Selbstmord

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Selbstmord und Seelenqual

Was lehnst du, Mensch, dich auf?
Meinst du, du kannst entfliehn dem Gott in dir?
Glaubst du, dich zu entziehn dem ehernen Gesetz,
wenn du dich von ihm wendest,
wenn du mit eigner Hand dein Leben endest?

Was deinen Körper trifft, trifft nur dein Kleid.
Das Leben endet wohl, doch endet nicht das Leid,
dem du nur wehrloser anheim gegeben
und ausgeliefert bist im neuen Leben,
weil ungerufen du betratst das neue Land!

Wer Gottes Ruf nur folgt, dem sind zum Trost gesandt
erbarmungsvolle Engel, die ihn leiten,
die seinem schwachen Fuß den Weg bereiten.
Doch wer den eignen Willen nur gekannt auf Erden,
wie kann der Wille Gottes ihm zur Hilfe werden?
Die Hilfe ist ihm nah – allein er sieht sie nicht,
des Eigenwillens Trotz beraubt ihn nun der Sicht.
Sein Denken, nur auf sich gestellt, schließt ihn nun ein,
Gefangner seiner selbst, empfindet er allein
die eigne Not, die eigne Seelenqual;
zu enden sie, versucht er tausendmal die gleiche Tat
und wird sich tausendmal bewusst,
dass er nicht töten kann das Fühlen in der Brust! –

Erst wenn die Qual die Mauern seines Kerkers sprengt,
wenn tiefste Not ihm des Gebetes Gnade schenkt,
wenn er aus grenzenloser Einsamkeit
nach Gott, nach Hilfe, nach Erlösung schreit –
ist er befreit!

Er sieht die lichte Schar,
die helfend ihm schon lange nahe war.
Sein aufgeschlossnes Herz ahnt nun, was Liebe schafft,
und mit dem Ahnen wächst die eigne Liebeskraft.
Das Ahnen wird ein Schaun, das Schaun Erkennen,
den ew’gen Schöpfer lernt er Vater nennen.

So schreitet strebend er in seiner Brüder Mitte
dem Lichte zu, und jeder seiner Schritte
bringt näher ihn dem heiß ersehnten Ziel.
Wie oft er es erstrebt, wie oft er fiel,
schaut er erkennend nun im Spiegel seiner Leben.
Sein letztes Erdenlos, das ihm nur Qual gegeben,
wie klein es ist, – ach, eine Perle nur,
den andern angereiht auf goldner Schnur,
die ausging einst von Gott und kehrt zu Gott zurück.

Der Mensch sieht von dem goldnen Faden nur ein Stück,
und seine Prüfung ist, ihn dennoch rein zu spinnen
und eine klare Lebensperle zu gewinnen.
Des Daseins Kreis zu schließen, ist er ausgesendet
von Gott – und erst in Gott ist er vollendet.


<Ephides>
Adyar-Verlag, Graz (1978)

Zauber der Schöpfung

Einmalig ist der Zauber einer Blüte,
so einzigartig wie das Leben selbst.
Was Menschenhand erschuf entbehrt der Güte,
weil es des Lebens Kern nicht inne hält.

So kann der Mensch nur tote Dinge schaffen,
die zwar nett anzusehen, aber leblos sind;
baut mir ein Ei mit allen Inhaltsstoffen,
nie schlüpft daraus ein neues Vogelkind.

Wie viele Leben hat der Mensch zerstöret,
hat an Natur und Tieren sich vergangen;
nehmt ihr der Schöpfung, was ihr angehöret,
habt ihr ein frevelhaftes Werk begangen.

Löscht ihr das Eine aus, stirbt auch das And’re,
wenn ihr der Schöpfung Einheit brecht;
wird auch das Sterben durch die Arten wandern
und die Natur, sie fordert dann ihr Recht.

Wo Nahrung ist, wird brach das Land einst liegen,
die Felder leer, vergiftet und verseucht
und wollt ihr über die Naturgesetze siegen,
so seh’ ich eure Augen in der Zukunft feucht.

Was ihr zerstöret, das kehrt niemals wieder;
verfolgt von Frankensteins Geschöpfen,
liegt ängstlich euer Größenwahn darnieder,
und Ehrfurcht keimt zu spät in euren Köpfen!

Logik

Der Alchemist – Carl Spitzweg 1808-1885

Es galt mit Logik alle Dinge zu ergründen,
wonach die Seele suchend aufbegehrt,
 
mit menschlichem Verstand zu finden,
was unsren Blicken schleierhaft verwehrt.
 
Es streiten wieder sich die Fakultäten
und werden niemals Frieden geben,
 
wenn Wissenschaft und Universitäten
erforschen unser menschlich’ Leben.
 
So unbegreiflich wie die Ewigkeit des Seins,
die keinen Anfang und kein Ende kennt,
 
verbirgt die trügerische Welt des Scheins,
die wahre Sicht der Dinge vehement.
 
Des Lebens Kern verdecken Macht und Gier,
ethisch vollkommen, göttlich war der Sinn;
 
wenn nicht Moral und Tugend sind der Menschen Zier,
schwindet Respekt vor aller Schöpfung ganz dahin.
 

Orakel

Emil Dörstling 1859-1940 – Kant und seine Tischgenossen


Ein Teil des ew’gen Geistes Licht zu sein
und hier im Kreise der gelehrten, alten Runde,
mit Worten dringen durch des Schleiers Schein,
zu stärken euch in tiefstem Seelengrunde,
 
dies sei zu eurer Freude unser tägliches Bestreben,
fragt nicht die Wissenschaft, wenn ihr nach Wahrheit sucht,
wir sind es, die euch hier die Antwort geben,
liegt doch im Jenseits des Orakels Lösungsspruch.
 
Es gilt ein Zauberwort, das Nächstenliebe heißt,
für alle Zeit im Herzen dieser Welt zu integrieren,
nur wer die Existenz des Nächsten preist,
wird Gottes Sinn in den Alltäglichkeiten spüren.
 
Wer alles Leben ehrt, ehrt auch die Göttlichkeit,
drum seid bestrebt den rechten Weg zu gehen,
entfernt euch von der Oberflächlichkeit,
mildert mit Liebe euer Zeitgeschehen.
 
Schützt die Natur, die Schatzkammern der Erde,
begegnet voll Respekt der Schöpfung allen Lebens,
verteilt gerecht, dass endlich Frieden werde;
des Nächsten Last zu mildern, das sei euer Streben.

Mutter Erde

William Adolphe Bouguereau 1825-1905

Birgst alle Fassetten der Schönheit,
wie ein geschliffener Diamant,
 
bist Alpha und Omega,
Anfang und Ende;
 
du spiegelst unsere Taten in dir selbst,
verschenkst deine Reichtümer mit Liebe,
 
erträgst geduldig nicht endende Ausbeutung;
Mutter über Sein oder Nicht-Sein,
 
wir sind geboren aus deinem Schoss
und werden dorthin zurückgehen, wenn es an der Zeit ist;
 
du kredenzt uns Artenvielfalt und Wunder,
in jeder Blüte und in jedem Leben.
 
Paradies oder Hölle,
wir haben die Wahl!
 
Unter deinen tiefen Sorgenfalten
trägst du geduldig die Last der Menschheit.
 
Nur manchmal erhebst du warnend die Finger,
wenn wir die Pole zum Weinen bringen.
 
Und jede Träne wächst zu einem Meer,
in dem wir ertrinken werden.
 

Oh, Jerusalem

David Roberts 1796-1864 – Jerusalem

Du alte Stadt,
geschichtlich warst du auserkoren;
wie schuldbeladen schwingen deine Stätten.

Der Klagen ist genug,
sie dröhnen laut in meinen Ohren!

Füllt Ihr mit Frieden nicht die Mauern,
was kann euch noch retten?

Der Schrei nach den Gerechten ist verhallt
und längst verklungen.

Habt Ihr vergessen, was euch selbst bedrückte?

Es ist so, wie die Alten einst gesungen.

Liebet den Nächsten, der zusammenrückte
und seine Heimat mit den euren teilt.

Taut euren Hass in Liebe auf – es eilt!

Unschuld

William-Adolphe Bouguereau  1825-1905

Unschuldige Augen, leerer Blick,
Spiel mit dem Tod wirft Seelenschatten.
Zerstörung ist ihrer Väter Geschick,
kennen nur die Geborgenheit durch Waffen.
 
Wunde Seelen und zerbrochene Herzen,
schrei’n nach Vergeltung und Sühne;
Zeit heilt Wunden, doch nie die Seelenschmerzen
bei den Kindern der irdischen Bühne.
 
Seh’n eine Welt voll Zerstörung und Hass,
fühlen Verzweiflung und Angst.
Befolgen gehorsam der Alten Erlass,
ihre Kindheit vergessen sie ganz.
 
Eine Seele, die niemals die Leichtigkeit sah,
nur den Krieg und das Spiel mit Patronen,
die nimmt ihr Sein nur als Werkzeug wahr,
wird Kanonenfutter für die Nationen.

Sonnenzeichen

William-Adolphe Bouguereau  1825-1905

 Als blutrote Fahnen
wie Leichentücher die Länder bedeckten,
als der Wahnsinn regierte
und sich die dunkelsten Mächte hinter dem
Zeichen der Sonne versteckten,
da ertönten die Parolen der scheinbaren Sieger.
 
Noch gegenwärtig
ist die alte Schwingung
der ewig Gestrigen auf dieser Welt,
nur änderten sich die Vorzeichen,
wie in einer mathematischen Bedingung.
 
Noch immer
 tönt die Arroganz der Herrscherrassen,
die glauben, mit Waffen und Geld
ganze Völker in Ohnmacht und Diktat zu belassen.
 
Noch immer
 ist die Menschheit fern von den wahren Zielen
und lässt ihre Seelen als Einsatz
auf den Spielfeldern
der mächtigen Herrscher
verspielen.
 
Noch immer
versuchen Machthaber, die im Dunkeln agieren,
einen Teil der Menschheit
dorthin zu führen.
 
Wann seid ihr endlich bereit,
den wahren
Licht-Zeichen
zu folgen?

Wintermärchen

So unberührt und weit, das flache Land,
getaucht in winterkühle Morgendünste.
Die Bäume tragen feierlich ein Festgewand
aus weißem Glitzerflocken-Schneegespinste.
 
Seh‘ in der Ferne letzte Nebel steigen,
die jede Härte mit Verklärung glätten,
und die Natur hüllt sich in kaltes Schweigen,
das wie ein Segen weilt auf Totenbetten.
 
Die Landschaft trägt geduldig ihre Bürde,
die eisig funkelt unter schwachem Glanze.
Die Schöpfung liegt mit königlicher Würde
und ruht sich aus vom warmen Sommertanze.
 
Ruhig schläft das watteweiß verschneite Land,
bis sich mit neuer Lebenskraft der Boden hebt,
bis sich in Menschenherz und Menschenhand
ein zauberhafter Gottessegen legt.
 
Noch ist es Phantasie – doch wärs nicht weit,
wenn jede Seele danach strebt und handelt.
Dann würden nach des Winters Frostigkeit,
die Schatten in ein Frühlingslicht verwandelt.