Erste Frühnebel verschleiern die Stadt, vom nahenden Herbst ein Erinnern. Die Nachbarschaft in gedämpftem Matt, in den Fernen ein graues Schimmern.
Ich freu mich auf Astern und Heidekraut, den Balkon in Lila zu schönen, auf gedämpftes Sonnenlicht, mild vertraut, färbt die Blätter bunt, die jetzt grünen.
So erfrischend ist es, wenn Hitze vergeht, Heißluft ist für mich eine Plage. Der Herbst steht bereit, die Sommerzeit geht, mit ihr gehen die Spätsommertage.
Die Sonne blinzelt durch die Scheiben, als hätte sie an Kraft verloren. Ich hab bei diesem Wettertreiben wenig geschwitzt und viel gefroren.
Sind Pole längst verschoben worden? Die Erde scheint ins ‚Aus‘ geführt. Ist dort, wo Norden war, noch Norden, die neue Eiszeit programmiert?
Kommt das, wo jetzt die Meere stranden, was Menschen der Natur entrungen, durch Überflutungen abhanden, wie von Atlantis einst gesungen?
Gab es ein Land vor unsrer Zeit, mit Geistesgrößen, die ertrunken, Hochtechnisiert vor langer Zeit, laut Platon längst im Meer versunken?
Unsterblich wollten sie sich machen, mit machtbesessener Eitelkeit, dann schluckte es des Meeres Rachen, das einst gemachte Menschenreich.
Die Welt vergeht, sie treibt und wandelt, was heute glänzt, ist morgen fort. Die Menschheit forscht, sie lebt und handelt. Zu spät? Ein andrer führt das Wort!
Aus dem Poesiealbum meiner Mutter „Lass die Winde stürmen auf der Lebensbahn/Ob die Wogen türmen gegen deinen Kahn/Schiffe ruhig weiter, wenn der Mast auch bricht/Gott ist dein Begleiter, er verlässt dich nicht.“
Als Blatt Papier, beschrieben sein, mit bunt bemalten Bildern glänzen, mit schöner Schrift, gebleicht und fein, das Leben wortreich zu bekränzen.
Dort, wo der Bleistift korrigiert, in tristem Grau das falsche Wort, setzt sich das Schreiben Hand geführt, als Sinnbild des Charakters fort.
Wenn Stift durch Feder übernommen, wenn bleibend wird, was unreif war, in Schrift und Bild ist es vollkommen, die inn’re Ordnung stellt es dar.
Tintenfass und Gänsekiel haben heut leider ausgedient, die schnelle Zeit, sie fordert viel, selbst unsre Kulis sind ‚vermint‘.
Druckautomatik ‚spricht in Bänden‘, die Handschrift wird längst abgewöhnt. Die Schrift, als Kunst von Hirn und Händen, gilt als Vermächtnis Gold gekrönt!
„Saumseligkeiten“, reihen sich ein in den Tanz längst vergessener Ausdrucksweisen.
Belanglos gewordene Worte fliehen aus der deutschen Sprache, vor den Buchstaben der neuen Zeit, in ein Vakuum des Vergessens,
sind allmählich abgelebt, vergangen und unverstanden, liegen neben anderen, in schwarzen Trauerflor gehüllt, auf dem Kuschelfriedhof der Sprache und öffnen dem Erinnern einen kleinen Spalt.
Gemäldeausschnitt: Maria Knotenlöserin Johann Georg Melchior Schmidtner (1625-1705)
Gefühlte Freiheit ist des Menschen Flucht aus Alltag, Dasein fristend in den Räumen. Im Außen er nach Licht und Sonne sucht, sein Geist sucht Wirklichkeit in seinen Träumen.
Sind’s oft verwirrte Fäden, unlösbar, die Menschen um ihr Schicksal banden, so mancher Sommertraum macht klar, das, was verband, kam irgendwann abhanden.
So ist der Faden unsres Lebensbandes mit vielen Knoten oft versehen. Ein jeder muss sie selber lösen, die eigene Schuld daran, verstehn.
Die alte Welt, die unzerstörbar schien, zerbricht am technisierten Leben; das Neue kommt, die alten Werte fliehen, Bequemlichkeit, die nehmen will, nicht geben.
Der Spaß der Zeit tanzt in den Alltagsköpfen, singt mit den Weltenbummlern im Duett, versucht mit allen Mitteln auszuschöpfen, was nichts Althergebrachtes auf dem Etikett.
Die Menschen beuten aus und unterdrücken, wollen stets größer, schneller sein und weiter. Erfindungen sind keine Himmelsbrücken, die andre Seite der Medaille ist nicht heiter!
Die Welt scheint ankerlos, von Gier gehetzt, mit Toten im Gepäck, viel an der Zahl. So brüchig wirkt sie, schwer verletzt, findet an vielen Orten Leid und Qual.
Sie blutet still, aus tausend Wunden, der „Herr der Fliegen“ tobt sich auf ihr aus. Bald scheint der Mensch auf ihr verschwunden, vergeht wie Staub, im Geisterhaus.
Auf dieser Welt sieht jeder nur Gewinn. Was geben wir zurück, wenn’s doch gestohlen? Bald treibt die Welt als Geisterschiff dahin. Ist an der Zeit, die Segel einzuholen!
Als Kind trugen mir Bücherzeilen Geschichten in mein Herz hinein, begleiteten mich in stillen Räumen, bei Regen, Schnee und Sonnenschein.
Was ich auf Schiefertafeln schrieb, war wie ein Tanz des Alphabetes; Buchstabenreigen, wirbelnd und tief, schien ein von Geheimnis Umwebtes.
Griffel quietschten, ich lernte beherzt, wollte schreiben und verstehen, um zu erkennen, was Drama und Scherz, wie es die Erwachsenen sehen.
Ich besaß einen kleinen Koffer im Haus, darin schaute ich Bilder, stundenlang, denn der Inhalt waren Hefte von Mickey Mouse, sie zogen mich in ihren Bann.
Ich las jedes Blatt, jedes Heftchen hier; als ich mit fünf Jahren zur Schule ging, war ich in den Klassen ein Pionier, dem man gern an den Lippen hing.
War ‚nur‘ ein Mädchen, mit wachem Verstand, aber ‚nur‘ ein Arbeiterkind. Oft wurde ich drohend mit „Fräulein“ benannt. Für ein Mädchen war Vater blind,
und schlauer als er durfte niemand sein. Nur die Volksschule gab es für mich. „Oberschüler bleiben lieber allein. Ein Kind, wie dich, das wollen die nicht!“
Einschulung 1958
Ich fügte mich, galt als „unnützes Ding“, war zu schwach für die Männerwelt. Nahm die Prügel meiner Eltern hin, ich taugte nichts, kostete Geld.
Ich lernte leidgeprüft, was Drama ist, hüllte ängstlich mein Dasein in Schweigen. fühlte in mir, was man nie vergisst, lebe lieber in Bücherzeilen.
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