Kühler Zeitgeist

Quelle: Pinterest
Unter herbstlich dunklen Wolken
ziehen Vögel Richtung Süden,
stoßen niemals aneinander,
trotz der Nähe ihrer Flügel.

Wirbeln fort in grauen Lüften
und der Mensch wird vogelfreier;
wenn der Wind das Laub verstürmte,
blieb ihm jedes Blättchen teuer.

In so manchem ‚Friedensreich‘
wird der Schierlingsbecher wandern.
Friedlos ist der Mensch geblieben,
eigennützig ist sein Handeln.

Seht doch, wie die Vögel ziehen!
Rauschen durch die Wolkenbälle,
ziehen hin zu warmen Zielen,
fliehen vor der Kältewelle.

Ahnen nicht die bitteren Zeiten,
hören nicht den Zeitgeist klagen;
trotz der herbstlich kühlen Schauer
wird man sie gen Himmel tragen.

Fort sind sie und Nebelschwere
wob in Dämmerung graue Fäden,
und die Großen dieser Erde
wechselten geheime Reden.

Einen Heiland braucht das Leben,
der die Welt und Seelen heilt,
der schon einmal dagewesen,
der von Herz zu Herzen eilt.

Kalte Zeit, von Furcht durchsetzt,
gibst du Antwort auf die Fragen?
Der uns Flügel wachsen lässt,
wird uns einst gen Himmel tragen.

Sankt Martin

Sankt Martins Zug in Düsseldorf – Heinrich Hermanns (1862-1942)
„Sonne, Mond und Sterne“, sangen
alle groß und kleinen Kinder,
und von Haus zu Haus gegangen
sind die frohen Botschaftskünder.

Von Sankt Martin wurd‘ gesungen,
als er sah des Armen Leid,
der dem Tode nah gerungen -
gnädig teilte er sein Kleid.

Hoch zu Ross kam er geritten -
die Barmherzigkeit war groß,
sah den Armen, der gelitten,
dürr, in Lumpen, heimatlos.

Er gab hin den warmen Mantel -
wärmte nicht den Mann allein,
denn er ließ sein Bild des Handelns,
Teil der Nächstenliebe sein.

„Kleiner König“ sind die Bitten
und dein Singen obsolet?
Ziehn längst ein des Horrors Sitten -
Bild der Nächstenliebe geht!

Wetterleuchten

von Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)
Hügel mit Bruchacker bei Dresden – Caspar David Friedrich (1774 – 1840)

Schweigt der Menschen laute Lust,
rauscht die Erde wie in Träumen,
wunderbar mit allen Bäumen,
was dem Herzen kaum bewusst,
alte Zeiten, linde Trauer,
und es schweifen leise Schauer
wetterleuchtend durch die Brust.

Licht sein

Jesus heilt eine blutflüssige Frau – 4. Jahrhundert Katakombe Petrus Marcellinus Rom -s. Lukas 8,44

Was wir ersehnt, erstrebt, erhofft,
es treibt wie altes Holz im Strom des Lebens,
wir träumen manchen Lebenstraum vergebens
und widmen unser Herz dem Falschen oft.
Zurück bleibt nur die lichte Liebe, die wir schenkten;
oft ist sie nur ein Funke, mal ein helles Denken,
das in uns Sonne wird, die durch uns scheint,
und wenn sie Irdisches mit Himmlischem vereint,
dann geht ein stilles Leuchten durch den Raum
und flüchtig küssen wir den Saum
Seines Gewandes.

Nebel der Nacht

Quelle: Pinterest
Die Nebel der Nacht, sie weichen,
vom Licht des Tages durchströmt,
zu Pan‘s verborgenen Reichen,
wenn der Weckruf des Morgens tönt.

Morgen, der grau umfangen,
lichtarm zeigst du dich und mild;
nebelhaft giert dein Verlangen
nach einem herbstlichen Bild.

Schlummerschwer sind alle Augen,
wenn sie vom Tiefschlaf erwacht;
tragen aus traumhaften Lauben,
Schleier, der herbstlichen Pracht.

Stehen an Fenstern und sehen,
Blatt für Blatt, wie sie fallen;
sehen die Herbstzeit vergehen
und das Fallen in Allem.

Lebensenergie

Quelle: Pixabay
Wie die Menschen applaudieren! –
Tosend spielt die Show des Lebens,
Bilder nur, die längst vergangen -
Alte, die mal jung gewesen.

Andersartig sie erscheinen,
Zwang kriecht zwischen ihre Reihen;
wollen sittsam, Anzug tragend,
dezent, frisch frisiert erscheinen.

Nur der Moderator lächelt,
er macht Scherze, die erheitern;
lachend klatscht das Publikum,
schon geht die Scharade weiter.

Bilder sind es, die verstummen,
wenn man die Geräusche nimmt;
seh‘ die Schatten, wie sie fliehen,
wie ihr Licht im Raum verglimmt.

Dieser Film zeigt hier ein Leben,
das längst nicht mehr existiert,
alle, die darin erscheinen,
hat Gevatter Tod entführt.

Ihre Energie lebt weiter,
„Show must go on!“, die höher führt,
strebt frei empor die Jakobsleiter,
im Kreislauf Leben integriert.

Ursache und Wirkung

Bild von Stefan Keller auf Pixabay
Fortgeweht sind die Gedanken,
flogen mit dem Wind der Zeit dahin,
Ursache und Wirkung sich verbanden,
auf die Reaktionen zu Beginn.

Wirkungen, die auf die Taten folgten,
nahm die Zeit ins nächste Element;
das Hervorgebrachte trieb wie dunkle Wolken,
das Gerechtigkeit und Wahrheit trennt.

Wer dem Leben Schaden angerichtet,
richtet sich im Bannkreis der Moral,
doch Vergeltung, die selbst körperlich vernichtet,
steht in Ewigkeit in Seelenqual.

In der Körperlosigkeit des Unerlösten,
wird manch Frevel auf dem Geiste lasten,
denn das Urteil zwischen Gut und Böse
hat er nicht dem Höchsten überlassen.

Waldeinsamkeit

Iwan Iwanowitsch Schischkin (1832-1898)

Öffne des Waldes Zaubertruhe,
horch, wie der Kuckucksruf erschallt,
in Abgeschiedenheit und Seelenruhe,
fern von Motoren und Asphalt.

Erlebe sanft die festen Schritte,
weich federnd, blätterreich begründet,
schau, wie des Weges grüne Mitte,
sich in der Ferne wiederfindet.

Nimm auf, die goldnen Sonnenstrahlen,
die abgedämpft im Blätterwald,
genieße, wie sie flimmernd fallen,
wie sich zerstreut ein Schatten malt.

Gib den Minuten stilles Schweigen,
wenn sanft der Wind durchs Buschwerk weht,
wenn fern ein Hirsch mit Prunkgeweih
sein stolzes Haupt im Forst erhebt.

Vergiss des schweren Alltags Nöte,
leb auf beim Wandern und Gesang,
beschau die stille Abendröte,
hör auf den Nachtigallen-Klang.

Ich kann nicht mehr

Bild: Stefan Keller – pixabay

von Ephides

Ich kann nicht mehr! 
Mein Planen ist zu Ende
und meines Hoffens kleine Stimme schweigt.
Nur Steine sind’s, an die ich mich verschwende;
sooft ich sie bezwing‘, drohn neue Felsenwände
und mehren meines steilen Wegs Beschwer.
Ich kann nicht mehr!

Zog ich nicht aus, dem Wunder zu begegnen,
und stieg herauf, dem Lichte nahe zu sein?
Und war bereit, zu glauben und zu segnen –
und fand nur Stein!

Zurück ins Tal! Die Nebelgeister schweben
und weben graue Schleier um die Stadt,
in deren Schutz die Sehnsuchtslosen leben,
die ihre Güter tauschen und den Blick nicht heben,
wenn sich ein Lichtstrahl scheu zu ihnen stahl…
Zurück ins Tal?

Nein! Lieber sterben angesichts der Sterne!
Die nach mir kommen, nützen meine Spur,
bis einmal einer siegt. Ich war ihm gerne
der Wegbereiter nur.

Mondbeglänzt

Bild von Pexels auf Pixabay
Herbststurm wirbelt – Welt wird kühler,
greift das Land mit tausend Händen,
so, als ob’s ein Spielzeug sei,
wirft’s dann fort und zieht vorbei
an den starren Häuserwänden.

Vollmond, hinter Wolkenbergen -
manchmal nur schaut dich die Welt,
lässt sie Himmelswege ziehen,
als ob sie der Zeit entfliehen,
die die Nacht gefangen hält.

Fahles Licht – ziehst an den Sinnen,
treibst Gedanken, wie der Wind;
in den mondbeglänzten Räumen,
lässt du Mensch von Schatten träumen,
die am Tag vergessen sind.