Verlorene Träume

Fahl wirft der Vollmond Schatten in die Zimmer.
Groß steht er, Stern umringt, in stiller Wacht.
Hat mich geweckt durch seinen Zauberschimmer.
Nun lieg’ ich lang schon, lausche in die Nacht.

Die Grillen geigen monotone Partituren.
Das Blattgewand, es rauscht im nahen Baumgeäst.
Ein Schlag fährt durch die müden Weltenuhren;
die Mitternacht hält magisch alle Zeiger fest.

Mein Engel singt mir Nachtwindmelodien.
Gott streut ein lichtes Ahnen in die Zeit.
Die Wesen aus den Schattenreichen fliehen
vorbei wie trüber Nebelhauch … so weit.

Der Schlaf, der gnädige, ist mitgegangen.
Gedanken treiben wie das Wasser an den Strand.
Sie kommen und sie gehen … traumverhangen
zieh’ ich mit ihnen ins verklärte Niemandsland.

Dort liegt mein Tränensee und auf dem Grunde
verlorene Träume, dicht an dicht, wie Stein an Stein.
Ich treib’ hinab, versink in sonnenferner Stunde,
spinn’ neue Träume, losgelöst vom Sein.

Bilder im Kopf

Fritz Zuber-Bühler (1822-1896)
Was ich noch sagen wollte,
halten Lippen noch verschlossen;
unaussprechlich ist der Sinn,
bis in Letter er gegossen. 

Meine Zunge hütet ihn
und der Ausdruck schweigt im Hirn;
viele Weichen muss er nehmen,
um Synapsen zu entwirren.

Innere Bilder nur, sie gleichen
dem Gedankenfluss im Kopf;
fließen durch die Nervenbahnen
in die Hände wie ein Tropf.

Um ein leeres Blatt zu füllen,
strömen Worte aufs Papier
und der Kopf wird frei für Neues –
so reift ein Gedicht in mir. 

Worte

Bild: Karin M.

Der wortgewandten Redner gibt es viele,
doch sind’s oft leere Blasen,
die aus ihren Mündern strömen,
und die zerplatzen dort mit lauten Tönen.

Doch gibt es jene Worte,
die die Welt verändern,
weil sie selbst in den fernsten Ländern
und in den taubsten Ohren
wie ein Ave Maria klingen,
denn sie zerplatzen nicht,
sie singen.

Urkraft

Vladimir Kush (1965…)

Alle menschlichen Ideen,
wie Tau entströmt, aus fernen Himmeln,
Talente, wie gepflastert auf Alleen,
die Stolpersteine nahmen, die wir gingen.

Die Urkraft, die ihr Werk der Erde schickt,
Wunschbilder, die ins Seelenlicht getaucht,
ein Denken bilden, das uns hilft und glückt,
Gedanken, die der Mensch zum Leben braucht.

Es sind die hohen Kräfte, die uns dienen,
sie streuen Gottvertrauen auf die Erde,
und was zuerst im Seelenlicht erschienen,
das baut der Mensch, es ist dann sein
„Es werde!“

Haiku

Gedanken-Bilder,
eingesperrt in Rahmen,
der, viel zu klein,
nur wenig zeigen mag.

Ich mag sie nicht,
die eingegrenzten Armen,
fixiert, gefühllos,
wohl dosierte Tags*.

Sind wie ein Bonsai,
ein gestutzter Riese,
bezwungne Kraft,
von Menschenhand
dressiert.

Sind wie das Ändern
einer göttlichen Devise,
nur an der Zahl der
Silben interessiert.

*Tag=HTML – Markup