Kleiner Rückblick – Weitergehen

Wenn einem das Wichtigste im Leben genommen wird, bleibt man eine Weile desorientiert in der Gegenwart zurück. Man verliert den Boden unter Füßen. Die Zeit nach Patricks Tod brachte mir viele, viele Tränen und eine Trauer, die ich anderen gegenüber nie gezeigt habe.

Eines Morgens im Schlaf erhielt ich im Traum eine Nachricht in Form eines alten Schlagers, den ich früher überhaupt nicht leiden mochte. Nun bekam er einen Sinn: „Mama, du wirst doch nicht um deinen Jungen weinen…“, von Heintje.

Erschrocken bin ich aufgewacht. Es klang wie eine Aufforderung, weiter zu leben und mit dem Weinen aufzuhören. Die Tränen hatten doch keinen Sinn. Mein Sohn kam nicht zurück. Vielleicht saß er auf ‚Wolke Sieben‘ und sah zu, wie ich litt. Er sollte doch weitergehen, immer weiter. Ich wollte ihn nicht aufhalten. Er sollte dort, wo sein Geist war, Glück und Liebe empfinden, was ihm auf Erden verwehrt war.

Ich folgte und schob die Trauer aus meinem Tagesbewusstsein in den Hintergrund, wo ich sie gedämpfter empfand und meine Tränen zügelte. Wenige Tage später träumte ich von Patrick. Er saß schweigend, als kleiner Junge auf seinem Kinderbett und schaute erst mich an, dann wies er zum Fenster. Damit wollte er mir sagen, dass er nun gehen müsse.

Nach einer Woche informierte ich die Frau meines Ex-Mannes über den Todesfall. Meinen ältesten Sohn G. hatte ich vor ca. 14 Jahren zuletzt gesehen. Seine neue Anschrift war mir nicht bekannt, aber ich wusste, dass er noch Kontakt zu seinem Vater hatte.

Als sich nach so langer Zeit mein Sohn am Telefon meldete, war es für mich fremd und doch vertraut. Er bedauerte den Tod seines Halbbruders und klang erschrocken. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass er das Erbe ausschlagen muss, wenn er es nicht will. Das tat er dann auch. Wir verabredeten noch vor Weihnachten einen Besuch, und er kam zum Essen zu mir.

Natürlich war ich einerseits froh, ihn wiederzusehen, aber andererseits kam es mir vor, wie ein Verrat, ein Austauschen. Die Türe öffnete sich, als sich die andere schloss. Aber Patrick ließ sich nicht austauschen.

Wir sprachen über Vergangenes, über meinen Vater und mein Elternhaus. Mein Vater hatte sich damals gegen G. entschieden. Er hatte das Haus nicht bekommen, auch nicht, als er meinem Vater den Kaufpreis bot. Fremde wurden vorgezogen. Aus Bosheit. Bisher glaubte mein Sohn, ich hätte das so gewollt und meinen Vater getrieben, das Haus zu verkaufen. Aber das war nicht so. Meine Stiefmutter steckte dahinter.

Als mein Sohn ging, waren alle Unklarheiten beseitigt, und wir beschlossen, in Kontakt zu bleiben. Ich war von Patrick gewohnt, dass er täglich eine Nachricht über WhatsApp schickte. Sein Bruder mochte das nicht. Er ist schreibfaul und irgendwie war unser Verhältnis viel oberflächlicher. G. war halt ein anderer Charakter und glich seinem Vater. Das lastete ich ihm nicht an, sondern versuchte, damit zu leben. Wir sahen uns nicht oft. Sein Weihnachtsfest verbrachte er mit der Mutter seiner beiden Kinder.

Für mich war das gut. Ich wollte kein Weihnachten feiern. Es gab keine Familie mehr. Also verschenkte ich alles, was mit dem Fest zu tun hatte, an eine arme Familie, die sich nicht mal einen Baum leisten konnte. Außerdem schenkte ich dem sechsjährigen Töchterchen mein Tablet.

Was brauchte ich noch? Ich hatte bereits beim letzten Umzug gewaltig reduziert. Nochmals verringerte ich den Inhalt meines Schrankes.

Meine ehemalige Arbeitskollegin, die mich auch zum Bestatter und zum Gericht begleitet hatte, bestand darauf, den Heiligen Abend gemeinsam mit mir, ihrer Mutter und dem Onkel verbringen zu wollen. Schließlich ließ ich mich überreden und war froh, an diesem Abend abgelenkt zu sein.

Silvester war ich wie immer alleine. Mit dem neuen Jahr 2020 begann ein neuer Lebensabschnitt. Mit ihm kam ab März Corona. Dann der Stillstand.

Ich bin vorsichtig geworden, verlasse das Haus nicht mehr. Drei Mal fuhr ich zum Arzt in diesem Jahr, sonst sehe ich nur die Mülltonnen. Kochen tue ich nur noch selbst. Lebensmittel bekomme ich allesamt geliefert, auch die Getränke. Aber schützen kann man sich nicht wirklich. Da wird jeder Paketbote zum Virusbringer.

Ich hab Angst um meine Katzen. Ich muss noch weiterleben – so Gott will! Für mich und für sie. Ich stelle mir vor, ich liege tot in der Wohnung und die Katzen müssten verhungern. Eine Horrorvorstellung! Hätte ich das alles vorher gewusst…

Wenn wir vom Lebensbeginn ausgehen, um so manches Lebensziel zu erwandern, sind wir nach Jahrzehnten nicht mehr dieselben, wie am Anfang. Was uns unterwegs begegnete, ist unser. So tragen wir alle Freuden, alle Anstrengung in uns, wenn wir das Ziel erreichen.
Anfangs werden wir von Ungeduld getrieben, doch in späten Jahren sind wir wegmüde geworden. Die ganze Welt liegt dann in uns, wenn wir aus der Welt zurückkehren. Ihr Schein, aber auch das Sein, das jedem Schein zugrunde liegt.

Symbol der ewigen Wiederkunft – Ouroboros. Zeichnung von Theodoros Pelecanos

Wer am Ziel steht, hat seine Reinheit tausendmal verloren und tausendmal neu geschaffen. Dann ist es die in Feuern der Schmerzen und Schauern der Sehnsucht tausendfach geklärte Reinheit. Aber nur, wer die Klarheit des Ursprungs mit der Erkenntnis des Weltenwanderers verbindet, ist vollendet. Er hat sein Wesen im Kreise geschlossen, durch den das Leben fließt. Er hat alles in sich, was ist, ewig gegenwärtig. Er hat Gottes Schöpfung in sich noch einmal wiederholt.

Kleiner Rückblick – Abberufen

Fortsetzung Teil 51

Patrick Seidel, Foto: Gisela Seidel

Es begann ein neues Kapitel in meiner Geschichte. Noch hatte ich die Möglichkeit zu schreiben, zu lesen oder mich sonst wie zu beschäftigen.

Mein kleiner Freundeskreis befand sich schon lange nicht mehr in meiner Nähe. Alle wohnten von Duisburg entfernt und man sah sich meist nur ein paar Stunden im Jahr. Nach Xanten konnte ich nun nicht mehr fahren. Der einzige konstante Kontakt war mein Sohn Patrick, der jeden Sonntag mit mir zusammen aß, lachte und auch stritt, weil er sich manchmal unverstanden fühlte oder umkehrt. Da trafen zwei Sensibelchen aufeinander. Seine Gelassenheit schützte ihn. Ich mochte seine Unpünktlichkeit nicht. Aber so war er: immer wenigstens eine Viertelstunde zu spät. Dann empfing ich ihn bereits recht unterkühlt, und das konnte er gar nicht verstehen. Heute wünsche ich mir nur EINEN unpünktlichen Besuch von ihm herbei.

2019 begann, nach einer schönen Weihnachtsfeier mit meinem Sohn, so, wie wir es immer feierten. Wir ahnten nicht, dass das unser letztes gemeinsames Weihnachten sein würde.

Alles ging anfangs seinen gewohnten Gang. Patrick arbeitete in einem Callcenter und war dort sehr unglücklich. In diesem, im amerikanischen Stil geführten Großraumbüro, hätte ich niemals arbeiten können. Er hatte ständig Mittagsdienst, kaum eine Pause. Selbst die Toilettengänge wurden von der Arbeitszeit abgezogen. Er war dort absolut unterfordert. Dann wurde er psychisch krank und versuchte bei fünf Therapeuten einen Termin zu bekommen. Sie lehnten ihn allesamt ab. Er wurde von Mal zu Mal unglücklicher, was sich oft in Aggressionen äußerte. Ich hatte zuletzt Angst, ihn anzusprechen. Also packte ich die Worte ‚in Watte‘, bevor ich etwas aussprach. Es schien alles verkehrt zu sein. Das Schlimme war, dass ich ihm nicht helfen konnte. Ich konnte nichts tun!

Anfang September hatte ich den schlimmsten Traum meines Lebens:
Ich befand mich in einem völlig weißen Raum ohne Möbel. Darin waren wir beide, Patrick und ich. Er lächelte und wir hatten Spaß. Alles war durchscheinend und weiß. Plötzlich ging sein Handy. Er erhielt einen Anruf, stand auf und ging durch eine Glastüre aus dem Zimmer. Ich verließ den Raum, um auf die Toilette zu gehen. Als ich wiederkam, war Patrick weg, und es war eine drückende Stimmung im Raum. Die Leere hat so geschmerzt, dass ich laut schrie…so laut, dass ich davon wach wurde. Meine Katzen rannten aus dem Schlafzimmer. Die Nachbarn waren zum Glück nicht zu Hause. Das war das erste Mal, dass ich solch ein übles Gefühl hatte. Ich erzählte ihm davon, und er nahm es, wie immer gelassen, zur Kenntnis.

Wir waren täglich über WhatsApp verbunden. Er klang meistens freudig und ruhig, wenig besorgniserregend, wenn er schrieb. Auch am 29. Oktober 2019. Er hatte mir eine Sprachnachricht geschickt und klang diesmal besorgter als sonst, klagte über seine Bauchspeicheldrüse und wollte zum Arzt gehen. Er fühle einen Druck im Bauch und erzählte, er hätte auf dem Weg zu Aldi einen Schwächeanfall gehabt, so dass er sich an der Hauswand festhalten musste, wie ein alter Opa. Das war um 21 Uhr.

Damals schrieb ich ihm, dass die Bauchspeicheldrüse völlig abwegig sei, denn er trank, wie ich, keinen Tropfen Alkohol. Dennoch bestand er auf seiner Vermutung.

Er schrieb davon, dass er Spinat gegessen hätte und nach dem Mittagschlaf wieder ins Bett gegangen sei. Darüber machte ich noch die dumme Bemerkung: Totenstarre!

Was war das? Eine schlimme Vorahnung? Wie ich dieses Wort bereue!

Am nächsten Tag schrieb ich ihm eine Nachricht über WhatsApp und fragte ihn, ob es ihm wieder gut geht. Es kam keine Antwort. Danach war ich abgelenkt, denn meine Freundin kam aus Voerde zu mir.

Patrick schottete sich gelegentlich vor WhatsApp Nachrichten ab, wenn er Ruhe haben wollte. Deshalb war ich zunächst nicht beunruhigt. Ich schickte ihm eine SMS am folgenden Tag, und als ich wieder keine Antwort erhielt, machte ich mir Sorgen. Ich verdrängte die Möglichkeit, dass etwas Schlimmes passiert sein könnte und dachte, er wird sich melden, sobald er kann. Ich wollte ihm nicht hinterherlaufen.

Nach drei Tagen sah ich nur noch EINEN Haken an der WhatsApp Nachricht, die ich ihm geschickt hatte. Der Akku war leer. Diese Tatsache machte mich verrückt. Ich musste irgendwie nach Neudorf, um nach meinem Sohn zu sehen. Zunächst bat ich meine Freundin aus Voerde mit mir dort nachzusehen. Aber das wäre nicht gut gewesen, und ich wollte niemanden damit belasten. Also rief ich die Polizei an, erklärte, was ich wusste und fragte nach einer möglichen Krankenhaus-Einlieferung. Der Beamte wollte sich kundig machen, und ich wartete zu Hause auf eine Rückmeldung. Doch die kam nicht. Gegen Abend schellte es an der Türe und zwei Polizeibeamte standen davor. Sie fragten, ob sich die Suche nach meinem Sohn geklärt hätte. Da ich auf den Rückruf ihres Kollegen gewartet hatte, war das wohl ein Missverständnis. Kein Krankenhaus hatte Patrick aufgenommen.

Die Beamten sagten mir, ich soll mit dem Taxi nach Neudorf fahren und dort die 110 wählen. Dann käme ein Wagen und man würde sich um weiteres kümmern. Das tat ich dann auch, wenn auch schweren Herzens. Ich gab dem Beamten den Wohnungsschlüssel, konnte aber nicht mit in die 2. Etage gehen. Ich hoffte immer noch, dass Patrick nur schlafen würde. Doch dann kam der Polizist zurück und sagte mir, mein Sohn würde tot in seinem Bett liegen.

Wie ich mich gefühlt habe? Ich kann es gar nicht beschreiben. Es war ein Nicht-wahr-haben-wollen in mir. Die Realität erreichte mich viel später. Damals lief ein Film vor mir ab und ich war darin. Patrick konnte gar nicht tot sein! Er war doch noch so jung, eine Woche vor seinem 38. Geburtstag!

Ich konnte im Polizeiauto auf die Kripo warten. Zwei Beamte kamen wenig später, gingen in Patricks Wohnung und ließen den Leichnam abholen. Die schockierte Nachbarin im Erdgeschoss bot uns freundlicherweise ihre Wohnung an, damit der Bericht aufgenommen werden konnte. Ich zeigte dem Beamten den letzten WhatsApp-Eintrag und spielte ihm die letzte Sprachnachricht vor. Er sagte, es sei gut gewesen, dass ich die Wohnung nicht mehr betreten habe. Patricks Leichnam zu sehen, wäre für mich ein bleibendes Erlebnis gewesen, das ich nie mehr vergessen hätte. Zu alledem wäre im Schlafzimmer kein Licht gewesen. Es muss ihn selbst gegruselt haben.

Der Beamte fand eine Tasse mit Marihuana in der Wohnung und veranlasste eine Obduktion. Nach einer Woche wurde der Leichnam freigegeben. Todesursache war ein plötzlicher Herztod durch einen Herzfehler. Mein Patrick war für immer fort!

Nun lag es an mir, jemanden mit der Beerdigung zu beauftragen, der den Leichnam nach der Obduktion abholt. Gleich am Folgetag fuhr ich mit einer ehemaligen Kollegin, die sich sofort bereit erklärt hatte, mich zu begleiten, zum Beerdigungsinstitut und zum Amtsgericht, um das Erbe auszuschlagen. Ich hätte die Wohnung nie mehr betreten wollen. Ein Nachlassverwalter regelte alles.

Da mein Sohn genauso einsam lebte, wie ich, veranlasste ich eine Einäscherung mit Beisetzung in einem Friedwald in Venlo. Patrick mit seiner indigenen Seele liebte die Freiheit. Dort gibt es keine Einzäunung. Ich ließ ihn anonym beerdigen. Niemand war dabei, nur der Förster des Waldes. Irgendwann möchte ich ebenfalls dort bestattet werden.

Ein Teil von mir ist damals mitgestorben. Nur die Erinnerung lebt in meinem Herzen weiter. Erst Tage später kam mir der Traum in den Sinn. Ich stellte fest, dass Buddhisten Weiß als Zeichen der Trauer tragen. In Afrika hat die Farbe Weiß eine herausragende Symbolik. Sie steht vielerorts für Tod und Reinkarnation.
Patricks Tod war ein schicksalhaftes Ereignis, das mir bereits vorher offenbart wurde. Nur wollte ich es nicht wahrhaben.

Patricks Tattoo

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Aus heiterem Himmel

Fortsetzung Teil 50

Foto: Patrick Seidel

Wenn man mitten im Leben steht, denkt man, alles geht immer so weiter. Das dachte ich auch, obwohl die Krankheiten im Laufe der Jahre nicht weniger geworden waren. Ich war zufrieden, wenn auch nicht mit allem.

Mit den zwei neuen Nachbarn hatte ich gar nichts zu tun. Wenn ich sie sah, grüßten sie flüchtig. Das war alles. Anfang Juni 2018 stand einer der jungen Männer vor meiner Türe und warnte mich vor, dass es bald eine Geburtstagsfeier geben würde, die in der Wohnung über mir stattfinden sollte. Der Nachbar sollte von seinen Freunden mit einer Feier zu seinem dreißigsten Geburtstag überrascht werden. Ich dachte, man würde in den neuen Tag hineinfeiern und befürchtete nichts Schlimmes. Aber es kam schlimmer! Man feiert heute anders, als in meiner Zeit.

Bereits um 20 Uhr wurde ein Anhänger mit Alkohol abgeladen. Nach und nach trudelten die Gäste ein. Es waren wenigstens zwanzig. Die Wohnung über mir wurde freigeräumt, und es entstand über meinem Wohnzimmer eine Tanzfläche. Das Haus ist alt und verfügt über Holzdecken, die den Lärm wunderbar leiteten. Als die betrunkene Gesellschaft mit lautstarker Musik und noch lauterem Gegröle über mir tanzte, dass sich die Balken bogen, verschwanden meine Katzen unter dem Bett.

Leider konnte man dem Lärm nicht entfliehen. Die rücksichtslose Gesellschaft beschallte noch nach Mitternacht die ganze Straße. Je lauter die Musik, umso lauter war das Geschreie aus den offenen Fenstern. Anscheinend war jeder Raum belegt. Gegen 3 Uhr platzte mir der Kragen, und ich rief die Polizei, die sofort erschien. Daraufhin verstummte die Musik, doch als sie weg war, fingen die betrunkenen Köpfe an zu singen. Es war nicht auszuhalten. Von Schlaf konnte keine Rede sein. Endlich, gegen 5 Uhr löste sich die Gesellschaft langsam auf und die ersten Frauen wurden abgeholt.

Als alle gegangen waren und Ruhe eingekehrt war, löste sich bei mir langsam die Anspannung. Mein Herz schlug ruhiger, doch ein erholsamer Schlaf blieb aus. Auch die Katzen waren verstört.

Zwei Tage später erwachte ich morgens gegen 6 Uhr und bemerkte beim Umlagern im Bett einen starken Schwindel. Er war so stark, dass ich Mühe hatte, aufzustehen, und er machte mir Angst. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich dachte an einen Drehschwindel, der vom Ohr ausgelöst wird. Doch, als ich mich in die Sitzposition gequält hatte, war es mir wie bei einer Seekrankheit: aller Inhalt verließ meinen Körper, und ich bemerkte schockiert, dass ich nicht mehr laufen konnte. Mein linkes Bein war wie gelähmt. In letzter Anstrengung erreichte ich kriechend den Flur, zog den Schlüssel, der immer von innen steckte, aus der Haustüre und griff mir das Telefon. Dann kam ich nur noch zur Toilette. Von dort aus rief ich meinen Sohn Patrick an, der gerade nach Hause gekommen war. Er erkannte an meinem Tonfall, dass irgendetwas nicht stimmte und kam sofort zu mir. Er hatte einen Schlüssel. Glücklicherweise konnte ich das Schloss frei machen, sonst hätte er die Wohnung nicht betreten können.

Er fand mich in einem desolaten Zustand vor. Dann versuchte er, mich ins Wohnzimmer zu bringen. Da ich nicht laufen konnte, war das mehr als schwierig. Wir waren beide überfordert und überlegten, was wir nun tun sollen. Er rief den Notdienstarzt, der erst gegen 8 Uhr erschien. Nach eingehender Untersuchung bestellte er lediglich einen Krankenwagen, der aber erst nach 12 Uhr bei mir eintraf. Als mich die Sanitäterinnen sahen, erkannten sie sofort einen Schlaganfall und brachten mich in die Stroke Unit, eine Abteilung der Sana Klinik in Duisburg, wo ich drei Wochen lang behandelt wurde. Auch dort wurde ein Schlaganfall diagnostiziert. Glücklicherweise musste mein Schädel nicht geöffnet werden. Der Druck ließ nach und das Fieber sank. Es blieb die Lähmung auf der linken Seite. Ich konnte sitzen, mehr nicht. Da meine Venen bereits völlig lädiert waren, setzte man mir einen Venen-Katheder am Hals. Das Personal tat alles, damit es mir besser ging. Ich bin dort sehr gut versorgt worden und sehr dankbar.

Foto im Krankenhaus mit Patrick

Ich musste nun das Laufen wieder ganz neu lernen. Die Physiotherapeuten kannten keine Gnade und schleiften mich zu zweit über den Flur. Mein Gehirn wusste nicht mehr was Schritte sind.

Man untersuchte die Umstände des Schlaganfalls. Es wurde ein Vorhofflimmern festgestellt. Als Ursache konnten die Feier und der Lärm in Frage kommen, was häufig Auslöser ist.

Gottseidank funktionierte mein Denkapparat bis auf kleine Störungen, von denen nur meine Kontaktpersonen etwas mitbekamen. Ab und zu sprach ich nicht mehr deutlich. Fernsehen ging nicht mehr. Ich konnte mich darauf nicht konzentrieren. Ich war anwesend aber irgendwie auch nicht.

Mein Sohn Patrick hatte Angst um mich. Er besuchte mich täglich und versorgte mich mit allem, was ich brauchte. Für die Zeit, die ich im Krankenhaus verbringen musste, blieb er in meiner Wohnung. Insgesamt drei Monate lang versorgte er die Katzen. Darüber war ich sehr froh. Er war der einzige Mensch, dem ich voll und ganz vertrauen konnte, so anspruchslos, ehrlich und lieb. Die Katzen erkannten ihn schon von weitem.

Nach dem Krankenhaus brachte mich ein Krankenwagen in eine Reha-Klinik in Hattingen. Dort lernte ich das Stehen, Gehen und Laufen. Zunächst kam der Rollstuhl, dann der Rollator und später der Gehstock. Die Therapeuten waren unbarmherzig, und ich fürchtete mich vor jedem Schritt. Aber ich wollte es schaffen!

Mein Ziel war, den Urin-Katheder loszuwerden, um wieder eigenständig auf die Toilette gehen zu können. Jeder Tag war gefüllt mit Anwendungen. Ich habe bemerkt, dass ich bergab überhaupt nicht fahren und später gehen konnte. Sogar mit Begleitung des Therapeuten klappte das nicht. Die Angst war zu groß. Das funktioniert heute noch nicht. Dafür habe ich das Gefühl verloren. Mein Gleichgewichtssinn ist gestört. Damals hatte ich einen großen Rechtsdrall. Auch von einer Leiter runter steigen fällt immer noch schwer. Ich habe Angst zu fallen.
Auf jeden Fall schafften es die Therapeuten, dass ich wieder laufen konnte. Am Schwersten waren die ersten Schritte alleine, ohne mich irgendwo festhalten zu können. Ich habe gedacht, ich schaffe es nie und würde gleich wieder zusammenbrechen.

Nach drei Monaten fuhr mich ein Taxi wieder nach Hause. Dort merkte ich, wie schlimm jede Bewegung des Autofahrens für mich war. Man hatte mir in der Klinik erklärt, ich dürfte erst wieder nach einem halben Jahr selbst fahren. Dafür machte ich dann einen Test in einer Fahrschule und bekam dafür eine Bescheinigung. Aber irgendwann verlor sich mein Interesse am Autofahren und an dem schicken Mercedes vor meiner Türe.

Patrick zog zurück in seine Wohnung nach Neudorf, und ich war wieder mit den Katzen alleine. Nun fühlte ich verstärkt die Verantwortung, die ich für die Tiere hatte. Zum Glück konnte ich alles im Haushalt selbst erledigen. Ein Lieferdienst bringt mir Lebensmittel und Getränke. Alles andere bekam ich über das Internet.

Komischerweise erwiesen sich 600 Meter zum Briefkasten als riesengroße Hürde. Zunächst nahm ich sie mit Rollator. Dann fuhr ich mit dem Wagen. 600 Meter! Was sollte ich machen? Mit dem Bus konnte ich nicht fahren. Mein Morbus Crohn ließ weder einen Spaziergang noch eine Busfahrt zu. Im Auto hatte ich wenigstens meinen Raum, wenn irgendwas passierte und es womöglich wieder mal in die Hose ging. Gegen das Fahrradfahren sprach mein defekter Gleichgewichtssinn. Es war ein Teufelskreis, den ich nicht durchbrechen konnte. Das bedeutete für mich, dass ich zu Hause bleiben musste.

Mein Einsiedler-Dasein hatte begonnen, und ich dachte unwillkürlich an meinen Traum, als mich die Mönchsgestalt an die Hand nahm und ich erschauderte.

Fortsetzung folgt…

Kleiner Rückblick – Römerstadt und Gelderland

Fortsetzung Teil 49

Leon und Maya, Foto: Gisela Seidel

Nachdem ich mich in meiner neuen Wohnung eingelebt hatte, erhielt ich einen unerwarteten Anruf aus Xanten. Es war die Mutter meiner Freundin B., die mir zuletzt das Grabgesteck für meine Wohnung in Friemersheim schenkte. Seitdem hatte ich nichts mehr von ihr gehört. Das war Anfang 2013.

Als mich die Mutter nach meiner neuen Adresse fragte, war das zwar ungewöhnlich, aber ich gab sie ihr natürlich gerne. Einige Wochen später rief sie mich wieder an und hatte dieselbe Bitte. Ich wusste nicht, was das sollte. Sie schien verwirrt. Doch diesmal sagte sie mir, ihre Tochter sei im Krankenhaus gewesen. Sie würde sich freuen, wenn ich sie besuchen käme. Das alles war mehr als fragwürdig. Also fuhr ich nach Xanten und fand eine mir völlig fremde Freundin vor, die wieder bei ihrer Mutter wohnte.

B. sprach nur noch selten. Oft war es wirr, durchbrochen von klaren Phasen. Sie sah anders aus…stupide. Alleine zu essen, fiel ihr schwer. Fleisch zerschneiden, konnte sie nicht mehr. Ihr Zustand machte mich fassungslos.

Ich bewunderte ihre Mutter G., die nicht geduldig genug war, um mit ihrer Tochter klar zu kommen. Es gab Streit. In B. wuchsen ungeahnte Kräfte, und sie ließ nur noch das zu, was ihr benebelter Verstand zulassen wollte. Darüber reden konnte man nicht.

Sie bewohnten beide ein wunderschönes Haus mit einem großen Garten und hatten zwei Hunde. Selbst ihren eigenen Collie nahm B. nicht mehr wahr. Der arme Hund konnte das nicht verstehen.

Von dem Zeitpunkt an fuhr ich wöchentlich wenigstens einmal nach Xanten. Doch die Situation eskalierte zusehends. B. wurde inkontinent und ließ alles unter sich gehen. Sie wusste nicht mehr was eine Toilette ist. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde sie alleine von ihrer Mutter versorgt, die selbst die 70 an Jahren überschritten hatte.

Als es so nicht mehr weiterging, wurde eine Hilfskraft aus Polen engagiert, die kein Wort Deutsch sprach, aber dafür sehr fleißig war und den Haushalt in Ordnung hielt.

In den Sommermonaten fing B. an zu krampfen, wenn sie sich setzen sollte. Dann kam ein Restless-leg-Syndrom hinzu, und B. lief den ganzen Tag ruhelos durch den Garten. Manchmal weinte sie, wenn sie wieder mal eine klare Minute hatte. Dann jammerte sie um ihr verlorenes Ich. Das war ganz schrecklich. Sie war einst eine schöne junge Frau, hatte studiert und 2005 ihren Klassenkameraden geheiratet. 2013, als sie bei mir war, zeigten sich bereits die ersten Anzeichen einer Erkrankung.

Niemand weiß, was Mitte 2015 geschehen ist. Ihr Mann hatte sie nach einer Ohrfeige aus dem Haus geworfen, und sie war im Schlafanzug, weinend, zu ihrer Mutter gefahren. Sogar ihre persönliche Kleidung gab ihr Ehemann nicht mehr raus. Er machte sie fertig. Sehr wahrscheinlich ahnte er gar nicht, wie krank sie war. Schon damals konnte sie kein zusammenhängendes Wort mehr schreiben.

Glücklicherweise hatten B. und ihre Mutter gegenseitig eine Vorsorgevollmacht vor dem Notar unterschrieben. Damit begannen die vielen Anwaltsbesuche und Klagen, die sich über Jahre hinzogen. Der Ehemann wohnt immer noch im gemeinsam angeschafften Haus und hat erst Monate später einige Kleidungsstücke und Möbel an B. rausgegeben. Da sie zunächst keinen Unterhalt erhielt, stand sie vor dem Nichts. Wenn ihre Mutter nicht gewesen wäre, wäre sie mittellos und krank auf der Straße gelandet.

Irgendwann kam der Tag, an dem nichts mehr ging. B. musste wieder in eine Klinik in Kalkar. Ich fuhr mit ihrer Mutter sämtliche Altenheime ab, um eine Bleibe für B. zu finden. Wir waren teilweise schockiert über die dortigen Zustände. Alles war natürlich auf alte Menschen ausgerichtet, aber sie war erst Anfang 50. Schließlich fand die Mutter eine katholische Einrichtung in Kleve, die mit ca. 5.000 Euro nicht gerade billig war. Dort hat man ein separates Haus, speziell für Alzheimer-Patienten eingerichtet. Jedoch ist die Frontotemperale-Demenz meiner Freundin ganz anders als eine Altersdemenz. Startschwierigkeiten bei der Unterbringung waren vorprogrammiert.

B. lief anfangs zweimal weg und musste mit der Polizei gesucht werden. Alte Mitinsassen des Heims fuhren ihr mit dem Rollstuhl über die Füße, und da sie sich nicht äußern konnte, wurden ihre Verletzungen viel zu spät bemerkt. Ihre Mutter versorgte sie mit dem Nötigsten und kam dabei an ihre finanziellen Grenzen.

Als ich mit ihrer Mutter das Heim besuchte, fanden wir B. in der Gemeinschaftsküche völlig Urin durchnässt vor. Die Angestellte dort meinte nur, man würde den Insassen ihren freien Willen nicht nehmen, und B. wollte sich nicht waschen lassen. Da bin ich laut geworden. Den freien Willen? Wir haben sie dann aufs Zimmer gebracht, und die Mutter hat sie abgeduscht und neu eingekleidet. Dafür zahlt man über 5.000 Euro monatlich! Ich frage mich wofür?

Das Heim war nicht nur einmal mit B. überfordert, und wenn es gar nicht mehr ging, wurde sie nach Bedburg-Hau in die Psychiatrie gebracht. Dort blieb sie dann ein paar Monate und ihre Medikamente wurden neu eingestellt. Wir besuchten sie auch dort auf der geschlossenen Station. Soviel Elend habe ich selten gesehen. Jeder Mensch muss dankbar sein, wenn er dort nicht eingeliefert wird.

Mit B.s Erkrankung bewahrheitete sich auch die Aussage meines Pendelns. Damals pendelte ich, dass der Ehemann in Xanten und B. im Gelderland wohnen würde.

Leider wurde auch mein Traumbild Wirklichkeit, als der Cocker-Spaniel der Mutter auf einem langen Feldweg hinter uns herlief und plötzlich stehen blieb und nicht mehr weiter konnte. Der kleine Hund starb einige Wochen später.

Meine Freundin lebt immer noch in Kleve. Die Prognosen sind nicht gut. Die Krankheit hat leider neue Ausmaße erreicht. Das ständige Laufen hat 40 kg Gewicht gekostet. Sie reagiert mechanisch und spricht gar nicht mehr. Was sie erkennt, wissen wir nicht.

Manchmal ist der Tod Erlösung. Das denkt auch ihre Mutter. Das Grabgesteck war Symbol für das Sterben ihres Ichs, was ich damals nicht verstanden habe.

Anfang Juni 2018 habe ich B. zum letzten Mal gesehen.

Fortsetzung folgt…

Kleiner Rückblick – 20. Umzug

Fortsetzung Teil 48

Nachdem ich Anfang 2015 meinen Kater „Dibo“ hatte einschläfern lassen müssen, und ich zunächst alle mich daran erinnernden Sachen an das Tierheim verschenkt hatte, fühlte ich die Leere in meiner Wohnung immer mehr. Da war nichts Lebendiges, nichts, mit dem ich kuscheln und die Liebe weitergeben konnte, die in mir war. Ich fühlte mich mehr als überflüssig.

Mehrere Wochen blieb ich alleine, doch dann entschied ich mich für eine Fahrt ins Katzenhaus nach Homberg, in dem heimatlose Tiere untergebracht waren, die zur Vermittlung freigestellt wurden. Ich hatte mich sofort in ein schwarz-weißes Geschwisterpärchen verliebt und machte spontan einen Kaufvertrag. Die Hauskatzen machten einen lieben Eindruck und waren sehr zutraulich. Als ich mich an dem verabredeten Übergabetermin meldete, wollte man mir die Tiere nicht geben. Man sagte mir, sie hätten Pilze und die Behandlung wäre noch nicht abgeschlossen. Das war das erste Mal, dass ich davon hörte, und ich fühlte mich betrogen. Schriftlich trat ich vom Kaufvertrag zurück und bekam nach einem Entschuldigungsschreiben mein Geld wieder.

Außenkratzbaum, Foto: Gisela Seidel

Um so etwas auszuschließen, wendete ich mich an eine Züchterin in Voerde und kaufte zwei Norwegische Waldkatzen, die man mir im Alter von 12 Wochen nach Hause brachte. Der Aufwand war gigantisch. Die Katzen allein kosteten 1.300 Euro, die restliche Ausstattung verschlang insgesamt 3.700 Euro. Manch einer wird nun den Kopf schütteln, aber ich wollte, dass es die beiden gut bei mir haben.

Es sind keine Schoßkatzen, dafür aber sehr anhänglich. Die kleine Katze ‚spricht‘ mit mir und steht genau um 22 Uhr vor mir, um mich ins Schlafzimmer zu bringen. Die große Katze schläft dann neben mir und lässt sich krabbeln, bis ich eingeschlafen bin. Meine beiden Engelchen möchte ich nie wieder hergeben.

Frisch kastriert, Foto: Gisela Seidel

In Friemersheim hatten die beiden einen großen Balkon mit Katzennetz und Blick ins Grüne. Ich schaffte zusätzlich zum Wohnungskratzbaum einen Baum für draußen an, und es war schön, ihnen beim Toben zuzusehen. Als sie fast ein Jahr alt waren, ließ ich sie kastrieren, was beide ohne Probleme überstanden haben.

Alles war soweit in Ordnung. Doch Ende 2016 stand fest, dass meine Vermieterin ihre Wohnung verkaufen wollte. Ich musste also zum 20. Mal umziehen. Von den kompletten Geldausgaben hätte ich ohne weiteres ein Haus kaufen können.

Wenn ich sauer bin, weckt das schlummernde Kräfte in mir. Am liebsten wäre ich von heut auf morgen umgezogen, aber das brauchte leider einen gewissen Vorlauf. Aber ich hatte ja bereits Routine. Nur hatten sich meine Kräfte deutlich verringert. Ich dachte an meine mit großen Mühen eingebaute Holzküche und musste mich davon innerlich verabschieden. Ein weiteres Aufbauen würde sie nicht überstehen. Doch zunächst musste ich eine neue Wohnung finden.

Es zog mich wieder an meinen Heimatortsteil zurück. Dort wohnte niemand mehr, außer meine Tante und meine Cousine. Auf genau dieser Straße wurde eine Wohnung frei und sie gehörte einem öffentlichen Wohnungsbauunternehmen. Ich schellte einfach an der Haustüre und der Mieter zeigte mir bereitwillig sie Räume. Es war eine schöne, geräumige 80 qm Wohnung, mit großer Wohnküche und kleinem Balkon. Zwar lag sie nicht so schön gelegen, wie in Friemersheim, aber hier könnte ich mich wohlfühlen und meine Katzen auch. Sofort bewarb ich mich um einen Mietvertrag, den ich nach ein paar Tagen bekam. Bereits Anfang März 2017 konnte ich einziehen.

Enya – Foto: Gisela Seidel

Ich hatte Glück und bekam eine Ausstellungsküche ohne lange Lieferzeit. Einige Lampen und Schränke hatte ich übernommen und die leere Wohnung war schnell von einem früheren Kollegen gestrichen. Auch ein neues Katzennetz wurde angebracht, mit der Erlaubnis des Vermieters. Der Umzug verlief reibungslos. Eine Nacht und alles war eingeräumt und die Kartons im Keller, abholbereit. Ich hatte es mal wieder geschafft!

Die Katzen hatten Angst vor den vielen fremden Stimmen der Umzugsfirma. Mein Sohn Patrick kümmerte ich im Schlafzimmer um sie. Erst, als die Luft wieder rein war, wagten sie sich aus ihrem Versteck. Alles wurde kritisch beäugt und später angenommen. Ich war froh; obwohl die Wohnung viel lauter war, als die alte, war die Raumaufteilung viel ansprechender.

Doria, Foto: Gisela Seidel

Fortsetzung folgt…

Kleiner Rückblick – Vaters Tod

Fortsetzung Teil 47

Foto: Gisela Seidel

Bereits im Jahr 2015 hatte mein Vater mit Prostatakrebs auf der Urologie der Klinik in Krefeld-Uerdingen gelegen. Seine Frau hatte mich informiert. Sie wollte nicht täglich zu Besuch dorthin fahren, weil sie gesundheitlich ebenfalls angeschlagen war. Also fuhr ich jeden Tag nach Feierabend dorthin, bis er nach einer Woche und zahlreichen schmerzhaften Operationen entlassen wurde. Ich beschwerte mich beim dortigen Chefarzt, weil die Nieren-OP ohne Narkose durchgeführt worden war und vorzeitig abgebrochen werden musste, weil mein Vater die Schmerzen nicht aushalten konnte. Mit alten Menschen konnte man das ja machen. Soviel Skrupellosigkeit entsetzte mich, denn die Narkose hatte nicht stattgefunden, weil man Kosten sparen wollte. Der Chefarzt kam mit einer fadenscheinigen Entschuldigung zu mir.

Damals merkte ich, dass mein Vater gewisse Dinge gedanklich nicht mehr richtig umsetzen konnte. Schließlich war er 88 Jahre alt und seine Frau nur zwei Jahre jünger. Wenn er etwas nicht verstand, wurde er unwirsch. So widersprach er den Ärzten, die behaupteten, seine Krebserkrankung hätte das Rauchen als Ursache. Rauchen und Nieren hatten nach seiner Auffassung miteinander nichts zu tun.

Nachdem er wieder entlassen worden war, wurde er kurz darauf als Notfall in ein anderes Krankenhaus eingeliefert. Grund dafür waren Darmblutungen und starker Durchfall. Ich besuchte ihn dort auf der Intensivstation. Die Ärztin sagte mir, man hätte ihn operieren müssen. Sie machte mir wenig Hoffnung, dass er das überlebt. Doch bereits am nächsten Tag saß er schon wieder im Bett. Man hatte bei ihm einen Morbus Crohn festgestellt, die Krankheit unter der ich bereits seit meinem 25. Lebensjahr leide. Mein Vater war zäh. Auch davon erholte er sich wieder. Erst 2016 kam eine erneute Krankenhaus-Einweisung. Er lag mit einem Beckenbruch wieder in Krefeld-Uerdingen. Er war auf der Treppe vor seiner Wohnung gestürzt.

So tragisch der Unfall war, es gab in dieser Zeit eine gewisse Annäherung. Zum ersten Mal weinte mein Vater in meiner Gegenwart.
„Ich habe mich nie um dich gekümmert!“, sagte er. Da es ein echtes Bedauern zu sein schien, habe ich es als Entschuldigung angenommen.

Auch dorthin bin ich täglich gefahren. Mein Vater hatte seinen Altersstarrsinn nach wie vor behalten, fügte sich jedoch den Anordnungen der Ärzte. Als er wieder fast genesen war, begleitete ich ihn bei Spaziergängen im Park. Wir gingen Arm in Arm. Er schob brav seinen Rollator. Ich dachte bei mir: „Das war der Mann, vor dem ich als Kind immer nur Angst hatte.“ Das Alter hatte aus ihm ein muskelloses Männlein gemacht, das nur noch 45 Kilogramm wog.

Nachdem er entlassen worden war, traten die gleichen Verhältnisse ein, wie zuvor. Wir sahen uns nicht mehr, weil seine Frau das nicht wollte.

Am 23. September 2017 wurde er 90 Jahre alt. Aus diesem Grund erhielt ich eine Einladung von ihm. Die kleine Feier fand in der Wohnung seiner Frau statt, die offenbar mit meiner Anwesenheit einverstanden war.

Ich schenkte ihm zwei Stücke Bienenstich, seinen Lieblingskuchen, aus der Bäckerei seiner alten Heimat in Homberg. Darüber freute er sich sehr. Zum Schluss begleitete er mich bis zum Auto, weil er meinen neuen Mercedes sehen wollte. Durch sein Augenleiden hat er sicher nicht viel sehen können, aber der Wagen gefiel ihm offenbar. Es folgte ein letztes Schulterklopfen, und er ging wieder ins Haus zurück. Das war das letzte Mal, dass ich meinen Vater sah. Am 2. November 2017 ist er in seiner Wohnung gestorben, ganz plötzlich und unerwartet.

Seine Frau hatte wohl darauf bestanden, dass er in Duisburg-Buchholz beerdigt wird. Im September kündigte er vorsorglich die Gruft, in der meine Mutter in Homberg liegt. Seitdem habe ich den Friedhof nicht mehr betreten. Die Vorstellung, dort ein ungepflegtes Grab vorzufinden, war mir zuwider.

Nach Vaters Beerdigung, an der ich teilnahm, brach wieder ein Stück Vergangenheit und Familie weg.

Seine Frau starb nur drei Monate später.

Kleiner Rückblick – Abschiede

Fortsetzung Teil 46

Geliebter Balkon – Foto: Gisela Seidel

Im Januar 2013, kurz nach dem Umzug, kam nach längerer Pause meine Freundin B. aus Xanten zu Besuch. Sie wirkte eigenartig, anders als sonst und brachte mir ein außergewöhnliches Geschenk mit, das ich am nächsten Tag zum Friedhof auf das Grab meiner Mutter legte. Es war ein im November für die Trauertage hergestelltes Grabgesteck: ein Herz, das in der Mitte mit Krähen-Beeren geschmückt war. Außerdem überreichte sie mir ein Armband aus Plastik, wie eins aus einer Wundertüte.

B., die sich in der Vergangenheit stets etwas abgehoben und versnobt gegeben hatte, schenkte mir ein Kinderarmband. Innerlich konnte ich das nicht umsetzen und verstehen. Sie wirke anders, saß eine Weile da und redete kaum ein Wort. Ehrlich gesagt, wusste ich in dieser Situation nichts mit ihr anzufangen und hatte auch keine Erklärung für ihr Verhalten. Es kam kein Gespräch zustande, so leid es mir tat. Wo ich früher über alles mit ihr reden konnte, war nun Unverständnis und Schweigen.

Sie merkte wohl auch, dass etwas anders war, stand schließlich auf und fuhr nach Xanten zurück. Was blieb war ein großes Fragezeichen. Am Folgetag, als ich ihr Geschenk näher betrachtete, gruselte es mich. Ich wollte es nicht länger im Haus haben.

Es hatte für mich eine andere Bedeutung, wie auch das Armband, das sofort zerriss, als ich versuchte, es an den Schlüssel des Wohnzimmer-Schrankes zu hängen. Unser Band war zerrissen, unsere Freundschaft würde sterben, Symbol dafür war das Grabgesteck. Auch dieses Rätsel wurde erst 2015 gelöst.

In meiner neuen Wohnung lebte ich mich schnell ein. Meine Nachbarn waren allesamt deutsche Rentner. Es lebte die deutsche Gründlichkeit in ihren Eigentumswohnungen. Ich nur in einer Mietwohnung, war in ihren Augen weniger wert. Alles wurde akribisch genau notiert, die Durchführung des Putzplanes kontrolliert. Sofort lag ich bei ihnen im Fokus der Aufmerksamkeit. Eine allein-stehende Frau wurde von den Herrschaften herabgewertet. Dann war da noch mein Mercedes, den mir mein Vater mittlerweile geschenkt und überschrieben hatte. Ich blieb bis zuletzt ein Stein des Anstoßes für sie. Von nachbarschaftlicher Hilfe habe ich nie etwas erfahren. Nur meine direkte Nachbarin stand regelmäßig auf der Schwelle, wenn sie in Urlaub fahren wollte und der Putzplan geändert werden sollte.

Mein Sohn Patrick kam jedes Wochenende zu Besuch und wir hatten Kontakt über SMS. Als seine geliebte Katze „Wichtel“ eingeschläfert werden musste, weil es nicht mehr anders ging, machte er mir heftige Vorwürfe. Es war mir nicht mehr möglich gewesen, ihm vorher Bescheid zu geben. Wichtel kippte immer um und war so schwach, dass sie sich bei mir verkriechen wollte. Das Einschläfern war eine Erlösung für sie.

Nun war ich mit meinem Kater „Dibo“ alleine. Wir hatten nur noch eine kurze Zeit zusammen. Anfang 2015 begann er, sich zu verkriechen. Ich stellte fest, dass sein Auge rot unterlaufen war und dachte mir, es sei eine Bindehautentzündung. Aber leider ging es trotz Tropfen nicht weg, und ich bin mit ihm zur Tierklinik gefahren. Dort wurde festgestellt, dass ein Tumor hinter dem Auge saß, der bereits den Gaumen befallen hatte. Also musste ich auch mein geliebtes Katerchen einschläfern lassen. Das war ein harter Schlag für mich. Mit ihm starb endgültig meine Vergangenheit.

Dibo – Foto: Gisela Seidel

Eigentlich hatte mein Vater meinem Sohn die Möglichkeit gegeben, mich jede Woche sehen zu können. Da mir seine Lebensgefährtin Hausverbot erteilt hatte und sich mein Vater aufgrund seiner Blindheit fügen musste, traf ich mich gelegentlich heimlich mit ihm, im nahegelegenen Edeka-Café. Dort erzählte ich ihm, dass Patrick den Micra verschrotten musste und nun ohne Auto sei. Die Reaktion meines Vaters verblüffte mich, denn er meinte, jeder junge Mann sollte ein Auto haben. Er wollte Patrick ein Auto bis zu 6.000 Euro schenken. Das müsste jedoch innerhalb von zwei Tagen geschehen, weil sonst seine Frau etwas davon erfahren würde.

Als mein Vater 2010 geheiratet hatte, spielte auch die finanzielle Sicherheit seiner Frau eine große Rolle. Sie sollte alles erben. Seinem Stiefsohn ließ mein Vater ohnehin große Geldsummen zukommen.

Das Geschenk meines Vaters an meinen Sohn Patrick, der ihm aufgrund seiner Hautfarbe immer ein Dorn im Auge war, nahm dieser freudig an. Es war das erste Geschenk überhaupt, das er von ihm erhalten hatte. Mein Vater fuhr mit zum Händler und brachte den Kauf unter Dach und Fach. Als ein paar Tage später seine Frau davon erfuhr, eröffnete sie ein neues Konto und buchte alles um, was meinem Vater gehört hatte. Sie war außer sich vor Wut und sah mich als Sünderin an, die meinen Vater zum Zahlen verführt hatte. Von dem Zeitpunkt an herrschte absolute Funkstille. Zweimal im Jahr telefonierte ich mit meinem Vater an unseren Geburtstagen. Da er nicht mehr ohne die Hilfe seiner Frau telefonieren konnte, blieb es dabei.

Bis 2016 fuhr ich täglich in mein Büro und ging nach 47 Arbeitsjahren in Rente. Zum Schluss war ich nur zum Monatsabschluss im Büro, um meine Nachfolgerin einzuarbeiten. Die ersten Wochen brachte mir mein ständiges Zuhausesein wenig Freude. Immer Urlaub zu haben, war ich nicht gewohnt. Da war keine berufliche Herausforderung mehr. Mein Wissen war nicht mehr gefragt. Das, was ich erarbeitet hatte, machte nun teilweise mein Chef selbst, wenn meine Nachfolgerin die Excel-Tabellen nicht verstand. Ich musste loslassen! Das alles ging mich nichts mehr an. Ein Lebensabschnitt war zu Ende. Ein neuer begann.

Das Eichhörnchen hatte eine Futterbox – Foto: Gisela Seidel

Es blieb der große Balkon mit dem wundervollen Ausblick. Ich liebe die Stille, aber selbst das war mir zu viel. Es fehlte das Leben und die Gespräche mit den Kollegen. Ich hatte meine Hoffnungen auf die Dorfkirche gesetzt und besuchte den Gottesdienst jeden Sonntag.

Foto: Gisela Seidel

Ich betrachtete das Neuland kritisch. Die Predigten waren viel kürzer, als in früheren Jahren. Wenn der MSV spielte, schaute einer der Pfarrer auf die Uhr und endete in Eile. Manchmal erklärte er Bibelverse von der Kanzel, die sich mir ganz anders darstellten. Aber das konnte ich nicht klären. Also begann ich, beim Bibelkurs mitzumachen, musste jedoch feststellen, dass über alles Mögliche erzählt wurde, nur nicht über die Bibel. Mich interessierte das Thema schon immer, und ich denke, jeder Mensch, der sich Christ nennt, sollte zumindest dort gelesen haben. Auf die Darstellungen der Kirche wollte ich mich nicht verlassen. Nur ein Papier-Christ, der sich mit einer Taufurkunde zufrieden gibt, um in den Himmel zu kommen, das wollte ich nicht sein.

Nach einem Jahr Zugehörigkeit in der Evangelischen Kirche entschloss ich mich zum Austritt, weil ich dem sinnlosen Brimborium dort nichts abgewinnen konnte.

Ich glaube an einen gerechten, liebevollen Gott! Ich bete zu Gott, niemals zu Heiligen. Ich glaube an die Christliche Botschaft und an Reinkarnation. Ich bete nicht in einer Kirche. Ich bete im ‚stillen Kämmerlein‘ zu Gott-Vater meinem Schöpfer, der mein Leben erhält und zum Guten wendet.

Ich glaube nicht an die Dreifaltigkeit. Ich glaube nicht daran, dass die Bibel von Gott geschrieben wurde. Ich glaube nicht an Gottes Königreich auf Erden, das noch kommen soll, als Erlösung der Menschheit; an einen Messias, der die Ungläubigen in die Hölle schickt. Ich respektiere alle anderen Religionen. Sie sind Wege zum Ziel.

Fazit: Ich glaube! Und diese Tatsache, an die niemand rütteln kann, hat mir über die tiefsten Abgründe meines Lebens hinweggeholfen. Ich dachte an ‚Samuel‘, meinen Geistführer, der mir damals von R. M. vorgestellt worden war. Die Löcher in meiner Seele waren kleiner geworden. Die Überwindung des Leids hatte mir Kraft gegeben, aber ich hatte mein Eremiten-Dasein noch nicht ganz akzeptieren können.

Fortsetzung folgt…

Kleiner Rückblick – Friemersheim

Fortsetzung Teil 45

Dorfkirche in Friemersheim – Foto: Gisela Seidel

Bereits im Jahr 2010 hatte ich erneut damit begonnen, in der Bibel zu lesen, bzw. sie richtig zu studieren. Dazu schaffte ich mir verschiedene Ausgaben an und fand so meinen Favoriten, die Züricher Bibel. Ich benötige einen gewissen Sprachklang, damit ich mich für die Worte dort öffnen kann. Mittlerweile ist das Buch durch und durch bunt markiert.

Damals begann meine lange Suche nach Wahrheit und Lebenssinn. Ich las eine Zeit lang wöchentlich mit den Zeugen Jehovas, die mir zufällig an der Haustüre begegnet waren. Das ging fast ein Jahr, doch dann merkte ich, dass wir uns in gewissen Dingen nicht nähern konnten. Ihr Fundamentalismus ging mir zu weit. Ich kann nicht grundsätzlich an eine Religion und an ein Buch glauben, das von Priestern gemacht worden ist. Ich glaube an einen Gott, der so, wie ich ihn empfinde, nicht in diesen Schriften dargestellt wird.

Die Kirchen wollen von jeher nur Macht, um ihre kleingläubig gemachte Gemeinschaft zu unterdrücken. Ich lehne einen solchen Extremismus ab. Den gibt es leider in jeder Religion. Man muss darauf achten, sich davon nicht gefangen nehmen zu lassen. Das Himmelreich lässt sich nicht kaufen, schon gar nicht durch Kirchen. Viele Bibelstellen wurden gefälscht, erstaunlicherweise noch in der Gegenwart. Da heißt es nicht mehr „du sollst nicht töten“, da heißt es neuerdings „du sollst nicht morden“.

Damals wollte ich meine Neugierde befriedigen und wissen, woher die unterschiedlichen Glaubensrichtungen stammen und was der Ursprung ist. Ich war ja bereits mit dieser Wissbegierde auf die Welt gekommen und befriedigte sie mit dem Lesen bestimmter Bücher, zu guter Letzt mit dem Studium der Kabbala, vermittelt von Friedrich Weinreb.

Obwohl mich diese religionsphilosophische Betrachtung dem Sinn der mosaischen Schriften näher brachte, blieb ein großes Fragezeichen in mir. Im Buch „Hiob“ und an anderen Stellen wurde von Reinkarnation geschrieben. Darüber gingen sowohl die Zeugen Jehovas als auch die reformierten Kirchen hinweg. Es kann nicht sein, was nicht sein darf!

Mit der Zeit merkte ich, dass mich das Studium immer mehr zu mir selbst führte, zu meinem Lebenskern…dem Gott in mir.

Nachdem der arme Schäferhund meines Nachbarn eingeschläfert worden war, schaffte er sich einen Welpen an, einen Golden Retriever.
Ich kenne mich mit Hunden nicht aus, und mein Nachbar ließ ihn meistens frei im Garten herumlaufen, obwohl er eigens dafür einen großen Zaun um sein Gartenhaus hatte bauen lassen. Jedes Mal, wenn ich in den Garten ging, musste ich aufpassen, nicht in die Hinterlassenschaft des Hundes zu treten, die überall herumlag. Da der Welpe noch keine Erziehung genossen hatte, attackierte er ständig meine Fersen, um daran zu nagen, was seinem Herrchen sichtlich Spaß machte.

Irgendwann stand ich am Küchenfenster und sah zufällig, wie er die große Stechpalme, die auf meiner Gartenseite stand, mit der Heckenschere bearbeitete. Während er die unteren Zweige abschnitt, schwoll mein Hals. Ich öffnete das Fenster und schrie nach draußen, er soll das sein lassen. Danach beschwerte ich mich bei dem Menschen in der Firma, der die Wohnungsverwaltung unter sich hatte. Da kam keine Resonanz. Ich hatte das Gefühl, mir wurde nicht geglaubt. Man ignorierte mich einfach. Jahre später erfuhr ich, dass mein Nachbar es bei meiner Nachmieterin genauso gemacht hatte und der Wohnungsverwalter entschuldigte sich bei mir.

Danach herrschte jedenfalls Funkstille im Haus. In den Garten wollte ich nicht mehr. Es war alles zu viel!

Ich suchte nach einer neuen Wohnung, fand aber keine passende im heimatlichen Ortsteil. Da ich diesen noch nie verlassen hatte, fiel mir meine Entscheidung sehr schwer: Im Oktober 2012 zog ich in den Stadtteil Friemersheim. Das Mietshaus lag unmittelbar am Deich. Dahinter liegt die Rheinaue, in der ich oft mit K. spazieren war.

Foto: Gisela Seidel

Der Umzug war eine große Herausforderung, und ich bekam plötzlich Hilfe von meinem türkischen Arbeitskollegen, der sich, zusammen mit seinem Cousin und seinen Kindern, fleißig und hilfsbereit in die Arbeiten einbrachten. Ich bin noch heute dankbar für die Hilfe und überrascht von so viel Freundlichkeit.

Blick vom Balkon – Foto: Gisela Seidel

Nach sechs Wochen Arbeit zog ich endgültig in meine neue Bleibe ein. Das Schönste an dieser Wohnung war der große Balkon und die herrliche Lage mitten im Grünen. Meine beiden alten Katzen kamen natürlich mit, aber mein „Wichtel“ litt zusehends an Altersdemenz, konnte kaum noch sehen und schrie unentwegt. Zum Glück konnte man das außerhalb der Wohnung nicht hören. Mein Sohn Patrick hing an der Katze, und ich tat alles, um ihr Leben noch eine Weile schön zu machen.

Wichtel – Foto: Gisela Seidel
Dibo – Foto: Gisela Seidel

Die neue Wohnung lag ca. 10 Kilometer von meiner Firma entfernt. Eine ganz neue Erfahrung. Auch die Wohnung von K. konnte ich nun nicht mehr sehen, was mir sehr beim Vergessen half.

Alles war soweit gut, und ich versuchte neue Menschen kennenzulernen. Sie sollten gläubig sein und sich mit mir darüber austauschen wollen. Deshalb trat ich wieder der evangelischen Kirche bei. Aber ich hatte wohl zu viel erwartet.

Der Platz um die Dorfkirche ist für mich ein mystischer Ort, mit dem Haus des Küsters unmittelbar neben der Kirche. Ein altes Lehrerhaus steht unweit gegenüber, welches heute als Museum zu besichtigen ist.

Lehrerhaus Friemersheim

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Amigo

Fortsetzung Teil 44

Foto: Gisela Seidel
Foto: Gisela Seidel

Im August 2009 verabschiedete sich mein alter Chef von mir im Traum, zwei Wochen vor seinem Tod. Er stand lächelnd da, trug einen schwarzen Anzug und winkte mir zu. Ich erzählte es meinen Kollegen, die Angst vor meinen Wahrträumen bekamen. Seitdem hüllte ich mich in Schweigen. Für mich ist ein solcher Traum ein Zeichen dafür, dass es noch eine andere Sphäre gibt, die wir Menschen verstandesmäßig nicht erfassen können.

Ich arbeitete in der Chemiefabrik hauptsächlich mit Männer zusammen, was mir sehr angenehm war. Mit allen kam ich gut klar, doch mein Nachbar war eine Ausnahme. Selbstständige Frauen waren ihm ein Gräuel. Einen Mann brauchte ich nur für handwerkliche Dinge, wenn mir die Kraft fehlte. Ich machte von jeher vieles selber. Bei der Gartenarbeit war das genauso. Aber meinem ‚lieben‘ Nachbarn gefiel das nicht. Der für mich abgestellte Wasserhahn im Garten war eine Geschichte von vielen. Wenn ich nicht draußen war, sah ich ihn oft durch meinen Gartenteil schleichen.

Einmal hatte er wohl mächtig Spaß daran, mir eine große, tote Ratte vor meinen Wassercontainer zu legen. Ich mag Ratten, und geekelt habe ich mich auch nicht, sondern das Tierchen beerdigt. Das gefiel ihm ganz und gar nicht.

Ende 2010 klaute er dann von meinem Gartenteil eine von mir gekaufte Christrose und pflanzte sie in eine Schale vor seinem Eingang. Ich kochte vor Wut, sagte aber nichts.

Wir hatten eine Toilette im Garten. Er hat absichtlich das Wasser abgestellt, und ich musste jedes Mal nach oben in meine Wohnung laufen. Dann zog seine Frau die Reißleine und ging mit ihm 2010 ins Altenheim, was einen neuen Mieter auf den Plan rief, der nicht besser war, als der alte. Er war Malermeister in der Fabrik gewesen und damals im Vorruhestand. Seine Frau war ebenfalls immer zu Hause.

Im Werk hatte er viele Handwerker-Kollegen, die darauf warteten, dass er einzog. Ihm wurde von allen Seiten geholfen; er hatte für jede Arbeit ein Helferlein, auch für den Garten.

Foto: Gisela Seidel
Foto: Gisela Seidel

Der Garten glich vormals einer Parklandschaft. Er war an der Außenmauer dicht bepflanzt mit Sträuchern und Bäumen. Als mein Nachbar endgültig eingezogen war, änderte sich das. Er ließ alles roden, was seinem Plan im Weg stand. Die Mauer wurde durch Holzplatten erhöht, dafür Flieder und Jasmin entfernt. Dabei war ihm die Gemeinschaftsfläche ganz egal.

Als ich einmal nach Feierabend nach Hause kam, blickte ich zufällig auf eine große, kahle Stelle der unansehnlichen Mauer. Das tat mir so weh, dass ich in Tränen ausbrach. Ich habe geheult wie ein Schlosshund und konnte es nicht verstehen. Wie konnte der Mensch so etwas Schönes zerstören!?

Foto: Gisela Seidel

Aber ich hatte keine Chance zu widersprechen. Nachdem der halbe Garten gerodet war, wurde ein Holzhaus gebaut und ein großer, grüner Zaun darum gesetzt. Wenn die Kollegen Mittagspause machten, war dieses Haus ein gerne angenommenes Gartendomizil. Hier wurde niemals gegrillt, nur geredet. Des Nachbarn Erklärung für diese Maßnahme: „Wenn ich ein Mal grille, will meine Frau das immer haben.“

Blumen suchte man vergebens. Dafür hatte man ja meine Seite, die ich immer neu bepflanzte. Tragisch war, dass der Mensch im Sommer hinging und die blühenden Hibiskus-Sträucher vor dem Haus mit einer Heckenschere abschnitt, damit seine Frau die herabfallenden Blüten nicht beseitigen musste.

Foto: Gisela Seidel

Die Straßenseite blieb weiterhin meine Arbeit. Ich sah das Pärchen niemals fegen oder Schnee schaufeln. Das machte ein Gärtner für sie. Aber sie hatten etwas mit ins Haus gebracht, mein Kindheitstrauma, einen großen altdeutschen Schäferhund.

Welcher Hund passt besser zu einem Macho? Der neue Nachbar glaubte auch, seine Männlichkeit unter Beweis stellen zu müssen, indem er sich einen 387 PS starken, neuen Mercedes in die Garage stellte. Er brauchte diese Penis-Verlängerung!

Sorge machte mir das ‚Hündchen‘. Immer, wenn ich die Türe zum Hof aufschloss, erstarrte ich. Was war, wenn er dort frei herumlaufen würde? Einen Gärtner hatte er bereits in den Bauch gebissen. Mein Nachbar hatte ihn schon mal auf die spielenden Kinder gehetzt, als sie auf dem neuen Holzzaun herumkletterten. Die waren weinend nach Hause gelaufen.

Anfangs luden mich die Nachbarn zu sich ein. Der Hund sollte lernen, dass ich Mitglied des Hauses sei. Ich näherte mich vorsichtig, und da ich keine Hunde kannte, hielt ich „Amigo“ für unberechenbar. Nach einiger Zeit und nach zahlreichen Leckerchen, die er von mir erhielt, hatte er mich akzeptiert. Er lag im Garten zu meinen Füßen und ließ mich anstandslos auf den Hof. Die Furcht wich langsam, und er respektierte mich.
Leider musste Amigo wegen einer nicht zu behandelnden Entzündung im Bein eingeschläfert werden. Ich werde nie vergessen, wie er zu seiner letzten Fahrt in das Auto meiner Nachbarn stieg. Das tat mir sehr leid, denn ich mochte ihn.

Foto: Gisela Seidel

Fortsetzung folgt...

Kleiner Rückblick – Pendelfragen

B. beim Kartenlegen

Das Jahr 2009 zog sich wie Kaugummi. Eine letzte Lesung über „Henriette Brey“ hatte ich in einem Altenheim absolviert. Danach war damit Schluss. Meine Kräfte waren aufgebraucht, denn das ungnädige Ende mit K. zerrte an meinen Nerven. Außerdem schien es mir die Luft zum Atmen genommen zu haben. Immer, wenn ich mich anstrenge oder aufgeregt bin, folgt Kurzatmigkeit.

Das brachte zusätzlich eine Freundin auf den Plan, die ganz von oben herab urteilte: „So etwas könnte mir nicht passieren!“

Sie war rund 13 Jahre jünger als ich und eine typische Jungfrau, was das Sternzeichen betraf. Wir kannten uns schon lange durch ihre Tante Ursel, die bereits mit 40 Jahren verstorben war. Deren Halbschwester G. hatte ihre Tochter B. verwöhnt. Sie wollte ihr das bieten, was sie selbst als Kind nicht hatte, denn sie war in einem Heim aufgewachsen.

Von jeher wirkte B. wie ein vornehmes Burgfräulein auf mich, das gerne auf ihre Untergebenen herabschaute und sie verurteilte. Für B. zählte nur Geld, Mode, Einfluss, Platin-Schmuck und teure Autos. Sie lebte gerne mit Hummer, Steaks, Lachs und mediterraner Küche und war dann oftmals völlig überrascht, wenn ich ihr Bratkartoffeln und Bratheringe vorsetzte, die sie nicht kannte.

G. und B. waren nicht gern gesehene Gäste. In jedem Geschäft und in den Speiselokalen waren sie unbeliebt, denn es ging kaum etwas ohne lautstarke Beanstandungen, bei denen nicht das Personal herabgekanzelt wurde.

B. ist eigentlich eine liebe Person, wenn nicht der Einfluss ihrer dominanten Mutter gewesen wäre. Doch die war Patentante meines jüngsten Sohnes. Deshalb ist unsere Verbindung nie ganz abgerissen und mein Sohn mochte sie.

Da ich stets meine Meinung sage, bin ich mehrfach mit G. aneinander geraten, weil sie sehr ausländerfeindlich ist. B. hörte immer auf ihre Mutter. Deshalb war jahrelang Funkstille zwischen uns. Doch wie der Zufall es wollte, traf ich B. irgendwann auf dem Parkplatz von Aldi wieder und es war, als hätten wir uns nie getrennt.

Mein kleiner Bekanntenkreis wusste, dass ich Karten legen konnte und pendelte. Kartenbilder machen nicht immer eine Aussage, doch wenn ich es sehen soll, dann tue ich das auch. So saßen B. und ich oft bei mir und stellten den guten Geistern Fragen, die wir selbst nicht beantworten konnten.

B. war seit 2005 mit ihrem ehemaligen Schulkameraden St. verheiratet und lebte in Xanten. Dort hatte sie eigentlich für ihren Vater eine Eigentumswohnung gekauft, weil der keine adäquate Wohnung zur Miete finden konnte. Doch der Vater starb 2008, und sie zog selbst mit ihrem Mann in die Wohnung. Im selben Haus wohnte noch eine junge Frau zur Miete, die B. jedoch nicht duldete. Die Frau wurde kurzerhand hinausgeekelt und suchte sich eine neue Bleibe. Dann kaufte man kurzerhand auch diese Wohnung und besaß somit das ganze Haus.

Während einer Pendelsitzung fragte B., wo sie und ihr Mann zukünftig wohnen würden. Mein Pendel zeigte an, St. in Xanten und B. im Gelderland. Wir waren beide sehr verblüfft und konnten uns keinen Reim auf dieser Antwort machen. Doch die Erklärung kam 2015.

K. war fort aus meinem Leben. Patrick hatte eine eigene Wohnung und kam meist samstags. Ich aktivierte meine Handarbeitskenntnisse, die ich bereits in meiner Schulzeit und zu Hause von meiner Mutter gelernt hatte. So viele Pullover, Schals und Tücher konnte niemand tragen! Ein Blog dazu setzte mich unter Druck. Das alles tat ich zusätzlich zur Haus- und Gartenarbeit in meiner Freizeit, doch es füllte mich nicht aus.

Ich hatte von 50plus gehört und schrieb mich dort ein, um neue Bekanntschaften zu machen. Da fühlte ich keinen Gemeinschaftssinn. Viele warteten nur darauf, andere nieder zu machen. Ein paar meiner Gedichte schrieb ich dort ein, doch kurz darauf beschuldigte mich ein angeblicher Rechtsanwalt i. R. des Datendiebstahls, weil er meine Homepage entdeckt hatte, wo dieses Gedicht ebenfalls stand.

Ganz egal, was ich schrieb, ich fühlte mich wie auf einem anderen Stern. Das war mir viel zu oberflächlich! Schnell wurde mir klar, ich gehöre dort nicht hin. Einen einzigen Bekannten aus dieser Zeit, habe ich als fernen Begleiter meines Schreibens mitnehmen dürfen. Wir telefonieren heute noch ein paar Mal im Jahr, obwohl er mittlerweile sehr krank ist.

Es war kein Jahresverlauf, der mir Zuversicht gab. In mir war alles leer. Wenn die Liebe weg ist, fühlt man sich so. Da war ein Loch in der Herzgegend.

Ich schrieb längst keine Gedichte mehr. Von Verlagsseite erklärte man mir, es würden keine Gedichte mehr gelesen. Auch ein Roman ohne Leser macht wenig Sinn. Da bei mir ein gewisser Sprachpurismus herrscht, kann die heutige Leserschaft nur wenig Freude daran finden. Man hält mich für altmodisch.

Es ist mir ein Anliegen, diese althergebrachten Worte zu bewahren. Manchmal klingen sie sehr pathetisch, aber ich fühle mich darin.

Wird fortgesetzt…