Brot der Sprache

Der jüdische Schriftsteller Hans Sahl (eigentlich Hans Salomon) 1902-1992 war vor den Nationalsozialisten nach Frankreich geflüchtet. Von dort gelang ihm 1941 die Emigration in die vereinigten Staaten von Amerika.

Kein deutsches Wort hab ich so lang gesprochen.
Ich gehe schweigend durch das fremde Land.
Vom Brot der Sprache blieben nur die Brocken,
die ich verstreut in meinen Taschen fand.

Verstummt sind sie, die mütterlichen Laute,
die staunend ich von ihren Lippen las,
Milch, Baum und Bach, die Katze, die miaute,
Mond und Gestirn, das Einmaleins der Nacht.

Es hat der Wald noch nie so fremd gerochen.
Kein Märchen ruft mich, keine gute Fee.
Kein deutsches Wort hab ich so lang gesprochen.
Bald hüllt Vergessenheit mich ein wie Schnee.

Schicksal und Wissenschaft

Paul-Albert Besnard (1849-1934) – Wahrheit und Wissenschaft

Es sei der Friede des Abends in Euch, es werde die Stille, die die Fülle birgt und mit sich bringt, in Eurem Herzen laut und spreche mit der Sprache, die keine Worte hat.

Wenn Ihr in Worten Erkenntnisse, die andere erkannt haben, vermittelt bekommt, müsst Ihr Euch an dem Band der Worte zurücktasten zu jenen Quellen, woraus die Erkenntnis floss, und nur wem selbst schon die Quellen fließen, vermag dieses Zurücktasten, dieses am Band der Worte sich zurückfinden zum Ursprung zu bewerkstelligen. Ein anderer bleibt bei den Worten stehen, und die Erkenntnis, die sie verbergen, geht ihnen nicht auf.

Es erkennen einander die Seelen, die auf gleicher Stufe stehen oder um des gleichen Zieles willen zusammengeführt werden. Es grüßen einander die Seelen, deren Fähigkeit ausgebildet ist, an dem Band der Worte zurückzufinden zum Ursprung der Worte. Sie haben die gleiche Sprache, und daher verstehen sie einander in jeder Erdensprache. Sie haben die gleichen Augen, die hinter die Dinge schauen können, und daher sehen sie bei allen Dingen, die immer nur Symbol sind, und bei allen Begebnissen, die nur letzter Ausdruck, nur ins Irdische übertragener Ausdruck des Geistigen sind, das Gottgewollte, das Schicksalhafte, während Menschen mit geschlossenen Geistesaugen die Dinge alleine sehen und sie in ihrer Vielfalt sehen, sie zählen, sie untersuchen und einordnen statt sie unterzuordnen dem Sinn.

Menschen, die offene Geistesaugen haben, fragen nicht mehr: Was ist das?, sondern sie fragen: Was bedeutet das? Und wie sie die gleiche Sprache und die gleiche Kraft der Deutung haben, so haben sie die gleiche Sehnsucht. Die Sehnsucht aber ist das Höchste, weil sie dem Höchsten entgegenführt. Sie ist das Wissen, denn nur was man weiß, wenn auch schattenhaft und unklar nur weiß, kann man ersehnen. Es trägt das Wissen und die Weisheit in sich, wer der Sehnsucht fähig ist, es ist schon dem Licht verbunden, wer zur Flamme der Sehnsucht wurde, wer wärmen und entzünden kann. Wisst Ihr, dass damit die Aufgabe des Wärmespendens und Entzündens verbunden ist? Und wisst Ihr, dass, wer eine Aufgabe erhalten soll, erst geprüft werden muss?

Ich wisst es und schreckt doch vor jeder Prüfung zurück, Ihr sehnt Euch und wollt doch behalten, was Ihr habt, und beharren, wo Ihr steht. Aber seht, was Eure Hände nicht hergeben können, das Schicksal, das gütige, der Vollstrecker Eurer eigenen Sehnsucht, entwindet es Euch. Es erfüllt an Euch, wozu Ihr selbst nicht die Kraft findet, es führt aus, was Euer eigenes inneres Wollen und Streben ist.

Die Ihr das Leuchten der Sehnsucht in Euch habt, wärmt und entzündet andere Lichter auf der dunklen Welt und seid getrost: Der Euch zu Lichtern werden ließ, der weiß warum und zu welchem Zweck.

<Ephides>

Saumseligkeiten

„Saumseligkeiten“,
reihen sich ein in den Tanz
längst vergessener Ausdrucksweisen.

Belanglos gewordene Worte
fliehen aus der deutschen Sprache,
vor den Buchstaben der neuen Zeit,
in ein Vakuum des Vergessens,

sind allmählich abgelebt,
vergangen und unverstanden,
liegen neben anderen,
in schwarzen Trauerflor gehüllt,
auf dem Kuschelfriedhof der Sprache
und öffnen dem Erinnern einen kleinen Spalt.

Verhängnisvolle Worte

Quelle: Seniorenportal

Ersonnen sind der Worte viele,
besinnliche Gedankenspiele,

die ganze Blätter-Wälder füllen,
erdacht, geschrieben, ganz im Stillen,

Anziehungskraft des fremden Flairs,
Unendlichkeit des Schriftenmeeres,

lässt uns in ferne Welten tauchen,
kann Märchen Wirklichkeit einhauchen;

das, was sonst niemand anders schafft,
vollbringt des Wortes Zauberkraft.

Schenkt uns ein Wort der Liebe Glück,
so nimmt ein andres dies zurück.

Mit ein paar hingesagten Sätzen,
kann man die Seele tief verletzen,

und oft noch leidet man alsdann
darunter gar ein Leben lang.

Wählt eure Worte mit Bedacht
und sprecht nicht aus, was Leiden schafft,

man kann in wunden Augen lesen,
dass Schweigen besser wär’ gewesen.

Dichten und danken

Gabriel Charles Dante Rossetti (1828-1882)

Kommt der Schöpfer allem Blüh‘n entgegen,
schenkt er diesem Sonnentag den Segen,

öffnen sich die Blühten nach dem Licht,
das sich in des Lebens Schatten bricht.

Mit dem Dichten schwebender Gedanken,
tasten Verse sich, wie grüne Ranken,

sind Verdichtung hier, wie ein Gebet,
das in Dankbarkeit zum Himmel schwebt;

möchte mit viel Tiefe weitergeben,
Worte, die geschenkt sind meinem Leben.

Buchstabenperlen

Louis Janmot (1814-1892) – Das Gedicht der Seele

Des reinen Geistes Sinn wird offenbar,
webt aus Gedanken edler Verse Reim,

Vokabular, wie gold‘nes Engelshaar,
verflochten mit der tiefen Liebe Keim,

Buchstaben-Perlen, leerer Seiten Zier,
sie reih’n sich Wort an Wort mit Poesie,

dringen tief in dein Sein, verweilen hier,
wie eine Seelensinfonie.

Worte

Bild: Karin M.

Der wortgewandten Redner gibt es viele,
doch sind’s oft leere Blasen,
die aus ihren Mündern strömen,
und die zerplatzen dort mit lauten Tönen.

Doch gibt es jene Worte,
die die Welt verändern,
weil sie selbst in den fernsten Ländern
und in den taubsten Ohren
wie ein Ave Maria klingen,
denn sie zerplatzen nicht,
sie singen.

Gedankenbote

Raphael – Sixtinische Kapelle

Bin der Gedankenbote,
kein Wenn und Aber füg’ ich ein,
sende in ausgeglich’nem Lote,
Ideen mal in groß, mal klein.

Bin der Geschichtenschreiber
von allerhöchster Stelle;
ein wortgewandter Treiber,
mal langsam und mal schnelle.

Bin Morgenstund-Erzähler,
zum Abend stimme ich dich ein,
will Freude, niemals Quäler,
deiner Gedankenvielfalt sein.

Das Denken, trüb und heiter,
geht auf die Weltenreise,
rinnt durch dein Hirn und weiter
hinaus auf deine Weise.