Tausend Zungen

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In tausend Sprachen und mit tausend Zungen,
so wie ein Klang sich zu dem anderen fügt,
fühlt sich im Innern jeder Mensch verbunden
mit jener Kraft, die tief im Innern liegt.

In Zukunft werden Kampf und Glück vergehen,
vertan mit einem Tun um Nichtigkeiten;
nur wenige, die Klang und Wort verstehen,
das Licht entzünden, wie in alten Zeiten.

Ist wie ein Klang aus fernen Tagen,
der ständig neu in Menschenherzen dringt,
der eine Antwort gibt auf alle Fragen,
der wie ein Wort des Heils Erleuchtung bringt.

Es ist der Menschheit weises Sehen
des Wissens um ein höheres Gesetz,
das hilft, die Gegensätze zu verstehen,
uns von Geburt begleitet, bis zuletzt.


Ein Lichtlein sein

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Ein kleines Lichtlein sein,

als Fünkchen Freundlichkeit mit Tiefenblick,
den längst verschwelten Docht entzünden,
der wie im Glanz der Flamme nur ein kleines Stück
des neuen Weges zeigt, heraus aus Schattengründen.

Als Kerzenflämmlein wie ein Leuchtturm sein,
den Blick auf sich gerichtet in der Dunkelheit.
Es fährt der Steuermann in ruhige Häfen ein,
wenn sich in nächster Nähe alles Gute zeigt.

Des Lebens Buntheit

Vincent van Gogh (1853-1890)
In Seinen Armen lass mich Frieden finden -
Er ist der Große Geist, der alles hält;
lass Ihn den Strauß des Lebens Buntheit binden,
von Stacheln frei gereicht zum Heil der Welt.

Auf Seinen Flügeln durch die Welten reisen,
getragen von der Macht der Energie;
durch Ihn in Licht und Liebe aufwärts kreisen
wie eines Adlers Flug in Fantasie.

In Seiner Schöpfung lass mich Heimat finden,
wie im Vergissmeinnicht erneuernd meine Zeit;
lass mich mit jedem Schritt die Welt ergründen,
am Wegesende die Unendlichkeit.

Weichzeichner

erstellt von Photofunia
Du Zeichner Zeit,
wie malst du mein Gesicht?
Ich schaue in den Spiegel
und erkenn mich nicht.

Wer bist du, dort im Glas,
so fremd und deformiert?
Ist DAS mein Konterfei,
das gerade ungeniert
mir in die Augen blickt?

Ein körperlicher Überrest
im Zerrspiegel der Zeit -
glaubtest, die Leichtigkeit der Jugend
sei ewige Unvergänglichkeit.

Der Tragödie letzter Teil

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Seht, die Vielen, die da weinen,
wie sie sich im Leid vereinen,
wie sie tastend vorwärtsgehen,
ängstlich keinen Ausweg sehen.

Finden nicht den Weg hinaus,
denn sie irren durch ein Haus
ohne Türen, fensterlos,
leeren Räumen, riesengroß.

Abgeschlossen von der Welt
sind sie auf sich selbst gestellt.
Nur die Nächsten gehen mit
einen Steinwurf weit ein Stück.

Wie es ihre Glieder schüttelt,
wie der Tod am Leibe rüttelt!
Die, die jetzt verlassen sind,
weinen Tränen wie ein Kind.

Treiben in erregter Stunde
durch des Strudels Todesrunde;
was im Körper aufbegehrte,
schwebt alsdann auf stiller Fährte.

Dann erlischt der Augenblick,
nimmt das Licht der Welt zurück,
um in letzter Agonie
loszulassen – irgendwie.

Wohl dem, der mit innerem Blick
tröstend sieht, der Stunde Glück,
denn er fühlt sich neugeboren,
leibbefreit und ohne Morgen.

Fit gemacht zur nächsten Phase
wird Verzückung zur Ekstase,
denn es dient dem Seelenheil
der Tragödie letzter Teil.

Vom Licht beschienen

KI modifiziert – Quelle: Pinterest
Ein Stern beschien mich letzte Nacht
mit himmelwarmen Träumen,
ein sanfter Wind trieb rauschend sacht
durchs Blätterkleid der Bäume.

Der Himmel schloss sein Wolkenreich,
der Mondschein lieh sich Sonne,
die Vogelschar, orchestergleich,
begrüßt den Tag mit Wonne.

Das Leben, ob bei Tag, bei Nacht,
kennt keine Mußestunden;
das Licht schickt seine Himmelspracht,
lässt Mensch und Tier gesunden.

Der Ohrwurm

Zum Vatertag

Der Betrunkene – Gemälde von Carl Spitzweg (1808-1885)

Ein Ohrwurm hing als kleiner Rest
wie Fetzen im Gehörgang fest,

dort trat er mit zerrissenem Klang
ungnädig den Alleingang an.

Nach einer wohl durchzechten Nacht
hatte ein Mensch ihn mitgebracht.

Statt Schlaf verfolgt ihn nun Musik
mit Tönen, die dem Ohr nicht lieb.

Dort gingen didel-dadel-dum
die Schwindel ihm im Kopf herum,

und als des nachts sie kreisend flogen,
war Kopfschmerz in das Hirn gezogen.

Vom Alkohol gebeugt und stumm,
saß nun der Mensch im Bett herum.

Von der Musik war nichts geblieben,
der Ohrwurmfetzen war vertrieben.

Der Rausch der Nacht war bald vorbei,
das Ganze ihm nun Warnung sei.

Schlussakkord

Image by hosny salah from Pixabay
Durch neue Ghettos treiben schwarze Schatten,
nur Mollakkorde spielt die Zeit,
ein übler Pesthauch weht durch alle Straßen,
ein Jeder ist zum letzten Kampf bereit.

Bedeckt von Dachgebälk und kalten Steinen,
die hingeworfen aus der Bombenglut
den Fall des Niedergangs in sich vereinen -
in großem Abgesang steht Hab und Gut.

Leuchtende Freiheit, wer hat dich gestohlen?
Wer gab dich hin für ein verborgenes Glück,
das für Vernichtung steht am Morgen
und das am Abend nimmt ein Seelenstück?

Führt nicht ins Freie, die umgrenzte Furt,
die eingeschnürt in ein Gebiet der Schande
den Atem nimmt, - ein viel zu enger Gurt,
nur zur Vernichtung dient er hier im Lande.

Zur Schweigsamkeit verdammt und zuzusehen,
wie sich ein Mörder an den Mördern rächt,
das ist ein böser Trieb im Weltgeschehen;
die Welt, sie schweigt. Der Mensch ist schlecht!

Nimmt anderen das Haus und die vier Wände,
die ausgebombt nur noch aus Schutt bestehen.
Leer ist ihr Blick, leer sind auch ihre Hände,
verhungern lässt man sie und untergehen.

Die ihre toten Kinder tragen durch den Staub,
wehklagend in der Hoffnungslosigkeit,
sehen kein Leben, nur den Tod, der’s ihnen raubt.
Tote sind glücklicher! Begraben ist ihr Leid.

All die, die von der Heimaterde scheiden,
weil wie ein wildes Tier der Schächer kam,
weil er mit Lust an Menschenleiden
nur ein Verbrecher ist, der Leben nahm.

All die Verlorenen und Schwachen,
bedrängt vom Trutz und Hohn der Macht,
mag Moses kommen und es möglich machen,
dass sich das Meer zur Flucht ihm teilt bei Nacht.

Worte wie Pfeile

Quelle: Pinterest – Maler unbekannt
Dahingesagtes gleich wieder vergessen -
sind staubaufwirbelnde Worte gewesen,
die matt bedeckten, was glänzend war,
verletzende Pfeile stellte es dar.

Im Gedächtnis verloren – für andere nie.
Ausgemerzt durch beißende Ironie;
warmschlagende Herzen, die in Freude beglückt,
mit erstickenden Worten zu Asche erstickt.

Feuer gelöscht, zur Kränkung allzeit bereit,
ohne Liebe mit gehässiger Gleichgültigkeit.
Was ein geliebter Mund einst eisig gesprochen,
hat so manchem Sensiblen das Herz gebrochen.

Denn jede Enttäuschung, die sie erfahren,
schlägt eine Wunde mit bleibenden Narben.
Die einst Verletzten leiden daran,
weil die Narbe aufs Neue aufbrechen kann.

Inquisition – Teil 3

Fortsetzung vom 23.05.2025

Quelle: Pinterest

Unterdessen plante der Abt, Eva Maria während einer Messe von den Henkersknechten ergreifen zu lassen. Die Schuldige war schnell ins finstere Verließ überführt. Drei Monate lang blieb sie im Kerker und musste dort Torturen peinlichster Befragungen über sich ergehen lassen. Als sie spürte, dass ein Kind unter ihrem Herzen wuchs, hörte sie auf zu hoffen und zu kämpfen. Der Abt hatte es einen Bastard des Teufels genannt.

Schon zuvor hatte sie ihr Leben verwirkt und unter der Folter alles gestanden. Ihren Liebsten hatte sie niemals wieder gesehen. So gesellte sich zu den unerträglichen Schmerzen der Folter, der Seelenschmerz, der tief in ihrem Herzen wie ein Feuer brannte. Niemals zuvor hatte sie einen Mann geliebt wie Jakobus. Anfangs hatte sie geglaubt, dass er sie aus den Fängen der Inquisition retten würde, doch nichts dergleichen geschah. Als der Abt ihr schließlich mit aller Härte offenbarte, dass Jakobus ihr Ankläger sei, brach Eva Maria fassungslos zusammen.

Der Tag ihrer Hinrichtung war bestimmt worden. Er fiel in die Adventszeit. Eine klirrende Kälte hielt das Land in seinen eisigen Händen. Klagendes Glockengeläut tönte mit jammerndem Missklang über den Ort. Alle Mönche des Klosters hatten vor Tötung der Hexe einer Messe beigewohnt und für die sündige Seele gebetet. Auch Jakobus hatte daran teilgenommen. Sein blasses Gesicht wirkte wie versteinert, völlig ohne Gemütsregung. Teilnahmslos blickte er ins Leere. Gleich würde er die letzten Spuren seiner Liebe vernichten und den Scheiterhaufen entzünden. Nach der Andacht versammelten sich die Kleriker um den Richtplatz. Die Außenmauern des Kirchenschiffes waren mit hunderten von Kerzen erleuchtet. Das heiße Wachs tropfte schwer auf die ehernen Halter nieder. Ein Schwarm krächzender Krähen zog über das Dorf.

Die Schaulustigen, deren Sinne sich begierig am Leid derer ergötzten, die der Henker vom Leben zum Tode bringen sollte, drängten sich um den Ort des Grauens. Als Eva Maria zum Richtplatz gebracht wurde, teilte sich die Menge. Vor ihr stand der Abt mit funkelnden Fuchsaugen und repräsentierte als Urteilsfinder Pflicht und Kirchengesetz.

„Für die Welt und für Euch wäre es besser gewesen, Ihr hättet niemals den Himmel und die Sonne gesehen! Gleich wird Euer Lebenslicht für immer verlöschen. Tut Buße, Weib! Der Herr sei Eurer Seele gnädig und erspare Euch das ewige Feuer der Hölle. Die Buhlschaft mit Satan habt ihr gestanden. Sündige Lust habt Ihr einem Geweihten des Herrn ins Gebein getrieben. Dafür müsst Ihr brennen!“

„Brennen!“, schrie der Pöbel wie ein Echo.

Eva Maria flehte um Gnade, doch ihr Angstruf verhallte im Nichts. „Oh, Du barmherziger Gott, erlasse mir diese Tortur!“, schrie sie in ihrer Not und blickte schreckensbleich zum Himmel.

„Hört, wie sie jammert!“, höhnte der Abt. „Wie frevelnd sie den Namen Gottes gebraucht! Vielleicht kommt der Teufel seiner Buhlin zur Hilfe!?“

Dann hob der Abt die Hand wie ein Zeichen und ein grauenhaftes Raunen ging durch die Menge. Die Frommen bekreuzigten sich und sprachen ein Vaterunser. Mit Pechfackeln standen die Henkersknechte und warteten auf den Vollstrecker des Urteils. Jakobus schritt schwankend zur Hinrichtungsstätte, nahm die Fackel aus den Händen des Henkers und entzündete das mit Harz getränkte Holz unter Eva Maria mit erstarrtem Blick. Doch dann schaute er nach oben, direkt in die gequälten Augen seiner Liebsten, und die Todesangst sprang aus ihrem Seeleninnern direkt in sein Herz hinein. Sie betete und richtete ihren Blick gen Himmel. Die Flammen züngelten und fraßen sich durch das knisternde Gehölz. Als sie ihre Beine erfassten, wurde ihr Gebet lauter und lauter, bis sie es schließlich aus ihrem Schmerz herausschrie.

„Vergib mir, Eva! Bitte, vergib mir!“, stammelte Jakobus und fiel auf die Knie. Er hatte nicht bemerkt, dass der Abt hinter ihn getreten war und den Henkern ein Zeichen gab. Starke Arme fassten ihn und zerrten ihn unter den Ast der alten Eiche, die auf dem Marktplatz stand. Flugs war die Schlinge darüber geworfen und der Strick um seinen Hals gelegt. Die Menschenmenge hielt für einen Augenblick den Atem an.

Jakobus hörte noch die entsetzlichen Schreie seiner Geliebten, als ihm der Henker das Genick brach.

Drei Tage lang hing sein Leichnam zur Abschreckung am Geäst des Baumes. Dann begrub man ihn zusammen mit der halbverkohlten Leiche seiner Liebsten, in ungeweihter Erde, fernab des Dorfes.