Buchstabenreigen

Alte Schule

Als Kind trugen mir Bücherzeilen
Geschichten in mein Herz hinein,
begleiteten mich in stillen Räumen,
bei Regen, Schnee und Sonnenschein.

Was ich auf Schiefertafeln schrieb,
war wie ein Tanz des Alphabetes;
Buchstabenreigen, wirbelnd und tief,
schien ein von Geheimnis Umwebtes.

Griffel quietschten, ich lernte beherzt,
wollte schreiben und verstehen,
um zu erkennen, was Drama und Scherz,
wie es die Erwachsenen sehen.

Ich besaß einen kleinen Koffer im Haus,
darin schaute ich Bilder, stundenlang,
denn der Inhalt waren Hefte von Mickey Mouse,
sie zogen mich in ihren Bann.

Ich las jedes Blatt, jedes Heftchen hier;
als ich mit fünf Jahren zur Schule ging,
war ich in den Klassen ein Pionier,
dem man gern an den Lippen hing.

War ‚nur‘ ein Mädchen, mit wachem Verstand,
aber ‚nur‘ ein Arbeiterkind.
Oft wurde ich drohend mit „Fräulein“ benannt.
Für ein Mädchen war Vater blind,

und schlauer als er durfte niemand sein.
Nur die Volksschule gab es für mich.
„Oberschüler bleiben lieber allein.
Ein Kind, wie dich, das wollen die nicht!“

Einschulung 1958

Ich fügte mich, galt als „unnützes Ding“,
war zu schwach für die Männerwelt.
Nahm die Prügel meiner Eltern hin,
ich taugte nichts, kostete Geld.

Ich lernte leidgeprüft, was Drama ist,
hüllte ängstlich mein Dasein in Schweigen.
fühlte in mir, was man nie vergisst,
lebe lieber in Bücherzeilen.

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

8 Gedanken zu „Buchstabenreigen“

  1. Wenn ich deine Zeilen lese, liebe Gisela, bin ich tief berührt und sehr dankbar, dass es mir nicht so ergangen ist. Jedenfalls waren es nicht meine Eltern, die mir Steine in den Weg legten – mit dem Begriff „nur“ ein Arbeiterkind kann ich allerdings auch etwas anfangen, denn das habe ich gespürt, als ich zum Gymnasium in der Stadt ging!
    Herzliche Grüße
    Regina

    1. Zumindest durftest Du das Gymnasium besuchen, liebe Regina. Ich musste mir das alleine in mühevoller Heimarbeit und Fernschule beibringen. Liebe Grüße, Gisela

    1. Liebe Elisa,
      damals musste ‚den anderen Leuten‘ präsentiert werden, dass man Kinder kriegen kann. Von Elternliebe war da keine Spur. Leider. Ganz liebe Grüße zurück, Gisela

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