See der Erinnerungen

Eugen Taube (1860-1913)
Was wir als ‚überstanden‘ wähnen,
treibt noch im tiefen See „Erinnerung“,
wir stehn am Ufer, fassungslos und stumm,
füllen das Nass mit neuen Tränen.

Ein Teil von uns liegt auf dem Grund,
Vergangenheit beschwert, wie Stein,
bald gleiten wir, zu unbekannter Stund‘,
ganz tief in seine Fluten ein.

Vergesslich ist der Mensch im schnellen Schritt,
die Zeit wirft Schatten, malt ein dunkles Bild.
Wir fühlen das, was einst hinunterglitt,
Gedanken voll mit Hoffnung, Schmerz erfüllt. 

Wir gehn den Kreuzweg der Natur, allein;
die Tiefen, in uns selbst bezwungen,
zurückgerufen werden wir einst sein -
in neue Höhen ist der Geist gedrungen.

Erinnerung - ein stilles Lebensgrab.
Der See liegt ruhig im mondenmilden Schein;
sein silbrig‘ Band schmückt Ort und Wanderstab,
zeigt, was es heißt, Träne im See zu sein.

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

18 Gedanken zu „See der Erinnerungen“

  1. Licht und Schatten, die Naturgesetze sind unumgänglich, es gibt immer beide Seiten. Dass Dein Sohn so früh gehen musste, tut mir wahnsinnig leid, liebe Gisela, ein Schmerz, der nie vergeht. Sicher geht es ihm dort gut, wo er jetzt ist und er begleitet Dich stets, auch wenn er nicht sichtbar ist.
    Alles Liebe,
    Marie

    1. Guten Morgen, liebe Marie. Ja, in Gedanken ist er immer bei mir. Im Traum durfte ich ihn an diesem besonderen Ort begrüßen. Er ist jetzt auf seiner Ebene, in der Natur. Frei sein, das wollte er immer. Danke für Deine einfühlsamen Worte. Ich wünsche Dir eine schöne Zeit und grüße Dich herzlich, Gisela

  2. Danke für deinen Kommentar liebe Gisela

    Ach bitte nicht, nicht die Kommentarfunktion abschalten. Ich denke die Leute profitieren von deinen Gedichten, auch diejenige, die anderes denken.

    Sie sind einfach wundervoll.

    Herzliche Grüße und einen gesegneten Sonntag!

  3. Ein wunderschönes Gedicht.

    Ach, ich finde sehr interessanten die Kommentaren hier. Danke an alle, denn das bereichert mich.
    Meine Frage wäre nur : Muss man überhaupt ein Gedicht entkodieren? Vielleicht besteht die Lust darauf, aber es wird nicht immer gelingen, denn vielelicht der Autor hat total anderes gedacht als die Interpretationen.

    Meine Güte, ich bin der Meinung authentische Gedichte können auch geheimnisvoll sein, sodass keiner es zu verstehen vermag. Trotzdem bin Trunken in Gedicht, in Poesie in die schönen Worte. In den Klang.
    Nicht alles muss man eine Interpretation geben oder? Die Seele ist sehr verstrickt, diese Verstrickung widerspiegelt sich-meines Erachtens- in Gedicht, einfach geheimnisvoll.

    Liebe Gisela, ich sehe dein Gedicht als Schönheit. Einfach ohne die Interesse jedes Wort entkodieren zu wollen

    Danke vielmals!

    Menschen, deren Tränen Perlen, können so wunderschön schreiben wie Du.

    God bless you and your son in heaven

    1. Liebe Shehinah, ich bin berührt von Deinem Kommentar und danke Dir sehr für Deine einfühlsamen Worte. Du hast recht, eigentlich könnte ich die Kommentarfunktion bei meinen Gedichten ausschalten. Ich habe schon oft Anmerkungen erhalten, die mich geärgert haben, weil sie nichts mit meinem Gedicht zu tun hatten. Vielleicht ist es die Neugier, weshalb ich das nicht tue.
      Jedes Gedicht schreibe ich aus tiefster Seele. Ein Leser kann das kaum nachvollziehen. Ich danke Dir für Dein Interesse und freue mich über Deinen Kommentar, den ich doppelt erhalten habe. Er wird immer erst veröffentlicht, wenn ich ihn freischalte. Erhältst Du meine Nachricht, wenn ich Dir antworte? Alles Liebe für Dich und Gottes Segen. 👼🙏

  4. Realismus ist eine Wanderung zwischen Klassik und Romantik. Der Realist wollte illusionsloser Beobachter sein, merkte aber dabei nicht, dass er nur einen kleinen Teil der Wirklichkeit wahrnimmt. In meinen Gedichten geschieht meist das Gegenteil, denn ich schaue hinter die Wirklichkeit, die mir zu weltlich ist.
    Du hast bemerkt, das meine Gedichte von anderen abweichen. Manchmal habe ich eine morbide Fantasie und mein Dunkelsein verhindert ein ‚normales‘ Klickverhalten. Aber das macht nichts. Ich möchte mich nicht verbiegen, um der Masse zu gefallen. Es freut mich sehr, wenn Dir meine Gedichte gefallen. LG Gisela

    1. Anpassen? Das konnte ich mich mein ganzes Leben nicht. Morbide Abwandlungen erheitern zu Weilen das Leben. Würdest du versuchen dich zu verbiegen, gäbe es keine dunkle Schönheit mehr in deinen Worten. Das wäre dann Traurigkeit. Ich sagte nicht Realismus. Ich sagte, poetischer Realismus. Poetik, Drama, Epos. Die Poesie des Momentes. Daher poetischer Realismus und nicht Realistische Poesie. Poesie mit der Anhaftung des Realistischen, in Bezug, Realismus als Wirklichkeit des Lebens. Nicht als realistische Betrachtungsweise. Aber woher solltest du das wissen? Worte, das Missverständnis oder die Freude. Die Offenbarung oder der Untergang. LG Robert

  5. Was für Worte, liebe Gisela 🖤 

    Auf dem Grund eines solchen Sees bedecken dicke Sedimentschichten den Boden. Das Wasser darüber ist klar und wir denken, es ist alles gut. Was wir nicht bedenken, ist, die Sedimentschicht der unverarbeiteten Erfahrungen und Erinnerungen verhindert mit ihrer jährlich wachsenden Dicke jedes natürliche Leben auf dem Grund des Sees und der Nahrungskette darüber. So entstehen saubere, aber kalte Heimstätte und Steingärten.

    Wer die Sedimentschicht anrührt, riskiert, erst einmal wenig zu sehen, in dem nun trüben Wasser. Das ist beängstigend, nimmt es doch die Orientierung. Ist das Wagnis eingegangen, eine Weile „im Trüben zu fischen“, nimmt die Strömung den aufgewirbelten Dreck mit fort und neues Wachstum ist möglich.

    Liebe Grüße dir, und einen guten Samstag!

    1. Lieber Reiner, ich scheine mit meinem Gedicht für Verwirrung gesorgt zu haben. Es handelt sich doch nur um einen imaginären See aus den Tränen der Menschheit, in dem die Erinnerungen versunken sind. Wirft man einen Stein hinein, wird das Wasser erneut aufgewirbelt, und es zeigen sich Hände, die nach der Vergangenheit greifen.
      Ganz schön verrückt, was ich so denke… ich weiß. Dir auch ein schönes Wochenende und liebe Grüße ❣

  6. Erstmals möchte spontan ich etwas anmerken.

    So sehr ich mich immer wieder in der Seele angesprochen fühle, wenn es um Geist, Liebe, Leben, Materie geht,
    ist mir die hier anklingende dunkle Seite fremd.

    Erlebtes formt sich in Erinnerung, die verklingt und mache Narbe hinterlässt.
    Die Narbe als Teil der Lebenserfahrung hat ihren Ort,
    den ich in dunkle Tiefen versenken kann oder
    als lichte Wegmarke meines Lebensweges annehmen kann.

    Der See ist für mich Symbol der sichtbaren Oberfläche,
    nach dem wir unser Leben ausrichten.
    Den Wind und die Tiefe mit Ihren Gesetzen,
    die diese Oberfläche gestalten, sehen wir nicht.
    Die Tiefe nennen wir dunkel, aber sie ist gesetzmäßig.

    1. Hallo Fred, zunächst einmal danke für Deinen Kommentar.

      Du schreibst, die dunkle Seite, die hier angesprochen wird, sei Dir fremd. Zum Leben gehören immer beide Seiten, die helle und die dunkle. Zum Leben gehört auch der Tod, der in meinem Gedicht angesprochen wird. Ist der Tod immer nur dunkel? Wenn jemand lange leiden muss, sicherlich nicht.
      Im Gedicht geht es um Erinnerungen, die beim bloßen Zulassen, immer noch bluten. Mein Sohn ist mit 37 Jahren vor 3 Jahren verstorben, völlig unerwartet. Diese Wunde vernarbt nie ganz, und ich kann diese bittere Erfahrung nicht „als lichte Wegmarke meines Lebensweges annehmen“.

      Der Tod ist für mich Symbol der sichtbaren Oberfläche. Mein Leben möchte ich nicht danach ausrichten. Es würde mich sehr einschränken. Die Naturgesetze sind unumgänglich. Gott gibt auch, indem er nimmt.

      Liebe Grüße, Gisela

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