Herbstregen

Iwan Iwanowitsch Schischkin (1832 – 1898) – Regen im Eichenwald

Der Herbst zog ein, stürmisch und nass.
Die Zeit der Raben ist erwacht!
Die Sonne zeigt sich kühl und blass;
die Dunkelheit bringt frühe Nacht.

Die Kälte hat sich breit gemacht
auf allen Wegen, die ich gehe.
Die Wolken ziehn mit nasser Fracht
und Tropfen bilden kleine Seen.

Ein ständig Regenprasseln zieht
den Schmutz der Straße mit sich fort.
Ach, könnt ich mit den Vögeln fliehn,
wünsch mich an einen lichten Ort.

Die Krähen sammeln sich zu Hauf;
mit Krächzen fliegen sie so weit.
Die Jahreszeit nimmt ihren Lauf.
Der Mensch sinnt still nach bessrer Zeit.

Mainacht

Ostseestrand – Eugen Dücker 1841-1916

O meine selige Jugend!
Blaue Tage am Ostseestrand,
wenn in den grauen Schluchten
jeder Baum in Blüte stand.

O glühende Sommernächte!
Am offenen Fenster durchwacht.
Ferne Gewitter rollten
im Westen die ganze Nacht.

Und über den Lindenwipfeln
führten im Blitzesschein
die alten Preußengötter
ihren ersten Frühlingsrein.

Herden und Saaten segnend,
schwanden sie über das Meer.
Ihre hohen Bernsteinkronen
blitzen noch lange her.

Agnes Miegel 1879-1964

Verbindung

Maler unbekannt

Beseelt von neuem Glück will ich dir schreiben,
in manchen Reim versteckter Weisheit Sinn,  

vieles wird wie die Sphinx zwar groß und schön,
doch um so rätselhafter bleiben,  

das Wort wird lenken deinen Weg zu Anbeginn;  
und während ich gedanklich mich im Vers verbinde,

verrinnen die Sekunden visionär;  
ersehnend fühl’ ich lang vergangne Erdengründe

– die Zeit, sie flog dahin, als obs ein Lidschlag wär‘.  
Bist Führer meiner Seele fehlend’ Hand,

bin nur im Geiste das verborgne Glied,  
hinter des Schleiers Anderwelten, unerkannt,

bin ich Vermittler, spinne dir mein Lied.  
Ich bleibe stumm, habe nur diese Zeilen,

um dir zu sagen: Sinnend wart’ ich hier!  
So sehr ein Wort verletzt, so sehr kann es auch heilen;

bin nur gedankenweit entfernt von dir.  
Du wirst es spüren: Wenn ich bei dir weile,

vergessen wir gemeinsam Zeit und Raum,  
wenn ich vom Licht des Universums schreibe,

verschmelzen Endlichkeit und Ewigkeit im Traum.  
So, wie ein Wolkenband den Himmel ziert,
so sollen die geschriebnen Worte sein,  

Gedanken, wie von Engeln inspiriert,
sie gehen tief ins menschlich‘ Herz hinein.