von John Clare

Ich bin! Wer kümmert sich darum und will wissen, wer ich bin?
Meine Freunde lassen mich im Stich, wie eine verlorene Erinnerung.
Ich bin der Selbstverzehrer meines Leids.
Sie steigen auf und verschwinden, eine vergessene Schar,
Schatten des Lebens, deren Seele verloren ist.
Und doch bin ich – ich lebe –, obwohl ich hin und her geworfen werde.
In das Nichts der Verachtung und des Lärms,
in das lebendige Meer des wachen Traums,
wo es weder Sinn des Lebens noch Freuden gibt,
sondern der große Schiffbruch der eigenen Wertschätzung
und alles, was mir lieb ist. Selbst die, die ich am meisten liebte
sind mir fremd – ja, sie sind mir noch fremder als die andern.
Ich sehne mich nach Szenen, die der Mensch nie betreten hat,
wo die Frau noch nie lächelte oder weinte,
um dort bei meinem Schöpfer, Gott, zu verweilen,
und zu schlafen, wie ich in der Kindheit süß schlief,
voller hoher Gedanken, ungeboren. So lasst mich liegen,
auf dem Gras, über mir der gewölbte Himmel.

Wieder ein Fall von Dichtung und Wahnsinn wie bei Hölderlin. Auch ihm war die radikale Freiheit zur Selbstbestimmung nicht nur eine Chance, sondern auch eine Last geworden. s. dazu Wikipedia: John Clare
Ich glaube daran, dass der menschliche Geist auf einer anderen Ebene existiert und auf Abruf in diese Welt hineingeboren wird, entweder um zu lernen oder anderen Menschen zu helfen. Wir müssen uns nach der Geburt entwickeln und selbst entscheiden, wer wir sein wollen und welchen Sinn wir unserem Leben geben. Das ist ein langer Prozess.
In John Clare verbarg sich ein gewisses Dunkelsein, wie auch in Rilke. Damit vergleichen mag ich mich nicht. Ich kann nur sagen, dass meine Lyrik teilweise aus genau diesem Zustand entsteht. Die dunklen Erfahrungen der Vergangenheit führen hinaus aus der Oberflächlichkeit in die Freiheit der Worte.

Originaltext:
I am
I am! yet what I am who cares, or knows?
My friends forsake me, like a memory lost.
I am the self-consumer of my woes,
They rise and vanish, an oblivious host,
Shadows of life, whose very soul is lost.
And yet I am — I live — though I am toss’d.
Into the nothingness of scorn and noise,
Into the living sea of waking dream,
Where there is neither sense of life, nor joys,
But the huge shipwreck of my own esteem
And all that’s dear. Even those I loved the best
Are strange — nay, they are stranger than the rest.
I long for scenes where man has never trod —
For scenes where woman never smiled or wept —
There to abide with my Creator, God,
And sleep as I in childhood sweetly slept,
Full of high thoughts, unborn. So let me lie,
The grass below; above, the vaulted sky.

Gereimt ins Deutsche übersetzt von Georg von der Vring (1889–1968)
Ich bin
Ich bin - doch was, weiß niemand, kümmert keinen.
Die Freunde lassen mich, wie man Erinnertes verliert.
Ich bin der Selbstverzehrer meiner Leiden.
Sie heben sich und gehn, wohin Vergessen führt —
Wie Schatten in der Liebe Fieberkreisen.
Und doch: Ich bin und leb — wie Dunst versprüht.
Ins bare Nichts von Holm und lautem Wind,
in die bewegte See von Wachtraumwogen,
wo weder Lebensgrund noch Freuden sind,
nur Schiffbruch meines Lebens, seines Werts betrogen.
Den Liebsten selbst, die mir am innigsten gefallen,
bin fremd ich – ja, viel fremder noch als allen.
Wo ist der Ort, den noch kein Mann betreten,
wo keine Frau geweint, gelächelt hat?
Dort sehn ich mich, mit meinem Gott zu leben
und süß zu schlafen, meinen Kindheitsschlaf;
nicht störend und selbst ungestört zu liegen,
mich zwischen Gras und Himmelsgrund zu schmiegen.
Liebe Gisela, ich mag besonders deinen letzten Satz (Die dunklen Erfahrungen der Vergangenheit ….), habe darüber „ruminiert“ – mit folgenden Ergebnis: Die dunklen Erfahrungen der Vergangenheit führen hinaus aus … der Tiefe der Verlassenheit in die Höhen des Mitgefühls. Was hältst du davon?
Mmh, dem kann ich nur zum Teil folgen, lieber Martin. Was ist das für ein Mitgefühl? Bedauert man sich selbst oder andere? Emphatie ist eine wunderbare Sache. Dunkle Erfahrungen und tiefe Verlassenheit führen zu höherem Bewusstsein und, wenn man es schafft, zur inneren Erlösung. LG Gisela
Beeindruckend, alle drei Texte! 🤩
Mich beeindruckt am allermeisten, dass ein Mann, der nahezu analphabetisch aufwuchs, zu solchen Gedichten fähig war.
Bis bald, liebe Elisa. Herzliche Grüße an Dich. 💚
Die zweite Übersetzung, die Du da hast, ist die aus der Serie „penny dreadful“. Mir gefiel die immer bedeutend besser.
Übersetzer der Clare-Texte in gereimter Form war Prof. Manfred Pfister. Ich finde, mit Deepl Übersetzer klingt das Gedicht poetischer. Leider übersetzt Deepl nicht in Reimen. 🌞Aber das ist Geschmacksache.
Achso, die erste Version ist aus nem Übersetzer? Das hab ich übersehen ^^ Gibt aber schon so mehrere Versionen und Auslegungen des Textes. Immer spannend, wie Worte über Jahrhunderte hinweg atmen können.
Hatte ich vergessen hinzuzuschreiben. Sorry!
Kein Thema 😀 Mein Gehirn braucht manchmal sowieso ne Ehrenrunde
😂 Moin, meins auch. Schönes Wochenende!