Schneewittchen und die sieben Zwerge – gemalt von mir im Kindergarten 1957
Ich mag in der Vergangenheit wühlen – habe so manche Träne vergossen. Die bunten Eier …, spür‘ alte Gefühle; hab sie tief im Herzen verschlossen. Ich tue so, als wären ALLE bei mir, denn nur, weil SIE lebten, bin ich hier.
Ich mag Kamine mit rauchenden Schwaden, wie auf dem Kinderbild, wo sie nicht schaden, auf Dächern vertrauter Häuser, darin Menschen und deren Eigensinn; Gesichter, die verändert in Jahren, Falten, wie Jahresringe tragen.
Ich mag rote Ziegel, die sich dunkler verfärben, wenn der Regen sie nässt und mein Leben auf Erden. Kaminfeuer, das in Haus und Gemüt Behaglichkeit und Wärme versprüht.
Ich mag Vögel, wie sie fliegen, dort oben, jeden Flügelschlag und ihr Singen und Toben; wenn sie Platz für neue Nester finden, und dort kunstvoll Zweig mit Zweig verbinden.
Ich mag, wie in der Kindheit, auf dem Dörpel sitzen, mit dem Tretroller über die Straßen flitzen, Lakritz-Wasser trinken, Glanzbilder betrachten, die Zigarrendose, in der sie Jahre verbrachten, die Unbeschwertheit weniger Tage genießen und abends mit Grießbrei den Abend beschließen.
Ich mag Erinnerungen an unseren Garten, wo bunte Eier auf Entdeckung warteten. Wo Osterfeuer der Freude dienten und dem Brauch, und das innere Kind, wenn es lacht, mag ich auch!
Der Regen klimpert mit einem Finger die grüne Ostermelodie. Das Jahr wird älter und täglich jünger. O Widerspruch voll Harmonie!
Der Mond in seiner goldenen Jacke versteckt sich hinter dem Wolken-Store. Der Ärmste hat links eine dicke Backe und kommt sich ein bisschen lächerlich vor.
Auch dieses Mal ist es dem März geglückt: Er hat ihn in den April geschickt.
Und schon hoppeln Hasen, mit Pinseln und Tuben und schnuppernden Nasen, aus Höhlen und Gruben durch Gärten und Straßen und über den Rasen in Ställe und Stuben.
Dort legen sie Eier, als ob’s gar nichts wäre, aus Nougat, Krokant und Marzipan. Der Tapferste legt eine Bonbonniere. Er blickt dabei entschlossen ins Leere. Bonbonnieren sind leichter gesagt als getan.
Dann geht es ans Malen. Das dauert Stunden. Dann werden noch seidene Schleifen gebunden. Und Verstecke gesucht. Und Verstecke gefunden: hinterm Ofen, unterm Sofa, in der Wanduhr, auf dem Gang, hinterm Schuppen, unterm Birnbaum, in der Standuhr, auf dem Schrank.
Da kräht der Hahn den Morgen an! Schwupp sind die Hasen verschwunden. Ein Giebelfenster erglänzt im Gemäuer. Am Gartentor lehnt und gähnt ein Mann. Über die Hänge läuft grünes Feuer die Büsche entlang und die Pappeln hinan. Der Frühling, denkt er, kommt also auch heuer. Er spürt nicht Wunder noch Abenteuer, weil er sich nicht mehr wundern kann.
Liegt dort nicht ein kleiner Pinsel im Grase? Auch das kommt dem Manne nicht seltsam vor. Er merkt gar nicht, dass ihn der Osterhase auf dem Heimweg verlor.
Erich Kästner (1899-1974)
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