Traumwelten

Hieronymus Bosch (1450-1516)

Die kurze Nacht verging,
es blieben dunkle Stunden,
Träume, die nicht verwunden,
sind immer noch im Sinn.

Es blutete aus Narben,
verdrängt ist all das Schöne,
und all die lichten Töne,
die mit den Wünschen starben.

Sie säuselten wie Stimmen
und sangen still: „Vergebens!“,
die Losung meines Lebens,
trostlos war ihr Verglimmen.

Die Hoffnungen ertranken
im Blute meines Herzen.
Trug Tränen meines Schmerzes
in meine Taggedanken.

Zur Ruhe

Die weite Welt ist nun zur Ruh’
Das Mondlicht kommt verstohlen
und küsst die müden Augen zu.
Schatten kommen, so kommst auch Du
schwebend auf leichten Sohlen.

Noch fühl ich das Beben in deiner Hand,
als wir im Sommer schieden.
Der Winter kam und der Winter schwand;
ich wand’re im fernen, fremden Land
und finde nimmer den Frieden.

Wie seh’ ich dein Auge leuchtend klar
und Tränen darin stehen!
Ich weiß nicht, wie es geschehen war,
das aber weiß ich immerdar,
dass Leides uns geschehen.

Die ganze Seele füllt’ ich dir aus,
Wärest du jetzt mein eigen;
Doch du schlummerst fern im grünen Haus,
Nachtfalter flattern herein, heraus,
Und im Garten wandelt das Schweigen.

Luftschlangen

Bild: Karin M.

Wirbeln aus der Tiefe
in den Nachthimmel hinein,
fegen ums Haus,
mit wilden Gebärden.
 
Herbstwind,
du unbändiger!
 
Ruhelos treibst du hinauf und hinab
wie die Geister, die wandern.
 
Vertreibe den Tod,
schaffe Platz für das Leben.
 
Bringe uns Neues –
den Wandel der Zeit!

Mond

Verweile lautlos am Zenit der Ewigkeit,
begleitet nur vom Widerschein der Sterne,
versunken tief im Meer der großen Einsamkeit,
getrennt von Zeit und Raum, den Welten ferne.

Anfang- und endlos dreh’ ich meine Kreise,
erhelle sanft die Nacht mit fahlem Licht;
Mondengel leiten meine stumme Reise
solange bis der nächste Tag anbricht.

Melodie der Nacht

www.mondlicht08.de – Karin Milde

Du bist vergangen,
fern noch dein Lied.
Es klingt so dunkel,
und der Himmel singt
so Gott befohlen.
 
Die Welt, sie schlief,
und wie im Traum,
mit ihr die Zeit,
fern macht der Tag sich
nun bereit,
auf unsichtbaren Sohlen.
 

Es strömt die Nacht

Ivan Konstantinowitsch Aiwasowski 1817–1900

Es strömt die Nacht – hast du sie wirken sehn?
Sie webt ihr silbern Kleid um jeden Reinen,
um ihn mit seinem Schöpfer zu vereinen
in alter Pracht.

Es strömt die Nacht – hast du sie weinen sehn?
Sie klagt um jede Seele, die verloren,
noch nicht den Christus in sich hat geboren,
eh es vollbracht.

Es strömt die Nacht – hast du sie leuchten sehn?
Schon naht, dem blinden Erdensinn verborgen,
der lang verheißne, neue Weltenmorgen.
Wohl dem, der wacht!

<Ephides>

Zur Nacht

Bis dass der Tag beginnt,
vom Sonnenlicht erweckt,
geborgen wie ein Kind,
mit Träumen zugedeckt,

an Mutters festen Hand,
durch grüne Wiesen gehn,
im bunten Niemandsland,
bei sanften Engeln stehn.

Im Flügelschlag der Zeit,
zum Geist der Himmelsruh.
Schlaf gut und sei bereit!
Mach deine Augen zu.

Von Welt und Angst befreit,
fühl dich ins Licht gehoben.
Spür frei von Raum und Zeit
Glückseligkeiten oben.

Ade zur guten Nacht

Der Abschied – Carl Spitzweg 1808-1885

Ade, zur guten Nacht!
Jetzt wird der Schluß gemacht,
daß ich muß scheiden;.
Im Sommer da wächst der Klee,
Im Winter, da schneit´s den Schnee,
da komm ich wieder.

Es trauern Berg und Tal,
wo ich viel tausendmal
bin drüber gegangen;
das hat deine Schönheit gemacht,
die hat mich zum Lieben gebracht
mit großem Verlangen.

Das Brünnlein rinnt und rauscht
wohl dort am Holderstrauch,
wo wir gesessen.
Wie manchen Glockenschlag,
da Herz bei Herzen lag,
das hast du vergessen!

Die Mädchen in der Welt
sind falscher als das Geld
mit ihrem Lieben.
Ade, zur guten Nacht,
jetzt wird der Schluß gemacht,
daß ich muß scheiden.

Text unbekannter Herkunft

Verlorene Träume

Butterfly – www.mondlicht08.de

Fahl wirft der Vollmond Schatten in die Zimmer.
Groß steht er, Stern umringt, in stiller Wacht.
Hat mich geweckt durch seinen Zauberschimmer.
Nun lieg’ ich lang schon, lausche in die Nacht.
 
Die Grillen geigen monotone Partituren.
Das Blattgewand, es rauscht im nahen Baumgeäst.
Ein Schlag fährt durch die müden Weltenuhren;
die Mitternacht hält magisch alle Zeiger fest.
 
Mein Engel singt mir Nachtwindmelodien.
Gott streut ein lichtes Ahnen in die Zeit.
Die Wesen aus den Schattenreichen fliehen
vorbei wie trüber Nebelhauch…so weit.   
 
Der Schlaf, der gnädige, ist mitgegangen.
Gedanken treiben wie das Wasser an den Strand.
Sie kommen und sie gehen; Traum verhangen
zieh ich mit ihnen ins verklärte Niemandsland.
 
Dort liegt mein Tränensee und auf dem Grunde
verlorne Träume, dicht an dicht, wie Stein an Stein.
Ich treib hinab, versink in sonnenferner Stunde;
spinn’ neue Träume, losgelöst vom Sein.