Ghosting

Fast 20 Jahre sind vergangen;
ein neuer Frühling zieht ins Land.
Es war vor langer Zeit, als er gegangen,
und mich die einsame Erinnerung band.

Ich hatte Hass, war wütend und in Qual,
noch Jahre später, als die Arbeit band;
doch jetzt verstehe ich mit einem Mal,
dass ich mein Schicksal im Alleinsein fand.

In Stille zog ich in mein Schneckenhaus,
in die Spirale meines Seeleninnern ein,
löschte die Lichter der Erwartung aus –
ein sehnsuchtsloser Platz für mich allein.

Bald werden viele Frühlingsregen fallen
und starke Winde durch die Straßen wehen;
ich werd‘ die Hand des Eremiten halten,
mit ihm durch Nebel in die Zukunft gehen.

Es war im September 2008, als ich von einem Eremiten ohne Gesicht träumte, der meine Hand fasste. Er trug eine dunkelbraune Mönchskutte aus grobem Sackleinen. Das machte mir Angst. Ich stand in der Küche und sah in den Flur, als der Mann, den ich liebte, in ein von Nebeln verhülltes Treppenhaus verschwand und nicht mehr wiederkehrte. Genauso kam es dann auch. Heute hat dieses Verhalten einen Namen: Ghosting.

Dornenlose Rosen

Helmut Skarbina (1888 – 1945)

Engel der Weihnacht,
lassen Harmonie vom lichten Himmel rieseln,
mit Schneeglanz in den weißen Flügeln.

Aus unbekanntem Land der Leidenslosen
weben sie Rosen ins Erdenkleid,
so mancher Dorn wird Menschen Leid.

Doch jedes Leid schwingt höher, reiner –
im Weltendunkel sehn sie’s nicht,
und wo der Mond die Schatten flicht,
sind sie längst dazu ausersehen,
einmal im Blütenschmuck zu gehen.

Die Güte Gottes schenkt am jüngsten Tag
ein dornenloses Kleid zurück,
dem Leid entwachs’ne Himmelsrosen
gehoben in das Land der Leidenslosen.