Abgeschrieben

1955

Ich war noch klein, ein unbeschrieb’nes Blatt,
das Leben bilanzierte Soll und Haben.
Was mir mein Dasein viel zu wenig gab,
liegt abgeschrieben unter Schmerz und Darben.

Ich wuchs heran in meinem Paradies -
geliebter Garten meiner Kinderzeit.
Im Haus, das mich einst einsam werden ließ -
die Eltern wussten nichts von meinem Leid.

Gehorchen musste ich der ‚schwarzen‘ Hetze, 
Erziehung wurde eingebläut und nicht erklärt,
Prügel gab es, wenn ich mich widersetzte;
Liebe in diesem Weltbild war verkehrt.
1961
Man schleppte mich zum Urologen -
war nur ein kleines Mädchen von fünf Jahren,
hab dort voll Scham gelegen, ausgezogen,
musste ertragen, wies Erwachsene haben.

Ich hatte mich entblößt, es ausgehalten,
weil ich als Bettnässer missraten war.
Wer kümmert sich um die Gestalten,
die Liebe brauchten? Es war niemand da!

Die Mutter hat das Holz zerbrochen,
als sie mich wieder mal verdrosch.
Ich hab mich vor der Welt verkrochen,
als das Vertrauenslicht erlosch.

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

22 Gedanken zu „Abgeschrieben“

  1. Liebe Gisela, es ist unendlich traurig, was Du niederschreibst. Aber ich glaube, dass es wichtig ist, es irgendwie in Worte zu fassen, um es besser zu verarbeiten. Für mich ist das Schreiben von Blogartikeln die beste Möglichkeit, einiges an Traurigem aus meinem Leben zu verarbeiten. Ich wünsche Dir alles Liebe, Marie

    1. Liebe Marie, im Laufe des Lebens werden diese Dinge verdrängt, manchmal vergessen, aber dann kommt eine Stunde, die alles wieder offenlegt, weil man es sich ansehen soll. Nicht um Leid zu tragen, sondern um zu lernen zu vergeben. Das Niederschreiben ist eine gute Möglichkeit, um eigene Fehler und die der anderen zu erkennen. Die Welt war damals gefühllos. Mädchen waren nicht viel wert. Danke, Marie, für Deine einfühlsamen Worte. Liebe Grüße, Gisela

  2. Gut, dass du es niederschreiben kannst , liebe Gisela. Ich mache das auch oft, und weise den Erinnerungen ein Platz ausserhalb von mir an. Oft wirds dann leichter im Herz, auch wenn man es nicht vergessen kann. Mach Kunst daraus – und das machen wir, wenn wir Gedichte schreiben – ist auch eine Variante, mit dem Unabänderlichen zurechtzukommen.
    Ich kenne dich nicht, aber du bist eine grossartige Frau, das kann ich von weitem spüren.
    alles Liebe Gisela
    Brig

    1. Oh, ich danke Dir von Herzen, liebe Brig. Leider kennen wir uns nicht persönlich, doch würde ich Dich gerne umarmen, weil Deine Art so herzlich und liebenswert ist. Ja, ich schreibe mir manches von der Seele und weiß, dass viele Menschen ähnliches erlebt haben. Vergessen können wir nicht aber verzeihen. Alles Liebe auch für Dich, Gisela

  3. Sowas im der Art und Weise ist mir aus eigenem Erleben nicht unbekannt. Mit Kleiderbügel, Ledergürtel und Gummiknüppel habe ich auch Bekanntschaft machen müssen. (So viele „ü“! 🤔) Der Gipfel jedoch war die mehrmals hervorgeholte „Feststellung“ oder „Anschuldigung“, ich sei nicht ihr Kind, sei vertauscht worden, gehöre nicht in die Familie. Die dramatischen und weitreichenden Weiterungen daraus will ich hier und jetzt nicht ausbreiten.
    Wollte eigentlich nur mein Verständnis signalisiert haben. LG

    1. Vielen Dank für Dein Verständnis und Dein Mitgefühl, in eigenen Erfahrungen begründet. Ja, den Ledergürtel kenne auch…
      Es gab Ungerechtigkeiten aller Art, Strafen für Garnichts. Das ist in uns und wird uns immer begleiten, auch wenn wir es oft verdrängen können. Ist Unwissenheit eine Entschuldigung für die Eltern? Damals war das wohl so. Liebe Grüße, Gisela

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