Winterschlaf

Erster Schneefall – Künstler: Kaoru Yamada
Saumselig spielten am Fluss die Libellen,
schwirrten gar lustig und glänzten so bunt,
Frühling trat aus den Sonnenquellen
und die Natur schien voll Atem, gesund.

Vögel flogen als singende Gäste
zurück in die noch kühle Heimat im Norden,
hin zu den brutbereiten Geästen,
und sie zwitscherten Lieder am Morgen.

Insekten, Bienen und Krabbeltiere
bauten sich neue Häuser geschwind,
in wachsenden Gärten und unter Spalieren
tollte der Mensch mit innerem Kind.

Wärme vorbei, der Herbstwind bringt Kühle -
Vögel reisten in wärmere Fernen;
längst verstaut sind die Liegestühle
und auch der Frohsinn, der Griff nach den Sternen.

Gelb und welk liegt das Laub zerstoben,
der Norden lässt die Stürme herein;
erste Schneeflocken fallen von droben.
Würde die Welt doch im Winterschlaf sein!

Meer der Einsamkeit

Caspar David Friedrich (1774-1840)

Wenn Menschen in die Stille gehen,
gefüllt mit inneren Gedanken,
die frei von Zeit und Raum verweht,
in Höhen schwebten und in Tiefen sanken,
und wie auf Engelschwingen
mit deren Flügelschlag im Lärm der Zeit,
um Hoffnung und Erlösung ringen,
dann schwimmen sie, vom Erdenbann befreit,
im liebevollen Meer der Einsamkeit.

Fallende Blätter

Die Blätter – wie sie fallen!
Und jedes wird schon bald im Tod vergehn,
ein müdes Kräfteschwinden ist in allen,
ein letztes Gleiten ohne Wiedersehen.

Die Bäume leeren sich, wie Automaten,
zu füllen, wenn der Lenz erneut erwacht.
Das Astwerk bleibt bereit in Gottes Garten,
trotz weißer Decke in der Winternacht.

Die Sonnenstrahlen dringen durch den Nebel,
der herbstlich deckt die Müdigkeit der Welt,
bis jedes abgelebte Blatt, so wie ein Segel,
zu Mutter Erde gleitet, die es bei sich hält.

Ungetrübtes Kleid

St. Agnes in Prison – Frank Cadogan Cowper (1877-1958)
Befreit vom Staub der Jahre,
dein ungetrübtes Kleid;
mit Reinheit offenbare,
was jeden Spiegel freut.

Des Lebens Schmutz und Wirren,
was lieblos ist und laut,
lässt nicht dein Ich beirren,
das rein auf Gott gebaut.

Stehst aller Angst entgegen -
vertreibst die schwere Zeit.
Geh deinem Ziel entgegen
im makellosen Kleid!

Höhenluft

Aufstieg – Ferdinand Kofler (1853-1918)
Als Nichtigkeit die Welt zu überwinden,
emporzuschwingen, ständig aufwärtsstreben,
so, wie am Berg, die rechte Einsamkeit zu finden -
bezwungen will er werden, wie das Leben.

Die Höhenluft wie Heilung einzuatmen,
Gelassenheit, die unserem Dasein fehlt;
an schroffem Fels so wie in Trance geraten,
die auch im Aufstieg geistig stählt und hält.

All jene Hemmungen bezwingen,
die Kleinigkeiten, die in Frage stellen;
der Seele Lähmung wieder Kraft zu bringen,
zu hören auf die inneren tiefen Quellen.

Die Flügel öffnen, um hinfortzufliegen,
zum Sternenflug in ew’ge Sphären;
dort an der ‚Brust‘ des Großen Geistes liegen,
um des Geschehens Grund und Sinn zu klären.

Grab des Denkens

Maler: Hans-Georg Leiendecker

Sonnenschein, du Licht, verborgen
oft an frostbeschwerten Tagen,
segne uns mit deiner Wärme,
lass sie tiefe Spuren graben
in die eisigkalten Schollen,
rück sie fort vom Grab des Denkens,
die den Geist bedecken wollen.

Licht der Hoffnung, sei belebend,
schick‘ das Allmachtswort der Liebe,
dass es zur Erleuchtung bringt,
Dunkelsein im Weltgetriebe.
Leuchte uns den Weg ins Helle –
ganz, ganz leise in der Tiefe,
rieselt noch die reine Quelle.

Gesichtslos

Irrlicht am Fuße des Monte Civetta in den Dolomiten – Teodoro Wolf-Ferrari (1878-1945)
Nur der Wind fuhr durch die Bäume,
deren Höhe Wolken streiften
und des Rasens Dach durchnässten,
Nebel, die darüber schweiften.

Tanzend, wie das Laub sich drehte,
kreiste in der Strömung Lüfte;
tiefe Äste alter Tannen
strichen schwankend über Klüfte.

Zwischen Farn und toten Zweigen
bäumte Geist sich und Gestalt,
trieb gesichtslos in den Räumen
zwischen Feldern und Asphalt.

Marmorbleich war sie erschienen,
wie aus einer Friedhofsgruft.
War sie aus dem Grab gestiegen,
losgelöst in grauer Luft?

Auf ihr Kleid von weißem Linnen
fielen kalt die Regentropfen;
regungslos, ihr starrer Blick,
hört nicht mal den Rhythmus klopfen.

Legt sich, vor der Welt versunken,
selig, mit gekreuzten Händen,
in den See - der wunderhelle,
wo ihr Schlaf wird niemals enden.

Manchmal nur, wenn letzte Rosen
an des Herbstes Brust verblühn,
schwebt sie selig durch die Auen,
bis sich kehrt in weiß das Grün.

Das ist Leben…

von Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Gebirgige Flusslandschaft – Caspar David Friedrich (1774-1840)

Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
und keine Heimat haben in der Zeit.
Und das sind Wünsche: leise Dialoge
täglicher Stunden mit der Ewigkeit.

Und das ist Leben: Bis aus einem Gestern
die einsamste von allen Stunden steigt,
die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
dem Ewigen entgegenschweigt.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Stoppelfelder

Unser Leben – ein bewachsenes Feld,
mit Getreide, das reift für die Ernte.
Halme, als Hoffnungen dargestellt,
für Pläne, die weit noch entfernten.

Saaten gelegt voll Erwartung und Fleiß –
üppig schossen die Triebe;
Sensenhiebe zerstörten das Reich,
dass von der Ernte nichts bliebe.

Abgemäht stehn die Stoppeln im Wind,
Enttäuschung gießt sie mit Tränen.
Gut, wenn der Felder Vielzahl es sind,
mit erntebereiten Plänen.

Nach Hause gehen

William Adolphe Bouguereau 1825-1905

Wir sind geblieben,
ließen dich nach Hause gehn,
nun stehn wir hier im Regen,
allein lässt du uns stehn
mit unsrer Trauer,
weil wir nicht begreifen,
dass dein Seelenreifen
vollzogen.

So bist du uns entflogen,
wie ein Vogel aus dem Käfig flieht,
wenn er fern das Sonnenlicht
am Himmel sieht.

Die liebsten Wünsche
begleiten deine Reise
und du wirst leise
schwebend deine Seele heben,
um zu erreichen deiner Sehnsucht
unendliches Streben.

Wirst du verbunden sein
mit dem, der deinen Namen rief,
dann schlafe sanft in seinem Arm und tief.