Fröhliche Ostern!

von Kurt Tucholsky
Da seht aufs neue dieses alte Wunder:
Der Osterhase kakelt wie ein Huhn
und fabriziert dort unter dem Holunder
ein Ei und noch ein Ei und hat zu tun.

Und auch der Mensch reckt frohbewegt die Glieder -
er zählt die Kinderchens: eins, zwei und drei ...
Ja, was errötet denn die Gattin wieder?
Ei, ei, ei,
ei, ei,
ei!

Der fleißige Kaufherr aber packt die Ware
ins pappne Ei zum besseren Konsum:
Ein seidnes Schnupftuch, Nadeln für die Haare,
Die Glitzerbrosche und das Riechparfuhm.

Das junge Volk, so Mädchen wie die Knaben,
sucht die voll Sinn versteckte Leckerei.
Man ruft beglückt, wenn sie's gefunden haben:
Ei, ei, ei,
ei, ei,
ei!

Und Hans und Lene steckens in die Jacke,
das liebe Osterei - wen freut es nicht?
Glatt, wohlfeil, etwas süßlich im Geschmacke,
und ohne jedes innre Gleichgewicht.

Die deutsche Politik ... Was wollt ich sagen?
Bei uns zu Lande ist das einerlei -
und kurz und gut: verderbt euch nicht den Magen!
vergnügtes Fest! vergnügtes Osterei!
Kurt Tucholsky (1890 Berlin- 1935 Göteborg)

Ich mag…

Schneewittchen und die sieben Zwerge – meine Kindergarten-Zeichnung 1957

Ich mag in der Vergangenheit wühlen,
habe so manche Träne vergossen.
Ich dekoriere Eier, spür‘ alte Gefühle;
hab sie tief in meinem Herzen verschlossen.
Ich tue so, als wären ALLE bei mir.
Denn nur, weil IHR gelebt, bin ich hier!

Ich mag Kamine, die rauchen…wie auf meinen Kinderbildern.
Häuser, in denen vertraute Menschen wohnen und Gewohnheit,
die, wie gewachsen an Jahren, Ringe wie in Stämmen tragen.

Ich mag rote Ziegelstein-Dächer, die bei Regen dunkler werden,
dort, die vielen kleinen Schlote, für das Rauchige auf Erden,
Kaminfeuer, das in Haus und Gemüt Behaglichkeit versprüht.

Ich mag, wenn Vögel in den Rinnen Regenwasser trinken,
auf den Dächern landen und zurück in hohe Bäume fliegen,
wo in den Gärten ihre Nester liegen und sie kunstvoll Zweig am Zweig
verbinden.

Ich mag, wie in der Kindheit auf der steinernen Treppe sitzen,
Lakritz-Wasser trinken und Glanzbilder in Opas Zigarrendose betrachten,
die Unbeschwertheit weniger Tage genießen und abends mit Grießbrei den Abend beschließen.

Ich mag die ferne Zeit in unserem Garten,
wo Ostereier noch mancherorts lagen.
Als ich zum jährlichen Osterfest unter den Sträuchern fand so manches Nest.

Ostern 1957 – Foto: Almuth Köhler

Dort, wo die Osterfeuer nicht verboten, sondern der Freude dienen und dem Brauch.
Wo uns niemand am Menschsein hindert, das eigentlich gut war, als wir erschaffen,
das mag ich auch!

April

Der Regen klimpert mit einem Finger
die grüne Ostermelodie.
Das Jahr wird älter und täglich jünger.
O Widerspruch voll Harmonie!

Der Mond in seiner goldenen Jacke
versteckt sich hinter dem Wolken-Store.
Der Ärmste hat links eine dicke Backe
und kommt sich ein bisschen lächerlich vor.

Auch dieses Mal ist es dem März geglückt:
Er hat ihn in den April geschickt.

Und schon hoppeln Hasen,
mit Pinseln und Tuben
und schnuppernden Nasen,
aus Höhlen und Gruben
durch Gärten und Straßen
und über den Rasen
in Ställe und Stuben.

Dort legen sie Eier, als ob’s gar nichts wäre,
aus Nougat, Krokant und Marzipan.
Der Tapferste legt eine Bonbonniere.
Er blickt dabei entschlossen ins Leere.
Bonbonnieren sind leichter gesagt als getan.

Dann geht es ans Malen. Das dauert Stunden.
Dann werden noch seidene Schleifen gebunden.
Und Verstecke gesucht. Und Verstecke gefunden:
hinterm Ofen, unterm Sofa,
in der Wanduhr, auf dem Gang,
hinterm Schuppen, unterm Birnbaum,
in der Standuhr, auf dem Schrank.

Da kräht der Hahn den Morgen an!
Schwupp sind die Hasen verschwunden.
Ein Giebelfenster erglänzt im Gemäuer.
Am Gartentor lehnt und gähnt ein Mann.
Über die Hänge läuft grünes Feuer
die Büsche entlang und die Pappeln hinan.
Der Frühling, denkt er, kommt also auch heuer.
Er spürt nicht Wunder noch Abenteuer,
weil er sich nicht mehr wundern kann.

Liegt dort nicht ein kleiner Pinsel im Grase?
Auch das kommt dem Manne nicht seltsam vor.
Er merkt gar nicht, dass ihn der Osterhase
auf dem Heimweg verlor.

Erich Kästner (1899-1974)