und Götterheer.
Kein Wunsch an die Welt – alle hoffen auf Gnade,
denn, die Freiheit, Falsches zu tun, war keine Gabe.