Der maskierte Mensch

Ausschnitt des Gemäldes von H. G. Leiendecker
Früh üben wir das Maskentragen,
an allerersten Kindertagen;
Menschen erkennen später nicht
der anderen wahres Angesicht,

denn die sympathische Fassade
täuscht nur mit lockendem Gehabe.
Die echte Miene bleibt verborgen,
man lächelt noch, trotz vieler Sorgen.

Denn Lügen stehn nicht im Gesicht;
nichts weist auf das, was unwahr ist.
Wir sind vom Aussehen angezogen
und glauben alles, was gelogen.

Es fasziniert das fremde Tun,
wir rätseln nicht daran herum.
Erst, wenn die schönen Masken fallen,
sehen wir der Wahrheit Licht in allen.

Die Larve wollt ihr Bild verdecken,
und erst auf ihren Sterbebetten,
wo sie durch Lebensnot geschwächt,
sind ihre Totenmasken echt.

Aschermittwoch

Aschermittwoch – Carl Spitzweg (1808-1885)
Die Maske fiel. Alles vorbei!
Entblößt das wahre ICH im Spiegelbild.
Das Ende einer bloßen Gaukelei.
Es zeigt ein trauriges Gesicht,
ganz unverhüllt.

Du spielst die Rolle deines Lebens,
mit oder ohne Kreuz auf deiner Stirn.
Nur ein paar Tage suchtest du vergebens
in einem andern ICH dich zu verlier’n.

Doch du erwachst, nach Alkoholgenuss
erkennst zu spät das Übel deines Tuns.
Gefangener im Kerker deines Frusts,
wünscht du dir Asche auf dein Haupt
und kannst nicht ruhn.