Geistesblitze

Aus „Werthers Leiden“ von Johann Wolfgang von Goethe

Was soll ich schreiben,
frag’ ich mich so oft,
wenn ich das leere, weiße Blatt betrachte,
und kommen die Gedanken wie erhofft,
dann sind sie Ursprung dessen,
der sie brachte.

Sind wie ein Blitz in meinem Kopf,
spontan und voller Willkür –
fremde Worte,
als packte mich Vergangenes
beim Schopf,
vermittelt vom geheimen Musen-Orte.

Es füllen sich die Seiten, wie die Stunden,
mit Sätzen;
formen sich zu Reimen aufs Papier,
und in zig Tausenden von flüchtigen Sekunden,
verbinde ich mich still im Vers mit Dir.

Romanze

Aus „Werthers Leiden“ von Johann Wolfgang von Goethe

Die Glocken, wie sie klingen –
ist’s noch der alte Schlag?
Mein Herz, es möchte springen,
an einen fernen Tag.

Die altvertrauten Zeiten
im abendlichen Ton,
wie damals hör’ ich’s läuten –
die Zeit lief uns davon.

Fühl’ ich noch deine Nähe
am wohl geheimen Ort,
späh’ ich nach dir als sähe
ich dich von ferne dort.

Schmeck’ ich noch deine Küsse,
verboten, doch so süß,
verspüre Hochgenüsse,
wie einst im Paradies.

Seh’ deine Silhouette
am Horizont, im Geist;
verspüre noch die Kette
der Sehnsucht, die nie reißt.

Verschwunden in den Zeiten –
hör’ deiner Stimme Klang,
wird sie mich stets begleiten
Unendlichkeiten lang.

Charlotte von Stein 1742-1827
Historischer Friedhof in Weimar, Grabstätte von Charlotte von Stein

Goethes große, unerfüllte Liebe

Dichterseele

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832

Geh’ durch die Stadt, die ich so liebte,
suchend mein Blick nach all’ den Plätzen
der fernen Zeit, die gnadenlos einst siebte,
die guten von den wenig guten Sätzen,
 
die ich einmal zu schreiben wagte.
So viele Bücher, die ich füllte –
und oft, erst als der Morgen tagte,
sich meine Dichtersehnsucht stillte.
 
Die Zeilen rannen aufs Papier,
mal zäh, mal flossen sie in Strömen.
Oft landete mein Denken schier
auch neben den erlaubten Tönen.
 
War ich gesellschaftlich gebunden,
so war doch frei mein Dichterband,
das sich so manches Mal verschlungen
um wohl verbot’ne Wege wand.
 
Ich blieb geachtet, viel zitiert,
war Mittelpunkt des Zeitgeschehens,
ich kritisierte unbeirrt,
hab’ Fehler spät erst eingesehen.
 
War ich doch Zünglein an der Waage
für manche Zukunft federführend,
verhielt mich oft nach Stimmungslage,
zu dominant und ungebührend.
 
Der Liebe Bänder, die ich knüpfte,
hab’ ich genauso schnell zerschnitten,
wenn rasch mein Herz vor Freuden hüpfte,
ist’s schon ins Einerlei entglitten.
 
Ich war autark, zu Neuem offen,
mit ungestillter Gier aufs Leben.
So wie mein Wirken, groß mein Hoffen,
ich könnt’ ein wenig Hilfe geben,
 
an alle, die sie brauchend nehmen.
Ich bleibe unsichtbar den Blicken,
zu lindern euer irdisch’ Grämen
bin ich gewillt in großen Stücken.
 
Wenn meine Worte euch erreichen,
und eure Seelen mich erkennen,
wird Kummer schnell der Freude weichen
und Hoffnung in den Herzen brennen.
 
Denn dieses Leben ist nur eines
von vielen, die uns Gott beschert;
im Hintergrund hat ein geheimes
so manches Stück euch schon gelehrt.
 
D’rum öffnet euch dem Unsichtbaren,
erkennt die kosmischen Gesetze,
denn alte Leben, die einst waren,
erhalten ihre neuen Plätze.

Goethe und Schiller

Denkmal in Weimar – Foto: Gisela Seidel

Noch stehen wir vereint am alten Orte,
getragen nur vom grün bemoosten Stein,
 
uns zum Gedächtnis, letzte Dankesworte;
Grünspan der Zeit dringt in die Hülle ein.
 
Erinnerung weckt Seelenschmerz in mir,
denn Fremde gehn durch unsre alten Gassen,
 
Dein trautes Bildnis ist des alten Stadtkerns Zier,
ich wandle einsam hier durch unsre Straßen.
 
Wir waren Zeitgenossen vor zweihundert Jahren,
dichtend und denkend war das Gut, das uns geziert,
 
nicht immer haben Zuspruch wir erfahren,
doch blieben wir im Schaffen unsrer Werke unbeirrt.
 
Wir kämpften unsren Lebenskampf mit Worten,
die Schlacht verloren wir, doch nicht den ganzen Krieg,
 
stehn wir gemeinsam an den Himmelspforten,
dann haben wir die Ewigkeit besiegt!