Kleiner Rückblick – Friemersheim

Fortsetzung Teil 45

Dorfkirche in Friemersheim – Foto: Gisela Seidel

Bereits im Jahr 2010 hatte ich erneut damit begonnen, in der Bibel zu lesen, bzw. sie richtig zu studieren. Dazu schaffte ich mir verschiedene Ausgaben an und fand so meinen Favoriten, die Züricher Bibel. Ich benötige einen gewissen Sprachklang, damit ich mich für die Worte dort öffnen kann. Mittlerweile ist das Buch durch und durch bunt markiert.

Damals begann meine lange Suche nach Wahrheit und Lebenssinn. Ich las eine Zeit lang wöchentlich mit den Zeugen Jehovas, die mir zufällig an der Haustüre begegnet waren. Das ging fast ein Jahr, doch dann merkte ich, dass wir uns in gewissen Dingen nicht nähern konnten. Ihr Fundamentalismus ging mir zu weit. Ich kann nicht grundsätzlich an eine Religion und an ein Buch glauben, das von Priestern gemacht worden ist. Ich glaube an einen Gott, der so, wie ich ihn empfinde, nicht in diesen Schriften dargestellt wird.

Die Kirchen wollen von jeher nur Macht, um ihre kleingläubig gemachte Gemeinschaft zu unterdrücken. Ich lehne einen solchen Extremismus ab. Den gibt es leider in jeder Religion. Man muss darauf achten, sich davon nicht gefangen nehmen zu lassen. Das Himmelreich lässt sich nicht kaufen, schon gar nicht durch Kirchen. Viele Bibelstellen wurden gefälscht, erstaunlicherweise noch in der Gegenwart. Da heißt es nicht mehr „du sollst nicht töten“, da heißt es neuerdings „du sollst nicht morden“.

Damals wollte ich meine Neugierde befriedigen und wissen, woher die unterschiedlichen Glaubensrichtungen stammen und was der Ursprung ist. Ich war ja bereits mit dieser Wissbegierde auf die Welt gekommen und befriedigte sie mit dem Lesen bestimmter Bücher, zu guter Letzt mit dem Studium der Kabbala, vermittelt von Friedrich Weinreb.

Obwohl mich diese religionsphilosophische Betrachtung dem Sinn der mosaischen Schriften näher brachte, blieb ein großes Fragezeichen in mir. Im Buch „Hiob“ und an anderen Stellen wurde von Reinkarnation geschrieben. Darüber gingen sowohl die Zeugen Jehovas als auch die reformierten Kirchen hinweg. Es kann nicht sein, was nicht sein darf!

Mit der Zeit merkte ich, dass mich das Studium immer mehr zu mir selbst führte, zu meinem Lebenskern…dem Gott in mir.

Nachdem der arme Schäferhund meines Nachbarn eingeschläfert worden war, schaffte er sich einen Welpen an, einen Golden Retriever.
Ich kenne mich mit Hunden nicht aus, und mein Nachbar ließ ihn meistens frei im Garten herumlaufen, obwohl er eigens dafür einen großen Zaun um sein Gartenhaus hatte bauen lassen. Jedes Mal, wenn ich in den Garten ging, musste ich aufpassen, nicht in die Hinterlassenschaft des Hundes zu treten, die überall herumlag. Da der Welpe noch keine Erziehung genossen hatte, attackierte er ständig meine Fersen, um daran zu nagen, was seinem Herrchen sichtlich Spaß machte.

Irgendwann stand ich am Küchenfenster und sah zufällig, wie er die große Stechpalme, die auf meiner Gartenseite stand, mit der Heckenschere bearbeitete. Während er die unteren Zweige abschnitt, schwoll mein Hals. Ich öffnete das Fenster und schrie nach draußen, er soll das sein lassen. Danach beschwerte ich mich bei dem Menschen in der Firma, der die Wohnungsverwaltung unter sich hatte. Da kam keine Resonanz. Ich hatte das Gefühl, mir wurde nicht geglaubt. Man ignorierte mich einfach. Jahre später erfuhr ich, dass mein Nachbar es bei meiner Nachmieterin genauso gemacht hatte und der Wohnungsverwalter entschuldigte sich bei mir.

Danach herrschte jedenfalls Funkstille im Haus. In den Garten wollte ich nicht mehr. Es war alles zu viel!

Ich suchte nach einer neuen Wohnung, fand aber keine passende im heimatlichen Ortsteil. Da ich diesen noch nie verlassen hatte, fiel mir meine Entscheidung sehr schwer: Im Oktober 2012 zog ich in den Stadtteil Friemersheim. Das Mietshaus lag unmittelbar am Deich. Dahinter liegt die Rheinaue, in der ich oft mit K. spazieren war.

Foto: Gisela Seidel

Der Umzug war eine große Herausforderung, und ich bekam plötzlich Hilfe von meinem türkischen Arbeitskollegen, der sich, zusammen mit seinem Cousin und seinen Kindern, fleißig und hilfsbereit in die Arbeiten einbrachten. Ich bin noch heute dankbar für die Hilfe und überrascht von so viel Freundlichkeit.

Blick vom Balkon – Foto: Gisela Seidel

Nach sechs Wochen Arbeit zog ich endgültig in meine neue Bleibe ein. Das Schönste an dieser Wohnung war der große Balkon und die herrliche Lage mitten im Grünen. Meine beiden alten Katzen kamen natürlich mit, aber mein „Wichtel“ litt zusehends an Altersdemenz, konnte kaum noch sehen und schrie unentwegt. Zum Glück konnte man das außerhalb der Wohnung nicht hören. Mein Sohn Patrick hing an der Katze, und ich tat alles, um ihr Leben noch eine Weile schön zu machen.

Wichtel – Foto: Gisela Seidel
Dibo – Foto: Gisela Seidel

Die neue Wohnung lag ca. 10 Kilometer von meiner Firma entfernt. Eine ganz neue Erfahrung. Auch die Wohnung von K. konnte ich nun nicht mehr sehen, was mir sehr beim Vergessen half.

Alles war soweit gut, und ich versuchte neue Menschen kennenzulernen. Sie sollten gläubig sein und sich mit mir darüber austauschen wollen. Deshalb trat ich wieder der evangelischen Kirche bei. Aber ich hatte wohl zu viel erwartet.

Der Platz um die Dorfkirche ist für mich ein mystischer Ort, mit dem Haus des Küsters unmittelbar neben der Kirche. Ein altes Lehrerhaus steht unweit gegenüber, welches heute als Museum zu besichtigen ist.

Lehrerhaus Friemersheim

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Amigo

Fortsetzung Teil 44

Foto: Gisela Seidel
Foto: Gisela Seidel

Im August 2009 verabschiedete sich mein alter Chef von mir im Traum, zwei Wochen vor seinem Tod. Er stand lächelnd da, trug einen schwarzen Anzug und winkte mir zu. Ich erzählte es meinen Kollegen, die Angst vor meinen Wahrträumen bekamen. Seitdem hüllte ich mich in Schweigen. Für mich ist ein solcher Traum ein Zeichen dafür, dass es noch eine andere Sphäre gibt, die wir Menschen verstandesmäßig nicht erfassen können.

Ich arbeitete in der Chemiefabrik hauptsächlich mit Männer zusammen, was mir sehr angenehm war. Mit allen kam ich gut klar, doch mein Nachbar war eine Ausnahme. Selbstständige Frauen waren ihm ein Gräuel. Einen Mann brauchte ich nur für handwerkliche Dinge, wenn mir die Kraft fehlte. Ich machte von jeher vieles selber. Bei der Gartenarbeit war das genauso. Aber meinem ‚lieben‘ Nachbarn gefiel das nicht. Der für mich abgestellte Wasserhahn im Garten war eine Geschichte von vielen. Wenn ich nicht draußen war, sah ich ihn oft durch meinen Gartenteil schleichen.

Einmal hatte er wohl mächtig Spaß daran, mir eine große, tote Ratte vor meinen Wassercontainer zu legen. Ich mag Ratten, und geekelt habe ich mich auch nicht, sondern das Tierchen beerdigt. Das gefiel ihm ganz und gar nicht.

Ende 2010 klaute er dann von meinem Gartenteil eine von mir gekaufte Christrose und pflanzte sie in eine Schale vor seinem Eingang. Ich kochte vor Wut, sagte aber nichts.

Wir hatten eine Toilette im Garten. Er hat absichtlich das Wasser abgestellt, und ich musste jedes Mal nach oben in meine Wohnung laufen. Dann zog seine Frau die Reißleine und ging mit ihm 2010 ins Altenheim, was einen neuen Mieter auf den Plan rief, der nicht besser war, als der alte. Er war Malermeister in der Fabrik gewesen und damals im Vorruhestand. Seine Frau war ebenfalls immer zu Hause.

Im Werk hatte er viele Handwerker-Kollegen, die darauf warteten, dass er einzog. Ihm wurde von allen Seiten geholfen; er hatte für jede Arbeit ein Helferlein, auch für den Garten.

Foto: Gisela Seidel
Foto: Gisela Seidel

Der Garten glich vormals einer Parklandschaft. Er war an der Außenmauer dicht bepflanzt mit Sträuchern und Bäumen. Als mein Nachbar endgültig eingezogen war, änderte sich das. Er ließ alles roden, was seinem Plan im Weg stand. Die Mauer wurde durch Holzplatten erhöht, dafür Flieder und Jasmin entfernt. Dabei war ihm die Gemeinschaftsfläche ganz egal.

Als ich einmal nach Feierabend nach Hause kam, blickte ich zufällig auf eine große, kahle Stelle der unansehnlichen Mauer. Das tat mir so weh, dass ich in Tränen ausbrach. Ich habe geheult wie ein Schlosshund und konnte es nicht verstehen. Wie konnte der Mensch so etwas Schönes zerstören!?

Foto: Gisela Seidel

Aber ich hatte keine Chance zu widersprechen. Nachdem der halbe Garten gerodet war, wurde ein Holzhaus gebaut und ein großer, grüner Zaun darum gesetzt. Wenn die Kollegen Mittagspause machten, war dieses Haus ein gerne angenommenes Gartendomizil. Hier wurde niemals gegrillt, nur geredet. Des Nachbarn Erklärung für diese Maßnahme: „Wenn ich ein Mal grille, will meine Frau das immer haben.“

Blumen suchte man vergebens. Dafür hatte man ja meine Seite, die ich immer neu bepflanzte. Tragisch war, dass der Mensch im Sommer hinging und die blühenden Hibiskus-Sträucher vor dem Haus mit einer Heckenschere abschnitt, damit seine Frau die herabfallenden Blüten nicht beseitigen musste.

Foto: Gisela Seidel

Die Straßenseite blieb weiterhin meine Arbeit. Ich sah das Pärchen niemals fegen oder Schnee schaufeln. Das machte ein Gärtner für sie. Aber sie hatten etwas mit ins Haus gebracht, mein Kindheitstrauma, einen großen altdeutschen Schäferhund.

Welcher Hund passt besser zu einem Macho? Der neue Nachbar glaubte auch, seine Männlichkeit unter Beweis stellen zu müssen, indem er sich einen 360 PS starken, neuen Mercedes in die Garage stellte. Er brauchte diese Penis-Verlängerung!

Sorge machte mir das ‚Hündchen‘. Immer, wenn ich die Türe zum Hof aufschloss, erstarrte ich. Was war, wenn er dort frei herumlaufen würde? Einen Gärtner hatte er bereits in den Bauch gebissen. Mein Nachbar hatte ihn schon mal auf die spielenden Kinder gehetzt, als sie auf dem neuen Holzzaun herumkletterten. Die waren weinend nach Hause gelaufen.

Anfangs luden mich die Nachbarn zu sich ein. Der Hund sollte lernen, dass ich Mitglied des Hauses sei. Ich näherte mich vorsichtig, und da ich keine Hunde kannte, hielt ich „Amigo“ für unberechenbar. Nach einiger Zeit und nach zahlreichen Leckerchen, die er von mir erhielt, hatte er mich akzeptiert. Er lag im Garten zu meinen Füßen und ließ mich anstandslos auf den Hof. Die Furcht wich langsam, und er respektierte mich.
Leider musste Amigo wegen einer nicht zu behandelnden Entzündung im Bein eingeschläfert werden. Ich werde nie vergessen, wie er zu seiner letzten Fahrt in das Auto meiner Nachbarn stieg. Das tat mir sehr leid, denn ich mochte ihn.

Foto: Gisela Seidel

Fortsetzung folgt...

Kleiner Rückblick – Pendelfragen

B. beim Kartenlegen

Das Jahr 2009 zog sich wie Kaugummi. Eine letzte Lesung über „Henriette Brey“ hatte ich in einem Altenheim absolviert. Danach war damit Schluss. Meine Kräfte waren aufgebraucht, denn das ungnädige Ende mit K. zerrte an meinen Nerven. Außerdem schien es mir die Luft zum Atmen genommen zu haben. Immer, wenn ich mich anstrenge oder aufgeregt bin, folgt Kurzatmigkeit.

Das brachte zusätzlich eine Freundin auf den Plan, die ganz von oben herab urteilte: „So etwas könnte mir nicht passieren!“

Sie war rund 13 Jahre jünger als ich und eine typische Jungfrau, was das Sternzeichen betraf. Wir kannten uns schon lange durch ihre Tante Ursel, die bereits mit 40 Jahren verstorben war. Deren Halbschwester G. hatte ihre Tochter B. verwöhnt. Sie wollte ihr das bieten, was sie selbst als Kind nicht hatte, denn sie war in einem Heim aufgewachsen.

Von jeher wirkte B. wie ein vornehmes Burgfräulein auf mich, das gerne auf ihre Untergebenen herabschaute und sie verurteilte. Für B. zählte nur Geld, Mode, Einfluss, Platin-Schmuck und teure Autos. Sie lebte gerne mit Hummer, Steaks, Lachs und mediterraner Küche und war dann oftmals völlig überrascht, wenn ich ihr Bratkartoffeln und Bratheringe vorsetzte, die sie nicht kannte.

G. und B. waren nicht gern gesehene Gäste. In jedem Geschäft und in den Speiselokalen waren sie unbeliebt, denn es ging kaum etwas ohne lautstarke Beanstandungen, bei denen nicht das Personal herabgekanzelt wurde.

B. ist eigentlich eine liebe Person, wenn nicht der Einfluss ihrer dominanten Mutter gewesen wäre. Doch die war Patentante meines jüngsten Sohnes. Deshalb ist unsere Verbindung nie ganz abgerissen und mein Sohn mochte sie.

Da ich stets meine Meinung sage, bin ich mehrfach mit G. aneinander geraten, weil sie sehr ausländerfeindlich ist. B. hörte immer auf ihre Mutter. Deshalb war jahrelang Funkstille zwischen uns. Doch wie der Zufall es wollte, traf ich B. irgendwann auf dem Parkplatz von Aldi wieder und es war, als hätten wir uns nie getrennt.

Mein kleiner Bekanntenkreis wusste, dass ich Karten legen konnte und pendelte. Kartenbilder machen nicht immer eine Aussage, doch wenn ich es sehen soll, dann tue ich das auch. So saßen B. und ich oft bei mir und stellten den guten Geistern Fragen, die wir selbst nicht beantworten konnten.

B. war seit 2005 mit ihrem ehemaligen Schulkameraden St. verheiratet und lebte in Xanten. Dort hatte sie eigentlich für ihren Vater eine Eigentumswohnung gekauft, weil der keine adäquate Wohnung zur Miete finden konnte. Doch der Vater starb 2008, und sie zog selbst mit ihrem Mann in die Wohnung. Im selben Haus wohnte noch eine junge Frau zur Miete, die B. jedoch nicht duldete. Die Frau wurde kurzerhand hinausgeekelt und suchte sich eine neue Bleibe. Dann kaufte man kurzerhand auch diese Wohnung und besaß somit das ganze Haus.

Während einer Pendelsitzung fragte B., wo sie und ihr Mann zukünftig wohnen würden. Mein Pendel zeigte an, St. in Xanten und B. im Gelderland. Wir waren beide sehr verblüfft und konnten uns keinen Reim auf dieser Antwort machen. Doch die Erklärung kam 2015.

K. war fort aus meinem Leben. Patrick hatte eine eigene Wohnung und kam meist samstags. Ich aktivierte meine Handarbeitskenntnisse, die ich bereits in meiner Schulzeit und zu Hause von meiner Mutter gelernt hatte. So viele Pullover, Schals und Tücher konnte niemand tragen! Ein Blog dazu setzte mich unter Druck. Das alles tat ich zusätzlich zur Haus- und Gartenarbeit in meiner Freizeit, doch es füllte mich nicht aus.

Ich hatte von 50plus gehört und schrieb mich dort ein, um neue Bekanntschaften zu machen. Da fühlte ich keinen Gemeinschaftssinn. Viele warteten nur darauf, andere nieder zu machen. Ein paar meiner Gedichte schrieb ich dort ein, doch kurz darauf beschuldigte mich ein angeblicher Rechtsanwalt i. R. des Datendiebstahls, weil er meine Homepage entdeckt hatte, wo dieses Gedicht ebenfalls stand.

Ganz egal, was ich schrieb, ich fühlte mich wie auf einem anderen Stern. Das war mir viel zu oberflächlich! Schnell wurde mir klar, ich gehöre dort nicht hin. Einen einzigen Bekannten aus dieser Zeit, habe ich als fernen Begleiter meines Schreibens mitnehmen dürfen. Wir telefonieren heute noch ein paar Mal im Jahr, obwohl er mittlerweile sehr krank ist.

Es war kein Jahresverlauf, der mir Zuversicht gab. In mir war alles leer. Wenn die Liebe weg ist, fühlt man sich so. Da war ein Loch in der Herzgegend.

Ich schrieb längst keine Gedichte mehr. Von Verlagsseite erklärte man mir, es würden keine Gedichte mehr gelesen. Auch ein Roman ohne Leser macht wenig Sinn. Da bei mir ein gewisser Sprachpurismus herrscht, kann die heutige Leserschaft nur wenig Freude daran finden. Man hält mich für altmodisch.

Es ist mir ein Anliegen, diese althergebrachten Worte zu bewahren. Manchmal klingen sie sehr pathetisch, aber ich fühle mich darin.

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Blindheit

Fortsetzung Teil 42

Mein Alleinsein füllte ich mit Arbeit und Tränen. Die große Wohnung war mir nicht dienlich. Dort fühlte ich mich noch verlorener. Fast verbissen schrieb ich meinen Roman „Jenseits des Schleiers“ zu Ende, in dem ich meinen verletzten Gefühlen Ausdruck verleihen konnte.

Seitdem mein Vater zu seiner Freundin in den Duisburger Süden gezogen war und mein Elternhaus von fremden Menschen bewohnt wurde, hatten wir mäßigen Kontakt. Der beschränkte sich auf ein Mittwochstreffen zum Kaffeetrinken, zu dem ich nach Feierabend quer durch die Stadt fuhr, was meiner künftigen Stiefmutter gar nicht passte. Sobald ich ihre Wohnung betrat und in ihr abweisendes Gesicht sah, wusste ich, dass ich nicht willkommen war. Mein Vater schien hingegen Freude daran zu haben, dass ich ihn besuchte, im Gegensatz zu früher.

Bereits Anfang 2008 hatte mein ältester Sohn G. meinen Vater beim Straßenverkehrsamt angezeigt, quasi als Rache für das nicht erhaltene Haus. Angegeben hatte er, dass mein Vater trotz Makulardegeneration fast blind Auto fuhr. Daraufhin wurde dessen Führerschein eingezogen. Nun stand er da, mit seiner relativ neuwertigen Mercedes-Limousine, mit der er nicht mehr fahren durfte.

Mein Vater und seine Lebensgefährtin hatten ein gemeinsames Hobby: das Tanzen. Dazu waren sie bisher sonntags an die holländische Grenze nach Herongen gefahren, was nun nicht mehr möglich war.

Kurz entschlossen wurde ich dazu verdonnert, diese Fahrten zu übernehmen. Das bedeutete, dass ich überhaupt keine Freizeit mehr hatte. Mittags in den Duisburger Süden, dann nach Herongen, zwischendurch nach Hause und wieder zurück, dann erst nach Huckingen und schließlich abends nach Hause. Jeden Sonntag 250 Kilometer!

Von ‚Madame‘ wurde ich behandelt wie eine Dienstmagd. Kein „Guten Tag“, kein „Auf Wiedersehen“. Während der Fahrt saß sie neben mir und redete kein Wort, auch nicht, wenn ich sie ansprach. Das tat meinem desolaten Gemütszustand nicht gut. Wieder fühlte ich mich minderwertig und benutzt, wollte aber nichts dagegen tun, weil ich meinem alten Vater das Tanzen gönnte. Es sollte ihm gut gehen. Lieber weinte ich im Stillen und bedauerte mich im Selbstmitleid.

Der einzige Lichtblick waren meine drei Katzen, die geduldig zu Hause auf mich warteten. Sie waren lebendig, immer gut gelaunt und mir zugewandt. Wie Engelchen, kleine, gute Energien, die mir Freude machten, wenn ich in ihre niedlichen Gesichter schaute.

Als ich den Wagen meines Vater fuhr, den K. ‚Protzauto‘ genannt hatte, hatte mein Sohn Patrick den verbeulten Micra bekommen. Damit konnte er mich samstags besuchen und die Katzen. Patrick liebte die Katzen und besonders seinen „Wichtel“.

Suse, Wichtel und Dibo waren ein ‚Rudel‘. Als meine Nachbarn in Urlaub waren, folgten sie mir in den Keller und dann hinaus in den Garten. Das war ihnen nicht geheuer, denn sie kannten nur die Wohnung. Ein Abenteuer! Dann entdeckte Wichtel eine Feldmaus, und sie rannte im ‚Tiefflug‘ die Mauer entlang, zurück in den Keller, wo sie mit weit aufgerissenen Augen auf uns wartete. Damit endete unser Familienausflug und keine Katze wollte mehr nach draußen. Wenn ich am Wochenende die Außentreppe putzen musste, hockte Wichtel stets auf der oberen Stufe, wartete, bis ich fertig war und lief dann artig mit mir in die Wohnung zurück.

Patrick und Wichtel

Das Ende des Jahres nahte und die mulmigen Gedanken nahmen zu. Im Geiste sah ich K. mit seiner Familie feiern, denn ich konnte nicht vergessen.

Als der 24. Dezember 2008 auf einen Mittwoch fiel, fuhr ich wie gewöhnlich nachmittags nach Huckingen, um meinen Vater zu besuchen. Ich hatte für ihn und für seine Frau bunte Weihnachtsteller vorbereitet, voll mit Nüssen und Süßigkeiten. Mein Vater bekam zusätzlich einen CD-Player und Hörbuch-CDs, womit er aber überhaupt nicht zurechtkam. Er fragte mich mürrisch, was das sollte. Später erfuhr ich, dass mein Geschenk an den Stiefsohn weitergegeben worden war.

Die Freundin meines Vaters nahm zwar meine Geschenke zur Kenntnis, war aber ziemlich ungehalten.
„Wieso kommst Du heute?“, fragte sie mich. „Heute ist doch Heiligabend!“

An diesem Tag gab es kein Kaffeetrinken, und ich fuhr tief getroffen nach Hause zurück, wo glücklicherweise Patrick zu Besuch kam und mir einen riesigen Engel schenkte.

Wir waren zwar alleine, aber zufrieden.
Ich kochte Patricks Lieblingsweihnachtsessen: Pute mit Kastanien, Klöße und Rotkohl…wie noch weitere zehn Jahre.

Dann kam das trostlose Silvester-Feuerwerk, bei dem ich alleine am Fenster stand und auf die feiernde Welt schaute. Ein neues Jahr begann. Konnte es besser werden?

Kleiner Rückblick – Verlust des Herzkönigs

Fortsetzung Teil 41

George Goodwin Kilburne , (1839 – 1924)

Das war der Anfang vom Ende! Mir war die Gegenwart eines geliebten Menschen tausend Mal mehr wert als ein Foto. Er brauchte meine Gegenwart nicht. Er brauchte lediglich meine Energie zur Stärkung seiner Lebenskraft. Ich kreiste ja in Gedanken immer um ihn herum. Meine Kraft nahm ab, seine zu. Seitdem ich in ihn verliebt war, fühlte ich mich minderwertig, zweite Wahl. Meine Fotos waren lediglich seine Onaniervorlage.

Mehr als 3.000 Euro hatte ich aus purer Verzweiflung für Kartenlegerinnen und sogenannte Hellseherinnen ausgegeben. Obwohl er davon wusste, tat er nichts, außer es mir schön zu reden. An jeden Strohhalm klammerte ich mich. Ich war emotional abhängig von ihm und beherrscht von meinen Zukunftsängsten.

Bei einem weiteren Treffen war es zum Eklat gekommen. Es war wie immer schön mit ihm gewesen, doch dann kam der Moment, wo er aus dieser Harmonie heraus auf die Uhr schaute, wortlos aufstand und zum Duschen ging. Fertig zum Gehen kam er ins Wohnzimmer zurück. Ein Mal duschen und die Sache war vergessen – meine Zweckbestimmung war erfüllt!

Da K. ein französisches Abitur hatte, sprach er kein Englisch. Als ein Amerikaner die Firma übernahm, wurde Englisch vorausgesetzt. Im Jahr 2000 bekam ich von einer Privatlehrerin, die vom Arbeitgeber finanziert wurde, Englisch-Unterricht in einer kleinen Gruppe von vier Personen. 2002 hatte ich bei der IHK eine Prüfung abgelegt, um notfalls in ganz Europa arbeiten zu können. Deshalb hatte ich K. meine Englischvokabel herausgesucht, die er für seine neue Arbeit brauchen konnte und verlängerte dadurch seine Anwesenheitszeit bei mir um zehn Minuten. Er war ungehalten. Die Vokabel wollte er nicht haben.

Sofort merkte ich, dass er unruhig wurde, und als ich ihn fragte, ob dies zu riskant sei, und er es bejahte, bin ich in Tränen ausgebrochen. Er hatte mir damit nur zu deutlich gezeigt, wo er stand: bei seiner Familie. Ich war NUR das Risiko, nicht etwa die große Liebe, für die man etwas riskierte.

K. gehört zu den Menschen, die am Telefon lächeln können. Wenn ich seine Stimme hörte, versank ich in ihr. Das verband mich sofort mit ihm. Er hat das nie verstehen können, weil ihm die Gespräche mit mir offenbar nichts bedeuteten. Er hasste es anscheinend, mit mir zu telefonieren. Ich versuchte ihn noch einmal anzurufen, doch er lehnte es ab, mit mir zu sprechen.

„Ich bin im Moment voller Wut und Ärger. Alles ist schlecht! Nach dem Essen hat sich mein neuer Chef aufgedrängt, weil er sich unbedingt noch heute mit mir treffen will. Ich bin in allerschlechtester Stimmung. Das kann nicht gut werden! Ich will auch nicht telefonieren. Ich will nur noch Ruhe und Frieden.“

Das war Anfang September 2008. Ein Mal kam er zu einem Gespräch in das Büro meines Chefs, weil er dort eine Besprechung hatte. Ein kurzes „Hallo“, ein paar verlegene Blicke – nicht mehr. Ich war äußerlich gefasst, aber innerlich total aufgewühlt und wund. Am liebsten hätte ich laut geschrien, aber ich lächelte tapfer und trug den Schmerz mit nach Hause. Danach schickte ich K. noch eine kurze Email ins Büro und fragte ihn, ob wir nur noch Kollegen wären. Ich bekam darauf keine Antwort. Das schnitt mir messerscharf ins Herz. Hatte ich solch eine Behandlung verdient? K. hatte die Türe einfach zugemacht! Da stand kein Spalt mehr offen, wie er einmal geschrieben hatte. Lange fragte ich mich warum.

„Ich will vorläufig keinen Kontakt!“, hatte er mir geschrieben, und es hatte wie der Befehl „Lass mich in Ruhe!“, geklungen.

Er tat mir so weh damit. Drei Jahre später war ich immer noch untröstlich. Ob ich frei bin von ihm? Im Tagesbewusstsein ja, obwohl ich ihn immer lieben werde. Er war etwas ganz Besonderes für mich…ein besonderer Mensch, von einer ausgestorbenen Art. Aber er hat auch besondere Ecken und Kanten, die, wenn man sich daran stößt, sehr verletzend sein können.

Ganz am Anfang hatte er geschrieben, dass meine Ängste das wundervolle Gefühl, das uns verband, zerstören würden. Waren es nicht SEINE Ängste, die unserer Liebe keinen Raum boten? K. habe ich für immer verloren. Er forderte von mir, in Ruhe gelassen zu werden, damit er seinen Frieden wiederfindet. Wenn ich auf dem Friedhof liege, werde ich Ruhe und Frieden genug haben. Leben ist immer auch Risiko…weitergehen…ausprobieren. Er wollte seine Familie nicht verlieren. Mich zu opfern war leicht.

Mittlerweile verstehe ich, warum er das tat. Wenn ich auch sein wortloses Fallenlassen niemals verstehen werde. Jemanden ohne Erklärung, ohne Abschied abzuservieren, halte ich für verwerflich. K. musste sein altes Büro räumen, von dem aus er gehen konnte, wann er wollte. Dort war er sein eigener Herr. Dann wurde er in die Hauptverwaltung versetzt und war somit unter ständiger Kontrolle. Es wäre nicht mehr möglich gewesen, zu mir zu kommen. Nach Feierabend wollte er die Freizeit mit seiner Familie verbringen…und seine Frau belügen, lag ihm fern.

Ich habe sein bequemes Hamsterrad zum Eiern gebracht. Er hatte Angst, dort herauskatapultiert zu werden. Er hatte einmal die Behauptung aufgestellt, dass Frauen eine viel größere materielle Einstellung hätten als Männer. Liebe ist kein Besitz, sondern ein Geschenk! Ich wollte ihn nie besitzen. Ich hatte gehofft, dass er sich mir schenkt, genauso, wie ich mich ihm schenken wollte.

Er hatte Angst vor finanziellen Verlusten und davor, gesellschaftliches Ansehen zu verlieren, wenn er sich für ein Leben mit mir entschieden hätte. Das wollte er nie.
Heute verstehe ich ihn…damals wollte ich das nicht.

Ich weiß nun, es wird kein Haus mit hellen Räumen für K. und mich geben. Er wird niemals für mich da sein…schon gar nicht, bevor seine Kinder erwachsen sind…in acht bis zehn Jahren vielleicht, und dann wird er seine „kranke, arme, ohne ihn lebensunfähige Frau“ auch nicht mehr verlassen wollen. Er hatte sie zur Unselbstständigkeit erzogen und nun war sie abhängig von ihm. Mit ihm zusammen leben war meinerseits eine Illusion. Wenn man gehen will, geht man gleich oder nie. Er nannte das eine romantische Kurzschlussreaktion, und K. liebte seine Frau auch und vor allem seine Kinder.

Eine der vielen medialen Frauen hatte mir gesagt, es sei eine karmische Verbindung, die gelebt werden MUSS, damit sich das Negative endlich auflösen kann. Sie meinte, ich sei in einem meiner Vorleben schon einmal mit K. zusammen gewesen. Wir hätten uns sehr geliebt, dann wäre er jedoch die Ehe mit einer anderen Frau eingegangen, weil er durch sie seine „Aufgabe“ besser erfüllen konnte. K. sah seine jetzige Aufgabe in der Erziehung der Kinder.

Diskus von Chinkultic – Maya-Kalender

Lt. Maya-Kalender ist er mein Lehrer, wenn ich die Geburtsdaten vergleiche. Das kommt der Wahrheit sicher nahe, denn ich habe viel gelernt aus dieser schmerzhaften Geschichte. Man sollte niemals Liebe mit Leidenschaft verwechseln; am Besitz anderer kann man sich gewaltig die Finger verbrennen; Hände weg von verheirateten Männern; man muss lernen, sich selbst zu lieben, um solchen Verlockungen zu widerstehen.

Vielleicht war K. ja doch Lermontow gewesen, der Offizier in roter Uniform, den ich in Weimar gesehen hatte?

2009 steckte ich in einem dunklen Tunnel ohne Licht, das Ende nicht absehbar. Damals hatte ich oft keine Kraft mehr, um weiterzugehen. Dann hielt ich inne und lauschte: Da ist niemand auf der Welt, der meinen Namen ruft, niemand, der mich vermisst, niemand, der mich liebt. Wird jemand am Ausgang stehen, wenn die Nacht zu Ende ist?

Bild: Bernhard Brügging

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Ewig grüßt das Murmeltier

Fortsetzung Teil 40

„Mein Liebes! Hast Du den Unterschied bemerkt? Damals, vor zwei Jahren kamst Du aus dem Urlaub zurück und hast ein volles Postfach vorgefunden. Ich hatte Dir damals so eine Art Tagebuch geschrieben…und vom „Jahrhundertgefühl“, das ich für Dich empfand.
Gestern war Dein Postfach leer. Ich hatte nichts zu sagen, weil ich leer bin…genauso wie Dein Postfach…“

So fühlte es sich tatsächlich an. Ich hatte ihm nicht viel zu sagen, bis auf die vielen Wiederholungen, die mir selbst zum Hals heraus hingen. Es würde immer so weitergehen: Feste mit der Familie, einsames Warten und nicht zuletzt der nächste Familienurlaub.

Wie immer beschwichtigte K. alles:
„Mein Liebes, natürlich habe ich bemerkt, dass Du nichts geschrieben hattest. Aber das ist kein MUSS! Du MUSST mir nicht schreiben und Du MUSST mir keine Beweise Deiner Liebe schenken.
Ich WEISS, dass wir verbunden sind und das genügt mir!
Ich bin kein Mann, der Dich nur für eine ‚einzige Sache‘ (wie Du es genannt hast) braucht. Ich brauche keine Äußerlichkeiten, keine Geschenke und keine regelmäßigen Bestätigungen unserer Verbundenheit. Ich WEISS, dass wir verbunden sind. Ist Dir eigentlich schon einmal aufgefallen, dass ich noch nie (noch nie!) diese ‚einzige Sache‘ von Dir als Bestätigung unserer Verbindung gefordert habe? Ich brauche keine Bestätigungen dieser Art – weder als Mann noch als Mensch.
Du schreibst, dass uns nichts verbindet! NICHTS? NUR das Gefühl? Ist das für Dich NICHTS? Ich weiß, dass Du mir Deine ganze Liebe und Dein ganzes Vertrauen schenkst. DAS genügt mir! Ich brauche dafür keine Beweise oder Bestätigungen. Ich habe Dir meine Seele genau so offen und frei vor Dir ausgebreitet, wie Du Deine vor mir. Es irritiert mich immer, wenn Du sagst, dass Du nicht weißt, was gerade in meinem Kopf vorgeht und was ich denke. Ich müsste für Dich eigentlich offen wie ein Buch sein, in dem Du jederzeit lesen kannst. Aber Du hast Recht: das Gefühl verbindet uns! Und das ist gut so! Ich küsse Dich! Dein K.“


K., der Mann der Ausrufezeichen! War das alles nur so dahingesagt? Ich wollte das nicht glauben, obwohl ich einsah, dass das nur Worte waren, keine Taten.
Es genügte mir nicht, NUR zu wissen, dass wir verbunden sind. Ich muss es auch fühlen, durch Gesten, Berührungen, geistige und körperliche. Ständiges Getrenntsein löst die Verbundenheit auf. Wenn er glaubte, dass ich in den Tagen ohne ihn Sehnsucht nach Sex mit ihm hatte, dann irrte er sich. DAS ist mir völlig egal! Es sind die kleinen, wichtigen Dinge, die mir fehlten: Blicke, Gesten, Berührungen, seine Stimme, seine Anwesenheit. Es geht nicht ohne. Aber seine Anwesenheit genoss schon seine Frau. Ein Zeichen, dass er sich ihr viel mehr verbunden fühlte, als mir. Meine Gegenwart brauchte er nicht.
Es gab nur EINEN einzigen Weg aus dem Teufelskreis: Die endgültige Trennung!
Ich war so müde, und es schien so aussichtslos zu sein.
In jedem Brief spürte ich das nahende Ende, den ewig langen Weg ins Nichts, den jedes Wort von uns pflasterte.

„Mein Liebes, sei nicht traurig! Ich verstehe Dich! Ja, ich verstehe Dich! Du schreibst: „Je schöner es ist mit Dir, umso trauriger macht mich das.“ Das ist kein Paradoxon! Es ist nur dann paradox, wenn man Vergleiche zieht: Du schreibst: „Auf der einen Seite steht die ganz große Liebe, die besondere Nähe, die Geborgenheit und das Vertrauen. Auf der anderen Seite steht Dein familiäres Glück, die daraus resultierende unüberbrückbare Ferne, die gestohlene Zeit, die leeren Abende, Wochenenden etc.“. Ich weiß, dass es nicht zu Dir passt, das voneinander trennen zu können. Für Dich ist es eine (!) Erfahrung, die nicht voneinander zu trennen ist: Gutes und Schlechtes immer zur gleichen Zeit. Dadurch wird es für Dich zu einem Paradoxon. Aber es ist ein zeitliches Paradoxon und kein inhaltliches! Zur gleichen Zeit, in der Du Glück empfindest, empfindest Du auch Trauer und Sehnsucht nach dem noch fehlenden Glück, nach gemeinsamen – öffentlichen – Spaziergängen, nach unbegrenzter Zeit der gemeinsamen Nähe, nach Ruhe, nach häuslichem Glück und vor allem … nach Zuhause. Das verstehe ich sehr gut!
Aber deshalb ist ein gemeinsamer Spaziergang durch die Rheinauen oder sonst wohin doch kein ‚Almosen‘. Es ist ein zusätzlicher Moment des Glücks und der Freude – für mich, aber ganz bestimmt auch für Dich, oder? Das hat nichts mit Almosen zu tun. Almosen sind Dinge, die man an jemanden weggibt, die man nicht mehr braucht und die für einen selber keine Bedeutung oder Wichtigkeit mehr haben. Für mich sind die Spaziergänge mit Dir wichtig! Ich küsse Deine Lippen und streichle Dein Haar! Dein K.“


Von mir, Klappe, die 100ste:

„Merkst Du nicht, was Du mit mir machst? Du lebst Dein Leben weiter, als würde ich gar nicht existieren!
Wie kannst Du das tun, wenn Du mich liebst? Wie ist das möglich?
Du musst Deine Frau doch noch immer sehr lieben, wenn Dir das Risiko, mich zu verlieren, weniger Kopfzerbrechen machst, als das Risiko, sie zu verlieren, was Du ja unter allen Umständen vermeiden willst.
Wenn Du sie immer noch liebst, ist es besser, wenn wir uns trennen! Ich warte nicht jahrelang auf einen Mann, der eine andere Frau liebt.“

„Ach Liebes, das kann doch nicht wahr sein! Wieso eskaliert es immer so oder so oft? Ich verstehe das nicht! Ich will Dich nicht verlieren. Dein K.“

„Wieso? Weil mir gestern dieses Wahnsinnsgefühl zwischen uns wieder einmal klar gemacht hat, dass ich den Spagat zwischen Liebe und Verzicht nicht schaffe, weil er mich auseinander reißt! Weil Du mir immer wieder zeigst, dass ich Dir im Grunde gar nicht wichtig bin! Du willst Deine Familie nicht verlieren…und Du willst mich nicht verlieren. Wann wirst Du endlich zu dieser Liebe stehen? Du weißt immer noch nicht, was Du willst.
Wenn ich Dich verliere geht für mich die Welt unter! Aber wie kann ich Dich verlieren, wenn Du weiterhin zu ihr gehören willst?“

„Mein Liebes, ja! Es ist ein Wahnsinnsgefühl zwischen uns! Gerade deshalb dürfen wir uns nicht verlieren! Die Welt wird dann zwar nicht ‚untergehen‘, aber sie würde leer und kalt sein. Das darf nicht passieren! Dein K.“

„Liebes, so weit darf es nicht kommen! Wir dürfen uns nicht verlieren! Für mich würde das Leben ganz bestimmt nicht weitergehen wie bisher, wenn Du weg wärst! Ich hätte mich nach den fünf Monaten ganz bestimmt wieder gemeldet. Vielleicht etwas später nachdem Du Dich gemeldet hattest, aber ich hätte es ganz bestimmt getan. Ich würde auch verrückt werden! Schlafe gut und tausend Küsse für Dich ! Ich brauche Dich! Dein K.“

Großes Theater! Unsere Rollen waren längst bühnenreif.

Ende August hatte ich diesen Traum:

Piet Mondrian (1872-1944)

…“In einem weiteren Traumabschnitt befand ich mich mit einer männlichen Person, die ich nicht erkennen konnte, in irgendeinem Wald. Wie immer wollte ich schnell nach Hause, fand aber den Weg nicht. Es ging steil bergauf, bis auf einmal links ein seltsames Haus erschien, vor dem wir Halt machten. Draußen an der Hauswand waren Gipsköpfe befestigt, die aussahen wie Totenmasken. Mit einem Mal waren ganz viele Leute um uns herum, aus Touristenbussen. Wir fragten, ob wir ins Haus gehen dürften, um uns alles anzusehen, aber der Mann am Eingang wollte niemanden hineinlassen. Dann machte er doch eine Ausnahme, und ich ging hinein, durch viele Räume hindurch, die voller eigenartiger Männer waren. Alle waren beschäftigt. Es war wie in einer Werkstatt. Dann sah ich an einer Wand, zwischen ca. zwanzig anderen Männern, meinen Ex-Mann stehen und meinen ältesten Sohn. Beide nahmen keine Notiz von mir. Es waren überhaupt keine Frauen dort. Ich weiß nur noch, dass ich immer weiter gelaufen bin, von Raum zu Raum. Dann bin ich aufgewacht.“

Anscheinend war es ein Fehler gewesen, K. von meinem Traum zu schreiben. (?) Danach wurde mir klar, wie falsch es gewesen war, ihm von meiner Vergangenheit zu erzählen.

Seine Traumdeutung war mir nicht gerade angenehm:

„Der zweite Traumabschnitt ist eigentlich klar: das Haus mit den zwanzig Männern ist die Verkörperung Deiner bisherigen sexuellen Beziehungen zu anderen Männern. Du irrst herum und findest nicht den Richtigen. Du bist an keinem dieser Männer wirklich interessiert und suchst immer weiter, bis Du aufwachst, obwohl ich doch schon vorher mit Dir im Wald war und Du mich nicht erkannt hast. Wir sind zusammen zu diesem Haus gegangen, damit Du erkennst, dass in diesem Haus niemand ist, der Dich interessiert und der sich wirklich für Dich interessiert. Wenn Dir das bewusst geworden wäre, bevor Du aufgewacht bist, hättest Du mich bestimmt erkannt. Ich war Dein Begleiter, der Dich im Wald beschützt und Dir den Weg zu diesem Haus gezeigt hat, damit Du erkennst, dass ich für Dich da bin, und dass alle anderen Männer nur Deinen Körper und ihre eigene sexuelle Befriedigung gesucht haben. Und die vielen ‚Touristen‘, die in Dein ’sexuelles Haus‘, in Deinen Körper, hineindrängten, ob-wohl Du das nicht wolltest, wollten Dich nur kurz zu besuchen, um ihren Spaß an Dir zu haben und Dich zu benutzen. Verzeih mir bitte, aber das waren meine ganz spontanen Gedanken zu diesem Traum. Dein Gefühl, in diesem Haus in einer Werkstatt gewesen zu sein, beschreibt das ‚Mechanische‘ in diesen sexuellen Beziehungen sehr gut. Deshalb waren auch keine Frauen dort in diesem Haus.“

Ich musste ihm teilweise Recht geben: Man hätte es so sehen können. K. gab mir einerseits das Gefühl, dass ich ihm nicht gleichgültig bin, andererseits trafen die „kurzen Besuche“ doch auch auf ihn zu.

„Mein Liebes, ich weiß, dass meine Traumdeutung sehr hart und grausam war. Ich wollte sie auch zunächst wieder löschen, aber dann habe ich es doch nicht getan, weil es das war, was ich ganz spontan beim Lesen dabei empfunden habe. Für mich war das dann in diesem Moment die Wahrheit. Ob das die ‚wirkliche‘ Wahrheit ist, kann ich nicht sagen, aber Du bist es wert ganz offen und ehrlich zu Dir zu sein. Auch wenn es manchmal sehr weh tut. Ich achte und respektiere Dich!
Du bist so viel mehr als eine Frau, die nur aus einem ’sexuellen Haus‘ besteht. Du hast ganz, ganz viele Häuser in Dir mit ganz, ganz vielen Räumen, von denen Du selbst viele wahrscheinlich überhaupt noch nicht kennst. Ich werde Dich beim Entdecken dieser Räume und Häuser begleiten. Dein K.“

Ich war es wert, dass er ganz offen und ehrlich zu mir war? Seine Frau dann wohl anscheinend nicht! SIE genoss seinen völligen Schutz, weil er sich selbst damit am meisten beschützte.

K. wollte mit mir zusammen diese anderen Räume und Häuser entdecken. Das machte mich zwar stutzig, aber beflügelte meine Laune umso mehr. Seine Worte wirbelten mir durch den Kopf:

„Meine höchstpersönliche Hausmaus im neuen Haus mit den vielen, schönen und hellen Räumen? MEINE alleinige, superliebe, sanfte, zärtliche, durch nichts und niemanden ersetzbare, schlaue, knuddelige, schmusige, hübsche, sensible HAUSmaus!!!? MEINE? Irgendwann?
Nie wieder andere Männer, die mich nur auf meine Geschlechtsteile reduzieren!? (?) Nur noch Dich und ein kuscheliges Zuhause ganz für uns…wo die Welt draußen bleibt…und unsere Liebe, die wir nie mehr loslassen werden?! Keine einsamen Wochenenden mehr, sondern Kuchen mit Sahne und Küsse von Dir, gemeinsame Spaziergänge und gemeinsames Fernsehen, wobei ich Dich nicht loslassen werde. Selbst die lästigen Einkäufe wären schön, wenn Du dabei wärst. MEINE HAUSMAUS! Jetzt würde ich Dich gerne knuddeln und ganz festhalten! Deine Mieze.“

Außerdem hatte ich ihm die Aktfotos geschickt, die er schon immer von mir haben wollte. Das brachte ihn vollkommen aus dem Häuschen:

Károly Brocky (1807–1855) – Schlafender Bacchant

„Ich wünsche meiner lieben Schönen einen wunderschönen guten Morgen mit viel strahlendem Sonnenschein!
Gestern war ein guter Tag! Ein sehr guter Tag! An diesem Tag hast Du endlich den Traum geträumt, den Du schon lange träumen solltest. Du hast endlich erkannt, dass Du Dich von Deinem alten sexuellen Haus mit den Werkstattmännern und den Touristen, die Dich besuchen, trennen musst, weil es leer und eigentlich ohne Bedeutung für Dich ist. Es ist Vergangenheit! Wenn Du bisher an Deinen Körper gedacht hast, hast Du immer daran gedacht wie schön Dein Körper in der Vergangenheit war („Ach ja, früher war ich doch viel dünner, früher hatte ich keine Falten im Gesicht usw.“). Dein sexuelles Selbstbewusstsein bezog sich meistens nur auf die Vergangenheit, weil Du Dich damals körperlich schöner gefunden hast. Du brauchtest die Werkstattmänner zu Deiner sexuellen Bestätigung. Du brauchtest sie, damit Du Dich selber und Deinen Körper lieben konntest, weil Du Dich nur dann für begehrenswert und wertvoll hieltst. Du hast Dich nur für wertvoll gehalten, wenn man Dich begehrt hat. Das ist jetzt vorbei! Du kannst jetzt dieses Haus verlassen und mit mir zusammen ein neues aufbauen.
Gestern war ein guter Tag! Ein sehr guter Tag! An diesem Tag hast Du Dich mir zum ersten Mal GANZ gegeben. Du hast zum ersten Mal erkannt, dass Du andere Männer nicht zur Bestätigung Deines sexuellen Wertes brauchst. Du hast Dich mir gezeigt wie Du bist: wunderschön und aufregend! Du hast nicht mehr daran gedacht, dass die Zeit ihre Spuren in unseren Gesichtern und Körpern hinterlässt, sondern daran, dass Du JETZT (!!!) schön bist. Das spürt man auf dem Foto, auch wenn Du noch etwas die linke Hand zusammendrückst, weil Du Dich nicht ganz wohl fühlst. Aber das ist egal! Du hast Dich mir GANZ gezeigt und gerne! Das ist das Wichtige! Du bist jetzt stolz und selbstsicher was Deinen schönen Körper betrifft! Du bist JETZT schön! Dafür brauche ich auch keine rosarote Brille, die alles in einem schöneren Licht erscheinen lässt. Ich sehe Dich viel besser als Du denkst und mein Blick auf Dich ist viel klarer als Du ihn bisher jemals hattest! Du bist aufregend und faszinierend! Das Schönste an Gestern war, dass Du das jetzt auch erkannt hast. Du brauchst keine sexuelle Bestätigung aus der Vergangenheit mehr in der Du zwar von ganz vielen Männern begehrt warst, die Dich aber nur wegen Deiner Jugendlichkeit und Verletzlichkeit besitzen wollten und nicht wegen Deiner Schönheit. Diese Schönheit Deines Körpers ist unabhängig vom Alter, und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich sie Dir gestern für Dich wieder bewusst machen durfte. Aber das hast Du selbst getan, weil Du keine Angst mehr hattest Dich mir GANZ zu zeigen. Du hast die Schönheit Deines Körpers wiederentdeckt! Damit meine ich nicht Deine innere Schönheit, sondern ganz bewusst die äußere, erotische Ausstrahlung Deines Körpers!
Ich bin sehr glücklich! Gestern war ein guter Tag! Dein K.“

Noch mehr Ausrufungszeichen! Ich konnte seine Euphorie über die Fotos überhaupt nicht verstehen und den Hinweis auf die „vielen Männer“ empfand ich als „voll daneben“.

„Aha, UNSER Haus wird also doch nur ein rein sexuelles Haus sein! So ein Haus brauche ich nicht! MEIN Fundament für unsere Verbindung ist sowieso die Treue. Das Haus würde zusammenbrechen, wenn DU dieses Fundament erschütterst, denn dann würde das Haus einstürzen oder grobe Risse erhalten. Es wird keine Gäste oder Besucher geben, solange ich auf das „Irgendwann“ hoffen kann. Es ist zwar für den Moment ein gutes Gefühl, von anderen Männern ‚gesehen‘ zu werden, aber da ihr Interesse nicht auf mein Innen gerichtet ist, sind mir solche Pseudo-Bewunderungen eher zuwider, als erwünscht.
MEINE Schönheit kommt – wenn überhaupt – von innen und nicht von außen. Wer sie nicht sieht, wird mich nicht lieben können. Wer mich nicht lieben kann, wird zukünftig auch nicht mehr als Gast geduldet werden! Deine G.“

Dann folgte ein weiterer Traum, der mich sehr mitnahm, denn er zeigte mir ein schreckliches Bild:
Ich stand alleine und schweigend in meiner Küche. Alles war still. Als ich zur Türe blickte, sah ich K. im Flur zur Haustüre hinausgehen, wie in Nebel hinein.
Dann vernahm ich eine Person neben mir, groß, ohne Gesicht, mit einer braunen Kutte bekleidet, die Kapuze über dem Kopf. Als er meine Hand umfasste, gruselte es mich. Dann bin ich erwacht.

Dieses Traumbild machte mir Angst, denn ich empfand plötzlich eine tiefe Einsamkeit. Da ahnte ich, dass das Ende der Affäre mit K. kurz bevor stand. Und so war es dann auch.


Kleiner Rückblick – Seelenbilder

Fortsetzung Teil 39

Postkarte: Liebe

Dann folgte dieser Brief:

„Liebes, ich will Dir doch nicht wehtun! Ich will einzig und alleine Ruhe und Frieden finden. Und ich will, dass Du die auch findest.

Was verlangst Du von mir? Du trennst Dich von mir, bedrohst, beleidigst und beschimpfst mich, beschreibst mich in den schlechtesten Tönen, bist froh, dass Du endlich frei von mir bist, und dann? Du hängst Dich an mich, willst Briefe von mir, liebe Worte und Zärtlichkeiten. Wie soll ich darauf reagieren? Soll ich Dich in Besitz nehmen und Dich ausnützen? Macht über Dich ausüben wie sie wahrscheinlich schon viele Männer vor mir über Dich ausgeübt haben? Willst Du das? Das ist nicht mein Weg. Ich will keine Sexsklavin unter mir haben. Das interessiert mich nicht. Ich respektiere, bewundere, liebe und achte Dich aus ganzem Herzen. Und gerade deshalb werde ich jetzt konsequent bleiben…für mich und für Dich!

Ich schicke Dir im Anhang mein Tagebuch/Traumtagebuch der letzten Tage und Wochen. Nimm nichts persönlich oder als Kränkung. Es sind nur meine innersten Gedanken und Gefühle der letzten Zeit. Sie sind eigentlich für mich, aber sie gehören natürlich auch Dir, weil sie fast nur Dich betreffen. Ich habe keine Kraft mehr. Ich will nicht mehr. Diese Wechselbäder durch die Du mich jagst, sind einfach zu viel für mich (für Dich sowieso!). Jetzt am Wochenende konnte ich zum allerersten Mal seit Wochen wieder ganz durchschlafen und mir geht es wieder einigermaßen gut. Ich brauche diese Ruhe …und Du auch! Und sage jetzt nicht wieder, dass wir uns verlieren, wenn wir uns nicht sehen. Das ist jetzt seit fast zwei Jahren ein ständiges Auf und Ab unserer Gefühle. Sicher ist dabei ist nur Eines: Wir sind verbunden! Wenn wir nicht verbunden wären, hätten wir schon längst aufgegeben.

Wenn Du aufgeben und wieder ganz frei sein willst, dann zerschlage meinen Traumstein oder schicke ihn mir wieder zurück. Du wirst dann sofort einen anderen Mann finden, der Dein Alleinsein beendet. Ich werde es dann nicht mehr sein. Das Gleiche gilt für mich: wenn Dein Druck für mich zu groß wird, werde ich Deinen Wunschstein ebenfalls zerstören oder Dir zurückschicken. Dann werden wir beide ganz frei …aber auch ganz alleine sein. Letzte Woche wollte ich Deinen Wunschstein zuerst mit dem Hammer zerschlagen, aber ich habe es nicht getan, obwohl mein ganzer Körper und mein Geist voller Wut und Aggression auf Dich waren.

Ich will jetzt Ruhe finden! Bitte akzeptiere das, wenn Du mich noch liebst. Ansonsten werde ich mich ENDGÜLTIG von Dir trennen. Bisher hattest DU Dich immer nur von mir getrennt. Ich habe diese Trennungen nie akzeptiert. Deshalb konnten wir immer wieder zusammenfinden (auch wenn Du dabei immer der ‚Initiator‘ warst … und das ist Dir bestimmt nicht leicht gefallen, weil Du ein sehr stolzer, aufrechter Mensch bist). Dein K.“

Sein Tagebuch:

13.04.08:
Sie ist nach München weggefahren. Habe Angst um sie wegen des Fahrens und Angst sie an einen anderen zu verlieren. Bitte sie Fotos von sich im Hotelzimmer zu machen. Will ihre Seele in ihrem Körper entdecken. Will sie besitzen. Schäme mich gleichzeitig dafür.

14.04.08:
Mit ihrem Termin ist alles gut gelaufen. Sie war bester Stimmung und ganz gelöst am Telefon, fast euphorisch. Keine Gefahr durch ‚andere‘. Das hätte ich gespürt trotz der Entfernung.

15.04.08:
Sie ist aus München zurück. Wir haben uns gesehen. Sie war sehr müde und irgendwie kalt zu mir. Sie hat mir keine Fotos von sich geschenkt, obwohl ich sie so sehr darum gebeten hatte. Ich darf ihre Seele also nicht mehr sehen – ganz wie im Traum von letzter Woche. Ich habe die ganzen schönen Fotos von ihr auf den Festplatten gelöscht. Ich bin so traurig.

21.04.08:
Trennung! Klare Aussage von ihr! Wie ein Befehl. Erbärmliche Beschimpfungen, Beleidigungen: feiger Duckmäuser, erbärmlicher, langweiliger Spießer, Geizhals, der kein Geld und Mühe für Geschenk opfert, kein Geld für Essen und ich passe nicht zu ihrer Freigiebigkeit, Geradlinigkeit etc. Wirft mir Betrug vor. Sie wirft mir Betrug vor! Alle dürfen das, aber nicht sie! Trennung wäre wie immer, wenn sie ein Gesicht im Traum erkannt habe. Droht anzurufen! Droht! DAS ist erbärmlich! DAS ist das Letzte!

ER konnte nicht mehr! (?) ER brauchte Ruhe und Frieden! (?) ER, ER, ER! Interessierte es ihn, dass es für mich ganz furchtbar ist, ohne ihn leben zu müssen!? Was hatte ich ihm Böses angetan, dass er so reagierte? Einzig und alleine die Drohung von mir war falsch gewesen, und es tat mir entsetzlich leid, weil Rachegelüste nicht zu meinen Eigenschaften zählen sollten. Immerhin hatte ich sie unter Kontrolle gehalten.

K. war überhaupt nicht konfliktfähig. Ich hatte nicht die Möglichkeit, mich mit ihm „normal“ auseinanderzusetzen. Nicht einmal ein „einfacher“ Streit war zwischen uns möglich, weil wir das nicht ausleben konnten. Sobald es Stress gab, zog er sich zurück und war unerreichbar für mich. Das machte mich wahnsinnig! Das war Folter!

Er hatte Angst gehabt, mich an einen anderen Mann zu verlieren, als ich mich in München mit Professor J. wegen Schiller getroffen hatte. Mir stand überhaupt nicht der Sinn nach anderen Männern! Sexsklavin? Was dachte er von mir?

Kalt sei ich zu ihm gewesen!? Noch NIE war ich das! Als ich nach Hause kam, war ich todmüde. Die Reise war sehr anstrengend gewesen. Nur weil ich wegen eines leeren Akkus keine Fotos von mir machen konnte, meinte er, er dürfe meine Seele nicht mehr sehen!? Er hatte daraufhin alle Fotos von mir gelöscht. Das konnte ich überhaupt nicht verstehen, und ich nahm es ihm übel.

Er hatte mich zum wiederholten Male um Nacktfotos gebeten und reagierte sehr empfindlich darauf, weil ich sie ihm nicht geben konnte und wollte. Was sollte das? Ich verstand das nicht. Was wollte er noch von mir besitzen? Er besaß doch schon ALLES!
In diesem Moment kam es in mir hoch, und ich verlangte meinen Traumstein von ihm zurück, denn ich ahnte, dass meine Träume mit K. niemals in Erfüllung gehen würden. Er weigerte sich.

Lilith – John Collier (1850-1934)

„Liebes, Du willst Ruhe und Frieden finden, indem Du auf Abstand gehst…endgültig und konsequent, wie Du geschrieben hast!
Was habe ich von Dir verlangt? Nichts, außer einer Entscheidung! Ich hatte etwas von Dir erhofft, was Du mir nicht geben willst. Was hast DU von mir erwartet, als Du mir gesagt hast, dass Du weiter mit Deiner Frau zusammenleben willst? Hast Du erwartet, dass ich es hinnehmen kann…einfach so, als wäre diese Aussage bedeutungslos für mich!? Wenn Du gesagt hättest „im Moment“ muss ich noch mit ihr zusammenleben, wegen der Kinder. Aber nein, das hast Du nicht! Durch Deine Worte hast Du nicht nur meine Gefühle mit Füßen getreten, sondern mich dadurch natürlich auch zu einer minderwertigen Frau gemacht und meine Liebe gleich dazu.

Meine Anwesenheit spielt in Deinem Leben keine Rolle! Wie oft hast Du schon SO entschieden? Gegen mich! Jedes Mal habe ich mich dann zu trennen versucht. Aber ich liebe Dich doch! Schon in dem Moment, als ich Dir von Trennung geschrieben hatte, bin ich selbst daran verzweifelt! Wie könnte ich froh darüber sein, endlich frei von Dir zu werden? Es schien Dir ganz egal zu sein, wie liebevoll und wie zärtlich ich mit Dir umgehe…viel zärtlicher, als Deine Frau jemals mit Dir umgegangen ist. Trotzdem ist Deine Wahl wieder auf sie gefallen.

Als Du mir das am Telefon gesagt hattest, bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Ich war außer mir…außerhalb der Normalität, und ich habe total über reagiert, als ich Dir drohte. Das tut mir sehr leid! Ich wollte Dir keine Angst machen. Ich hatte es voller Wut hingeschrieben, dann aber überlegt, wie weh es Dir tun würde, und es sofort wieder verworfen. Ich will Dir doch nicht schaden! Ich war wütend und enttäuscht. In dem Moment habe ich auch manch andere Dinge nur noch persönlich nehmen können und es als Dein persönliches Desinteresse an mir gesehen. Ich war total neben der Spur! Kannst Du das nicht verstehen und verzeihen? Es tut mir leid, aber es hatte einen Grund.

Du schreibst: „Du hängst Dich an mich, willst Briefe von mir, liebe Worte und Zärtlichkeiten. Wie soll ich darauf reagieren? Soll ich Dich in Besitz nehmen und Dich ausnützen? Macht über Dich ausüben wie sie wahrscheinlich schon viele Männer vor mir über Dich ausgeübt haben? Willst Du das? Das ist nicht mein Weg. Ich will keine Sexsklavin unter mir haben. Das interessiert mich nicht.“
Was hast Du denn sonst gemacht, vor diesem entsetzlichen Streit? Hast Du mich „in Besitz genommen und mich ausgenutzt“ oder hast Du mit mir geschlafen, weil Du mich liebst und mir nah sein wolltest…genau wie ich es von Dir wollte? Es gab doch immer liebe Worte und Zärtlichkeiten zwischen uns. Wieso wertest Du diese Worte jetzt so ab? Wieso schreibst Du hier von anderen Männern und Macht? Ich wollte nur lieb zu Dir sein! Immer wollte ich das! Nur lieb sein wollte ich, weil ich Dich liebe und dachte, Du seiest anders als andere Männer. Jetzt schreibst Du, dass ich mich „an Dich hänge“ und um Deine Liebe bettle, und Du schreibst es so, als sei es Dir lästig, und dass Du das ausnutzen könntest, wie die anderen und Du fragst, ob ich das wollte. Eine Sexsklavin? Hast Du mich so empfunden? Ich wollte Dir doch nur nah sein, weil ich Dich liebe. Warum ist das falsch? Das tut mir sehr weh!

Du willst Ruhe vor mir! Du willst mich und meine Liebe nicht mehr. Liebe ist immer Berg und Talfahrt. Immer! So extrem ist es doch nur, weil unsere Situation extrem ist.
Wir sind verbunden…aber warum und wozu dann noch, wenn kein Miteinander, kein Austausch mehr stattfinden darf? Du willst mich nicht mehr sehen und lieben? Unsere Verbundenheit soll „in den Schrank gestellt werden“ und ob sie irgendwann wieder herausgekramt wird, steht in den Sternen? Du schreibst „wenn Du aufgeben und wieder ganz frei sein willst“. Was soll ich aufgeben wollen? Unsere Liebe? Dich? Wenn ich Deinen Stein zerstöre oder ihn Dir zurückschicke, werde ich sofort einen anderen Mann finden, der mein Alleinsein beendet? Willst Du das? Würdest Du nicht lieber an seiner Stelle sein? DU bist MEIN Mann…meine Maus! Ich wünsche mir, dass DU mein Alleinsein beendest, ich will keinen anderen Mann. Das weißt Du ganz genau! DU BIST MEIN MANN, MEIN SEELENPARTNER! DU bist die Idealbesetzung für mein Leben, auch wenn wir beide ab und zu Achterbahn fahren müssen. Für mich gab es in den letzten zwei Jahren zwar auch ein Auf und Ab in den Gefühlen, aber niemals, NIEMALS habe ich Dich weniger geliebt! Die Liebe ist immer gleich geblieben…immer gleich groß. Meine Aggressionen gegen Dich beschränken sich auf höchstens eine halbe Stunde, in der ich Dampf ablasse und deshalb denke ich von Dir, dass Du genauso bist wie ich. Das ist ein Fehler, aber ich bin nicht nachtragend und vergesse Streit und Vorwürfe sofort wieder, weil die Liebe viel größer ist. Leider haben wir keine Möglichkeit, uns zu versöhnen…uns in die Augen zu schauen und die Liebe zu fühlen, die Du vergessen willst.

Ich werde Dir Deinen Stein nicht zurückschicken!

Du willst jetzt Ruhe finden. Ansonsten wirst Du Dich endgültig von mir trennen? Ist das auch eine Drohung? Das heißt, ich soll Dich in Ruhe lassen, Dir nicht mehr schreiben und schon gar nicht anrufen. Du verbannst mich aus Deinem Leben…willst nicht mehr teilhaben an meinem.

Es tut mir leid, ich werde keine Ruhe und keinen Frieden finden, ohne Dich und Deine Liebe, ohne Deine Zärtlichkeiten und Gefühle. Du bist mein Lebensinhalt, und ich werde wieder Millionen von Gedanken an Dich haben, die ich nicht mit Dir teilen darf. In der Einsamkeit kann man nur Ruhe und Frieden finden, wenn man niemanden im Herzen trägt. Ich trage Dich in meinem Herzen und es wird mir schwer sein!

Ich hatte Dich im Traum gesehen. Ich sagte Dir, dass ich Dich erst richtig im Traum sehen würde, wenn es mit uns vorbei wäre, sozusagen als Zeichen der Verarbeitung. Ich hatte fünf Monate Trennung zu verarbeiten. Wenn ein Mensch aus meinem Leben verschwindet, ist das auch im Traum so. Er verschwindet einfach! Du bist noch nie verschwunden.

Ich habe Deine Verlustangst gespürt, als ich in München war, dabei war sie völlig unbegründet. Wie Du weißt, bin ich sehr schamhaft was diese Art von Fotos betrifft, die Du haben wolltest, und ich war müde und mein Akku war leer. Alles sprach also gegen diese Aufnahmen. Trotzdem hatte ich Dir am nächsten Tag zwei gemacht. Du bist wirklich der einzige Mann, der mich besitzen durfte. Also war ich kein Besitz mehr, sondern ein Geschenk an Dich! Ich habe mich Dir gerne geschenkt.

Als ich von München heimkam, war ich sehr müde! Aber trotzdem wollte ich Dich unbedingt sehen, weil ich Dich vermisst hatte. Vielleicht hat meine Erschöpfung kalt auf Dich gewirkt? Das tut mir leid! Es war mein Wunsch, Dir nah zu sein. Ich hatte einfach nur in Deinem Arm liegen wollen. Ich muss auch nicht immer mit Dir schlafen. Eigentlich war ich viel zu müde dafür gewesen.

Du hast alle schönen Fotos von mir gelöscht? ALLE? Jetzt muss ich weinen! Die waren doch nur für Dich! Ich hatte sie Dir aus Liebe gemacht. Noch niemals hat ein Mann solche Bilder von mir bekommen! Es ist so, als hättest Du Deine Liebe zu mir gelöscht…mit allen Erinnerungen! WAS hast Du mir damit angetan? Du hast MICH und mein Andenken gelöscht aus Deinem Gedächtnis…aus Deinem Leben! Du hast damit meine Seele zerstört, denn Du wusstest ganz genau, dass in jedem Bild meine Seele steckt! Warum hast Du mir das angetan? ALLES hätte ich Dir geschenkt, sogar mein Leben! Du hast mich gelöscht! Das überlebe ich nicht! Das ist wie ein Stich ins Herz!
Vergiss mich und lösche mich aus Deinem Herzen und aus Deiner Seele. Du hast jetzt noch nicht einmal mehr ein Foto zum Anschauen von mir. Bald wirst Du Ruhe und Frieden vor mir finden, wo ich doch immer „Dein Engel“ war. Aber das scheinst Du vergessen zu haben.
Für das was ich nun in diesem Augenblick empfinde, habe ich keine Worte. Es frisst mich innerlich auf. Du hast meine Seele gelöscht! Deine G.“

Wieder ein ständiges Auf und Ab:

„Liebes, Dein Wunschstein und mein Traumstein sind nicht unbedeutend. Sie sind Symbole unserer Verbindung. Jeder hat den Stein des anderen und damit symbolisch die dessen Wünsche und Träume. Und die sind nicht unbedeutend. Für mich sind diese beiden Steine sehr wichtig!

Es ist nicht gut, dass Du die Originale der Bilder nicht aufbewahrt hast. Das ist sogar sehr schlecht! Aber wieso hast Du Dich auf diesen Bildern unwohl gefühlt? Sie sind doch sehr schön gewesen! Aber wenn Du Dich dabei unwohl gefühlt hast, dann waren sie auch nicht gut für Dich. Und ich dachte, dass Du mir auf diesen Fotos Deine Seele und Deinen Körper sehr gerne gezeigt hattest. Ich habe sie jedenfalls als sehr schön empfunden. Schade!

Ich habe nicht gesagt, dass ich Dich nicht wiedersehen will. Ich habe nur gesagt, dass ich im Moment keine Kraft mehr hätte. Die weibliche Seite der G. hat auf mich eine ungebrochen starke Anziehungskraft und ist so überaus lebendig – Du weißt gar nicht wie Du auf mich wirkst. Du bist wie das Licht einer Kerze, in das ich arme, kleine Motte immer wieder hineinfliegen will. Ich kann mich nur durch Schließen meiner Augen dagegen schützen. Gerade deshalb habe ich Deine Seelen-Bilder gelöscht und bedaure es doch sehr. Dein K.“

Wieder ging es bergab, und als der Sommer kam und K. mit seiner Familie nach Griechenland in Urlaub fuhr, war meine Gefühlswelt unter dem Nullpunkt angelangt. Es konnte so nicht funktionieren! Ich konnte mich an diesen unnatürlichen Zustand nicht gewöhnen und wollte es auch gar nicht. Nachdem er nach Hause zurückgekehrt war, kriselte es immer mehr.

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Selbst-Aufgabe

Fortsetzung Teil 38

Valentinstag

Es ist der 14. Februar 2009: Valentinstag! Für mich unbedeutend, wenn auch mit einer gewissen Symbolkraft behaftet. Der Tag steht für die Liebenden. So genannt nach dem heiligen Sankt Valentin, der im Jahre 269 enthauptet wurde und den Tod eines Märtyrers starb. Er gilt als Schutzpatron gegen die „fallenden Krankheiten“ Epilepsie und Ohnmacht.
Gegen die Ohnmacht im übertragenen Sinn könnte ich ihn als Schutzgeist sicher gut brauchen.

Nichts hat sich seit zweieinhalb Jahren verändert…und letztendlich doch alles. K. und ich, wir hatten uns damals nicht zum letzten Mal getrennt, waren später wieder zusammengekommen. Vier Mal, genauer gesagt, wobei die Trennungszeit jedes Mal größer wurde. Drei Mal trennte K. sich von mir, oder besser: er ging auf Distanz, ein Mal ging es von mir aus. Ein langer Prozess, in dem es für mich nie wirklich zu Ende war.
R. M., die Hellseherin aus der Vergangenheit, sie hatte recht behalten, als sie die Ringe gesehen hatte: Die Verbindung hält für immer. Für mich ist das wirklich so. Bei jedem neuen Mann kämen unweigerlich Vergleiche. Niemand könnte diesen standhalten.

Bereits im Januar 2007 ging K. wieder auf Abstand, den er brauchte, wie er sagte. Ich hatte „böse Dinge“ über seine Kinder geschrieben, weil mir das übertriebene Familiengetue zum Hals heraus hing. Alleine gegen das Wort „Familie“ habe ich mittlerweile eine richtige Abneigung entwickelt. Einerseits verurteilte ich seine übergroße Fürsorge, andererseits hätte ich alles dafür gegeben, diese Erfahrung mit ihm zusammen machen zu dürfen. Seine Kinder werde ich wohl niemals kennenlernen. Oft sehe ich seinen Sohn auf dem Fahrrad von der Schule nach Hause radeln.

Nachdem ich das erste von drei Tränen durchtränkten Weihnachtsfesten gefeiert und mir Silvester vorgestellt hatte, wie zukunftsoffen und traulich sich die Eheleute B. zugeprostet hatten, war mir bei so viel Scheinheiligkeit der Kragen geplatzt.

K. und ich, wir waren uns sehr ähnlich, aber ich verstand dieses ausschließliche Fixiertsein auf seine Kinder überhaupt nicht. Es gibt auch ein Leben ohne die Kinder. Für ihn gab es nur sie! Für mich steht die Partnerschaft an erster Stelle. Darüber ließ er natürlich nicht mit sich reden und spielte mir gegenüber den „zerbrochenen Krug“. Leer und nicht mehr in der Lage, irgendwelche Emotionen von mir aufzunehmen, wandte er sich recht theatralisch von mir ab…bis zum März 2007. Er hatte mir wie immer ein schlechtes Gewissen gemacht. Ich fühlte mich schuldig an seinem „zerbrochenen“ Zustand, weil ich nicht die Oberflächlichkeit besaß, mit der Situation anders umzugehen.

Die Wiederannäherung war zunächst nur zögerlich vonstatten gegangen, endete aber in einer Reise nach Weimar, die wir vor Ostern gemeinsam unternahmen. K. hatte mich dazu eingeladen und betonte immer wieder, dass das wohl das erste Mal sei, dass mich ein Mann zu einer Reise einladen würde. Recht hatte er! War seine Großzügigkeit nur Machogehabe? Ich verstand ihn nicht. Seiner Frau bezahlte er doch auch ALLES. Er finanzierte seit fast zwanzig Jahren ihr ganzes Leben, inklusive Urlaube, während sie tagtäglich nur auf der Couch saß. Wenn sie etwas nicht tun wollte, war Diabetes ein vorzügliches Druckmittel, um ihren Mann für Arbeiten zu benutzen, die eigentlich ihr Part waren. Es schüttelte mich jedes Mal, wenn er mir schrieb, dass er am Wochenende Keller und Hausflur putzen müsse. Er fuhr zum Einkaufen, weil sie keinen Führerschein besitzt und kümmerte sich um die Kinder. Wenn er etwas mit ihnen unternahm, dann tat er es für gewöhnlich allein, weil seine Frau keine Lust dazu hatte. Er tat seine Pflicht (meinte er). Was tat sie? Sieht so eine glückliche Ehe…eine gut funktionierende Partnerschaft aus? Manchmal frage ich mich wirklich, wie naiv Männer sind!

Jedes Jahr um Ostern fuhr seine Frau mit den Kindern in ihre Heimat. 2007 tat sie das auch, und wir fuhren nach Weimar. Diese Tage waren wohl die schönste Zeit, die ich mit K. erleben durfte. Ein Hauch von Glück schwebte über all unseren Unternehmungen. Er bewunderte meine „schönen Kleider“, wie er sagte, die ich extra für ihn gekauft hatte und abends ausführte. Als wir in Höhe von Goethes Gartenhaus in den Ilmwiesen auf der Bank saßen, war es mir, als könnte ich mit ihm in eine andere Zeit entfliehen. Wir waren uns ganz nah, und ich schwebte auf „Wolke 7“.

Foto: Gisela Seidel – In Weimar

Aber leider geht alles Schöne irgendwann zu Ende. Der Absturz von meiner Wolke war vorprogrammiert. Wir fuhren heim und ein paar Tage später kam seine Familie aus Bulgarien zurück. Der Schalter „Gisela“ wurde wieder auf „Aus“ gestellt. Sein ‚Heiligtum‘ und seine kleinen Engel waren zurückgekehrt, und ich hatte in der Versenkung zu verschwinden.

Ich stürzte emotional in den Abgrund. Es tat so weh, und ich konnte nichts dagegen tun. Ich fühlte mich so ohnmächtig und so minderwertig.
Immer wieder fragte ich mich, wieso K. in der Lage war, nach all den gemeinsamen Glücksmomenten wieder zu seiner Frau zurückgehen zu können, ohne, dass es ihm wehtat. Er ging direkt aus meiner Welt in ihre…ohne die geringsten Skrupel zu haben. Was er mir damit antat, war ihm durchaus bewusst – auch, wenn er es nie verstehen konnte.

Wenn ich ihn nicht verlieren wollte, musste ich damit leben. Seine Frau schien von alldem nichts zu ahnen. Sie fühlte sich in Sicherheit. Sie wusste doch, wie sehr ihr Mann an den Kindern hing und umgekehrt. Niemals würde er von dort weggehen! Zu alledem hatte sie gelernt, ihr Spiel „Alleine bin ich lebensunfähig“ perfekt zu spielen, und wenn er nicht so funktionierte, wie sie es sich vorstellte, wurde sie krank.

„Sie ist gut für mich!“, sagte er mir einmal und wusste anscheinend mal wieder nicht, was er mir damit sagte. Sie war doch nur gut für ihn, weil sie keine Erwartungen mehr an ihn stellte. Leere Waagschalen = Ruhe und Frieden, Ausgeglichenheit…und sie war eine gute Köchin, eine gute Hausfrau und Mutter. Was wollte er von mir? GAR NICHTS…vielleicht die Leidenschaft!? Er nahm alles mit, was ich ihm in Liebe zu geben bereit war. Ohne innerliche Verrenkungen spielte er Zuhause den zufriedenen Ehemann.

Nach emotionalem Kampf versuchte ich im Sommer 2007 die endgültige Trennung zu vollziehen. Es war ein schrecklicher Sommer! Jedes Wochenende, wenn K. mit seiner Familie draußen im Garten saß und wieder einmal grillte, saß ich zu Hause und weinte mir die Augen nach ihm aus. Im Geiste sah ich ihn im Kreise „seiner Lieben“ sitzen. Er genoss sein Leben auch ohne mich. Ich konnte das nicht! Ohne ihn war ich unglücklich. Er hatte Spaß mit seiner Frau und seinen Kindern, währenddessen mich die Sehnsucht von innen aushöhlte.

Dann machte ich Schluss, weil er mir am Telefon etwas von einer Einladung zur Hochzeit erzählt hatte, wo er mit seiner Frau hinfahren wollte. Daraufhin telefonierte er nicht mehr mit mir, aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Es war die Hölle, denn damit nahm er mir eine für mich lebenswichtige Kontaktmöglichkeit. Das brachte das Fass zum Überlaufen!

Fünf Monate lang hielt ich die Trennung durch, doch ich konnte es nicht aushalten und abschließen. Traurigkeit und Verzweiflung waren jeden Tag bei mir zu Gast. Sie brachten mir Tränen, die niemand sah und die Erkenntnis, dass man Liebe nicht einfach loslassen kann.

Ein Mal in dieser Zeit sahen wir uns zufällig auf der Straße. Ich fuhr mit dem Auto an ihm vorbei. Unsere Blicke trafen sich nur kurz, doch ich spürte, dass die Liebe noch immer da war. Ich schrieb ihm einen langen Brief, und er antwortete…aber nur, weil ihn mein leerer Blick berührt hatte. Wenige Briefe später merkte ich, dass sich nichts geändert hatte. Er wollte weiter seinem Entschluss folgen und keinen Kontakt mit mir haben, weil er mir nur Unglück bringen würde, wie er meinte. Ich sollte mich von ihm frei machen, sagte er.

Im Januar 2008 schickte ich spontan und unüberlegt eine Email an K., weil ich im Internet etwas über Dualseelen gelesen hatte, das er auch lesen sollte. Schließlich führte mein Brief zu weiteren Briefen und letztendlich zu einer tätlichen Fortführung unserer Verbindung, mit allem was dazu gehörte.

„Guten Morgen, mein Liebes, wir verlieren uns nicht! Auch ich bin seelenlos und leer ohne Dich.
Immer wenn Du mir so schreibst wie gestern (der lange Brief von gestern Mittag und dieser Brief über den Kreislauf aus dem Du ausbrechen musst) zwingt mich das dazu logisch und verstandesmäßig darüber nachzudenken was ich tue, warum ich etwas tue und ob mein Handeln für Dich etwa sogar schädlich ist. Das war auch an Deinem schlimmsten Tag der Fall, als ich Dich in den fünf langen Monaten in Deinem Auto gesehen hatte und wir uns gerade wieder geschrieben hatten. Mein Gefühl sagt mir, dass es gut ist, Dich zu lieben und das Geschenk Deiner Liebe anzunehmen. Mein Verstand sagte mir, dass ich für Dich schädlich sei und dass diese Liebe für Dich wirklich wie ein Gefängnis ist, aus dem Du ausbrechen MUSST.

Die Bedingungen unter denen diese Liebe leben muss, ist für Dich ein Kreislauf (ein Gefängnis) aus dem Du ausbrechen musst, weil es Deinem Gefühl von Wahrheit und Offenheit widerspricht. Und diese Bedingungen sind durch MICH bestimmt. ICH bin es dann, der Dich in diesem Kreislauf gefangen hält. Nicht aktiv als Kerkermeister, der Dich irgendwo einsperrt und ab und zu etwas zu essen gibt, wohl aber als Ursache und Antrieb für Dein subjektives Gefangensein in einem Kreislauf (oder Deinem ‚Kerkerdasein‘ wie Du es damals genannt hast).

Ich wollte damals, dass Du Dich von mir befreist, dass Du wieder ganz in Deinem Gefühl von Wahrheit frei und unabhängig leben kannst. Unabhängig und frei von mir. Ich wollte, dass Du wieder frei atmen kannst und jede Antwort von mir, egal ob durch ein Wiedersehen oder durch Briefe, hätte Dein Ausbrechen aus Deinem Gefängnis behindert. Deshalb habe ich mich dafür entschuldigt, Dir geantwortet zu haben. Glaube mir, ich habe sehr unter Deiner Abwesenheit gelitten. Nicht mit Weinen und Schmerz aber mit Trauer, …einem unendlichen Meer von Trauer … und Sorge um Dich.

Ich habe NIE die Verbindung zu Dir unterbrochen, in keinem Moment der langen Zeit der Trennung. Mein ‚Unsichtbarmachen‘ sollte Dir helfen, Dich von mir befreien zu können. Es klingt paradox, aber das war das Zeichen meiner Liebe für Dich. Ich habe selbst am Allermeisten darunter gelitten… Mein Verstand sagt mir, dass eigentlich ICH in einem Kreislauf gefangen bin und nicht Du. Dein logischer Verstand (nicht Dein emotionaler Verstand!) müsste Dir eigentlich sagen, dass DU vollkommen frei und unabhängig bist. Du bist selbstständig, stark und unabhängig und brauchst keinen Mann an Deiner Seite, der Dich ernährt. Du bist hochintelligent. DU kannst mir Deine Liebe und Zuneigung schenken oder nicht. DU bist frei! DU kannst Deine Verbindung zu mir trennen und hast es auch in den fünf Monaten schon getan (wenn auch unter großen Schmerzen und Qualen, aber Du hattest es getan!). Ich kann das nicht – selbst wenn ich es wollte! Du bist viel freier als ich!

Immer wenn ich logisch und verstandesmäßig denke, komme ich immer wieder zum gleichen Schluss: ich muss Dich freigeben und die geistige und körperliche Verbindung zu Dir trennen, WEIL ich Dich liebe. ABER ES GEHT NICHT! Ich werde Dich nicht freigeben, WEIL ich Dich liebe! Ich kann meine Verbindung zu Dir nicht trennen! Dein K.“

Dieser Brief brachte es auf den Punkt! Ich weiß nicht, wie oft ich ihn bisher gelesen habe, aber es waren unzählige Male, und er beeindruckt mich jedes Mal wieder aufs Neue.

K. fühlte sich in einem Alltags-Kreislauf gefangen? Jeder Mensch ist frei in seinen eigenen Entscheidungen. Wenn man etwas wirklich will, gibt es kein Gefängnis…es sei denn, man säße tatsächlich hinter Gitter. Gefangen halten die Ängste, von denen man sich befreien kann, indem man wie der Narr im Tarot voller Gottvertrauen durch sie hindurch, mutig weitergeht. Dann ist man frei und geht voran! Alle anderen MÜSSEN dann folgen.

Da Ostern 2008 in den März fiel und sehr frostig war, blieben wir in meiner Wohnung, als seine Frau nach Bulgarien fuhr. Es war sehr eng zwischen uns. Er wich nicht von meiner Seite. Ich genoss unsere Gesten und Berührungen. Ich liebte ihn so sehr! Wir hatten viele Monate nachzuholen. Der Kurzurlaub ging schnell zu Ende. Danach: erneuter Absturz und Einsamkeit.

Als dann mein Geburtstag kam, gratulierte er mir in wenigen Worten per Email.

Ich hatte ihn gebeten, beim Tragen meiner neuen Couchgarnitur zu helfen, weil ich annahm, dass meine Freunde es nicht alleine schaffen würden, mir diese an meinem Geburtstag in die Wohnung zu bringen. Nicht freiwillig (was ich von einem Freund, der vorgibt mich zu lieben, erwartet hätte), sondern nach mehrfachem Bitten, hatte K. sich schließlich für den Notfall bereiterklärt, mir zu helfen. Mit einem solchen Verhalten hatte er mich schon einmal vor den Kopf gestoßen. Das war, als wir zusammen im Bett lagen und er ganz nebenbei bemerkte, dass meine Gardinenstange herunterhing und aussah, als würde sie jeden Moment aus der Wand reißen. Jeder andere Mann hätte sofort eine Leiter und Werkzeug geholt. Er nicht! Es war ja 17 Uhr und Zeit nach Hause zu gehen, wo seine Frau bereits darauf wartete, dass er ihr den Hintern nachtrug.

Das hatte mich empfindlich getroffen! Ich bin schon immer hilfsbereit gewesen und hätte einen Freund niemals „im Regen stehen lassen“. Und dann ausgerechnet an meinem Geburtstag. Ich war es so leid! Er wollte nichts für mich tun, und mit meinem Leben hatte er nichts am Hut. Ich war ja auch nicht seine Frau.

Ich machte meiner Enttäuschung Luft: „B. und St. bringen gegen Abend die zweite Couch und den Sessel. Vielleicht kommt M. zum Kaffeetrinken.

Warum lässt Du unsere Liebe sterben? Ich bin wütend über Deine Bequemlichkeit, über Dein Nichts-tun-wollen und Deine fehlende Eigeninitiative! Und ich bin noch wütender darüber, dass Du mich eiskalt im Regen stehen lässt, weil Du mir immer wieder die gleiche Antwort schuldig bleibst: die nach unserer gemeinsamen Zukunft.

Du lässt mich alleine – wie immer seit zwei Jahren! Ein In-den-Arm-nehmen in einem Brief ist ja auch einfacher zu bewerkstelligen, als es tatsächlich zu tun. Dafür brauchst Du Deine Wohnung nicht zu verlassen.
Kein Aufwand betreiben…es darf nichts kosten…den familiären Schein wahren. Nichts riskieren, kein Geld und schon gar nicht das bequeme Leben.
Ich habe einen traurigen Geburtstag! Mir steht nicht der Sinn nach feiern und fröhlich sein. Der Mensch, den ich liebe, liebt mich nicht. Ihm ist es offenbar gleichgültig, wie lange diese Verbindung noch bestehen bleibt. Wenn sie beendet würde, gibt es ja immer noch eine andere Frau…es ist ja auch egal, wer da im Bett liegt und mit am Tisch sitzt.“

Mein Chef hatte mir einen Strauß Rosen überreicht. Von K. hatte ich noch nie Blumen geschenkt bekommen…nicht mal zum Geburtstag. Er war kein Blumenschenker. Das hatte ich bereits während unserer gemeinsamen Woche bemerkt, als ich mir in einer Gärtnerei ein Topf-Blümchen gekauft hatte. Er hätte das niemals für mich bezahlt, um mir eine Freude zu machen. Schon damals hatte ich bemerkt, dass er generell NUR das tat, was in SEINEN Augen gut war. Ein Blumenstrauß war für ihn unnütze Geldverschwendung. So etwas schenkt er nicht, auch wenn ich mich darüber sehr gefreut hätte.

Wieder einmal fühlte K. sich zerstört und zog sich zurück. Es war wie immer: Anstatt sich mit dem Thema auseinander zu setzen, ging er in den Rückzug. Da, wo ich mir Aussprachen erhofft hatte, stieß ich auf Schweigen. Es war wie es immer war. Ändern würde er sich niemals.

Carl Spitzweg (1808-1885) – Postkutsche

„Mein Liebes, bitte lasse mich meinen Weg zum Frieden selber finden. Ich kenne mich wahrscheinlich besser als Du mich? Natürlich bin ich innerlich in einem totalen Umbruch und voller Unruhe und Unsicherheit. Aber das kann ich nur mit mir selber ausmachen und jeder Druck oder Einfluss von außen (damit bist nicht Du oder Deine Vorwürfe gemeint) bringt mich von meinem inneren Weg ab. Dieses Abweichen von diesem inneren Weg empfinde ich dann als seelischen Schmerz und zerstörerisch. Ich muss meinen richtigen Weg wieder finden. Und Du gehörst zu diesem Weg! Auch in Zukunft! Das spüre ich genau. Deshalb darf ich Dich auch nicht verlieren.

Erinnerst Du Dich an einen unserer ersten Briefe, als Du von den beiden Kutschen erzähltest, in denen wir beide reisten? Du wolltest immer zusammen in einer Kutsche zum gleichen Ziel reisen. Ich wollte immer in zwei Kutschen reisen, die den gleichen Weg nehmen und auch das gleiche Ziel ansteuern. Diese Diskrepanz zwischen unseren Zielen ist geblieben, von Anfang an. Wir sind beide sehr ‚exotische‘ Wesen mit ungewöhnlichen Ansichten und Empfindungen. Ich sage das nicht aus einer Selbstverliebtheit oder aus Egoismus heraus sondern weil es einfach so ist. Und gerade deshalb sind wir uns immer so nah und so ähnlich. Das macht unsere Verbindung aus und deshalb werden wir uns auch nie verlieren. Unsere Verbindung ist nicht schwächer geworden und hat nicht an Intensität verloren. Das empfinde ich nicht so. Es tut mir leid, wenn Du mich heute nicht fühlen kannst. Das bedeutet nicht, dass wir nicht mehr verbunden sind! Wir sind verbunden! Ich denke an Dich! Dein K.“

Ja, ja, da waren sie wieder, die beiden Kutschen! Es hatte sich nichts geändert. Ich war so dermaßen wütend auf ihn, weil er nichts für uns tun wollte, dass ich am liebsten seine Frau angerufen hätte, damit sie es endlich erfährt. In meiner Verzweiflung drohte ich ihm damit. Ich hatte Rachegedanken, weil er mich schon jahrelang leiden ließ und kein Ende in Sicht war. Sie sollte auch leiden!

Ich konnte nicht heraus aus meinem Gefängnis, weil tiefe Gefühle mich an ihn banden, aber ich wollte es, weil ich keine gemeinsame Zukunft für uns sah. Seine Frau sollte nichts von uns erfahren. Dann wäre es nämlich zu Hause recht unbequem für ihn geworden.

„Tue es nicht – für die Kinder!“, hatte er geschrieben.

Er war ganz einfach nicht willens unsere Liebe zu leben und vor allen Dingen: Er war zu feige. Auf meine Drohung reagierte er natürlich sehr wütend, was aus seiner Sicht verständlich war. Wie immer hielt ich es ohne ihn nicht lange aus. Ich schrieb ihm einen langen Brief und bat darum, er möge die Trennung zurücknehmen. Nun bestrafte er mich und ließ zunächst alle meine Nachrichten unbeantwortet. Ende April kam seinerseits ein „Wir haben uns nicht verloren!“

Fortsetzung folgt…

Kleiner Rückblick – Königskinder

Fortsetzung Teil 37

Bildausschnitt Hero und Leander – Karl Theodor von Piloty (1826-1886)

Während ich die Zeilen las, machte mein Herz Luftsprünge. K. war immer noch in meinem Leben. Es war nicht vorbei! Ich hatte an allem gezweifelt: an seiner Liebe, an seinem Interesse an mir. Ich konnte nicht ahnen, was in ihm vorgegangen war, nachdem ich ihm vorgeworfen hatte, er habe ein „Herz aus Stein“.

…“Wieso kommst Du auf die Idee, dass es mir egal sei, wie es Dir geht? Wir sind Dualseelen und sei gewiss: alles Leid, das Du in der Zwischenzeit erfahren hast, habe ich ganz genau so auch erfahren. Sicherlich nicht in der gleichen Form, Du wahrscheinlich mehr tagsüber, abends und an den Wochenenden. Ich vor allem nachts in meinen Träumen, wenn Du mich gerufen hast, und ich Dir nicht antworten konnte. Ein Neuanfang ohne Leid – ja, aber ohne Vorwürfe und Zwänge, ohne Eifersucht und Drängen, wenn es sein muss auch ohne körperliche Nähe, nur Briefe. Ich möchte NIE wieder etwas von „Affäre“, „Beziehung“, „ins Bett hüpfen“ und Ähnlichem als Vorwurf vorgehalten bekommen. Unsere Liebe ist keine „Affäre“! Wir sind verbunden, für immer! Die Zeit wird uns nicht trennen! Alles Leid, was wir bisher erfahren haben (ja auch ich leide), war die Folge unserer körperlichen Nähe – aber das waren auch gleichzeitig einige der schönsten Momente.

Ich habe Dir meinen Traumstein gegeben, und ich habe Dir damals gesagt, dass Du damit große Macht über mich bekommst. Das war nicht nur so dahingesagt. Mit diesem Stein hattest Du meine Träume in DEINER Hand. Ich habe es gerne getan, weil ich Dir vertraue – ja, auch jetzt vertraue ich Dir. Das war mein Geschenk für Dich von mir – ohne materiellen – aber für mich von höchstem symbolischem Wert. Du hast den Stein benutzt, als Du wütend und verzweifelt warst. Du hast mich verflucht, und Du hast mein Herz in Stein verwandelt. Das wäre nicht nötig gewesen, wenn Du mich wirklich liebst! Warum hast Du den Stein nicht einfach aufbewahrt? Hat er so viel Platz beansprucht? War er so schwer, dass er Deine Schubladen durchbrochen hätte? Hättest Du ihn nicht irgendwo an einen anderen Ort, weit weg von Dir, so dass Du ihn nicht mehr sehen musstest, verstecken können? Ja, auch ich war voller Wut, aber immer wenn ich Deine Briefe und Dein Gedichte gelesen, Deine Fotos angesehen, Dein Gesicht, Deine Augen, Deinen Körper, dann war die Wut wieder weg und machte einer großen Zärtlichkeit Platz. Nur DU kannst diesen Fluch wieder lösen. Ich bitte Dich darum! Ich will kein kaltes Herz haben. Du hast mich damit mehr als getötet.

Du fragst, warum ich das Gefühl habe, Dir nicht mehr in die Augen sehen zu können? Ich habe dieses Gefühl, weil ich Dir so viel Leid gebracht habe und weil ich – bisher – bei Dir versagt habe. Ich will, dass Du Dein Zuhause findest. Ich will, dass Du Geborgenheit fühlst und Glück empfindest. Das ist meine Aufgabe! Durch meine körperliche Nähe konnte ich Dir dies alles nicht geben. Deshalb werde ich versuchen, Dir in Deinen Gedanken und Gefühlen so nah zu sein, wie Du es mir erlaubst. Auch dort kann man Geborgenheit und ein Zuhause finden! Dein K.“

Geborgenheit und ein Zuhause versprach er mir, aber nur gedanklich und gefühlsmäßig, nicht im realen Leben! Was war das für eine Liebe: Er wollte das Leben mit seiner Frau weiter führen.

Es vergingen damals ein paar Tage, bis wir eines nachmittags in getrennten Autos zum Schwafheimer See fuhren. Er wollte danach noch einen Bekannten besuchen. Nachdem wir dort eine Weile spazieren gegangen waren, fragte ich K. mehr im Scherz, ob seine „empfindlichste Stelle“ noch mir gehören würde. Es steckte natürlich eine große Portion Eifersucht dahinter, und es war eine überaus dumme Frage gewesen, denn seine Antwort stach mir wie ein Messer ins Herz.

„Wenn DU „ihn“ hast, gehört er Dir…!“, sagte er und ich schlussfolgerte, „wenn SIE „ihn“ hat, gehört er ihr!“, und damit lag ich genau richtig! Ich hatte aus ihm „herausgekitzelt“, was ich nicht hören wollte: Er schlief wieder mit ihr. Es war mir unerträglich, wie leicht es ihm war, den Schalter zwischen mir und ihr umzulegen. Wutschnaubend und maßlos enttäuscht fuhr ich nach Hause. Am Liebsten hätte ich ihn am Kragen aus seiner Friede-Freude-Eierkuchen-Familie herausgezerrt und sein ekelhaftes Tun angeprangert! Sein Tun machte mich böse und auch ein Stück weit ungerecht.

Ich fragte mich in diesem Augenblick, wer schlimmer dran ist, sie oder ich!? Es machte ihm anscheinend Freude, mich zu demütigen und mit diesen Tatsachen zu quälen. Seine Frau ahnte nicht einmal, was sich hinter ihrem Rücken abspielte. Sie besaß seinen vollen Schutz, seine Fürsorge und alle Sicherheiten! Es war so ungerecht und doch wieder nicht, weil er ja mit ihr verheiratet war. Ich gehörte einfach nicht in sein Leben! Wieder fühlte ich das ohnmächtige Nichts-tun-können. Ich konnte es nur hinnehmen oder musste K. für immer lassen.
Aber wie sollte ich das machen? Ich liebte ihn!

In seiner Gegenwart fühlte ich mich nicht wie ein Exot. Er war so erfrischend anders. Er war etwas Besonderes…wie von einem anderen Planeten stammend. Wenn er mich liebte und seine Leidenschaft mit mir auslebte, erfüllte er mich ganz und gar. Ich war glücklich in seiner Nähe. Er war für mich ein Wunder…ein Geschenk des Himmels!
Niemals hätte ich ihm wehtun wollen…auch wenn er mich immer aufs Neue in Rachegefühle trieb, wenn die Ohnmacht zu groß wurde, und ich eine Reaktion von ihm erhoffte, die nicht kam.

„…Lass uns eine Vereinbarung treffen“, schrieb ich ihm. „Nie mehr zu streiten, wenn wir uns nicht gegenüber stehen. Nie mehr alles hinzuwerfen, ohne vorher miteinander gesprochen zu haben. Es gibt sonst zu viele Missverständnisse. Und, dass wir uns spätestens am Abend wieder versöhnen, wenn wir morgens gestritten haben. Wenn wir zusammen wohnen würden, wäre das einfacher, denn dann käme ich garantiert abends in Dein Bett gekrochen und würde Dir den Zorn wegküssen. Und wie ich Dich küssen würde!…“

Foto: Gisela Seidel

Er hielt sich nicht an diese Abmachung.

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Neuentdeckung

Fortsetzung Teil 36

Quelle: Wikipedia, 12. Oktober 1492 – Columbus Entdeckung Bahamas

Ich brauche einen Mann, der ohne Wenn und Aber offiziell zu mir steht, und an dessen starke Schulter ich mich hin und wieder anlehnen kann. K. betrachtete unsere Liaison von einer ganz anderen Position aus. Er wollte nichts für mich tun und nichts aufgeben, aber alles haben…und ich wollte ihn. Im Grunde waren wir beide Egoisten.
Eigentlich wollte ich ihn nicht verlieren. Sobald ich darüber nachdachte, überkam mich die Panik. Trotzdem war es wie ein Sog, der mich in das unvermeidliche „Aus“ hineinzog. Noch ein paar Tage und Briefe lang kämpften wir beide. Das ist ein Auszug meines vorläufig letzten Briefes:

„Manchmal führen unüberlegte Handlungen zu überraschenden Lösungen! Es gibt Momente, da fällt es einem wie Schuppen von den Augen, und man sieht Dinge, die vorher nicht sichtbar waren. Es ist Dir egal, ob Du mich verlierst oder nicht.
Du hast einmal von Deinem „Kussverhältnis“ geschrieben, dass sie heute noch des Öfteren anrufen würde, und Du ihre Sehnsucht spüren kannst. Aber es sei zu Ende. Die Tür sei für immer verschlossen.
Unsere „große“ Liebe reduziert sich leider noch nicht einmal auf das gleiche Niveau: Es ist ein Kuss-(Bett-)verhältnis und Du bist weit davon entfernt, zu wissen, ob Du mehr von mir willst. Nein, dazu gibt es keine Vision. Deine Einstellung zu unserer Liebe ist leicht erkennbar, zumal Du nie etwas anderes hast verlauten lassen: Es ist eine Liebe, die nichts fordert und keine Forderungen zulässt. Gelegentliche Treffen, bei denen jeder seinen Spaß hat, nichts mehr, und wenn es zu Ende ist, begnügt man sich mit den schönen Erinnerungen. Ich habe noch niemals eine so große Gleichgültigkeit erfahren müssen, wie die, die in diesen Worten steckt. Selbst unsere Verbundenheit „ertränkst“ Du in dieser Gleichgültigkeit. Du hast dadurch alles zerstört. Alles, was mir wichtig war, ist nun tot. Viele schöne Worte wurden zwischen uns geschrieben. Wie habe ich diese Worte geliebt! Aber es waren leider NUR Worte ohne Taten. Ich habe sie falsch bewertet, wie ich auch die Worte „Ich liebe Dich“ aus Deinem Munde falsch bewertet habe…“

Ein Ausschnitt aus seiner Antwort:
„…Ich war sehr ratlos, als ich Deine Abschiedsbriefe wieder und wieder gelesen hatte. So viele Seiten voller Vorwürfe und Anklagen. Bin ich wirklich so? Mein erster Impuls war, Dir eine Antwort zu schreiben, in der ich alle Deine Vorwürfe Stück für Stück zu entkräften versuche, um Dich von meiner Liebe zu überzeugen. Danach habe ich mich dagegen entschieden, weil das eine logische Erklärung geworden wäre und wir beide viel zu emotionale Menschen sind, als dass es irgend etwas genutzt hätte.

Danach wollte ich Dir schreiben, was Du Gutes für mich bist, welch guten Einfluss Du auf mich hast und was Du für mich bedeutest. Es sollte nur Positives von Dir und für Dich sein. Ich wollte Dir noch einmal schreiben, was ich für Dich empfinde, und dass es GUT ist, dass ich es für Dich empfinde. Aber Du hast in der letzten Woche gesagt, dass in Deinen Karten etwas von Veränderung stand. Ich habe das damals nicht so sehr beachtet, weil ich die Karten nicht als Richtschnur für unser Leben akzeptieren will. Aber vielleicht ist doch etwas Wahrheit darin!?

Ich bin froh, dass Du meinen Traumstein nicht zurückgeben willst und mir Deine Türe offen hältst. Eines Tages werde ich durch Deine Tür gehen. Aber noch nicht jetzt. Es ist noch nicht die richtige Zeit. Ich werde mich auch zurücknehmen und Dir keinen Grund für irgendeinen Vorwurf mehr liefern, dass ich in Dir nur eine „oberflächliche“ Beziehung sehen und meinen „Spaß“ und etwas „Abwechslung“ bei Dir suchen würde. Das ist es ganz sicher nicht. Ganz sicher! Es genügt, wenn ich Dich sehe, und ich bin in einer Traumwelt, in der es keine Zeit mehr gibt. Wenn Du mich berührst (wie letzte Woche), dann bin ich total hilflos und Dir vollkommen ausgeliefert. Ich könnte mich nicht gegen Dich wehren, selbst wenn ich es wollte. Wenn Du mich berührst, BIN ich Dein BESITZ! Und das macht mir Angst, ganz große Angst, weil ich nichts, aber auch gar nichts dagegen tun kann. Du hast gesagt, dass meine Hände ganz warm sind, wenn ich Dich berühre. Das ist nur bei Dir. Das hängt nur von Dir ab. Du bist es, die mich dann verändert. Du veränderst meine Augen, so dass ich in Dich und Du in mich hineinsehen kannst. Das macht mir Angst! Angst vor der Verantwortung, die ich Dir gegenüber habe. Wie kann ich Dir gerecht werden?

Du kennst zwar Deine Eltern und Deine Verwandten, aber Du warst nie ZUHAUSE bei ihnen. Du warst immer in einer anderen, in DEINER Welt zuhause. Und dort bist Du zwar sicher, aber einsam. Du suchst einen Partner, der Deine Welt mit Dir teilt. Ich werde Dein Partner in Deiner Welt sein. Aber ich kann noch nicht Dein Partner in Deiner Wohnung, in unserem täglichen Zusammenleben, in Deinem Alltag sein. Jetzt kann ich Dein geistiger Partner, Dein Seelenpartner sein, der ALLE Gedanken und Gefühle mit Dir teilt. Möchtest Du das auch für mich sein?“


Als ich las, dass er sich zurücknehmen wollte, lief es mir eiskalt den Rücken herunter. Ich verstand zwar, warum er das tun wollte, aber es zeigte mir gleichzeitig ein Bild auf, das ich nicht sehen wollte: Er würde wieder öfter mit seiner Frau schlafen. Das konnte ich nicht ertragen! Es ging nicht! Wir standen wieder am Anfang.

„…Aber ich habe Dir versprochen, dass ich Verantwortung für Dich übernehmen möchte. Wie kann ich das tun, wenn ich wie Wachs in Deinen Händen bin, sobald wir uns sehen und berühren? Mein Wille und meine Beherrschung verschwinden dann genauso, wie dieses Wachs in einer Kerze schmelzen würde. Wie kann ich Verantwortung für Dich übernehmen, wenn ich nicht einmal mich selbst beherrschen kann? Und wenn es nur deshalb ist, um Dich davon zu überzeugen, dass Du für mich eben kein bloßer Zeitvertreib, keine oberflächliche Affäre und keine triviale Abwechslung bist, mit der man für einige Zeit seinen Spaß haben kann. Du bist für mich kein „bunter Punkt in meinem Alltagsgrau“, so wie Du geschrieben hast. Das kann ich Dir nur beweisen, indem ich Dir zeige, wie sehr ich Dich als Mensch und nicht nur als Frau achte und respektiere. Indem ich Dir zeige, wie sehr ich Deine Intelligenz, Deine Gefühle, Deine Gedanken und Dein Talent als „Meisterin der Worte“ schätze und…bewundere. Ja bewundere! Du besitzt eine ungeheure Empfindsamkeit und ein großes Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit, Schwingungen aufzunehmen, die sonst niemand aufnehmen kann und gleichzeitig eine unendliche Zerbrechlichkeit und Zartheit. Ja, das bewundere ich an Dir. Und gerade deshalb, auch wenn es mir selbst am Meisten wehtut:
Das ist meine Verantwortung für Dich: Ich muss mich selbst zunächst zurücknehmen, damit Du nie mehr das Gefühl hast, dass Du benutzt worden bist. Das habe ich nie getan und werde es auch nie tun. Aber wenn wir uns sehen, wird es für mich sehr schwer, wenn nicht unmöglich sein, Dich nicht besitzen zu wollen. Deshalb werde ich mich solange zurücknehmen, bis ich Dir Dein ZUHAUSE geben kann, wie Du es verdienst. Dein K.“

Maler unbekannt

Ich wusste, dass er es gut meinte, aber sein Entschluss tötete mich. Er wollte mich nicht mehr als Frau…oder doch!? Hatte eine Geliebte nicht immer das Gefühl benutzt zu werden, zumal sich die Treffen meist nur auf die wenigen Stunden im Bett beschränkten…und auf sonst nichts? Er hatte nie Zeit für mich! K. hatte geschrieben, dass seine Ehe perfekt sei. Was wollte er von mir oder mit mir? Er schrieb mir von einem Alptraum, in dem angeblich mein großes Bett eine Rolle spielte. Sehr suspekt, wie ich fand! Plötzlich wollte er ‚es‘ nicht mehr in meiner Wohnung tun, sondern irgendwo im Freien.

„…dort wo Bäume und grüne Pflanzen sind, dort wo wir Vögel hören können. Wir werden uns einen schönen Tag mit viel Sonne und Wärme aussuchen und dann EINS werden… Dein K.“

Das war eine Wirklichkeitsflucht…ein Vorwand, weil er Angst hatte, wieder etwas Falsches zu tun. Zeit schinden! Er hatte dieses „Bild“ schon einmal gehabt, ganz am Anfang unserer Verbindung.

„…Ich wollte es damals zusammen mit Dir in der freien Natur erleben, weil ich es vorher genau so in meinem Bild „gesehen“ hatte. Ich habe damals meiner „Vision“, meinem inneren Bild nicht entsprochen und habe nachgegeben, weil ich Dir nicht widerstehen konnte und weil wir beide es so wollten. Danach hatte ich das Ge-fühl, es zu früh und unter ungünstigen Vorzeichen getan zu haben, obwohl es für mich sehr schön war. Erinnerst Du Dich, wie ich Dich gebeten hatte, zu warten und Geduld zu haben? Ich hatte einen Fehler begangen, nicht Du! ICH habe meinem Bild nicht entsprochen!“

Ich verstand: Sein einziger Fehler war ICH! Er versuchte allen Ernstes aus unserer Liebe eine Freundschaft zu machen. Dann war er raus aus der Verantwortung.
Doch das Auf- und Ab in unserem Gefühlschaos war noch lange nicht zu Ende, denn wir trafen uns erneut.

„…Ich bin auch glücklich, wenn ich bei Dir bin! Ich fühle mich dann auch sehr geborgen und wohl und sehr vertraut mit Dir. Es ist schön mit Dir! Wir werden gut miteinander auskommen. Bitte habe Geduld mit mir und sei nicht allzu sehr fordernd und umklammernd. Das erdrückt mich sonst, obwohl ich es eigentlich sehr mag. Ich werde sonst immer wieder versuchen auszuweichen und zu flüchten, obwohl ich es eigentlich gar nicht will. Auf eine gewisse Art bin ich schon sehr seltsam…Habe bitte Vertrauen und Geduld mit mir! Ich küsse Dich! Dein K.“

Carlos Schwabe 1866-1926

Und wieder nahte das nächste Wochenende mit unausweichlicher Einsamkeit, die meine Gedanken wie eine Schraubzwinge in tiefste Grübeleien hineinpresste.

Egal, was wir taten, es endete in einer Sackgasse. Wir hatten uns zur falschen Zeit kennengelernt. Ich wollte ihn loslassen, weil ich keine gemeinsame Zukunft für uns sehen konnte. Wir mussten vergessen, um wieder frei zu sein. Wir durften so nicht weitermachen, und er dachte das auch.

Es war das erste Mal, dass er mich beim Namen nannte, und ich ahnte schon den Inhalt des Briefes:

„Liebe Gisela, auch ich habe an diesem Wochenende sehr viel nachgedacht. Ich habe auch gestern Mittag gespürt, dass wir uns trennen werden. Du hast Recht, wenn Du sagst, dass man sein Glück nicht auf dem Unglück von anderen aufbauen darf, weil es dadurch von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Wir haben uns in unserem Leben zu spät getroffen. Ich weiß, dass wir uns beide gegenseitig sehr lieben. Wir sind wirklich Dualseelen, und ich weiß wie sehr Dich unsere Trennung verletzten wird. Mir wird es nicht anders gehen, wenn auch in anderer Form, die Du nie verstanden hast. Verzeih mir bitte! Ich wollte, dass Du Glück empfindest und verursache Dir doch immer nur Schmerz und Gram. Ich konnte Dich nicht glücklich machen. Verzeih mir! Ich bringe Dir nur Unglück und Verzweiflung.

Ich danke Dir für die schöne Zeit, die ich mit Dir verbringen durfte, für die Gespräche und die vielen, vielen Briefe von Dir. Für Deine Gedanken und Gefühle, die Du mir entgegengebracht hast, wie tausend schöne, kostbare Geschenke. Ich werde nichts löschen, weder die Briefe, die E-Mail-Verzeichnisse, noch die Erinnerungen, Gedanken und Gefühle für Dich, meine Liebe zu Dir, alles bleibt in einer meiner wenigen schönen Welten, in meiner Gisela-Welt. Sie sind jetzt dort verborgen, nur für mich sichtbar, aber sie leben dort weiter…

Sei nicht allzu traurig, denke nicht an den Schmerz und lenke Dich ab, mit der Arbeit an Deinem Roman. Er ist wichtig! Du bist wichtig! Adieu – gehe mit Gott, er allein weiß wohin unsere Wege uns führen und warum! Dein K.“

Er hatte sich entschieden und einen Schlussstrich gezogen. Nun musste der konsequente Vollzug folgen, und er setzte alle Kraft daran, dies zu tun.

„…Du kannst nicht umschalten zwischen der „Welt mit mir“ und der „Welt ohne mich“ – wie ich das scheinbar ohne Probleme tun kann. Wir beide sind gleichzeitig sehr stark und sehr schwach. Aber wir werden die Zeit der Trennung ertragen und gestärkt daraus hervorgehen. Unsere Liebe ist nicht zu Ende!!! Dein K.“

Als ich seinen Brief las, war es wie ein Stich ins Herz! Da wusste ich erst, dass er seinen Entschluss ernst meinte. Wie konnte er das tun? Ich war fassungslos! Das war doch mehr als paradox: Er wollte mich schützen und trennte sich von mir, damit ich nicht vor Sehnsucht und Verzweiflung kaputtging. –Doch was kam nach der Trennung: Sehnsucht und Verzweiflung! So endete der 13. September 2006 mit einem Desaster. Für mich war es eine Trennung für immer, obwohl ich das nicht glauben wollte.

Ein totaler Wandel wollte vollzogen sein. Nicht ganz ohne eigene Schuld war es zu diesem Bruch gekommen. Die Boten des Schicksals waren nicht gerade gnädig gewesen. Ich versuchte, die Erinnerungen loszulassen und mich abzulenken, aber es gelang mir nicht wirklich. Die Traurigkeit hatte mich in ihren Klauen und brachte Stagnation und Tränen in meine Tage, die leer und trostlos dahingingen. War es das endgültige Ende oder nur der Anfang eines langen Prozesses, der nun in Gang gesetzt worden war?
Ich konnte nicht glauben, dass es zu Ende sein sollte, weil es sich nicht „wahr“ anfühlte. Meine Lebensharfe war verstummt. Wo immer ich die Saiten anschlagen wollte, fehlte der Resonanzboden. K. war fort, und ich versuchte irgendwie weiter zu leben.

Die Wochen, die folgten, brachten Ablenkung auf eine ganz besondere Art und Weise: Mein Sohn Patrick musste notfallmäßig ins Krankenhaus und wurde sofort operiert. Ein Abszess auf den Stimmbändern verhinderte ganz plötzlich das Schlucken und hätte womöglich noch Schlimmeres verursacht, wenn der Arzt es nicht rechtzeitig entdeckt hätte. Als er wieder zu Hause war, hatte er mit dem Micra einen Totalschaden…der erste. Kurz darauf folgte ein zweiter. Ihm war zum Glück nichts geschehen. Der Monat hatte es in sich. Das war Stress pur!

Tagsüber war ich weitestgehend abgelenkt. Aber wenn ich abends alleine in meinen vier Wänden auf meiner Couch saß, kamen die Erinnerungen wieder hoch. Die Sehnsucht nach K. schmerzte, und mein leeres Postfach feuerte Pfeile in mein Herz, jedes Mal wenn ich es öffnete. Einen Monat lang dauerte die Zwangsklausur. Als ich am 12. Oktober 2006 in das Gästebuch meiner Homepage schaute, fand ich dort einen Eintrag von K. vor, der mir einen Stein von der Seele nahm:

„Heute ist der 12. Oktober! Heute vor genau 514 Jahren hat jemand vor den Bahamas auf spanisch laut „Land in Sicht“ gerufen und danach lernten die damaligen Amerikaner Europa kennen. Heute vor genau vier Monaten hat mir jemand sein Gedicht vom Herbst geschenkt, mit dem die schöne Zeit begann. Heute vor genau einem Monat dann das vorläufige Ende, emotionaler Tod, ein Fluch (!): „Herz aus Stein“, Leere und Kälte, eine graue, farblose Welt.
Magie der Zahlen: „12“ – Vollkommenheit, Abgeschlossenheit, bei Reichstein: Opferung und Sühne; „10“ – Vollständigkeit, Gesamtheit, alles oder auch Wechsel des Glücks; meine Glückszahl „8“ – Unbeschränktheit, Offenheit, Freiheit, Unendlichkeit, keine Grenzen, kein Besitz, alle Richtungen und Wege sind offen – wo bleibt sie?

Heute ist der 12. Oktober! Was ist geblieben?
Schmerz, Sehnsucht, Leere, die Kälte, das Nichts. Tagsüber das Versinken in Arbeit, Konzentration auf Logisches, Verstandesmäßiges, abends Ablenkung, …Flucht vor den eigenen Gedanken und Wünschen. Nachts ist keine Flucht möglich: Träume, Träume ohne Ende, Aufwachen jede Nacht: Jemand ist da und ruft! Ich darf nicht antworten! Dann kommt schon der nächste Tag. Was bleibt noch? Trauer, ein Gefühl von Leere, die Gewissheit immer das Gute und Schöne gewollt und nichts Böses getan zu haben. Das Gefühl, Dir aus Unvermögen und Pflichtbewusstsein Leid zugefügt und…versagt zu haben. Das Gefühl, Dir nicht mehr in die Augen sehen zu dürfen. Außerdem ein Türkis, der früher immer ganz heiß in der Hand brannte, jetzt ist er kalt und tot!

Und doch: Die Moquis leben beide, sehr aktiv, sie stahlen und vibrieren, manchmal pulsieren sie wie ein Fluss – sie sind ein Trost! Du sagtest, sie würden zu Staub zerfallen, sobald das Ende kommt. Sie LEBEN, ich streichle und behüte sie. Ich hoffe!

Und doch: Sie sind so unendlich wertvoll: die vielen, vielen Briefe, die Gedanken, die AUGEN-Blicke, die Fotos, die ich immer wieder ansehe, die Gedichte, die Internetseite mit der Rubrik für einen besonderen (?) Menschen, dem Gedicht „Bittere Neige“, das mir Hoffnung lässt und trotzdem sehr weh tut, weil es unter Schmerzen geschrieben worden ist.

Und doch: Ich spüre Deine Gedanken, Deine Nähe, wenn ich an Deiner Wohnung vorbeigehe. Ich denke an unsere jetzt so leere Bank in Friemersheim. Die Sträucher in der Umgebung sind jetzt geschnitten. Einsam steht sie jetzt, allein, nicht mehr geschützt durch das üppige Grün um sie herum, wie ein kaltes, ungeschütztes, leeres Nest auf einem weiten Acker.

Ich habe mehrmals versucht, diese, unsere Bank, unseren Kraftort, mit dem Fahrrad ganz ohne Karte oder Navigationsgerät, nur nach Gefühl zu finden. Ich komme zwar jedes Mal ein Stück näher, aber ich habe sie bisher immer noch nicht erreichen können. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf! Irgendwann werde ich sie und Dich wieder finden. Die Zeit wird nicht trennen!

Und doch: Die Dankbarkeit überwiegt! Dankbarkeit für alles was Du mir Schönes von Dir gegeben hast!
Heute ist der 12. Oktober!


Wird fortgesetzt…