Nestwärme

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Eingekuschelt in Gedanken,
schläft meist sanft das Menschenkind,
wenn des Schlafes zarte Ranken
winden sich im Traumgespinst.

Friedlich liegt es, lichtumfangen,
weich, wie schwebend ist sein Ruhen.
Keine Härte, kein Verlangen,
niemand mahnt es für sein Tun.

Und die Zeit geht auf die Reise,
friedlich klingt der Schlussakkord,
nur die Weltenuhr tickt leise,
tief noch in der Traumwelt fort.

Buchstabenperlen

Louis Janmot (1814-1892) – Das Gedicht der Seele

Des reinen Geistes Sinn wird offenbar,
webt aus Gedanken edler Verse Reim,

Vokabular, wie gold’nes Engelshaar,
verflochten mit der tiefen Liebe Keim;

Buchstabenperlen, leerer Seiten Zier,
sie reihen sich Wort an Wort mit Poesie,

dringen tief in dein Sein, verweilen hier,
wie eine Seelensinfonie.

Wintermärchen

So unberührt und weit, das flache Land,
getaucht in winterkühle Morgendünste.
Die Bäume tragen feierlich ein Festgewand
aus weißem Glitzerflocken-Schneegespinste.
 
Sehe die fernen, letzten Nebel steigen,
die jede Härte mit Verklärung glätten,
und die Natur hüllt sich in kaltes Schweigen,
das wie ein Segen weilt auf Totenbetten.
 
Die Landschaft trägt geduldig ihre Bürde,
ihr eisig Funkeln unter schwachem Glanze.
Die Schöpfung liegt mit königlicher Würde
und ruht sich aus vom warmen Sommertanze.
 
Ruhig schläft das watteweiß verschneite Land,
bis sich mit neuer Lebenskraft der Boden hebt,
bis sich in Menschenherz und Menschenhand
ein zauberhafter Segen Gottes legt.
 
Noch ist es Fantasie, doch kommt die Zeit,
dass jede Seele danach strebt und handelt.
Dann würden nach des Winters Frostigkeit,
die Schatten in ein Frühlingslicht verwandelt.
 

Im Abendrot

von Ephides

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Dass wie im Abendrot das Dunkel dieser Erde,
dem Himmelslicht vermählt,
zu einem Leuchten werde,
ist reiner Geister Streben und Bemühn.

Doch streu’n wir Samen nur.
Es ist an euch,
zu blühn und Frucht zu tragen an allen Tagen,
damit im Abendrot die goldnen Äpfel fallen vom Lebensbaum,
Erkenntnis schenkend allen.

Gute Gedanken

Franz von Assisi -Frank Cadogan Cowper (1877-1958)

Impulse aus guten Gedanken –
weich fließende, göttliche Kraft.
Gesegnet mit Liebe; sie sanken
hernieder, so friedvoll gedacht.

Dringt tief, wie ein sonniges Weben,
erwärmend und mild in dein Herz.
Bringt Freude und Glanz in dein Leben,
streckt Seele und Blick himmelwärts.

Lässt menschliche Fehler vergessen,
bringt Frieden und Licht in die Zeit.
Tilgt manches Leid, das gewesen,
verwandelt’s in Glückseligkeit.

Höre, wie Engel dir singen
im himmlischen Notenkleid.
Wie liebevoll ist das Klingen
im Jetzt und in Ewigkeit.

Vampire der Neuzeit

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Vampire erwachen Nacht für Nacht.
Nur Schatten zu sehn an der Mauer!
Sie schleichen vorüber, dass niemand erwacht,
sind ständig voll Gier auf der Lauer.

Ist es Vergnügungsraserei?
Sie werden vom Bösen getrieben!
In ihnen, ein nagender Hungerschrei;
da ist nur ihr Selbst, das sie lieben.

Ausbluten muss jeder, den sie erwählt;
sie saugen sein köstliches Blut.
Die letzte Phase des Niedergangs zählt,
denn die Blutleere formt neue Brut.

So viele Völker sind bleich und leer,
ausgesaugt und in Ketten wie Knechte.
Die schnitten ins Fleisch; ohne Gegenwehr,
ohnmächtig das Land, ihre Rechte.

Blutsauger gieren mit Reichtum nach Macht,
sind hungrig nach Geld und Vergnügen;
Vampire von heute, am Tage hellwach,
nichts will ihrer Habgier genügen.

Die friedlichsten Völker können nicht ruhen;
es gibt kein Besinnen auf Werte,
kein Zügeln, keine Rückkehr zum ehrbaren Tun,
nur Schritte auf dunkelster Fährte.

Ein Fieberzucken geht durch die Welt,
sie wälzt sich in höllischen Qualen.
Entgottete Zeit. Wenn dein Vorhang fällt,
werden die Mächte des Abgrunds bezahlen.

Dichteraugen

KI generiert – Quelle: Pinterest
Sehen goldener die Sonne strahlen,
dass heller sie durch Scheiben bricht,
sehn nicht nur Strahlen, wie sie fallen,
fühlen die Liebe, dort im Licht.

Wenn erste Knospen neu entspringen
sehn leuchtender sie Blumen stehen;
fühlen des Schöpfers Tat gelingen,
die Göttlichkeit in dem Geschehen.

Doch auch die Hässlichkeit des Lebens
entgeht nicht der sensiblen Sicht.
Abscheulichkeit steht an den Wegen,
die tief ins Seeleninnere bricht.

Das Grau ist grauer, trostlos schneidend
die Abgestumpftheit, die verletzt;
wer hochsensibel ist, der meidet
was Harmonie in Schrille setzt.

Sie leiden schwerer an dem Leben
und an sich selbst, stets forschend klar;
fühlen die innere Seele beben
und sind mit Weitsicht allem nah.

Schlitterbahn

Rev. Robert Walker beim Schlittschuhlaufen
Henry Raeburn oder Henri-Pierre Danloux zugeschrieben, 1790er Jahre
Verbotene Linien überschreiten
und sich auf dünnem Eis bewegen,
voll Zuversicht die Arme weiten,
als Schirm, der schützt, darüberlegen.

Einbruch bei jedem Schritt erwarten,
beim Knistern jenes Untergrunds;
porös ist er, der Lebensgarten,
man fühlt sich sicher, doch man plumpst.

Man taucht hinab in die Kontraste,
fühlt sich ertappt im Gegensatz,
nur lieben wollte man und hasste
das, was der Seele gar nicht passt.

Oft sieht man Gutes, doch den Mangel
an Gutem sieht man oft zu spät;
Geschicklichkeit ist Teil des Angelns,
dem Fischer, der am Wasser steht.

Er fischt in Vielfalt von Erfahrung,
denn das ist wahrer Lebenszweck.
Man übt durch manche Offenbarung
Sünde, Gewalt und andern Dreck.

Man geht daraus gestärkt hervor,
aus diesem Unvollkommensein.
Doch kommt schon bald ein andrer Tor,
bricht wieder in die Eisbahn ein.

Kalte Gedanken

Julius Sergius von Klever (1850-1924)
Es wird bald Nacht sein, Gott,
gib für die letzte Fahrt mir Licht.
Kalt bläst der Wind von Nord
und rötet mein Gesicht.

Es wird noch lang nicht tauen -
der Reif hängt an den Zweigen
und aus dem flachen Land
seh’ ich die Nebel steigen.

Zeig mir den Weg nach Haus,
halt an die Weltenuhren,
deck zu mit Sternenglanz
und Mondlicht meine Spuren.

Lass Kirchenglocken schlagen,
hör’ sie durch Eis und Schnee;
so Gott will, werd‘ ich’s tragen,
das Schwere, wenn ich geh.

Wird sein kein Steingebilde,
geschmücktes Grab und Trauer,
wer Wahrheit führt im Schilde,
der ist allein – auf Dauer.

So blind bin ich, vertraue,
tappe durch Finsternisse;
wie die Lebendigen glauben -
und nur die Toten wissen.

Aus deinen hohen Stämmen
wob Nacht nun graue Fäden,
der Schneeluft gilt kein Dämmen,
wenn lichte Flocken weben.

Gespenst der Nacht, jetzt weiche!
Unholde Wesen kriechen
um Schnee verwehte Eiche,
aus Wald und Mauernischen.

Muss dunkle Pfade gehen -
tritt mir auch Angst entgegen,
werd‘ starken Mutes sehen:
auch dort liegt Gottes Segen.

Geistesfreiheit

Vladimir Kush
Die Welt verwandelt sich durch Taten,
durch die Gedanken, die du in dir trägst.
Säe die Liebe im Bewusstseinsgarten,
damit du Hass und Zweifel untergräbst.

Wo Liebe blüht, da schreibt das Herz Geschichte.
Ein neuer Himmel wird sich dir erschließen;
dann kann ein Strahl von Seinem Lichte
auf die noch dunklen Völker fließen.

Fülle mit Farben die Tristesse der Zeit,
damit sie aufgehellt im Licht erstrahlt;
unter den Körpern blitzt ein geistig’ Kleid,
das unvergänglich dir die Freiheit malt.

Als Kind des Himmels ist sie dir gewiss!
Geknechtet trägt die Welt die Dornenkrone,
doch anders, als die Menschheit es umriss:
Bewusstsein wird im Leiden erst zum Lohne.