Die Kunst des Schreibens

Aus dem Poesiealbum meiner Mutter
„Lass die Winde stürmen auf der Lebensbahn/Ob die Wogen türmen gegen deinen Kahn/Schiffe ruhig weiter, wenn der Mast auch bricht/Gott ist dein Begleiter, er verlässt dich nicht.“

Als Blatt Papier, beschrieben sein,
mit bunt bemalten Bildern glänzen,
mit schöner Schrift, gebleicht und fein,
das Leben wortreich zu bekränzen.

Dort, wo der Bleistift korrigiert,
in tristem Grau das falsche Wort,
setzt sich das Schreiben Hand geführt,
als Sinnbild des Charakters fort.

Wenn Stift durch Feder übernommen,
wenn bleibend wird, was unreif war,
in Schrift und Bild ist es vollkommen,
die inn’re Ordnung stellt es dar.

Tintenfass und Gänsekiel
haben heut leider ausgedient,
die schnelle Zeit, sie fordert viel,
selbst unsre Kulis sind ‚vermint‘.

Druckautomatik ‚spricht in Bänden‘,
die Handschrift wird längst abgewöhnt.
Die Schrift, als Kunst von Hirn und Händen,
gilt als Vermächtnis Gold gekrönt!

Wege der Wahrheit

Kloster Kamp – Foto: Gisela Seidel

Die Fesseln sprengen,
Vergangenes segnen,
der Freude im Herzen
mit Liebe begegnen.

Das Neue betrachten,
mit Hoffnung und Wonne,
die Seele erleuchten
mit innerer Sonne.

Die Wege der Wahrheit
mit Weisheit erhellen.
Kein leuchtend’ Talent
unter Scheffel stellen.

Die Blindheit mit
göttlicher Weitsicht füllen,
den Höhenweg ebnen,
um Gottes Willen.

Den Glanz aller Tage
zum Blütenkranz binden,
zu reichen der Herrlichkeit
hinter den Sinnen.

Sommersonnenwende

Hugo Mühlig (1854-1929) – Heuernte am Niederrhein

Die Reife des Sommers bringt Ernte ins Land,
saß als Kind auf dem Heuwagen, oben.
fühlte den Weizen unter der Hand,
seh‘ die Halme im Sommerwind wogen.

Brachten die Schnitter mit Sense und Müh‘
das Getreide in Mühle und Scheuer,
erwartete uns Kinder bereits in der Früh‘,
ein willkommenes Abenteuer.

Hab versucht, auf den Plätzen von einst,
Szenen von damals zu finden,
doch die Gassen sind fremd, die Höfe verwaist,
muss den Strauß aus Erinnerung binden.

Der Schnitter macht vor Menschen nicht Halt –
es sind schon so viele gegangen.
Nach dem Ende des Sommers wird es bald kalt,
das Gedächtnis mit Nebel verhangen.

Ein auf Kopfsteinpflaster endender Klang,
Nachhall gemachter Schritte,
gleicht Sisyphus Arbeit ein Leben lang,
verbleibt im Körper, als Schwere der Tritte.

Schönheit verging, erst heimlich, dann schnell.
Der Frühling ist lang schon Geschichte,
dessen Last trag ich heut noch, wie ein Rebell,
zum Richtplatz… auf dem ich vergebe, nicht richte.

Saumseligkeiten

„Saumseligkeiten“,
reihen sich ein in den Tanz
längst vergessener Ausdrucksweisen.

Belanglos gewordene Worte
fliehen aus der deutschen Sprache,
vor den Buchstaben der neuen Zeit,
in ein Vakuum des Vergessens,

sind allmählich abgelebt,
vergangen und unverstanden,
liegen neben anderen,
in schwarzen Trauerflor gehüllt,
auf dem Kuschelfriedhof der Sprache
und öffnen dem Erinnern einen kleinen Spalt.

Dichten und Denken

Tanz der Musen mit Apollon – Giulio Romano (1499-1546)

Der Muse Mund zu küssen,
ist wie ein fernes Grüßen,

bringt Poesie der Stunde,
des Herzens tiefe Kunde.

Gedichte müssen klingen,
sich in Gedanken schwingen,

die Verse fühlend gleiten,
sich Reim für Reim ausweiten.

Die Zeilen müssen passend
die Silbenzahl erfassend,

beflügelnd Reime bringen,
die sanft in Seelen singen,

als Element des Lebens,
des geistigen Bestrebens,

des Schreibers dichtes Denken,
ein Geben und Verschenken.

Gelöste Knoten

Gemäldeausschnitt: Maria Knotenlöserin
Johann Georg Melchior Schmidtner (1625-1705)

Gefühlte Freiheit ist des Menschen Flucht
aus Alltag, Dasein fristend in den Räumen.
Im Außen er nach Licht und Sonne sucht,
sein Geist sucht Wirklichkeit in seinen Träumen.

Sind’s oft verwirrte Fäden, unlösbar,
die Menschen um ihr Schicksal banden,
so mancher Sommertraum macht klar,
das, was verband, kam irgendwann abhanden.

So ist der Faden unsres Lebensbandes
mit vielen Knoten oft versehen.
Ein jeder muss sie selber lösen,
die eigene Schuld daran, verstehn.

Die kranke Welt

Quelle: Wikimedia

Die alte Welt, die unzerstörbar schien,
zerbricht am technisierten Leben;
das Neue kommt, die alten Werte fliehen,
Bequemlichkeit, die nehmen will, nicht geben.

Der Spaß der Zeit tanzt in den Alltagsköpfen,
singt mit den Weltenbummlern im Duett,
versucht mit allen Mitteln auszuschöpfen,
was nichts Althergebrachtes auf dem Etikett.

Die Menschen beuten aus und unterdrücken,
wollen stets größer, schneller sein und weiter.
Erfindungen sind keine Himmelsbrücken,
die andre Seite der Medaille ist nicht heiter!

Die Welt scheint ankerlos, von Gier gehetzt,
mit Toten im Gepäck, viel an der Zahl.
So brüchig wirkt sie, schwer verletzt,
findet an vielen Orten Leid und Qual.

Sie blutet still, aus tausend Wunden,
der „Herr der Fliegen“ tobt sich auf ihr aus.
Bald scheint der Mensch auf ihr verschwunden,
vergeht wie Staub, im Geisterhaus.

Auf dieser Welt sieht jeder nur Gewinn.
Was geben wir zurück, wenn’s doch gestohlen?
Bald treibt die Welt als Geisterschiff dahin.
Ist an der Zeit, die Segel einzuholen!

Ort des Vergessens

Bild von Paul Sprengers auf Pixabay

Das alte Haus am Stadtrand,
ist angefüllt mit Licht,
doch in den dunklen Stunden
sieht man’s von außen nicht.

Die durch die Räume schweben,
es sind die alten Träume,
der längst vergang’nen Leben,
sie tanzen durch die Räume.

Ein Duft von fremden Ländern,
ein Jauchzen und ein Singen,
wie rauschen von Gewändern
und unbekannte Stimmen.

Energie in allen Räumen,
ein Flüstern und ein Raunen,
wie längst verhalltes Lachen
von magischen Alraunen.

Doch draußen ist es stille,
der Abendwind weht leise.
Der Ort, nur leere Hülle,
träumt die vergessene Weise.

Die Geister dieses Ortes
sind lang schon fortgeweht,
im Klang des Zauberwortes,
ein Traum, der weiterlebt.

Buchstabenreigen

Alte Schule

Als Kind trugen mir Bücherzeilen
Geschichten in mein Herz hinein,
begleiteten mich in stillen Räumen,
bei Regen, Schnee und Sonnenschein.

Was ich auf Schiefertafeln schrieb,
war wie ein Tanz des Alphabetes;
Buchstabenreigen, wirbelnd und tief,
schien ein von Geheimnis Umwebtes.

Griffel quietschten, ich lernte beherzt,
wollte schreiben und verstehen,
um zu erkennen, was Drama und Scherz,
wie es die Erwachsenen sehen.

Ich besaß einen kleinen Koffer im Haus,
darin schaute ich Bilder, stundenlang,
denn der Inhalt waren Hefte von Mickey Mouse,
sie zogen mich in ihren Bann.

Ich las jedes Blatt, jedes Heftchen hier;
als ich mit fünf Jahren zur Schule ging,
war ich in den Klassen ein Pionier,
dem man gern an den Lippen hing.

War ‚nur‘ ein Mädchen, mit wachem Verstand,
aber ‚nur‘ ein Arbeiterkind.
Oft wurde ich drohend mit „Fräulein“ benannt.
Für ein Mädchen war Vater blind,

und schlauer als er durfte niemand sein.
Nur die Volksschule gab es für mich.
„Oberschüler bleiben lieber allein.
Ein Kind, wie dich, das wollen die nicht!“

Einschulung 1958

Ich fügte mich, galt als „unnützes Ding“,
war zu schwach für die Männerwelt.
Nahm die Prügel meiner Eltern hin,
ich taugte nichts, kostete Geld.

Ich lernte leidgeprüft, was Drama ist,
hüllte ängstlich mein Dasein in Schweigen.
fühlte in mir, was man nie vergisst,
lebe lieber in Bücherzeilen.

Wenn ich gestorben bin

Wenn ich vergeh‘, vergeht die Welt in mir.
All das Erlebte wird zum Augenblick,
von der Erinnerung bleibt eine Tür,
schau ich hindurch, führt mich kein Weg zurück,
nur auf Vergangenes ein kurzes Sehen,
all das war Ich, vor langem das Geschehen,
rahmenlos groß das Bild darin,
von Zeit befreit, wenn ich gestorben bin.