Abschied

Carl Friedrich Lessing 1808-1880, Der Abschiedskuss der Sonne von der Erde

Noch hängt der Sonne Schimmer
im Geäst der trunknen Bäume;
wie offne Hände ausgebreitet liegt das Land.
Im Farbenspiel der Blätter spinnen goldne Träume,
ein blauer Hauch webt an des Waldes Rand.

Wie lieb ich euch, ihr wehmutsvollen Tage,
erfüllt von stiller Festlichkeit und Glanz.
Nur in des Waldes Schatten tönet eine Klage
mild lächelnd webet ihr des Sommers Totenkranz.

Und selig ist es – heiter so zu gehen,
wenn uns kein Wunsch mehr bindet an die Welt.
Noch einmal dankend grüßen – dann verwehen
die stillen Tage – bis ein Nebel fällt.

Alexander Graf von Württemberg 1801-1844

Herbstlich

Albert Anker 1831-1910

Die Blätter hüpfen auf dem Asphalt.
Sie tanzen im Wind ihren Reigen.
Am Himmel, wo sich ein Wirbel ballt,
will sich die Sonne nicht zeigen.
 
Der Sturm heult um die Häuser. Geschwind
bringt er uns den himmlischen Segen.
Die Vögel verstummen. Im Luftschacht ringt
ein einsames Blatt mit dem Regen.
 
Die Welt ist betrübt. An der Häuserwand
malen Schatten Bild-Serpentinen.
Die Menschen hetzen mit Schirm in der Hand
und verharren mit düsteren Mienen.
 
In Jacken verpackt, mit Pullis und Schal,
träumen sie sich der Sonne entgegen.
Die Nase läuft mit. Die triefende Qual
fällt nicht so auf bei dem Regen.
 
Die Gedanken sind grau wie der Wolkenzug.
Da hilft nur Tee mit Zitrone.
Es taumelt hernieder manch Blatt im Flug.
Geleert sind die meisten Balkone.
 
Die Gärten haben sich lila geschmückt,
mit Astern, Heide und Beeren.
Das Erntedankfest ist näher gerückt –
nun will es herbstlich werden.