Die Kraft zu sehen

Slavisches Epos – Alfons Mucha (1860-1939)
In der dunklen Welt, in der wir leben,
Kraft zu sehen, was im Hintergrund,
möcht‘ ich mir und all den ‚Blinden‘ geben,
denn ich höre Angst aus ihrem Mund.

Doch den Glanz, den wir nicht sehen,
der uns wunderbar umgibt,
würde ich am liebsten denen
senden, die noch nie geliebt. 

Nebel trüben der Materie Hüllen,
alles lastet im Gefühl der Schwere;
Wolkendecken, die den Himmel füllen,
hindern Licht und warme Atmosphäre.

Es erhält uns Geisteskraft und Liebe -
Leben kann nicht ohne sie geschehen.
Gott erhält uns und das Weltgetriebe,
lässt es nach Bedingungen geschehen. 

Alles ist Erfüllung der Gesetze,
sichtbar oder unsichtbar beschwingt;
schaffen Ausgleich für des Lebens Hetze,
mit Dynamik, die uns Klarheit bringt.

Geist in uns, vom Schöpfer aller Dinge,
der sein Potential in unser Dasein trägt,
führt uns, dass die Kraft in uns gelinge,
die uns Tag für Tag im Innen prägt. 

Andere Zeiten

Foto: Peter Henry Emerson (1856-1936)
Längst vergangen sind die beschwerlichen Zeiten, 
wo Bauern hinter Pferd und Pflug her schreiten,
im März, wo Äcker und Felder warten auf Licht,
und die Sonne durch Wolken und Nebel bricht. 

In der schwere Winde den Winter vertreiben,
aus gepflügten Schollen die Setzlinge treiben;
wo die karge Stube noch kalt von der Nacht
durch das wärmende Feuer des Ofens erwacht.

Wo die Hände der Landwirte schwielig und grob
von der harten Arbeit – schmal der Lohn und das Brot. 
Andere Zeiten - man vergaß mit den Jahren,
in ‚Goldener Zeit‘ nach dem Dunkel zu fragen.

Verlassen sein werden die kostbaren Schollen,
auf denen sie sich nicht mehr abrackern wollen,
damit auf ‚hohem Ross‘, mit schwerem Gerät,
Böden verseuchter Gewinn entsteht. 

Protest mit dem ‚goldenen Löffel im Mund‘ -
man will nicht verlassen den kostbaren Grund,
keinen Fußbreit abweichen von seinem Glück,
doch bleibt es nur kurz, wie der Lenz, ein Stück. 

Unschuld

William Adolphe Bouguereau (1825-1905)

Unschuldige Augen, leerer Blick,
Spiel mit dem Tod wirft Seelenschatten.
Zerstörung ist ihrer Väter Geschick,
kennen nur die Geborgenheit durch Waffen.

Wunde Seelen und zerbrochene Herzen,
schrei’n nach Vergeltung und Sühne;
Zeit heilt Wunden, doch nie die Seelenschmerzen
bei den Kindern der irdischen Bühne.

Seh’n eine Welt voll Zerstörung und Hass,
fühlen Verzweiflung und Angst.
Befolgen gehorsam der Alten Erlass,
ihre Kindheit vergessen sie ganz.

Eine Seele, die niemals die Leichtigkeit sah,
nur den Krieg und das Spiel mit Patronen,
die nimmt ihr Sein nur als Werkzeug wahr,
wird Kanonenfutter für die Nationen.

Weltliche Liebe

Es ist schon so lange her,
die Zeit ist im Fluge vergangen,
da war kein Platz um mich leer,
meine Tage nicht grau und verhangen.

Da war meine Wohnung mit Licht
gefüllt und mit Freunden beglückt,
Münder, die schwiegen nicht -
Vertrauen ist wahrlich verrückt.

Ich glaubte, die Zukunft zu sehen,
mit Erwartungen, die sich erfüllt;
ich musste mir eingestehen,
es war nur ein berstendes Bild.

Liebe lernen, sie zu empfinden -
was ich im Kummer erfuhr,
sollte die Wahrheit entbinden:
Weltliche Liebe zeigt nur eine Spur!  

Viele kamen und gingen dahin -
bin betrübt vom wahren Geschehen;
enträtselt sind Fazit und Sinn:
Meine Seele ließ es geschehen. 

Nachtstunden

Quelle: Pinterest
Die Bienenschwärme machen sich bereit,
für erste Blüher, die in Büschen leuchten,
kommt bald der Frühling vor der Zeit -
die Tage sind zu warm, die feuchten.

Noch schweigt der Tag in dunklen Stunden,
der Tau liegt schwer auf blassem Wintergrün,
die Sterne sind im Licht der Stadt verschwunden,
der Mond war groß, nun muss er still verglühen.

Mit schwerem Nebel schonungsvoll verhangen
ist hier die Welt, das Morgenrot noch weit;
der Himmel weint, treibt Perlen auf die Wangen -
ich sehn‘ den neuen Tag im Licht herbei.

Zeitenwende

Quelle: Pinterest
Ich mag die Bilder nicht mehr sehen,
die manchmal in meinem Kopf entstehen!
Wenn ich mir vorstelle, ein anderer zu sein,
säße inmitten der Kriegsparteien,
fühle die Kälte des Schützengrabens
und das Gefühl nie gelebt zu haben,  
denn in mir ist schon längst alles tot,
die Einschläge spür‘ ich, die Angst und die Not.

Erschütterung liegt in Stadt und Land,
kein Baum, kein bewohnbares Haus, das ich fand.
Hier wird der Frühling nie wieder sein!
Kein Vogel singt mehr, nur verlassene Reihen.
Trostlos und nass sinkt das Land im Schlamm,
und der, der noch lebt, wird zum Opferlamm.
So stell ich mir vor, ein anderer zu sein,
verloren, vergessen in endlosen Reihen.

Ein Friedhof mit offenen Gräbern darin,
mit Menschen, die hofften zu Kriegsbeginn,
die das Grauen empfingen, das Sterben, den Tod.
Verirrtes Geschlecht treibt den Himmel rot!
Wetterleuchten seh ich am Himmel prangen,
blitzende Schauer und Häuser in Flammen,
durch ‚Schwarze Reiter‘, die sich selbst zerstören,
die dem ewig gestrigen Feind angehören.

Der Krone beraubtes Land – wie ein Baum,
der nicht grünen darf im feindlichen Raum,
dessen Wurzeln noch stehn, nach vollzogenem Beben.
Voller Sehnsucht wird zum Licht er sich heben!
Bilder in mir sind ein verzweifeltes Sehen,
denn Menschen, die dem entgegengehen,
die mit weißer Fahne der Liebe bestückt,
werden verachtet in den Abgrund gedrückt. 

Dämonen, die erobern, besetzen, zerstören,
die, wie Marionetten, Befehle des Bösen erhören,
gnadenlos, mit barbarischen Henkershänden
werden sie unzählige Leben zum Tode wenden.
Blutgetränkt tragen die Wurzeln am Ende,
wie der Baumstumpf, in sich, die Zeitenwende.  
Denk mir Bilder der Gnade, der Einigkeit -
was ist Frieden ohne Freiheit in dieser Zeit?

Osterlicht

Quelle: Pinterest
„Selig, die nicht sehen und doch glauben!“,
Heilands Worte trägt der Hoffnungswind.

Was im Menschen nebulös im Staube,
ist, das Gut und Bös Geschwister sind.

Sind erschaffen, um uns Licht zu bringen,
in die Seelen den Bewusstseinsschein;

doch Erleuchtung wird uns nur gelingen,
wenn wir zweifellos die Angst befreien.

Schwarzer Trauerflor liegt auf den Kriegen,
die wir jeden Tag im Leben führen,

können nur den eignen Drang besiegen
und den Sieg in unserem Glauben spüren.

Sehn den Strahlenglanz des Osterlichtes,
wie es leuchtend uns die Einsicht bringt,

von der Auferstehung nach dem Tod berichtet,
Jesus, selbstlos, ohne Furcht, für andere ringt. 

Es ist nötig, dunklen Hintergrund zu formen,
der die Schönheit hebt, erhellt die Sicht;

dunkel eingerahmt, die Lebensnormen,
wie ein Kirchenfenster strahlt im Licht. 

Die Vertriebenen

Die Vertriebenen – Erik Ludvig Henningsen (1855-1930)
Aus dem Haus getrieben,
wo sie lange wohnten,
zwangsgeräumt und arm, in heller Not;
alle Lebenswege, die gewohnten,
abgeschnitten, wie ein Stückchen Brot.

Was geblieben, sind die Sachen,
die erbärmlichen Habseligkeiten;
ihre Kinder weinen - Fremde lachen,
die am Straßenrand den Rauswurf feiern.  

Ihre Hoffnung treibt sie durch die Straßen,
fest verzurrt mit einem kleinen Strick,
ist das wenige, das sie besaßen
und vom Nötigen doch nur ein Stück.

Freunde, die sie kannten, sind vertrieben,
und allein im Paragraphenwald
werden sie aus ihrer Stadt getrieben,
und der Abend dämmert doch schon bald. 

Frierend ziehn sie ihren Karren,
mit der letzten Kraft, die ihnen blieb,
und schon lange drückt ihr leerer Magen,
doch es treibt der Selbsterhaltungstrieb.  

Schritt für Schritt ziehn sie des Weges,
und der Horizont verliert ihr Bild. -
Sind wir alle nicht wie sie vertrieben,
auf dem dunklen Weg zum Zukunftsbild?

Manchmal

Manchmal, wenn die Nacht noch schläft,
hör ich leise schwebend durch die Zimmer gleiten,
was in diesem Haus gelebt,
dann gestorben ist beizeiten.

Manchmal sind mir Träume blass und stumm,
sind gefüllt mit starren Blicken Fremder,
Lippen öffnen sich und wiederum,
wenn ich durch Traumstraßen schlendre,
hör‘ ich Fragen durch geschlossene Münder.
Sehe dann, wie viele ‚Wahrheitsfinder‘
fehlgeleitet falsche Wege gehen,
dann bewusst im Gang verharren,
oder schuldbeladen in den Abgrund sehen,
weil sie sich im Geist der Welt vernarren. 

Manchmal, wenn der Vollmond näher rückt,
der die Stunden lang und schlaflos macht,
spür‘ ich, wie der Mann im Mond sich bückt,
mir ein Schlaflied singt und mich bewacht. 

Wunderland

Quelle: Pinterest
Wunderland ist diese Welt,
magisch, wie Märchenfeen,
in der ein Zauber uns erhellt,
mit stetem Vorwärtsgehen. 

Unendlich sucht die Ewigkeit
in Träume einzuweben,
sie trägt uns bis zum Rand der Zeit,
in der wir sterbend leben. 

Das Morgenrot besiegt die Nacht -
ich hör‘ sie singend schwinden;
mit neuer Lebenszauber-Macht
wird uns die Zukunft finden. 

Durch einen Zauberstab erweckt,
wo Wünsche Sterne sprühen,
wird Geisteskraft, die in uns steckt,
mit neuem Leben blühen.