Gebet

von Rainer Maria Rilke

Viktor Sieger (1843-1905)

Ich sprach von Dir als von dem sehr Verwandten,
zu dem mein Leben hundert Wege weiß,
ich nannte Dich, den alle Kinder kannten,
für den ich dunkel bin und leis.

Ich nannte Dich den Nächsten meiner Nächte
und meiner Abende Verschwiegenheit,
und Du bist der, in dem ich nicht geirrt,
den ich betrat wie ein gewohntes Haus.
Jetzt geht Dein Wachsen über mich hinaus:
Du bist der Werdenste, der wird.

Aus dem Worpsweder Tagebuch 4.10.1900

XIII. Sonett an Orpheus

Sei und wisse zugleich des Nicht-Seins Bedingung,
den unendlichen Grund deiner innigen Schwingung,
dass du sie völlig vollziehst dieses einzige Mal.

Text: Rainer Maria Rilke 1875-1926

An meinen Lieblingsbaum

von Charlotte von Ahlefeld

Bildquelle: Pinterest – Russenlinde
Die Träume, die in stillen Feierstunden,
Die dunkler Schatten mir so oft verlieh,
Die süße Ruh, die ich bei Dir gefunden,
Mein Lieblingsbaum, o die vergeß‘ ich nie!

Oft sah ich neben Dir die Sonne untergehen,
Entzückt von ihres Anblicks Majestät.
Oft hat des Herbstes lindes, kühles Wehen
Mit Deinem bunten Laub mich übersäet.

Vor meinen Blicken schwebten holde Bilder,
Im lichten Glanz der Jugendfantasie,
Da träumt ich mir des Schicksals Härte milder,
Und jeder Mißton wurde Harmonie.

Und liebend grub ich einst in Deine Rinde
Den Nahmenszug, der in mir brannte, ein;
Auch darum wirst Du mir, Du stille Linde,
Vor allen Bäumen ewig theuer seyn.

Wenn sich in Deinen blüthenvollen Zweigen
Des Westes leiser Odem kaum bewegt,
Fühlt mein Gemüth sich durch das tiefe Schweigen
Der heiligen Natur so ernst erregt.

Dann denk‘ ich all‘ der Wünsche, die vergebens
In meine Seele kamen, und entflohn,
Und seufze: wär‘ der kurze Traum des Lebens
Vorüber, wie so manche Hoffnung schon.

Und wäre einst nach meiner Tage Mühen,
O Baum, den stets mein Herz mit Liebe nennt,
Ein stilles Grab mir unter Dir verliehen,
Du wärest dann mein liebstes Monument.
Charlotte von Ahlefeld (1777-1849)

Der Herbst

von Gustav Sack

KI generiert
So komm, du wilder West,
und sing geheimnisvoll und runenkundig
in meinen Kiefern und Wacholderbüschen
das uralt düstere Jahreslied des Todes!
Und reiß aus meinem Herz des Sommers Freuden,
reiß sie gleich müd gewordenen Blättern ab,
auf daß mein Fuß sie raschelnd von sich stoße.
So wie von jenem Ahorn taumelnd dort
die schwarzgefleckten Blätter landwärts wirbeln,
laß all des Sommers gaukelnde Gestalten
zu krausen Scharen windgewiegt
ins graue Land Vergessenheit hinflattern!
Und dann, oh West, oh wilder West,
saug aus des Weltmeers weitgeebbten Brüsten
dir Sturmeskräfte hoch und schleudere mich
hohnlachend jenen Spukgestalten nach
und brause, laut aus vollen Lungen tobend,
über das Sommerglück, das du zerstört!
Gustav Sack (1885-1916)

Blätterfall

von Heinrich Leuthold

Bild von Rebekka D auf Pixabay

Leise, windverwehte Lieder,
mögt ihr fallen in den Sand!
Blätter seid ihr eines Baumes,
welcher nie in Blüte stand.

Welke, windverwehte Blätter,
Boten, naher Winterruh,
fallet sacht! Ihr deckt die Gräber
mancher toten Hoffnung zu.

Heinrich Leuthold (1827-1879)



Autumn Leaves

The falling leaves drift by my window
The falling leaves of red and gold
I see your lips the summer kisses
The sunburned hands I used to hold

Since you went away the days grow long
And soon I’ll hear old winter’s song
But I miss you most of all my darling
When autumn leaves start to fall

Since you went away the days grow long
And soon I’ll hear old…

Eva Cassidy
Komponist: Joseph Kosma

Gesang der Geister über den Wassern

von Johann Wolfgang von Goethe

Die Welle – Carlos Schwabe (1866-1926)

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen,
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.

Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.

Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.

Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

Auf der Heide blühn die letzten Rosen

Auf der Heide blüh’n die letzten Rosen;
braune Blätter fallen müd vom Baum,

und der Herbstwind küsst die Herbstzeitlosen;
mit dem Sommer flieht manch Jugendtraum.

Möcht einmal noch wie damals kosen,
möcht‘ vom Frühling träumen und vom Glück.

Auf der Heide blüh’n die letzten Rosen,
doch die Jugendzeit kehrt nie zurück.

Versunken ist die Frühlingszeit,
kein Vogel singt im Lindenhain;
die Welt verliert ihr Blütenkleid
und bald wird Winter sein.
Verlassen ist der Holderstrauch,
an dem ich einst geküsst.
Es blieb ein Duft, der wie ein Hauch,
aus fernen Tagen ist.

Auf der Heide blüh’n die letzten Rosen,
braune Blätter fallen müd vom Baum,

und der Herbstwind küsst die Herbstzeitlosen;
mit dem Sommer flieht manch Jugendtraum.

Möcht einmal noch wie damals kosen,
möcht‘ vom Frühling träumen und vom Glück.

Auf der Heide blüh’n die letzten Rosen –
ach, die Jugendzeit kehrt nie zurück.
Holde Jugend, holde Jugend –
kämst du einmal doch zu mir zurück.

Text (1935): Bruno Balz 1902-1988

interpretiert von Herbert Ernst Groh

Herbstlied

von Hans Eckardt Wenzel und Band

Text:

Feinslieb, nun ist es Blätterbraun
Schon wieder in den Spitzen
Wann wir unterm Kastanienbaum
Am Abend fröstelnd sitzen
Das Jahr geht fort mit schwerer Fracht
Es bindet sich die Schuh‘
Ich bin so traurig heute Nacht –
Und du, du lachst dazu!

Feinslieb, die schwarze Jacke hängt
Die Schultern ab mir wieder
Wann schon so früh das Dunkel fängt
Uns und die Kält‘ die Glieder
In deinen Augen glimmt noch leis‘
Der Sommer voller Ruh‘
Ich wein‘, weil ich nicht weiter weiß –
Und du, du lachst dazu!

Feinslieb, das war es also schon
Der Sommer ist vertrieben
Die Vögel sind auf und davon
Und wir sind hier geblieben
Fremd zieh‘ ich ein, fremd zieh‘ ich aus
Ich weiß nicht, was ich tu‘!
Heut‘ Nacht, verwelkt ist mein Zuhaus‘ –
Und du, du lachst dazu!

Feinslieb, komm stirb mit mir ein Stück
Sieh, müd‘ die Blätter schunkeln
Wir dreh’n das Jahr doch nicht zurück
Und seh’n uns nicht im Dunkeln!
Lass in dem Kommen, Bleiben, Geh’n
Zertanzen uns die Schuh‘
Ich will noch soviel Himmel seh’n –
Und du, du lachst dazu!

Jahreszeiten eines Lebens

von Reinhard Mey

Ich mag die beiden gern am Dahlienbeet, in ihrem Garten,
im herbstlichen Nachmittagslicht die Blumen hegen seh’n.
Wie sie bedächtig arbeitend die Dämmerung erwarten,
die Schürze überm Arm, wenn’s kühl wird, in die Stube geh’n.
Bald dringt ein Lichtschein durch die Zweige, die im Herbstwind schwanken,
so friedlich, wie ein Erntefeuer, in der Nacht hinaus.
Ich ahn‘ sie beieinander sitzen, seh‘ sie in Gedanken,
die beiden alten Leute in dem stillen Haus.

Die Jahreszeiten eines Lebens haben die zwei vorübergehen seh’n,
die Zeit zu säen, die Zeit zu ernten,
ohne die Zeit, sich auch nur einmal umzudreh’n.

Die Zeit hat ihre Schritte nun langsamer werden lassen,
und ihre Gesten zögernd, beinah‘ unsicher und schwach.
Wenn sie einander stützen und sich helfend unterfassen;
ihr Gang mag müd‘ geworden sein, ihr Blick ist doch hellwach
und immer voller Zärtlichkeit für einander geblieben,
und mehr denn je ein Weg, einander wortlos zu versteh’n.
Ich glaub‘, die Zeit lässt Menschen, die einander so lang‘ lieben,
so ähnlich fühlen, dass sie sich einander ähnlich seh’n.

Die Jahreszeiten eines Lebens haben die beiden zusammen erlebt;
so haben sich längst die Schicksalsfäden
der beiden zu einem einzigen Band verwebt.

Es sind die Sorgen und die Freuden vergangener Jahre.
Geschichten, die man in ihren Gesichtern lesen kann.
Manch‘ Kummer und manch‘ Ärger sorgten für die weißen Haare,
und ganz gewiss hatten wir Kinder unsren Teil daran.
Die Kinder sind nun auch schon lange aus dem Haus gegangen,
haben mit ihren Kindern alle Hände voll zu tun.
Die beiden steh’n allein, so hat es einmal angefangen.
Hier hat ihr Leben sich erfüllt, hier schließt der Kreis sich nun.

Die Jahreszeiten eines Lebens sah’n manchen Wunsch in Erfüllung geh’n
Nun bleibt der sehnlichste von allen:
Die Zeit des Rauhreifs miteinander noch zu seh’n.

Hair / Frank Mills

Die Flower-Power Zeit ging vorbei, jedoch sind mir einige alte Hippie-Songs unvergesslich geblieben. So auch das Musical „Hair“ mit dem wohl bekanntesten Hit– „Aquarius/Let the Sunshine In“ von The 5th Dimension.

Kaum zu glauben, auch ich war damals jung und naiv, gerade mal 23 Jahre alt.

Foto privat 1976

Life gesungen von Esther Ofarim (1969), die ich damals sehr verehrt habe.
Der einzige Songtext, den ich heute noch laut mitsingen kann:

Originaltext:
 
I met a boy called Frank Mills
On September twelfth right here
In front of the Waverly* but unfortunately
I lost his address
 
He was last seen with his friend
A drummer, he resembles George Harrison of the Beatles
But he wears his hair
Tied in a small bow at the back
 
I love him but it embarrasses me
To walk down the street with him
He lives in Brooklyn somewhere
And wears this white crash helmet
 
He has golden chains on his leather jacket
And on the back are written the names
‚Mary and Mom
And Hell’s Angels‘
 
I would gratefully appreciate it
If you see him, tell him
I’m in the park with my girlfriend
And please
 
Tell him Angela and I
Don’t want the two dollars back
Just him
Übersetzung:
 
Ich traf einen Jungen namens Frank Mills
Am zwölften September genau hier
Vor dem Waverly*, aber leider
habe ich seine Adresse verloren
 
Er wurde zuletzt mit seinem Freund gesehen
Ein Schlagzeuger, er ähnelt George Harrison von den Beatles
Aber er trägt sein Haar
hinten zu einer kleinen Schleife gebunden.
 
Ich liebe ihn, aber es ist mir peinlich
Mit ihm die Straße entlang zu gehen
Er lebt irgendwo in Brooklyn
Und trägt diesen weißen Sturzhelm
 
Er hat goldene Ketten an seiner Lederjacke
Und auf dem Rücken sind die Namen geschrieben
‚Mary und Mom
Und Hell’s Angels‘
 
Ich wäre sehr dankbar dafür
Wenn Sie ihn sehen, sagen Sie ihm
ich bin im Park mit meiner Freundin
Und bitte
 
Sag ihm, Angela und ich
Wollen die zwei Dollar nicht zurück
Nur ihn
*Waverly Inn, Restaurant im West Village, New York