Goethe und Schiller

Denkmal in Weimar – Foto: Gisela Seidel

Noch stehen wir vereint am alten Orte,
getragen nur vom grün bemoosten Stein,
 
uns zum Gedächtnis, letzte Dankesworte;
Grünspan der Zeit dringt in die Hülle ein.
 
Erinnerung weckt Seelenschmerz in mir,
denn Fremde gehn durch unsre alten Gassen,
 
Dein trautes Bildnis ist des alten Stadtkerns Zier,
ich wandle einsam hier durch unsre Straßen.
 
Wir waren Zeitgenossen vor zweihundert Jahren,
dichtend und denkend war das Gut, das uns geziert,
 
nicht immer haben Zuspruch wir erfahren,
doch blieben wir im Schaffen unsrer Werke unbeirrt.
 
Wir kämpften unsren Lebenskampf mit Worten,
die Schlacht verloren wir, doch nicht den ganzen Krieg,
 
stehn wir gemeinsam an den Himmelspforten,
dann haben wir die Ewigkeit besiegt.
 

Kleiner Rückblick – Schiller

Fortsetzung Teil 21

Gisela Seidel

Im Dezember 2003 war ich auf dem Weg zum Altenheim mit einem voll bepackten Wäschekorb von meiner Wohnungstreppe gestürzt und hatte mir einen riesengroßen Bluterguss am Oberschenkel zugezogen. Meine „Gabor“-Schuhe waren hin, und ich hatte mich im ersten Schockzustand auf die Bank im Flur gesetzt, um Atem zu holen und mich zitternd auszuheulen. Es war alles zu viel.

Mir war so, als wäre ich geschubst worden. Es war wie ein „Stopp“!
„Die geistige Welt schubst nicht!“, rief eine Stimme in mir. Trotzdem war der Sturz für mich die Aufforderung, nicht mehr ins Altenheim zu gehen, der ich umgehend nachkam. Ich sollte etwas anderes tun. Da war ich sicher! Aber was?

Von Esoterik war nur noch die Frauengruppe bei E. geblieben, und ich fuhr einmal wöchentlich nach Krefeld. E. nannte sich schamanische Heilerin und Kartenlegerin. Ab und zu kriegte sie hellsichtige Bilder, wie damals bei D.
Das kam plötzlich und unerwartet. Mir sagte sie irgendwann aus heiterem Himmel: „Ich sehe für dich die Namen Hus und Eck.

Jan Hus 1370-1415
Johannes Eck 1486-1543

Jan Hus war wegen Ketzerei verbrannt worden. Johannes Eck war ein Gegner Martin Luthers. Was ich damit zu tun haben sollte, weiß ich bis heute nicht. Nur waren alle diese Personen eng mit der Kirche verbunden.

Gegen ein Honorar von 10 Euro pro Person zeigte E. uns alles, was mit Geistheilung zu tun hatte. Wir machten Meditationen in der Gruppe, bei denen ich in Halbtrance viele „Bilder sehen“ konnte.

Ich sah Petrus auf einem Berg stehend ins Tal hinabsehen, saß inmitten von Indianern auf einer Anhöhe beim Lagerfeuer und schaute zuletzt in ein freundliches Männergesicht mit Zopf, das nach kurzer Zeit mit einem Lächeln wieder verschwand.

Noch ganz verzückt fuhr ich an diesem Abend nach Hause und wälzte mein Lexikon, in der Hoffnung, dort vielleicht das Bild wieder zu entdecken. Aber ich fand es nicht, und ein Name wurde mir auch nach wiederholtem Bitten von meinem Geistführer nicht genannt.

Auch an E., vielmehr an den dortigen Räumlichkeiten hatte die mediale alte Dame aus I. Bekanntenkreis nichts Gutes gelassen. Sie hatte gesagt, der Raum, in dem sich die Gruppe traf, sei von negativer Energie durchsetzt und auch über E. fand sie kein positives Urteil. I., die bis zu diesem Zeitpunkt stets mitgefahren war, wollte sich der vermeintlichen Gefahr nicht mehr aussetzen. E. tat mir leid, denn ich hatte sie als vertrauenswürdig eingestuft und konnte nichts Negatives an ihr finden. Nun hieß es ihr gegenüber Farbe bekennen, und es fiel mir sehr schwer, mich an einer weiteren „Hexenjagd“ zu beteiligen, von der ich gar nicht überzeugt war. E. war verständlicherweise sehr betroffen über unsere Entscheidung und von dem, was man ihr anlastete. Doch ich gehorchte meinem Bauchgefühl und das riet mir, der Gruppe fernzubleiben.

Friedrich Schiller, Gemälde von Anton Graff;
Quelle: Wikipedia

Dann vergingen zwei weitere Monate. Mittlerweile hatte ich fast 300 Gedichte geschrieben, und ich schaute und wartete auf neue Erkenntnisse, die mich weiterbringen sollten.

Im März 2004 entdeckte ich in einer Zeitung eine Ausstellung im Goethemuseum in Düsseldorf. Sie nannte sich „Weimarer Frühling“. Ich plante einen Besuch und fuhr alleine mit der S-Bahn dorthin, obwohl ich so etwas noch niemals zuvor gemacht hatte.

Das Museum zeigte vor allen Dingen „Goethe“, und als ich das obere Stockwerk erreicht hatte, war ich fast enttäuscht darüber. Dann betrat ich den letzten Raum, der Schiller gewidmet war und blieb vor einer Reproduktion seines Gemäldes von Anton Graff stehen. Ich schaute zu ihm hinauf…nein, er schaute mich an, und es war dasselbe freundliche Gesicht, das mir in der Meditation erschienen war. Als mir das bewusst wurde, brach ich in Tränen aus. Ich kannte diese alte Seele! Doch woher? Es war wie ein Déjà-vu, und ich fuhr glücklich, mit schillernden Gedanken nach Hause.

Direkt am nächsten Tag eilte ich in die nächste Buchhandlung und kaufte mir das erste Buch „Unser armer Schiller“. Eigentlich war es das zweite, denn ich hatte ja noch die Rowohlt-Bibliografie von R. M. zu Hause. Ich verschlang diese Lektüren und kaufte in Antiquariaten das ein, was mir ‚von oben‘ gezeigt wurde, denn mir war klar, dass ich geführt wurde.

Doch meine Fragen nach dem Warum blieben unbeantwortet. Sollte ich etwas aufdecken, was anderen nicht gelungen war? Es musste schon ein besonderes Buch werden, denn Biografien über Schiller gab es genug. So entschied ich mich dazu, eine Biografie aus seiner Perspektive zu schreiben, um eine besondere Nähe zu ihm herzustellen.

Im Juni 2004 fuhr ich zum zweiten Mal nach Weimar und war begeistert. Hier ließ ich mein Herz! Der Jakobskirchhof aktivierte schon beim Betreten den Tränenfluss bei mir, und ich war mir sicher: Die alte Schwingung ist noch da!

Als ich den Kirchenraum betrat und dem Spiel der Organistin lauschte, konnte ich nicht mehr aufhören zu weinen. Mir war, als würde Schillers Geist durch meine Augen die Welt schauen. Er begleitete mich und zeigte mir alles, was ich sehen sollte.

Die Biographie wuchs langsam, aber stetig. Ich fand alles, was ich brauchte. Manchmal nicht sofort. Dann musste ich auf meine innere Stimme hören, schrieb hin, was mir in den Sinn kam und stellte im Nachhinein fest, dass es immer richtig gewesen ist.

Die Bücherberge um mich herum wuchsen. Vieles kaufte ich, denn ich wollte die alten Bücher in Händen halten, so als könnte ich den Inhalt auf Wahrheit erfühlen. Über die Hoffmeister-Biografie habe ich mich am Allermeisten gefreut. Ich bekam sie für 15 Euro. Ein Schatz unter vielen aus dem 19. Jahrhundert. Allerdings musste ich achtgeben, denn einige Stellen waren absichtlich verfälscht, weil die Angehörigen dieser Personen noch lebten.

Die Briefe von Schiller konnte ich mir finanziell nicht leisten. Die Nationalausgabe zu kaufen, wäre viel zu kostspielig für mich gewesen, und ich war froh, dass ich sie kostenlos in der Stadtbücherei leihen konnte. So erfasste ich tausende von Seiten in relativ kurzer Zeit und bemerkte, dass ich beim Lesen des alten Sprachstils überhaupt keine Schwierigkeiten hatte.

Schiller schien IN mir zu sein, und ich war in seiner Welt und wäre am liebsten dort geblieben. Ich konnte mich mit ihm verbinden. Es war wundervoll, was mir da widerfuhr! Ich nahm es als ein Geschenk von „allerhöchster Stelle“.
Ich liebe diese große Seele! Ich fühlte eine besondere Nähe zu ihm, eine Vertrautheit, als würde ich ihn schon ewig kennen. Vielleicht tue ich das tatsächlich!? Ich weiß es nicht.

Seine Biografie lag mir sehr am Herzen. Immer wieder wurde er als Weiberheld dargestellt. Dabei hatte er doch nur ein starkes Liebesdefizit – ähnlich wie ich. Das wollte ich klarstellen. Er war ein ganz normaler Mensch, mit allen Ängsten und Nöten. Zeit seines Lebens war er mit Schulden behaftet, aber sie hielten ihn am Leben. Das machte ihn noch sympathischer und mir ähnlich.

Friedrich Schiller in Tiefurt

Ende 2004 war die Biografie fertig. Doch mir fehlte die Schreibroutine und später, als das Buch beim Engelsdorfer Verlag veröffentlicht war, entdeckte ich viele Fehler, die ich nicht mehr korrigieren konnte. Es ärgerte mich wahnsinnig, aber ein Lektorat hatte ich mir nicht leisten können.

Im Schillerjahr 2005 kam es auf den Büchermarkt. Zuvor hatte ich natürlich nach einem renommierten Verlag gesucht, fand jedoch keinen. Außerdem war es viel zu spät. Die Verlage hatten ihre Bücher schon längst gedruckt.
Wieder fluteten unzählige Neuerscheinungen den Markt. Mein Buch blieb weitgehend unentdeckt. Viel zu wenige kauften es. Ich war enttäuscht und hatte erst mal vom Schreiben genug.

Doch dachte ich, wenn es wirklich meine Bestimmung ist, muss ich weitermachen. Plötzlich fiel mir der Traum von „Jakobus dem Älteren“ ein. Jetzt wusste ich, was er mir sagen wollte: Er sollte mich an mein Apostolat erinnern, das ich zu erfüllen hatte. War ich mit diesem Schreibauftrag in dieses Leben gegangen?

Worte können verletzen, aber auch heilen. Sollte ich heilende Worte wie Seelentrostpflaster in die Welt streuen? Wieso halfen mir meine Engel dann nicht auch bei der Verlagssuche? Auch sie hatten den eigenen Willen der anderen zu respektieren. Hier durften sie nicht eingreifen. Deshalb hatte ich meinen „Verlag im Dorf der Engel“ als himmlischen Fingerzeig begriffen. Dort wurden meine Bücher verlegt. Leider war dort kein Geld für Werbezwecke vorhanden. Deshalb ist der Verkauf schleppend und viele Lesungen waren für mich nicht zu bewältigen. 2009 wurde das Buch überarbeitet und neu aufgelegt. Für das Buch-Cover ließ ich einen für mich ‚lebendigen‘ Schiller malen.

Damit das Buch jedermann zugänglich ist, habe ich es komplett ins Internet gestellt:
Schiller – Erinnerungen

Eigentlich konnte ich schon deshalb stolz auf den autobiografischen Roman sein, weil es die einzige Ich-Biografie über Schiller ist, die es auf der Welt gibt. Er hatte selbst nichts hinterlassen.

Doch was konnte meine Biografie über Schiller bewirken? Sie konnte zeigen, wie sehr der Geist den Körper trägt…nicht umgekehrt! Schillers Körper war durch eine schwere Krankheit zerstört. Trotzdem ließ ihn sein Geist Unmögliches vollbringen.

Nach ersten Leseterminen mit großem Lampenfieber und mäßigem Erfolg folgten diverse Radiosendungen und Kontakte zur Presse. Die Schiller-Biografie brachte viele neue Menschen in mein Leben, darunter auch ein Kontakt zu einer Frau, die für eine rheinische Zeitung schreibt.

Eines Tages kam sie mit einem alten Artikel über eine Niederrhein-Dichterin zu mir, die ich bis dahin nicht gekannt hatte und meinte, damit ein neues Thema für eine weitere Ich-Biografie für mich zu haben.

Henriette Brey hatte ähnlich wie Schiller trotz ihrer großen Leiden das Schreiben zu ihrer Berufung gemacht, um Menschen von Nutzen zu sein. Auch sie sah es als ihre Lebensaufgabe, die Welt mit guten Gedanken, christlichem Glauben und ethischer Vollkommenheit zu bereichern. Gott selbst machte sie stark für diesen Weg!

Henriette Brey hatte zu mir gefunden und ich zu ihr. Eine neue Ich-Biografie entstand im Stil der Jahrhundertwende um 1900.

Wieder las ich unzählige Bücher der Dichterin selbst, um ihren Stil in mich aufzunehmen, damit ich ihn später in den Buchtext zurückfließen lassen konnte. Henriette Brey hatte einen überaus ‚blumigen‘ Schreibstil.
Erschwerend hinzu kam dazu noch ihre streng anerzogene katholische Gesinnung. Alles Neuland für mich. Ihr Großneffe achtete darauf, dass die Kirche betreffende Dinge strikt korrekt dargestellt wurden, wie z. B. die Messe vor und nach dem Konzil.

Leider musste ich gewisse andere Vorkommnisse ihres Lebens ‚verdeckt‘ darstellen, damit es der Kirche dienlich war. Liebe zum anderen Geschlecht, auch platonische, durfte dort nicht vorkommen.

Noch dazu gestaltete sich das Schreiben schwierig, weil ich zunächst eine komplette Biografie über Henriette Brey erstellen musste, die später im Bautz-Kirchenlexikon veröffentlicht wurde.

Grafik von Heinrich Brey – „Henriette Brey -Ein Vogel im Käfig“

Wird fortgesetzt…

An Friedrich von Schiller

Friedrich von Schiller 10.11.1759-09.05.1805 – Larissa Krause

Schiller Biografie von Gisela Seidel

 
Fort bist du lange schon,
doch hier noch so präsent,
dass deine Gegenwart zu spüren
augenschließend ich vermag;
lässt mir das große Schweigen,
das niemals meinen Namen nennt.
So plötzlich kam der Schmerz,
verfinsterte den Tag;
suchtest den Weg in ferne Dimensionen,
gabst von der Ewigkeit, die du versprachst,
mir nur ein kleines Stück;
wo Seraphinen in Traumwelten wohnen,
dorthin brachte dein Todesengel dich zurück.
Gewährte Zerberus dir Einlass in sein Reich,
so zahle ich heut’ noch dafür Gebühr;
erscheint dein Antlitz vor mir engelsgleich,
streck’ ich in manchem Traum die Hand nach dir.
Werde ich niemals deiner Stimme lauschen
und niemals deinen warmen Atem spür’n?
Wie könnt’ ich mich an deiner Gegenwart berauschen,
wie sehr möcht’ ich mit dir den Himmel sanft berühr’n!
Vergangen und vorbei – vergessen nie so ganz;
am Ende meines Weges sei bereit,
reich’ mir die Hand zum eig’nen Totentanz
auf dem Parkett durch die Unendlichkeit.