Vertraute Töne

Claude Monet (1840-1926)

Es tönt in uns, wie ein vergessenes Lied,
die Stimme Gottes klingt vertraut
und unser Herz erblüht.
Es ist, als schreiten wir durchs milde Abendlicht,
vorbei an fremden Gärten, fremden Türen,
und plötzlich lauschen wir gespannt und spüren
die Stimme eines Engels, her geweht,
aus fernen Himmeln, wie der Mutter Singen,
so süß und weich wie einst.
Wir stehen still und lauschen.
Will sie uns bringen
Erinnerung aus unsrem Kinderreich?
Ist es ein wohl vertrauter Klang aus Vaters Haus?
Das Lied der Freude löscht die Fremdheit aus,
und wie durch Zauberhand
blüh’n Heimatblumen uns in fremden Gärten,
und fremde Sterne leuchten traulich, Licht an Licht,
wenn Deine Stimme, Gott, aus einem Menschen spricht.

Abstand

Johann Heinrich Vogeler 1872-1942

Wie ein Dolchstoß traf mich dieses Wort,
wie ein Pfeil durchdrang er Mark und Bein.
Aus, vorbei! – Ein kurzer Schlussakkord,
klang mir warnend tief ins Herz hinein.

Wo vor nicht allzu langer Zeit
Nähe und Verbundenheit bestand,
löst nun dieses messerscharfe Wort
für ewig unser ‚untrennbares‘ Band.

Nichts blieb mir, nur Leere, Illusion.
Abstand halten, wird zur Zukunftspflicht.
Trifft mich doch dein harter Liebeslohn
wie ein Faustschlag mitten ins Gesicht.

Deiner Liebe hab‘ ich blind vertraut,
doch sie war ein langes Trauerspiel.
Wo normal sie Zukunftsschlösser baut,
hattest du nicht einen Stein, – kein Ziel.

Alles nahmst du mir, nichts bleibt zurück.
Scherben kann man kleben, Herzen nie!
Kreuzt sich dennoch unser Weg ein Stück,
werd‘ ich Abstand halten…irgendwie.

Frühlingshafte Freudigkeit

Albert Samuel Anker (1831-1910)

Ein Hahnenschrei begrüßte meinen Tag,
als ich noch klein im Bettchen lag.

Ich war noch wie ein leeres Feld,
hineingeboren in die Erden-Welt.

Voll Neugier war ich einst als Kind,
für’s harte Leben unschuldig und blind,

vertrauensvoll, eifrig und klug,
sah nicht der Menschen Fehl und Trug.

Frühling war in mir und das Freuen
auf viele Stunden, die bunten, neuen.

Morgens zog’s mich in den Garten,
wo große Wunder auf mich warten.

Lief hin zu dem hölzernen Gatter,
entzückt vom Entengeschnatter.

Klangfroh war’n die Küken im Glück,
nichts wissend um ihr Geschick.

So, wie im Abendrot verborgen,
sah ich den neuen lichten Morgen,

der still im Sonnenglanz sich kündet,
mit dem so manche Angst verschwindet,

und was mich abends noch bedrückt,
im Tageslicht war’s längst entrückt.

Die Kindheitslieben sind verborgen
unter den tristen Alltagssorgen.

Dinge besser machen, statt bereuen,
unschuldig, dem Licht entgegenfreuen,

so, in diesem Hell geborgen,
eil ich hin zum nächsten Morgen

und genieß in dieser Zeit
frühlingshafte Freudigkeit.

Schicksalsschleier

Caspar David Friedrich 1774-1840

Wirst du erwartungsvoll nach einer Antwort suchen
und fragend deinen Blick zum Himmel lenken,
in Träumen einen unbekannten Namen rufen,
und auch am Tage oft an dies Geheimnis denken?
 
Versperrt ist noch der freie Zukunftsblick,
wart’ nur, das Schicksal wird dir Zeichen senden,
und eines Tages mit noch unbekanntem Glück,
dein Leben und dein Los zum Guten wenden.
 
Das Namenlose, das du suchst, du wirst es finden,
das Unbekannte, es bekommt Gesicht.
Kannst du es lieben, wirst du selbst ergründen,
ob du Erfüllung wähltest oder nicht.
 
Suche den rechten Weg, folg deinem Herzen;
lass alles was dich traurig macht zurück.
Die Engel leuchten dir mit Wunderkerzen,
Gott leitet dich auf deinen Weg ins Glück.
 
Fühlst du, der Himmel stellt des Lebens Weichen
für viele neue Wege, die wir gehen.
Eine Vision wird plötzlich dir die Hände reichen,
wo du es nicht erwartest, werden Engel stehen.

Gottvertrauen

William Adolphe Bouguereau 1825-1905

Welt liegt im Dunkeln,
ruht in schwarzen Schatten;
nirgends ein Sternenfunkeln,
und über den Rabatten
lasten die alten Flüche,
im Niemandsland, da weint die Psyche
ängstliche Tränen.

Wie man sich ohne Mutterseele ganz alleine fühlt,
so wie ein Sandkorn, das vom großen Meer umspült,
bleibt einsam man im Innern,
nur Liebe kann im Außen dann verringern,
wonach wir lebenslang uns sehnen.

Alleine wir uns oftmals wähnen
in unsrer Lebensschlacht,
wenn sie uns unerwartet Leiden schafft
und Herzen kalt zu Stein erstarren lässt,
stehn wir trotz aller Seelenqualen felsenfest,
empfangen selbst die ärgsten Hiebe
für etwas Liebe,
die oftmals, eh‘ sie überhaupt begonnen,
sogleich zerronnen.

Doch ist die Nacht auch dunkel, voller Sorgen,
vertraun wir auf den fernen, lichten Morgen,
den wir mit Glauben, Hoffnung, Liebe füllen werden,
so schaffen wir Verschmelzung schon auf Erden,
mit dem allein wir uns verbinden können.

So, von der unsichtbaren Welt begleitet,
dem eignen Willen folgend, werden wir geleitet;
gehn zwar alleine durch des Lebens Wüstenschwüle,
am Ende dann, gelangen wir zum Höchsten der Gefühle.

So flüchtig, wie die Liebe hier auf Erden war,
so endlos währt sie gottesnah!

Gottesgabe

Krankes junges Mädchen – Michael Peter Ancher

Es sind so viele Wünsche, die ich für dich habe,
nur Glück und Liebe soll’n dein Herz erfreu’n;
dass du gelebt, sollst du als Gottesgabe,
im tiefsten Seeleninnern nie bereu’n.
 
Und wird sich manches Glück auch wandeln,
aus deinen Augen Trauertränen rinnen,
so wird ein gottesnahes Handeln,
dich stets zum stillen Frieden bringen.
 
Vertraue und sei guten Mutes,
was auch dein Schicksal bringen mag
und ist es manchmal wenig Gutes,
dann freu dich auf den neuen Tag.

Zur Nacht

Bis dass der Tag beginnt,
vom Sonnenlicht erweckt,
geborgen wie ein Kind,
mit Träumen zugedeckt,

an Mutters festen Hand,
durch grüne Wiesen gehn,
im bunten Niemandsland,
bei sanften Engeln stehn.

Im Flügelschlag der Zeit,
zum Geist der Himmelsruh.
Schlaf gut und sei bereit!
Mach deine Augen zu.

Von Welt und Angst befreit,
fühl dich ins Licht gehoben.
Spür frei von Raum und Zeit
Glückseligkeiten oben.