Kleiner Rückblick – Kindheit

Fortsetzung Teil 4

Zur gleichen Zeit stellte der Hausarzt bei meiner Mutter eine neue Schwangerschaft fest, was meine Großeltern dazu bewog, nach der Geburt des neuen Erdenbürgers, nach oben, in die erste Etage zu ziehen, um den jungen Eltern mit den Kindern die größere Wohnung zu überlassen. Doch bis Oma dazu bereit war, bedurfte es wieder einiger Überzeugungskraft.

Als mein Bruder Gerald im Juli 1958 geboren wurde, war mein Vater natürlich glücklich und erleichtert gewesen. Endlich war der ersehnte Stammhalter da! Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen – jetzt musste und durfte es genug sein. Kein weiteres Kind sollte hinzukommen. Die Familiengröße entsprach genau den gesellschaftlichen Vorstellungen einer modernen Nachkriegsfamilie.

In der ersten Zeit wurden wir beide im elterlichen Schlafzimmer untergebracht. Mein Klappbett stand links an der Wand; das weiß lackierte Gitterbettchen meines Bruders wurde auf die gegenüberliegende Seite gestellt. So durchlebte man das erste Halbjahr auf engstem Raum, was meinen Vater aggressiv und übellaunig machte.

Ich fühlte mich immer mehr vernachlässigt und tat meine Eifersucht in eigenartigsten Verhaltensauffälligkeiten kund. Um meinen Bruder in Misskredit zu bringen, legte ich ihm eines mittags mein auf der Toilette fabriziertes „Geschäft“ ins Bett, was meine Mutter fassungslos ihrem Mann berichtete. Der prügelte mit seiner aufgestauten Wut auf mich ein, bis ich mich wimmernd in die hinterste Zimmerecke verkroch, aus Angst, noch weitere Schläge aushalten zu müssen. Doch die waren mir immer noch lieber, als gar keine Aufmerksamkeit zu bekommen.

Von Stund an fürchtete ich mich noch mehr vor dem Vater. In meinen Augen war er der Alleskaputtmacher, der Wegwerfer, der gefühllose Grobian, der „bitterböse Friederich“ – ganz im Gegensatz zum Opa, der alles reparierte, neu pflanzte und jede noch so kleine Schraube sammelte und liebevoll in seiner Werkstatt aufhob. Alle Fragen, die man als kleines Mädchen auf den Lippen hatte, stellte ich den Großeltern, niemals meinem Vater. Wenn ich etwas haben wollte oder länger aufbleiben wollte und meine Mutter darum bat, schickte sie mich meistens zu ihm.
„Frag deinen Vater!“, sagte sie dann immer, um mich loszuwerden, aber die Angst, ihn zu fragen, war zu groß. Dann verzichtete ich lieber.

Ich bekam mit, wie die Oma über den Vater schimpfte: „Der macht doch alles kaputt!“, murrte sie immer wieder und nahm auch kein Blatt vor den Mund, wenn ich im Raum war.

Seit der Geburt des Bruders schien ich für die Eltern nicht mehr vorhanden zu sein. Nur wenn es etwas zu tadeln gab, erinnerte sich der Vater an mich.
„Du unnützes Ding!“, schimpfte er dann mit mir. Nach der Schelte oder gar Ohrfeige „verschwand“ ich wieder vor seinen Augen, bis zum nächsten Mal. Und dieses nächste Mal kam bestimmt, da konnte ich mich anstrengen, wie ich wollte. Mein „Papi“ wurde alsdann zum dunklen Schatten, der immer dann auftauchte und strafte, wenn ich es nicht erwartet hatte.

Plötzlich gab es keine Kosenamen von den Eltern mehr für mich. Fortan bekam ich ganz andere Dinge zu hören. Für meinen Vater war ich „das Blag“, das nichts taugte.

Einmal wollte ich mit den Eltern sonntags zum Onkel fahren. Ich war in meinem besten Kleidchen, mit weißen Kniestrümpfen und schwarzen Lackschuhen noch einmal in den geliebten Garten geeilt, weil die Eltern noch nicht fertig waren. Als ich vor der Ligusterhecke stand, flog eine große Amsel erschreckt aus ihrem Nest und stieß sich mit den schmutzigen Füßen an meinem Kleidchen ab. Oh je! Wie sollte ich das Vater erklären? Ängstlich ging ich zurück ins Haus und erwartete, dass man mir meine Geschichte glaubte. Doch das taten die Eltern nicht! Sie schimpften über das beschmutzte Kleid, und Vater holte mit der Hand aus und schlug mir mitten ins Gesicht.
„Für die Lüge!“, sagte er. Ich stand fassungslos da und weinte über die Ungerechtigkeit. Ich hatte doch nur die Wahrheit gesagt! Von nun an schwieg ich lieber. Vater hasste meine Tränen. So sehr ich mich auch bemühte, sie zurückzuhalten, ich konnte nicht aufhören zu weinen. Dann schlug er mich jedes Mal noch mehr.

Schon im Kinderwagen hatte er das getan. Zwei Jahre lang hatte meine Mutter nach ihrer Heirat darauf gewartet, in guter Hoffnung zu sein. Erst eine Luftveränderung brachte den ersehnten Erfolg. Im April 1953 kam ich zur Welt, an einem Montag. Die Hoffnung meines Vaters, einen Stammhalter in den Armen halten zu können, hatte sich nicht erfüllt. Stattdessen hatte ihm die Hebamme ein kleines, schreiendes Mädchen entgegengehalten. Mit Mädchen wusste mein Vater nur wenig anzufangen.

Wie meine Mutter erzählte, entwickelte ich mich mit lautem Geschrei und forderte unmissverständlich die Aufmerksamkeit aller Mitbewohner des Hauses und der Nachbarschaft dazu. Wenn ich bei schönem Wetter in einem Kinderwagen aus cremefarbig lackiertem Korbgeflecht im Hof, der unter dem großen Birnbaum stand, wurden Fenster und Türen der Nachbarhäuser der Reihe nach geschlossen. Jedes Mal, wenn sich meine Mutter auf Zehenspitzen von dem hochmodernen Gefährt entfernt hatte und zurück ins Haus geschlichen war, begann wie auf Knopfdruck kurz darauf die Heulerei. Sie nahm erst dann wieder ein Ende, wenn ich zur nächsten Fütterung zurück ins Haus gebracht wurde.

Auf jeden Fall hatte ich mich der Nachbarschaft sehr eindringlich präsentiert, was anfangs dazu führte, dass die weiblichen Anwohner der Straße ins Haus kamen, um den Eltern zu gratulieren und den Schreihals mit „och ist die süß“ oder anderen beifälligen Bemerkungen gutzuheißen. Von Mutters Freundin E., die nur zwei Häuser weiter rechts wohnte, bekam ich einen kleinen hölzernen Hund mit Messing-Plakettchen um den Hals geschenkt, der fortan auf dem Regal in der Küche einen Platz bekam und später in meinem Zimmer stehen durfte. Den Hund gibt es heute noch. Er steht auf der Fensterbank in meiner Küche. Die Messingplakette ist jedoch verloren gegangen.

Mit der Zeit wussten alle im näheren Umkreis meines Elternhauses, wer da schrie.
„Vom Schreien bekommt sie kräftige Lungen“, hatte der Kinderarzt Dr. D. meinen Eltern zur Beruhigung erklärt.

Wie schrecklich ich die Welt empfunden haben musste, konnte man nur ahnen, weil das Geschrei tage-, nächte-, ja, monatelang anhielt, ohne jemals leiser zu werden. Man konnte nur Eins tun: dem Schreihals „den Mund stopfen“, was zur Folge hatte, dass ich zusehends rundlicher wurde und als Dreijährige kaum noch in die gängige Strumpfhosengröße hineinpasste.

Dem Vater muss ich von der ersten Minute an ‚ein Dorn im Auge‘ gewesen sein. Oft drosch er entnervt auf mich ein, um das Schreien abzustellen, doch alle Schläge schafften keine Abhilfe.
Er musste sich beherrschen, und meine Mutter ließ alles was er tat, gehorsam, widerstandslos und schweigend geschehen, weil sich ihrer Ansicht nach, eine Frau dem Manne unterzuordnen hatte, auch wenn ihr die bibeltreue Mutter tagtäglich das Gegenteil vorlebte.
Das klägliche, fordernde, hilflose Geschrei des Säuglings ließ sich nicht abstellen! Es gab kein Rezept, keinen Knopf, keinen Schalter. Das Geplärr brachte meine Eltern nicht nur um ihre wohlverdiente Nachtruhe und um die letzten Nerven, sondern störte auch in erheblichem Maße die Konzentrationsfähigkeit meines Vaters, die er für die Arbeiten an seiner Meisterprüfung dringend brauchte. Schlecht gelaunt und müde verbrachte er seine normalen Arbeitsstunden im Labor und noch schlechter gelaunt kehrte er jeden Tag nach Hause zurück
Umbringen konnte mich mein Vater jedenfalls nicht, wie seine Vorfahren es einst im Hunsrück mit unerwünschten Kindern getan hatten. Wie „Hänsel und Gretel“ hatte eine seiner Ur-Großtanten zwei ihrer Kinder einfach in den Wald gebracht und getötet. Damals gab es keine Ankläger und keine Richter. Die Menschen waren bitterarm und konnten nicht alle Kinder ernähren, die sie zeugten. Aber das war lange her!

Als ich ein Jahr alt war, reiste meine Mutter mit mir nach Habel in die Rhön. Dorthin war sie gegen Kriegsende aus dem Arbeitsdienst vor den Russen geflohen und im Hause des Bürgermeisters aufgenommen worden. Ihm gehörte der größte Bauernhof des Dorfes. Seitdem war der Kontakt nicht abgebrochen.
Damals nahm sie die beschwerliche Bahnreise auf sich, weil sie ihren Mann entlasten wollte und vielleicht auch zu meinem Schutz. Wie sie mir in späteren Jahren erzählte, hatte sie mit dem Gedanken gespielt, meinen Vater zu verlassen. Damals war das nicht so einfach gewesen wie heute. Deshalb rauften sie sich wieder zusammen, und meine Mutter verlor mit den Jahren nicht nur ihren eigenen Willen, sondern im Alter schließlich auch ihr Gedächtnis.

Als ich vier Jahre alt war, fuhren wir ein zweites Mal dorthin und auch in späteren Jahren immer wieder. Solange, bis mein Vater nicht mehr bereit war, in seinem Urlaub zu arbeiten, denn jeder musste dort mithelfen. Der paradiesisch gelegene Ort war ein Stückchen Himmel für mich. Ich habe die Zeit dort nie vergessen!

Das Dorf lag idyllisch von Bergen und Feldern eingerahmt am „Ende der Welt“. Es bestand aus ca. zwanzig Bauernhöfen, einer Kirche, einer Kneipe, einem Krämerladen und einer Dorfschule, in der alle gleichzeitig unterrichtet wurden. Ringsum unberührte Natur, Felder und Weiden soweit das Auge reichte, grunzende, quiekende Schweine in den Ställen und glückliche Kühe auf den Weiden. Gänse watschelten durchs Dorf, dessen einzige Straße ganz und gar mit Kuhfladen bedeckt war.

Die Dorfgemeinschaft war sehr gastfreundlich. Ich durfte bei einem Bauern schlafen, der zwei Töchter im gleichen Alter hatte und hielt mich den lieben, langen Tag bei den Tieren im Stall auf. Täglich durfte ich zusehen, wie die Kühe gemolken und in aller Herrgottsfrühe auf die Weide getrieben wurden. Wenn die Bäuerin die Schweine fütterte, roch der ganze Hof nach Kleie und Kartoffeln. Ich schaute ihr zu, wie sie zusammen mit anderen Dorffrauen den Teig für das runde Brot mit dem feinen Kümmel Geschmack zubereitete. Zum Backen stand ein großer, steinerner Ofen mitten im Dorf. In späteren Jahren fiel mir der Abschied jedes Mal sehr schwer. Ich mochte das Landleben viel lieber als die Stadt.
Nach einem Monat Aufenthalt mussten meine Mutter und ich damals nach Hause zurückkehren.

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

10 Gedanken zu „Kleiner Rückblick – Kindheit“

  1. Ich muss dringend noch die 3 vorherigen Folgen lesen. Sehr interessant, vor allem waren die Zeiten ganz anders wie heute.

    Ich bin schon gespannt, wie es weitergeht.

    P.S.: Ich finde auch die Bilder passen wirklich in die Geschichte hinein.

    LG Bernhard

    1. Hallo Bernhard, danke für Dein Interesse. Auf den Fotos siehst Du meine Familie und auch mich. Meine Eltern hatten eine ‚Agfa-Optima‘, die sehr gute Fotos machte. Leider hat mein Vater grundsätzlich alles weggeworfen, worüber ich mich sehr ärgere. Morgen folgt der nächste Teil.

      Liebe Grüße

  2. Vielen herzlichen Dank für Ihre Kindheitsbiografie.
    Alle 4 Teile habe ich mit Begeisterung verschlungen!
    Nun bin ich ein wenig “ aufgewühlt“, denn meine Erinnerungen sind nahezu identisch.
    Alles Gute – Biggi

    1. Biggi, hab vielen Dank für Deinen Kommentar!
      Morgen werde ich den 5. Teil einstellen. Die ersten Jahre waren ja noch relativ ’normal‘ für die damalige Zeit. Es gibt den Film „Teufelsbraten“. In dem habe ich mich wirklich wiedergefunden. Vielleicht magst Du morgen wieder mitlesen?! Ich würde mich freuen.

      Liebe Grüße

      1. Ich habe nicht gewagt, nach einer Fortsetzung zu fragen.
        Auf jeden Fall lese ich weiter mit und freue mich voller Spannung auf morgen.
        Danke – Biggi

        1. Biggi, ich hoffe, Du verzeihst mir, dass ich Dich sofort geduzt habe. Das ist mir einfach so ‚rausgerutscht‘. Falls Du es nicht möchtest, melde Dich bitte.
          Eigentlich habe ich vermutet, meine Geschichte sei langweilig. Deshalb freue ich mich über die Resonanz.

          Liebe Grüße

    1. Bis dahin schien alles ’normal‘ zu sein. Als kleines Mädchen weiß man es nicht anders. Das war der Beginn meiner Leidenszeit. Das Verhältnis zu meinem Vater zog sich durch mein ganzes Leben: Ich war klein und wollte lieb sein, um ihm zu gefallen. Aber da konnte ich mich auf den Kopf stellen. Ich weiß nicht, wen er sah, wenn er mich anschaute: sein Spiegelbild, meine Oma oder seine Mutter.

      Liebe Grüße

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