Kleiner Rückblick – Kindheit

Zur Info: Alle hier von mir beschriebenen Personen sind inzwischen verstorben.

1955

Meine Mutter gab sich Fremden gegenüber immer freundlich und gut gelaunt. So habe ich sie jedenfalls in Erinnerung behalten. Nach außen hin wirkte sie stets zufrieden und heiter. Hinter verschlossenen Türen wechselte sie oft ihr Gesicht. Dann machte sie ihrem Sternzeichen „Skorpion“ alle Ehre, wenn sie Worte wie Pfeile in meine Richtung schoss. Das tat sie besonders gerne, wenn andere Leute dabei waren. Das Kompromittieren machte ihr Spaß. Mit einem Schaudern denke ich an die letzten Worte zurück, die meine Mutter für mich hatte.
Ihr: „Mach’ bloß, dass du wegkommst!“, werde ich wohl zeitlebens nicht mehr vergessen können. Doch muss ich zu ihrer Entschuldigung sagen, dass sie 1997, als diese Worte fielen, schwer an Alzheimer erkrankt war. Mein Vater hatte nicht eingegriffen und die Situation entschärft. Beide wollten das nicht wahrhaben. Mit einer solchen Erkrankung konnte mein Vater gar nicht umgehen. Vielleicht war es ihm lieber gewesen, dass ich ging!? Grund des damaligen Rausschmisses war meine Absicht gewesen, mit zum Arzt gehen zu wollen, weil meine Mutter sich mit der Begründung gesund zu sein, weigerte, ihre Medikamente zu nehmen. Drei Monate später war sie tot.
Als junge Frau hatte sie in einem Textilgeschäft in Alt-Homberg den Beruf der Verkäuferin gelernt. Nach ihrer Heirat führte sie als Nur-Hausfrau ein weniger abwechslungsreiches Leben. Doch damals hatte die Hausarbeit noch ein anderes Volumen als heute.
In der Mitte der 50er Jahre hatte „Schmalhans“ die deutschen Küchen verlassen. Wir hatten immer genügend zu Essen, wenn auch weniger mannigfaltig als heutzutage. Es wurde vieles selbst angepflanzt oder hergestellt. Damals war man sparsamer als heute. Es gab wenig Müll und keine Wegwerf-Mentalität. Die Menschen schätzten die Handarbeit. Es wurde selbst gekocht, genäht und gestrickt. Fast alle Tätigkeiten und Reparaturen im Haus erledigte man eigenhändig, so gut es ging. Bis auf die Grundnahrungsmittel gab es nur wenig zu kaufen und wenn doch, dann war es sehr teuer. Geld war damals knapp und die Löhne niedrig.
Die Läden in der Stadt führten wieder ein vielfältiges Sortiment. Es gab Drogerien, Buch- und Schreibwarenläden, Kohlehändler, Schuhgeschäfte und Apotheken, ein kleines Tabaklädchen, eine Leihbücherei und mehrere Bäcker, Metzger und Krämerlädchen. Zwei Mal wöchentlich war Markt.
Als Vierjährige war ich fröhlich hüpfend an der Hand meiner Mutter gelaufen, wenn sie mittwochs und samstags zum Wochenmarkt ging. Dort hatte ich mich über ein kleines Stückchen Wurst gefreut, das ich jedes Mal von der freundlichen Marktfrau am Fleischerstand gereicht bekam. Wenn die Einkäufe erledigt waren, hopste ich genauso fröhlich wieder neben meiner „Mami“ nach Hause zurück, allerdings durstig und erschöpft.
„Hast du Durst, dann geh nach Frau Wurst, die hat ein kleines Hündchen, das pinkelt dir ins Mündchen“, sagte meine Mutter dann oft lachend auf dem Nachhauseweg. Immer war es dasselbe Ritual… eine der guten Erinnerungen, an einen kurzen, glücklichen Moment meiner Kindheit. Stolz trug ich die frisch gefüllte Milchkanne aus Blech am Holzgriff in meinen kleinen Händen und fühlte mich neben meiner Mami geborgen und furchtlos.

Ich wuchs im Hause meiner Großeltern auf. Meine Eltern bewohnten dort seit 1951 die obere Etage. Bei einem Tanzvergnügen hatten sie sich kennengelernt, nachdem Friedrich, mein Vater, aus französischer Gefangenschaft nach Hause zurückgekehrt war. Anschließend hatte er eine Laborantenlehre bei dem hiesigen Chemieunternehmen absolviert und seine Arbeit so gut gemacht, dass man aus oberen Reihen bestimmte, er solle die Stelle eines Chemiemeisters in einem der Betriebe übernehmen. Wieder musste er intensiv lernen, in fast jeder Minute seiner Freizeit, bis er auch diese Prüfung erfolgreich absolviert hatte.

Mit Bitterkeit dachte mein Vater manchmal an die schwere Nachkriegszeit in Südfrankreich zurück, wo er in Bergerac bei einem Bauern Dienst tun musste, bis man ihn nach sechs langen Jahren „Kohldampfschieben“ und Schinderei endlich freigelassen hatte. Der Krieg hatte seine Seele auf dem Gewissen, und er trauerte seiner verlorenen Jugend hinterher.
Mit fünfzehn Jahren war er von den Nationalsozialisten zum Militärdienst herangezogen und zunächst auf eine Schule für Unteroffiziere nach Skandinavien gebracht worden. Das war nichts für ihn. Ihm lag das Dienen nicht. Nach der Grundausbildung ging er zurück ins Ruhrgebiet, von wo aus man ihn anderweitig im Militärdienst einsetzte. Ganz im Gegensatz zu ihm, war sein Vater Ernst mit Leib und Seele Soldat gewesen. Schon im Ersten Weltkrieg war er als Offizier für Deutschland in den Kampf fürs Vaterland gezogen. Doch der Krieg hatte erbarmungslos seine Opfer gefordert. Vaters einstige Kameraden von der Offizierschule waren in blutjungem Alter allesamt nach Stalingrad abkommandiert worden und dort elendig umgekommen. Nicht einer von ihnen war zurückgekehrt.

Auch der Vater meines Vaters fand 1944 als Feldwebel der Waffen-SS in Frankreich bei Auray/Morbihan sein Grab und wurde in Pornichet beigesetzt.

Vater hatte Glück im Unglück, dass er nach Kriegsende aus einem Lager bei Rheinberg von den Alliierten nach Frankreich gebracht worden war. Sein Äußeres wirkte wegen seiner schwarzen Haare dem Deutschen ganz und gar untypisch.

In den letzten Jahren seiner Gefangenschaft war der Feindeshass langsam gewichen. Zwangsläufig hatte er die französische Sprache erlernen müssen und engere Kontakte zum Eigner des Gutshofes geknüpft. Fast zwei Jahrzehnte nach seiner Entlassung flatterte ihm von diesem eine Einladung nach Bergerac ins Haus. Es berührte ihn sehr, als er den parfümierten Brief aus Frankreich in Händen hielt. Das Wiedersehen seiner Leidensstätte lehnte er jedoch ab. Zu viele bittere Erinnerungen hingen daran, die er nicht vergessen konnte. Von Frankreich wollte er zeitlebens nichts mehr wissen.

Er war 23 Jahre alt gewesen, als er nach der Gefangenschaft seine Heimat wiedersehen durfte. Dort lernte er meine zwei Jahre ältere Mutter Almuth beim Tanzen kennen. „Zur Lindenwirtin“ hieß das Lokal, das sich ganz in der Nähe des Chemiewerkes befand und unweit seines Elternhauses auf derselben Straße lag. Als das Unternehmen das Firmengelände erweiterte, wurden die kleinen Häuser und Gärten dem Erdboden gleich gemacht.

Danach lebte seine Mutter ganz in der Nähe ihres alten Zuhauses, in einer engen Zwei-Zimmerwohnung ohne Küche. Die Angehörigen ihrer Familie waren allesamt rothaarig. Mein Vater glich dem schwarzhaarigen Vater. Der „Schwatte“ war immer der Böse. Das Verhältnis zwischen ihm und seiner Mutter hatte man nicht gerade als liebevoll bezeichnen können. Es schien eher oberflächlicher Natur zu sein; der Kontakt zur Mutter ein familiäres Muss.
Er hatte sich als Kind stets von ihr vernachlässigt gefühlt. Geprägt und hart gemacht hatte ihn das, und er konnte es nicht vergessen. In punkto „nicht vergessen können“ glich er zeitlebens einem Elefanten.

Sein Bruder Günter, im Gegensatz zu ihm blond und blauäugig, war als Frühgeburt nach ihm zur Welt gekommen und hatte wegen seiner Kränklichkeit immer mehr Zuwendung erhalten als er. Zwischen erhitzten Backsteinen, die die Funktion eines Brutkastens übernehmen mussten, war Günter nach seiner Geburt mühsam am Leben erhalten worden. Im ersten Jahr kam eine Rippenfellentzündung hinzu, und der Vater musste täglich den Eiter mittels einer Spritze aus dem Rücken des armen Säuglings ziehen. Das hatte die Bindung zur Mutter vertieft.
Deutschland befand sich im Wiederaufbau; Wohnungen waren knapp, viele Häuser ausgebombt. Also zog das junge Paar zum Leidwesen meines Vaters in das Haus der Schwiegereltern in Hochheide. Hier bewohnten sie eine kleine Wohnung mit Schlafraum und Wohnküche, die mit Gasheizung, spartanisch, aber modern eingerichtet war.

Mit seiner Schwiegermutter stand mein Vater von jeher auf Kriegsfuß, denn sie war eine dominante Frau. Da er selbst seine patriarchalische Einstellung nicht ablegen konnte, rasselten beide nur allzu oft aneinander. Dann ging man sich eine Zeit lang aus dem Weg.  

Meine Oma Helene stammte aus Kantarischken im Kreis Heydekrug in Ostpreußen. Sie dachte stets sachlich, praktisch und fromm, ohne jemals sentimental zu sein, war dunkelblond, eher breithüftig, als schlank, und vom Wesen her ruhig, aber resolut, mit unverkennbar ostpreußischem Dialekt. Sie war sehr sparsam und drehte jeden Pfennig dreimal rum, bevor sie ihn ausgab. Oma war in unserer Familie die einzige Person, die immer Geld hatte.

Krankheiten wurden selbst therapiert, weil ein Arzt zu teuer und obendrein in ihren Augen überflüssig war. Einer dieser „Quacksalber“, wie sie die Ärzte nannte, hatte sie in den 40er-Jahren für unheilbar krank erklärt und ihr den baldigen Tod prophezeit. Damals war sie an schwerem Rheuma erkrankt, das ihr aufs Herz geschlagen war. Der üblen Diagnose zum Trotz behandelte sie sich selbst und wurde wieder gesund. Aufgrund dessen ließ sie bis an ihr Lebensende im 93. Jahr keinen Arzt mehr ins Haus. Sie kurierte sich mit „Haarlemer Öl“, ein widerlich riechendes Allheilmittel aus Schwefel und Terpentin, das neben Franzbranntwein und Pferdesalbe ein Muss in der häuslichen Apotheke war.

wird fortgesetzt…

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

6 Gedanken zu „Kleiner Rückblick – Kindheit“

  1. Meine Eltern sind Kriegskinder, 1945 10 + 11 Jahre jung. Ihr Lebensmotto war „bloß nicht auffallen“ … Was für Geschichten, in meiner Familie dito.

    Liebe Grüße, Reiner

    1. Sie war eher die Marionette meines Vaters. Vielleicht ist man auch ein Teufel, wenn man nicht einschreitet, wenn der Vater prügelt?! Aber das war damals so. Der Mann hatte immer Recht und die Frau musste kuschen, weil sie ja von ihm versorgt wurde. LG

  2. Ich denke auch sehr oft an meine Mutter… leider neigen meine Gedanken an sie immer ins Negative abzugleiten, obwohl ich mir sicher bin, dass sie gerade mich abgöttisch geliebt hat.
    LG

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.