Kleiner Rückblick – Kindheit

Fortsetzung Teil 5

Im Kindergarten 1957

Zwei Jahre vergingen, und ich besuchte für kurze Zeit den Kindergarten, in dem E., Mutters Freundin, Kindergärtnerin war. Täglich ging ich in der Frühe dorthin, mit einem roten Ledertäschchen für das Frühstücksbrot um den Hals. Anfangs zeigte mir meine Mutter den Weg. Danach musste ich allein gehen. Das war ein richtiges Abenteuer, denn auf der Straße liefen die riesigen Schäferhunde noch frei herum, vor denen ich mich sehr fürchtete. Überall lagen ihre Kothaufen, und ich hatte Mühe, nicht hinein zu treten. Ich lief vorbei an der Post, der kleinen Leihbücherei von Frau L., dem Lädchen der Familie E., in dem es Milch, Käse und Eier zu kaufen gab und bestaunte die alten Häuser, die immer noch riesige Einschusslöcher aus der Kriegszeit aufwiesen.

Dort, wo sich heute Haus an Haus reiht, luden damals große, freie Flächen mit Wildwuchs und altem Baumbestand zum Spielen ein. Leider vertrödelte ich oft die Zeit, und einmal bin ich gar nicht nach Hause gegangen, um dort zu spielen. Das löste bei E. und meiner Mutter eine richtige Panik aus. Doch ich ging nicht verloren.

In diesem Kindergarten blieb ich einen Sommer und einen Winter lang. Noch heute habe ich alles dort in Erinnerung: Die langen, roten Holzbänke, die bei schönem Wetter nach draußen getragen wurden, die Schaukeln und Spiele. Alles war unbetoniert, keine bezwungene Natur.
„Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“, war eines der Spiele oder „Fischer, Fischer wie tief ist das Wasser?“
Drinnen spielten wir mit Plastikblümchen, die sich zu Armbändern aneinanderreihen ließen, oder wir malten und bastelten den ganzen Vormittag. Es war eine schöne Zeit. Doch nichts Schönes hält ewig.

Als meine Mutter feststellte, dass sie wieder schwanger ist, fehlte das Geld an allen Ecken und Enden – auch für den Kindergarten. Fortan musste ich zu Hause bleiben, und im darauffolgenden Sommer kam mein Bruder zur Welt.

So vieles hatte sich seit seiner Geburt in meiner kleinen Welt verändert. Ich dachte daran zurück, wie der Vater oft mit mir zur „Ting-Ting“-Oma gefahren war. Das tat er nun nicht mehr. Ich sei zu groß fürs Rad, hatte er gemeint. Die Essenberger Oma hatte diesen Spitznamen von mir bekommen, weil ich jedes Mal die Klingel am Fahrrad des Vaters betätigen durfte, wenn er damit zu seiner Mutter gefahren ist. Dann hatte ich stets mit gedurft.

Als Dreijährige wurde ich vorn am Lenker, in den schwarz lackierten Kindersitz des väterlichen Fahrrades gesetzt, wo ich die schönste Aussicht hatte. Dann war Vater mit mir zur Oma Nummer Zwei gefahren. Es ging die steile Abfahrt die Bruchstraße hinunter. Von dort fuhr er direkt in das Essenberger Bruch hinein, um Kettensalat für die Kaninchen zu holen, die hinter dem Anbau des Hauses in ihren selbstgebauten Holzställen saßen oder weiter zur Oma.

Meine Eltern und Oma in Essenberg

Überall hatte mir der Bruder das alte Platzrecht streitig gemacht. Deshalb blieb ich bei den Großeltern.

mit meiner Lieblingsoma bei uns Zuhause

Ich hörte lieber Omas Geschichten von Ostpreußen und bestaunte die vielen Dinge in ihren Schubladen und Schränken. Auch ihre Ermahnungen hielten mich nicht davon ab, dort alles gründlich zu untersuchen. Doch selbst die geduldige Oma musste ab und zu ein deutliches „Geh da nicht dran!“ aussprechen, was sich im ostpreußischen Dialekt jedoch eher lustig anhörte und wie „je da nich drran“ klang.

Von besonderem Interesse waren Perlenkette und Goldschmuck, aber auch Lippenstift und Parfüm im Schlafzimmer. All diese Schätze wurden in Schalen und Behältnissen aus Kristallglas aufbewahrt, und manchmal kehrte ich von einer Lavendelwolke umgeben zur Oma ins Wohnzimmer zurück. Diese rümpfte die Nase und schaute sich den Flakon „Uralt Lavendel“ genauer an, der sichtlich an wertvollem Inhalt verloren hatte. Was folgte, war ein striktes Schlafzimmerverbot. Nur noch in Begleitung war mir das Betreten erlaubt, doch manchmal bekam ich einen winzigen Tropfen Parfüm, als Trosttröpfchen von Oma hinter die Ohren geschmiert.
Ganz fasziniert war ich von der großen, schwarzen Wanduhr, die ihr gleichmäßiges Tick-Tack, tagein, tagaus, von der Wohnzimmerwand in die Wohnung streute. Halbstündlich und stündlich wurde das Geläut in Gang gesetzt. Die Uhr, die eine Anschaffung aus den 20er-Jahren war, wurde von Oma wie ein wertvolles Heiligtum bewacht. Nur sie hatte das Privileg, die Uhr mit einem großen Schlüssel aufzuziehen.
Immer wieder erschien das tickende Etwas in meinen Träumen; vermittelte aber jedes Mal den Eindruck, etwas Dunkles, Unheilvolles zu sein. Einmal sah ich, wie Rabenvögel aus ihr herausflogen und sich im Wohnraum verteilten. Die Uhr war für mich in späteren Jahren das Zeichen für die ablaufende Lebenszeit. Jeder Stillstand wirkte beunruhigend auf mich, denn er erinnerte an den Tod. Die Uhr ist das einzige Erbstück von Oma. Heute hängt sie an meiner Wohnzimmerwand und bringt mit jedem Tick-Tack Erinnerungen zurück.

Ich hatte als Kleinkind niemals damit aufgehört, am Daumen zu lutschen. Nach der Geburt des Bruders steigerte es sich bis ins Extreme und war so schlimm, dass das rohe Fleisch bis auf den Knochen zerbissen war. Der Kinderarzt verordnete übelschmeckende Salben und das nächtliche Handschuhtragen, was jedoch nichts bewirkte. Bis zum zwölften Lebensjahr sollte diese Unart anhalten und konnte auch nicht durch die Geschichte des Daumenlutschers im „Struwwelpeter“ vereitelt werden. Diese, von meiner Oma oft vorgelesene Geschichte des „Conrad“, dem aufgrund des Daumenlutschens beide Daumen abgeschnitten wurden, faszinierte und ängstigte mich in gleicher Weise wie die Geschichte „des bitterbösen Friederich“, bei dem die Vergleiche mit meinem Vater nicht ausblieben.

An fast jedem Tag wurde dieses Buch hervorgeholt, und bereits mit vier Jahren war es mir möglich, selbst darin zu lesen. Genauso anziehend wirkten Omas uralte Schulbücher aus Ostpreußen auf mich, und obwohl ich noch nicht alles Geschriebene verstand, ließ ich mir täglich neue Geschichten von Oma vorlesen. Zusätzlich verschlang ich Mickey-Mouse-Hefte, die wie ein kostbarer Schatz in einem kleinen Koffer unter dem Sofa verwahrt wurden. Bei meiner Einschulung in die Volksschule konnte ich schon gute Lesekenntnisse vorweisen, was meinen Klassenlehrer veranlasste, mich zum Vorlesen mit in die oberen Klassen zu nehmen.

Einschulung mit 5 Jahren 1958

Wird fortgesetzt…

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

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