
Die Traumwelt schloss sich und die Nachtgespenster
verteilten sich im Dunst des Morgengrauens;
sie klebten als Erinnerungsschwaden vor dem Fenster,
verloren sich am Fuß des Träumebaumes.
Durch trübe Scheiben ließ man mich erkennen,
was heute farblos und verwaschen scheint,
gegeißelt hab‘ ich meines Körpers Brennen,
mich ausgeschaltet, wenn die Seele weint.
Heut‘ denk‘ ich an des Vaters starke Arme,
wie sie mich manchmal schlugen, ohne Grund,
herzlos schien er, voll Wut, ohne Erbarmen,
als er mich fast erschlug zu jener Stund‘.
Erinnere mich an Mutters kalte Blicke,
ihr Schweigen, um dem Vater beizupflichten.
Zum Ausgleich all der blutigen Geschicke
vergab ich ihnen, duldend und nicht richtend.
Dann kam die Zeit, die nur dem Körper diente,
niemals der Seele, mitnichten dem Verstand.
Auswege, die ich mir selbst verminte;
der Schrei nach Liebe, die mich niemals fand.
Die vielen ‚Werkstattmänner‘, wie Maschinen,
die an mir schraubten, werkelten und gingen,
wie ich das Los zog, all die zu bedienen,
die mich benutzten, um mich zu verdingen.
Als Einverständnis haben’s alle aufgefasst,
weil ich geschwiegen habe, wie das Mädchen,
das sich gehorsam fügte, denn die alte Last
hing elternhörig am verbundenen Fädchen.
Längst sind sie fort, der Tod hat sie genommen.
Gedanken kreisen. War’s das, was ich wählte?
Bin ich auf diesem Lernpfad angekommen,
zu unterscheiden, was mich ständig quälte?
Zusammenfassung: Dieses Gedicht ist ein Zeugnis davon, wie Gewalt und Vernachlässigung eine Seele brechen und wie das antrainierte Schweigen ein Leben lang nachhallt. Es ist ein tief dunkler Text, aber das Niederschreiben dieser Dunkelheit ist an sich schon ein Akt der Selbstermächtigung und des Lichts.
„Jede Frau die bei uns klingelt und im autonomen Frauenhaus um Einlass bittet, ist ab dem Moment eine Kollegin“. Diesen Satz hörte ich, als ich meine Arbeitsstelle bei Frauen helfen Frauen e.V. Lübeck antrat. Ich war nicht naiv, aber unwissend darüber, wie vielfältig Gewalt sein kann. Das Rad der Gewalt gibt dazu unter anderem neben der körperlichen auch ökonomische, verbale, sexualisierte und psychische Formen an. Von einem Therapeuten hörte ich, dass wir die Traumata unserer Ahnen durchleben. Die Spuren des 2. Weltkriegs hätten sie gezeichnet und wir müssten sie ausbaden. Ich muss nichts ausbaden. Meine Aufgabe ist es, weiterhin Gewalt sichtbar zu machen und dafür zu kämpfen, dass es Hilfe gibt für die, die sie erfahren mussten. Damit verbunden ist der Wunsch für mehr Therapieplätze und andere Formen der Unterstützung für die Überlebenden. Du hast die Gewalt nicht selbst gewählt, liebe Gisela, sie ist dir angetan worden. Stille und ganz liebe Grüße Steph
Liebe Steph, vielen Dank für Deinen Kommentar. Wir sind in verschiedenen Generationen groß geworden. Zu meiner Zeit waren Gewalt in der Ehe und gegen die Kinder ‚normal‘. Darüber wurde geschwiegen. Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Vater meine Mutter geschlagen hat. Seine Wut ließ er an mir und manchmal auch an meinem Bruder aus. Oft reichte ein falsches Wort als Auslöser. Deshalb schwieg ich lieber. Dann passte ihm mein Gesicht nicht. Es gibt viele Gründe, die gar keine waren. Nichtigkeiten, über die man hätte reden können, wenn die Eltern damals mit den Kindern geredet hätten. Ich habe niemals Hunger gehabt. Meine Eltern haben uns gut versorgt, nur Liebe gab es nicht.
Eine meiner Arbeitskolleginnen war auch bei Frauen helfen Frauen. So etwas gab es damals nicht. Auch keine Sozialversorgung, die die Frauen hätte ‚auffangen‘ können. Der Therapeut, den Du erwähntest, hatte recht. Wir Kinder mussten das Trauma unseres Vaters ausbaden, der als 15-Jähriger in den Krieg ziehen musste und jahrelang in Kriegsgefangenschaft war. Davon habe ich allerdings erst viel später erfahren. Ob sich solche Erlebnisse therapieren lassen, möchte ich bezweifeln. Hinzu kam, dass seine Mutter sich nie großartig um ihn als Kind gekümmert hatte. Heute kann ich sein Verhalten teilweise verstehen, würde es aber niemals gutheißen. Es ist mein Trauma geworden, und wenn Du meine Gedichte gelesen hast, weißt Du, dass es immer wieder hochkommt. Schreiben bringt mir Erleichterung.
Nein, die Gewalt habe ich nicht selbst gewählt. Ich glaube als spiritueller Mensch daran, dass ich mir meine Eltern vor dem Eintritt in den Körper selbst ausgesucht habe, um zu lernen. Das habe ich, ohne es damals zu wissen. Ich lernte alles, was ich heute benötige: Alleinsein, Stille, Schweigen, Empathie, Seelentiefe, Geduld, Demut und Vergebung, aber ich bin auch eine laute Stimme geworden, wenn es darum geht, Ungerechtigkeiten anzuprangern.
Ich kann Dir für Dein Ehrenamt nur alles Gute wünschen, und dass die Einrichtung „Frauen helfen Frauen e. V.“ immer ein Zufluchtsort bleiben wird. Alles Liebe und frohe Weihnachten für Dich und Deine Familie!
Die Wut der Väter und der Mütter, das Kind blieb und auch später, gottlos gescholten, weil es dem Kern, umfasst von der Seele, sein ganzes Leben, seinen Gehorsam anvertraut.