Saat und Ernte

Der Sämann bei untergehender Sonne – Vincent van Gogh (1853-1890)

Einst streute ich Samen auf Himmelswiesen,
gar prachtvoll und bunt war das Blühen,
und zwischen den wachsenden Paradiesen,
sah ich Engel Freude versprühen.

Auch streute ich tote Saat auf die Fluren,
der Wind trug sie in dunkle Welten.
Verloren das Leben in all ihren Spuren;
nichts konnte zum Keimen verhelfen.

Ich säte Samen der Liebe auf Äcker,
die karg und verdorben mir schienen.
Doch seht nur, die Saat war ihr sanfter Erwecker,
denn die Liebe ging auf in ihnen.

Dem Hass und der Wut war das Feld bereitet
durch mich; fegte fort das mit Liebe Gesäte.
Wie Unkraut wuchert das Übel, verbreitet
sich tückisch, verdarb Saaten und Beete.

Manch bittere Saat konnte Wurzeln schlagen,
war in meinem Lebensacker das Amen.
Nun leb’ ich auf ihm, ernte all seine Plagen
und weiß, ich selbst legte den Samen.

Mit dem, was ich säte in vergangenen Zeiten,
bin ich in dies Leben gegangen.
Meinen Lohn für Saat und Ackerarbeiten
werde ich einst zur Ernte empfangen.

Bild im Spiegel

Velazquez, 1599–1660

Der Himmel hat die Schleusen aufgerissen,
in Regenschauern versinkt Sicht und Weg.
Wir alle wandern, ohne Ziel und Wissen
und suchen nach der Heimat sichren Steg.

Die Wetter tragen Saatgut unsrer Taten
bis die Welt an ihnen darbt und blüht.
Sind sie gar verdorben und missraten,
ernten wir die Schuld, bis es genügt;

bis das Bild im Spiegel klar geworden,
bis das Echo aus der Umwelt lacht.
Wir kreieren weise unsren Morgen,
Zustände des Gestern sind vollbracht.

Umwelt ist geformt nach unsrem Bilde.
Im Erkennen sehn wir „Das bin ich!“
Hoffnungsfroh sucht man des Bildes Milde,
und versteht: Ein Neubeginn ist Pflicht!

Wir sind auf dem Weg, uns selbst zu finden
und bemühn uns, Gutes auszusäen,
Zustände von Gestern überwinden,
keine Macht dem Zeitgeschehen.