Volksempfänger für Gottmenschen

Gekürzter Auszug aus meinem biografischen Roman über Henriette Brey (1875-1953)
Quelle: Wikipedia – Volksempfänger, Typ VE 301 W (1933)

Als Josef den Volksempfänger anstellte, dröhnte uns die Stimme Hitlers entgegen. Durchdringend und markerschütternd, bahnten sich dessen Worte den Weg in die Gedanken der Bevölkerung und hafteten dort wie die klebrigen Tentakel eines Kraken.

Hinweis auf das Verbot, ausländische Sender abzuhören, der jedem Volksempfänger beim Kauf beigelegt war

Bereits im Oktober hatte die neue Regierung festgelegt, dass Hitler als Einziger mit der Bezeichnung „Führer“ zu betiteln sei. Die Kirchen versuchten sich natürlich diesem Gebot zu entziehen. Wie konnte ein anderer als Jesus Christus den Anspruch erheben, Führer unserer Christengemeinschaft zu sein?

Immer mehr Regimekritiker wurden ausgebürgert. Die Mitgliederzahl der NSDAP stieg und stieg. 1934 bekannten sich nahezu drei Millionen zu dieser Partei. Als absoluter Herrscher versuchte Hitler mit seinen Parteigenossen die Gesellschaft auf allen Ebenen organisatorisch wie ein giftiges Pilzgeflecht zu durchdringen. Das Volk wurde bespitzelt und indoktriniert. Ob in Freizeit oder Beruf, die Kontrolle des Staates wurde überall ausgeübt, und wer es wagte, den deutschen Gruß mit ausgestrecktem rechtem Arm zu verweigern, musste mit tief greifenden Repressalien rechnen. Jeder klammerte seine Hoffnungen an Hitlers Versprechungen, der die soziale Not infolge der Weltwirtschaftskrise, mittels nationalsozialistischer Revolution überwinden wollte.

Es wurden neue Gesetze geschaffen, um Arbeitsplätze zu gewinnen, und die deutschen Frauen an den heimischen Herd und zur Familie zurückzuführen. Ein so genanntes „Ehestandsdarlehen“ wurde eingeführt, um die Frauen nach der Heirat zu verpflichten, ihren Beruf aufzugeben. Als „Erhalterin des Volkes“ wurde die deutsche Frau in ihrer Mutterrolle bestärkt. Die Rüstungsindustrie und der vorangetriebene Autobahnbau schafften zusätzliche Arbeitsplätze.

Ende November 1934 kam eine neue NS-Organisation zum Zuge. Mit dem Slogan „Kraft durch Freude“ erhöhte man mit umfangreichen Freizeitaktivitäten die Arbeitsleistung der Volksgemeinschaft.

Das Ministerium für Reichspropaganda unter der Leitung Josef Goebbels wurde mit lautstarken Märschen der Sturmabteilung (SA) gekonnt in Szene gesetzt. Diese Veranstaltungen übten eine Faszination auf die Massen aus. Besonders junge Männer wurden durch Fackeln, Marschmusik, Uniformen, Fahnen und Symbole in den Bann des angeblichen „nationalen Heilsbringers“ und „Erlösers“ Hitler gezogen.

So lauschten wir gespannt den Parolen und neuesten Nachrichten. Genau wie damals vor dem Ersten Weltkrieg wurde der Abscheu gegen alles Nichtdeutsche schon in den Schulen geschürt. Die hasserfüllten Töne hallten mit gewaltigem Echo fort und fort und wurden besonders gegen die Juden immer lauter und lauter.

An den Fahnenstangen einiger Häuserwände wehten unheilvoll die roten Fahnen der neuen Regierung. Die Hakenkreuze auf weißem Kreis hatten sich als Zeichen der Macht über das ganze Land verbreitet, und auch hier am Niederrhein streuten sie sich zunehmend über die Städte, wie eine braune Saat, die alle Nächstenliebe unter sich begrub.

Wie in allen deutschen Städten wurde auch hier der jüdisch-materialistische Geist „bekämpft“. Jüdische Geschäfte waren geschlossen worden, nachdem der Verkauf dort bereits im Jahre 1933 boykottiert worden war.

Vor meiner niederrheinischen Heimat hatte der neue Geist nicht Halt gemacht und versuchte mit seiner unheilvollen Energie übermächtig in die Herzen der Bevölkerung zu dringen. Wirtschaft, Kultur und Medien tanzten im Takt des Führers und dessen Minister und selbst der Vatikan hatte im Juni des Jahres 1933 mit dem nationalsozialistischen Staat ein Konkordat geschlossen.
Es wurde feierlich vor Gott und den Evangelien geschworen, das Deutsche Reich und die verfassungsmäßig gebildete Regierung zu achten. In der pflichtgemäßen Sorge um das Wohl und das Interesse des deutschen Staatswesens wollte und sollte der Klerus jeden Schaden verhüten, der dies bedrohen könnte. Fortan hatte der kirchlichen Liturgie im Anschluss an den Gottesdienst ein Gebet für das Wohlergehen des Deutschen Reiches und Volkes zu folgen.

Indem Anhänger der christlichen Kirchen die neue Staatsform als den Gottesstaat und seinen Führer als den Heiland und neuen Messias feierten, trugen sie zu der Entwicklung eines Führermythos nicht unwesentlich bei. Hitler wurde dargestellt als deutscher Gottesmann, der in unbegreiflich großer Bruderliebe Gebete lebte und seinen Willen an Gottes wunderbare Allmacht heftete.

Alles Schwache wurde weggehämmert. Hitler begann die Jugend zu formen und die Alten zu schleifen. Das NS-Regime richtete eigene Kindergärten ein, wo natürlich auch ein Morgengebet gesprochen wurde: „Händchen halten, Köpfchen senken und an Adolf Hitler denken!“, war beispielsweise eines davon. Fortan legte man Wert darauf, dass die militärische Ausbildung bereits bei den Kleinsten begann. Zweckdienliches Spielzeug waren Holzsäbel, Helme und Uniformen, woran vor allem die Jungen Freude hatten.

Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend wollte Hitler schaffen. Stark und schön sollte sie sein und vor allen Dingen athletisch. Die totale Erziehung sollte alle Kräfte des menschlichen Körpers und Geistes erwecken und zu hoher Leistung führen. Es sollte ein freier Mensch entstehen – ein Schöpfer, ein Gottmensch.

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

4 Gedanken zu „Volksempfänger für Gottmenschen“

  1. Liebe Gisela,
    das war nicht ganz meine Zeit, denn ich wurde etwas später geboren. Dennoch kenne ich die Geschichte und sie ist wahrlich nicht rühmlich. Den Volksempfänger hatten wir auch und ich kann mich erinnern, was meine Oma erzählte. Sie hörten heimlich den Amisender, ganz leise – die Nachbarn durften das nicht bemerken. Jeder spionierte jeden aus, nur um sich einen Vorteil zu verschaffen. Aber hinterher war keiner daran beteiligt. Mein Großvater landete für viele Jahre im KZ – er war einer der Verweigerer. Mein Vater ist im Krieg gefallen. Folglich war meine Mutter alleine für meine Versorgung zuständig. So wurde ich ein Kind der Straße und lernte frühzeitig mich zu behaupten. Ich habe die Nachwehen des Krieges mit voller Kraft zu spüren bekommen. Mein Spielplatz waren die Ruinen einer zerbombten Stadt (Berlin) mit allen möglichen Gefahren, einschließlich böser Männer. Also mir braucht niemand etwas erzählen. All das hat sich für immer in meinem Kopf eingebrannt. Leider suchen diese Erinnerungen von Zeit zu Zeit ein Ventil.
    Gisela da war niemand – ich verspürte keinen Gott der schützend die Hand über mich hielt. Als Kind habe nicht einmal von der Existenz Gottes gehört. Ja das waren ganz sicher völlig andere Zeiten als heute, aber gerade diese harten Zeiten haben mich geprägt.
    Spielsachen hatte ich als Kind nie, dafür war kein Geld da. Das wird es wohl auch sein warum ich Rolf seine Seite mit den tollen Bildern und Geschichten so liebe.
    Nun werde ich besser zum Ende kommen. Ich bin mir sicher das wird heute wieder eine unruhige Nacht für mich werden.
    Wie du siehst, kann ich über diese Dinge schreiben, manches Mal sogar reden. Leider mindert es nicht den Schmerz des Erlebten.
    Ich wünsche dir eine GUTE NACHT!
    Lieben Gruß Lilo.

    1. Liebe Lilo, ich bin auch ein Nachkriegskind. Ich erinnere mich an die Einschusslöcher in den Häusern, die vielen freien Flächen und nicht asphaltierten Straßen. Wir litten keinen Mangel. Obwohl alles einfach war, fehlte mir nichts. Lieblos waren alle, aber sie funktionierten.
      Es tut mir leid, dass Dein Opa im KZ war. Meine Familie war für die Nazis. Mein Opa ist in Frankreich gefallen, als Leutnant der SA. Ich habe ihn nicht kennengelernt. Die restliche Familie hat Ausländer abgelehnt.

      Als Kind habe ich Gott zwar nicht direkt gesucht, bin aber freiwillig zum Kindergottesdienst gegangen, obwohl meine Eltern nicht gläubig waren. Ich wollte verstehen. Aus der Kirche bin ich früh ausgetreten, weil mir das Brimborium nichts brachte. Es waren nur Worte, keine Taten. Wenn Gott nicht oft schützend die Hand über mich gehalten hätte, wäre ich schon lange tot. Er gibt auch, indem er nimmt. Ich weiß, das ist schwer zu verstehen. Wer Gott im Außen sucht, wird ihn nicht finden, nur wer nach Innen schaut, hat ihn bereits bemerkt und weiß es nicht. Von wem sonst stammt die Lebensenergie? Ich bin sehr dankbar dafür, obwohl ich ein schweres Leben hatte. Aber anderen Menschen geht es schlechter.
      Ich hoffe, Du hattest eine gute Nacht. Ganz liebe Grüße, Gisela

      1. Liebe Gisela, geschrieben hatte ich wohl schon einmal darüber. Denn ich habe nur Probleme mit den Menschen die sich auf Erden wie Gott aufspielen. Der LETZTE wollte meinen Mann nicht unter die Erde bringen, weil wir nicht mehr in der Kirche waren. Unser Kirchenaustritt hatte aber einen schwerwiegenden Grund. Also bestellte ich in meiner Not einen Redner. Es hat sich dann ein mit mir befreundeter Altpfarrer eingemischt. Er nahm „Urlaub“ von seinem Krankenhausaufenthalt. Nun hatte ich einen Redner und einen Pfarrer. Die Zwei teilten sich die Aufgabe. Mein Mann war ein gläubiger Mensch und dann so etwas. Das Benehmen hatte für den „Herrn“ noch ein Nachspiel. Siegfried, der Altfahrer erklärte diesem Herrn, vor Gott sind alle Menschen gleich!
        Dieser Pfarrer ist in der Zwischenzeit verstorben. Ich habe aber ganz viele handgeschriebene Brief des Trostes, die er vor seinem Ableben für mich geschrieben hat. Diese Briefe sind wie ein kleines Heiligtum für mich.
        Die vergangene Nacht war erträglich und ich hoffe dass die heutige Nacht auch wieder ruhig verläuft.
        Dir wünsche ich ein harmonisches Wochenende und eine GUTE NACHT.
        Ganz liebe Grüße zu dir, Lilo

        1. Liebe Lilo, es gibt in den Kirchen schon immer Menschen, die meinen, ihre Macht ausnutzen zu können. Deinen Frust darüber und die Ent-täuschung, kann ich sehr gut verstehen. Die Frau eines Kollegen hatte eine Totgeburt, und der Priester kam ins Krankenhaus und wollte das Kind taufen, damit es nicht in die Hölle kommt. Er hat ihn aus dem Zimmer geworfen. Manchmal kann man nicht glauben, wie mittelalterlich das Denken dieser Kirchenleute ist. Selbst schimpfen sie über die Taliban, waren aber nicht besser. Meine Eltern gingen nie in die Kirche und glaubten an nichts, der Pfarrer musste aber Grab stehen. Ich denke da ganz anders. Was ist Kirche? Die ist weit von Gott entfernt. Es ist nur der Körper, der beerdigt wird, die Seele existiert weiter. Darum geht es mir: den Verstorbenen in Liebe gedenken. Das tue ich jeden Tag. Vor Gott sind alle Menschen gleich. Unsere Lieben sind bei ihm gut aufgehoben. Mein Sohn sagte immer: Was einmal zusammengehörte, wird sich immer wieder finden. Darauf baue ich! Es ist gut, dass Du die Briefe wie einen Schatz bewahrst.
          Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag! Liebe Grüße, Gisela

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