Dornen

John William Waterhouse (1949-1917)

So wie des Pflückers Zoll die blut’gen Hände,
wenn er die stolze Rose bricht,
so ist der Trennungsschmerz am Ende
des Lebens auf dem Weg ins Licht.
 
Dann bist so schmerzlich du umfangen,
fühlst dich alleine ohne Sinn,
hältst zur bereits geschlag’nen Wange
dem Schicksal noch die andre hin.
 
Du klammerst dich an die Sekunden,
am Ende bricht dein letzter Blick,
und hast du Traurigkeit empfunden,
tauchst du nun ein in lichtes Glück.
 
Musstest im Kampfe unterliegen,
als Sieger trittst du nun hervor,
gekränzt mit dornenlosem Frieden,
der Rosen dort am Himmelstor.

Aus unsichtbarer Welt

Als ich mit 50 Jahren zu schreiben begann, habe ich dieses Gedicht von meiner geistigen Begleitung empfangen, die immer bei mir ist, wenn ich sie brauche. Ich denke gerne an die Anfänge meines Schreibens zurück. Die Verse habe ich damals ohne nachzudenken notiert. Jedes Wort war ein Geschenk, das ich hier noch einmal veröffentliche.

Sir Edward Burne-Jones (1833-1898), Phyllis and Demophoön

Ich möcht‘ aus deiner Seele lesen,
erfühl’n die Göttlichkeit in ihr,

möchte als unerkanntes Wesen
die Rose sein, vor deiner Tür.

Möchte dich in Gedanken halten,
zum Tanze nah dich wiegend schwingen

und dir die Blume für dein Haar
aus dem verbot’nen Garten bringen;

möchte im Mondschein dich bezaubern,
mit Sternen, die am Himmel tanzen,

dir nur die schönsten aller Rosen
in deine Herzenslaube pflanzen;

möchte dein Narr sein und dein Held,
der treu und schützend dich umgibt,

der dich aus unsichtbarer Welt
bereits seit Ewigkeiten liebt.

Will sanft dich sicher halten,
wenn du zu fallen drohst,

möcht‘ deinen Weg begleiten,
ewig und grenzenlos.

Ungeduld

Aufstieg – Ferdinand Hodler 1853-1918
Ungeduld durchströmt das Handeln,
ohne Ruhe scheint der Geist,
wenn sich der ersehnte Wandel
scheinbar endlos dreht im Kreis.
 
Fern dem Ziel erscheint die Strecke,
die zu bewältigen wir wählten,
die wir langsam wie die Schnecke,
Schritt für Schritt uns vorwärts quälen.
 
Und haben wir trotzdem erreicht,
was wir zu träumen nicht mehr wagten,
dann wird’s ums Herz uns richtig leicht,
vergessen, wenn wir fast verzagten.
 
D’rum setzt die Ziele nie zu hoch
und nie zu groß das Streben,
gelingt in kleinen Schritten doch
der Aufstieg durch das Leben.

Gott sei Dank!

Evening glow – Andrii Kateryniuk (*1994)
Du bist am Morgen mein Beginnen,
am Abend bist Du meine Rast;
wenn manche Tage wirr beginnen,
dann bist Du’s, der’s in Rahmen fasst.

Du lässt gedankenfrei mich träumen,
wenn ich im Geist der Nacht versinke;
flutest mit Atemluft die Räume,
hältst mich, damit ich nicht ertrinke.

Du schenktest mir die Zeit des Lebens,
was sinnlos schien, ist längst ein Wissen;
bist mir der Sinn all meines Strebens,
bist mir ein Wollen, nicht ein Müssen.

Sonne im Herzen

Quelle: Pinterest
Ein bisschen mehr Sonne, ein wenig mehr Licht,
ein bisschen mehr Hoffnung und Zuversicht,
macht aus Wüsten der Seelen keimendes Feld,
durch ein neues Saatkorn für die reifende Welt.

Ein bisschen mehr Liebe als treibende Kraft,
die nach Höherem strebend Leben erschafft,
weil auf dem Acker, in dunklen Schollen,
Keime erwachen und blühen wollen.

Wie ein Blumenstrauß die Menschen ver-binden,
die in schillernden Farben ihr Dasein ergründen;
der Buntheit der Erde ein Feld bereiten,
mit fruchtbarem Saatgut für lichtvolle Zeiten.

Blüten unter Dornen

The soul of the rose – John William Waterhouse (1849-1917)
Die Zeit im wechselnden Gewand
bedeutungsvoller Unzulänglichkeiten,
die, konfrontiert mit harten Wirklichkeiten,
doch Rosenblüten unter Dornen fand.

Erinnerungslücken – löchrig‘ Kleid der Reue,
gespalten war der Zeitgeist zu Beginn;
erweckend zog Bewusstsein in den Sinn,
mit dem es Blüten über neue Wege streute.

Zu Trauerkränzen hat die Zeit geflochten,
die vielen Blüten, die die Spuren säumten,
denn alles, was die Massen sich erträumten,
war totgeweiht, weil sie kein Tun vermochten.

Es kommt ein neuer Frühling, neues Blühen!
Bald ist vorbei des Winters Bangigkeit.
Der Geist der Zeit wird neue Wege ziehen
und trägt ein neues, hoffnungsvolles Kleid.

Einmal im Leben

Quelle: Pinterest
Einmal im Leben Einen finden,
der sanft das Sehnen meines Herzens stillt,
sein Dasein lebt aus reinen Gründen,
im edel und vertrauensvollen Bild.

Der mir Gedanken zeigt im Licht,
einfach und gut, aufrichtig, mild,
ein Mund, der stets die Wahrheit spricht,
die sich verbreitet, wie ein Schild,

das abwehrt alle dunklen Töne,
die traurig sind im Unglück meiner Welt,
der in mir weckt das lichte Schöne,
als höchstes Glück, das zart herniederfällt.

Kein Mensch hat meinem Wunsch entsprochen,
denn keine Seele wird mir hier begegnen;
die Sehnsucht nach Erfüllung, ungebrochen.
Nur Gott allein kann mich in Liebe segnen!

Lied des Kindes

Es war noch klein.
Ein Kindlein, das allein den Weg nicht fand.
Es lief im Traum entlang an Dorf und Feld,
während es fern von aller Welt
ein Liedchen sang.

Es suchte einen Ort,
der Heimat war, wo man es kannte,
gütig es rief und es mit Namen nannte,
wo es geborgen und in Gottes Hand
am Abend schlief.

Die kleine Melodie
sang es in sich hinein, damit die Angst verflog,
und als es um des Weges Ecke bog,
da war ein Feuer angefacht,
wohl in der Nacht.

Es knisterte und loderte hinauf.
Staunend stand das Kind, schwieg und schaute.
Dort flackerte, als schon der Morgen graute,
die lichtumhüllte, engelhafte Kraft,
von Gott gebracht.

Es war das Licht der Welt
tief ihm im Kindersinn.
Die Sehnsucht blieb, der Traum, er ging.
Als tausend Lichter brannten an des Baumes Pracht,
lauschte das Kind dem ew’gen Lied
der stillen Nacht.

Der Eremit

Tarot: Der Eremit – Quelle: Pinterest

Ferner Glocken helles Läuten,
das romantisch und erhaben,
binden Himmel und die Erde,
Menschen, die sich glaubend gaben.

In der Luft, da schneit es Töne,
die aus alter Bronze schlagen;
unberührt liegt Schnee am Wege –
heut‘ ist’s wie an stillen Tagen.

Müht der Eremit die Schwere,
eine Siedelei zu bauen,
um genesend von des Lebens
langem Siechtum zu ergrauen.

Heimatlich am See. Die Wolken
treiben ziellos in die Fernen;
seine Hoffnung zeigt gen Himmel,
schläft im Strohbett unter Sternen.

Der Kamin sprüht letzte Funken,
als das Haus im Schnee versinkt,
und es dämmert schon der Morgen
durch die Sonne, die ihn bringt.

Für das morgendliche Läuten,
bleibt des Klausners Ohr verschlossen,
denn kein Ton kann zu ihm dringen,
weil die Zeit von ihm geflossen.

Friedlich war des Körpers Schwere
in der Einsamkeit verblichen,
seiner Seele Kraft allein
in die Ruhezeit gewichen.

Als ob er von Geist getrieben,
glücklich von der Welt geschieden,
um ins Ewige versunken,
nur der Frömmigkeit zu dienen.

Morgen- und Abendrot

Foto: Gisela Seidel

Die Morgenröte der Möglichkeiten
erwacht im Lichtstrahl der Erkenntnis;
der Dunkelheit entstiegen,
erweckt sein,
voll von Gottvertrauen,
Leben fühlen und getragen sein von Vollkommenheit,
die begeistert,
einen unbekannten Weg zu gehen,
das Wofür zu finden im tieferen Sinn,
ihn anzunehmen,
auf die Zukunft gerichtet durch höhere Macht,
von ersten zaghaften Schritten,
hin zur letzten Wegstrecke des Alters.
In der Stille der Dämmerung,
sich als Kind fühlen,
das geborgen ist im Gegenwärtigen,
deren Hände ruhen vor dem Dunkelwerden,
das im höchsten Glück vollendend geistig macht.