Sibyllenweisheit – Claudius Gang nach Cumae

Priestess of Delphi – John Collier (1850-1934)

Es graute schon der Morgen.
Die Sonne stieg empor am Horizont;
brachte den neuen Tag, noch zeitverborgen,
von abgewandter Welt, wo Fremdheit wohnt.

In Träumen vorbestimmt, war mir, den Weg zu gehen.
Ich ging ihn langsam. – Was er bringen mag?
Nur zögernd kam der Sinn, es zu verstehen,
als schwere Last, die ich alleine trag.

Vom Schlaf beraubt, war schwer die Stirne.
Einsam, der Ort, den ich zu glauben wählte:
die Höhle von Cumae, dessen Geist im Hirne,
der empathielos Wahrheit mir erzählte.

Ängstlich, dem Schicksal Stirn zu bieten
oder es anzunehmen, wurd mir offenbar.
sich aufzulehnen, gegen die, die mich verrieten,
den Thron besteigen, der mir sicher wahr.

Draußen die Kälte, drin das kalte Grauen –
es roch nach Tod, als ich den Berg durchschritt.
Durch diese Höhle glitt mein erstes Schauen,
vom Mittelpunkt gebannt, als es entglitt.

Da lag im Boden, skelettiert die alte,
und in der Mitte saß die neue Seherin;
sie trug das Amt, wie alle die Gestalten,
die vor ihr waren und im Tod vergingen.

In Furcht erstarrten meine Glieder,
vom Mut verlassen sank ich auf die Knie.
Die Sinne schwanden immer wieder,
vom Rauch des Schaleninhalts – irgendwie.

Die Fackeln schwelten an den kahlen Wänden,
erleuchteten den Raum, der rauchdurchzogen;
den Kopf gesenkt und mit gekreuzten Händen,
vor einer Frau, die starr den Blick erhoben.

Sie saß auf ihrem Thron, an einem Orte,
der einzig Licht durchließ zu ihrem Haupte,
die Dunkelheit verschluckte erste Worte,
als sie mir sagte, was ich ahnend glaubte.

Ein rotes Tuch, das ihre Schultern wärmte,
erwärmte nicht die Kälte, die sie brachte,
und ihr Gesicht, das jung und schon verhärmte,
war wie erstarrt, nichts, was sie menschlich machte.

Die Tote, unsichtbar im Raum verborgen,
als sich das kegelhafte Licht im Raum ergoss,
herausgewachsen aus dem Schatten war der Morgen,
der nur die Seherin gezielt umfloss.

„Ich bin gekommen, um mein Schicksal zu erfragen,
auch das von Rom. Wie Feuer brennt es mir!“
Hörte mich stotternd diese Worte sagen;
ich zitterte und schämte mich dafür.

Verändert war der Ausdruck des Gesichtes,
es überkam sie die Gewalt des Sehens;
sie wand sich in der Macht des Lichtes,
prophetisch konnte sie alsdann verstehen.

Ein Windhauch wehte durch den Raum,
ein Flügelschlag hat meinen Sinn gestreift,
und göttlich war die Stimme, wie im Traum,
die aus ihr kam, von Dringlichkeit gereift.

Was sie mir sagte, will die Nachwelt wissen? –
Sie kannte die Geschichte meines Lebens.
Lang liegt bereits mein Schicksal im Vergessen.
Es lehrt: „Der Idiot“ war klug, Gespött vergebens!

Dieses ungewöhnliche Gedicht habe ich dem römischen Kaiser Claudius gewidmet, der zehn Jahre vor Beginn der christlichen Zeitrechnung geboren wurde. Es gab eine Filmserie, die ich in den 70er Jahren von meinem Krankenbett aus gesehen hatte, in der mich diese Persönlichkeit anzog.

Zu seinen Lebzeiten wurde „Tiberius Claudius Nero Germanicus“, (*1. August 10 v. Chr. in Lugdunum, heute Lyon; † 13. Oktober 54 n. Chr.), von seinen Freunden, Verwandten und Mitarbeitern als „Claudius der Idiot“ oder „Claudius der Stotterer“ verunglimpft. Auch in späteren Geschichtsbüchern wird er dargestellt als ein nicht zurechnungsfähiger Pedant, der seinen Frauen und Sekretären hörig war und eine Marionette der kaiserlichen Garde gegenüber.

In Wahrheit aber war er, obwohl er über keinerlei Praxis verfügte, einer der fähigsten, geschicktesten Herrscher gewesen, die Rom je gehabt hat. Seine finanziellen, religiösen und juristischen Reformen, seine militärischen Erfolge, die großen öffentlichen Arbeiten, die er angeregt hat, seine wohlwollende Gesinnung für das Volk müssen mit großer Bewunderung verfolgt werden.

Viele Beispiele, die für seine sogenannte Stumpfsinnigkeit angeführt werden, beweisen nur, dass er einen sonderbaren, feinen Humor hatte, dem der Beobachter unzugänglich war.

Eine große Klugheit zeigte er in der Außenpolitik, besonders nach Hermanns Sieg über Varus. Er verzichtete auf jede Anwendung von Gewalt, weil er die alteingewurzelte Abneigung der Deutschen gegen jede fremde Einmischung kannte und sorgte vor, stattdessen Britannien für das Römische Reich zu gewinnen.

Hier möchte ich ein Fazit zur jetzigen Zeit ziehen: Vieles ist besser als es scheint!

Herbstlicher Schauer

Morgan Weistling (1964)

Ergießt sich regenschwer vom Himmel,
der verborgen blaut,
bis hinter nassen Schwaden,
aus dunklen Wolken,
frachtbeladen,
der Morgen graut.

Die Sehnsucht fließt in jedem Tropfen,
beugt sich dem Zwang der Erde,
saumselig lösen sich die Blätter,
zu fallen mit dem Wetter,
zielbewusst,
dass Herbstzeit werde.

Jägerlatein

Quelle: Pinterest
Was man körnerweise säte,
spross aus sonnenwarmer Erde;
garbenweise band man’s früher,
fuhr das Heu und Stroh zu Pferde.

Abgeerntet sind die Felder,
und die Jäger schießen wieder;
Schüsse hallen durch die Wälder,
töten Wildbret und Gefieder.

Schrot und Korn auf die gerichtet,
die in Freiheit äsend ziehen;
blutig ist der Tod und sinnlos,
schutzlos ins Gehölz zu fliehen.

Und der Jagdstock treibt noch immer. -
Tun‘s die Guten oder Bösen?
Menschen wechseln ihr Gewand,
doch sie wechseln nie ihr Wesen.

Jagdtrophäen für die 'Potenten',
die sich gern mit Leichen schmücken,
die beim Töten mit Gewehren
ihre Schwächen überbrücken.

Voll von Schnaps und Mordgelüsten,
nimmt die Treibjagd ihre Wende.
„Ist nur der Natur zum Besten!“ -
"Halali" – des Tötens Ende?

Der Anfang

Bild von Pete Linforth auf Pixabay
So der Anfang, wie das Ende!? –
„Wehret ihn!“, so war die Mahnung,
doch man sehnt ihn sich herbei,
überhört die laute Warnung.

Grause Nazi Fantasien
ewig gestriger Geschöpfe,
greifen bald schon nach Berlin,
herrschend über alle Köpfe.

Nicht die Leuchte hoher Bildung
ließ das Herz der Vielen brennen,
die sich schreiend zu ihm wandten
und sich nun zu ihm bekennen.

Braungetönte Reden streute
man im Osten dieses Landes,
die, die ‚echte‘ Führung wollten,
wählten ihn, bar des Verstandes.

Wo einst Menschenleiber zuckten,
in den alten Folterstätten,
treiben sie, die Altverfechter,
Kampfbereite aus den Betten.

Mag es Gott verzeihn, doch schuldig
sprechen ihn die Mordgerichte,
schuldig treibt die Unfreiheit
ihn durch alle Weltgeschichte.

Wollen die, die ihn erhoffen,
neue Mauern um sich bauen,
weil sie, längst im Kopf errichtet,
gegen jede Einsicht mauern?

Untat klebt auf Wählerstimmen -
30 Jahre sind vergebens;
ihn, den sie den Anfang nennen,
wird der Rückschritt unseres Lebens.

Aus „Wallensteins Tod“ von Friedrich von Schiller:

Nicht was lebendig, kraftvoll sich verkündigt, ist das gefährlich Furchtbare.

Das ganz Gemeine ist’s, das ewig Gestrige, was immer war und immer wiederkehrt, und morgen gilt, weil’s heute hat gegolten!

Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht, und die Gewohnheit nennt er seine Amme.

Nur zwischen Glauben und Vertrauen ist Friede!

Rückblick

Anselm Feuerbach (1829-1880)

Singend übers Land gezogen ist man einst in frühen Zeiten,
doch die Liederwelt von damals scheint längst aus dem Kopf zu gleiten.

Wenn im „Frühtau man zu Berge“ durch die stillen Wege zog
und mit Liedern auf den Lippen in sich frische Waldluft sog,

hörte man die Vögel singen, wie der Amsel Sehnsuchtsklang,
lehnt man heute dieses Klingen störend ab, im Alltagsdrang,

und das Lärmen der Motoren und die regen Menschenströme
werden nicht mehr wahrgenommen, sind heut‘ akzeptierte Töne.

Störend, sei der Schrei des Hahnes, der den neuen Tag begrüßte,
und man grollt, dass man dem Vogel bald den Hals umdrehen müsste.

Ich wünsch mir die Zeiten wieder, wo die Tage heil und labend,
und ein stiller Zauber ging durch den milden Sommerabend.

Doch die Stadt im Alltagsgrau, liegt im Regen der Moderne –
sehn die Einfachheit zurück, mit dem Blick weit in die Ferne,

und mit klarem Blick zum Himmel, möchte ich die Sterne sehen,
um in Dunkelheit der Nacht, lichte Tage zu verstehen.

Überlegungen

Bild von Lothar Dieterich auf Pixabay
Wäre nicht der Hass der Menschen
und das Unglück ihres Handelns,
gäb es nicht so viele Wege,
die das Leben düster wandeln.

Wär der Mensch nur glatt gestrickt,
der nichts Krauses hätt‘ im Sinn,
herrschte hier nur bloßes Glück,
ohne geistigen Gewinn.

Beides leben, Glanz und Schatten,
unbedingt zu lieben lernen;
um nach tödlichem Ermatten
aufzusteigen zu den Sternen.

Einst aus Sternenstaub gegeben,
reisen wir zurück ins Schweigen,
wäre nicht der Drang nach Leben,
würden wir im Nichts verbleiben.

Doch wir treiben durch die Zeiten,
hoffnungsfreudig immer weiter,
steigen über fernste Weiten,
furchtlos, höher auf der Leiter.

Schein der Mode

Foto: privat 1975
Vom Schein der Mode sollt‘ ich mich entwöhnen;
ein Hauch von Nichts, der sich um Leiber schmiegt,
ein bisschen krumm Gewachs’nes gerade biegt,
die Blicke auf sich zieht, um zu verschönen.

Liegt doch ein Trug, der augenscheinlich da,
in Kleidern, die den Trägern schmeicheln,
kaschiert die Linie in einigen Bereichen
und man verbirgt, was sonst erkennbar war.

Ganz unentbehrlich schienen einst die Blicke,
die beim Flanieren meinem Körper galten;
es war mir ein Genuss, sie an mir festzuhalten,
es gab mir Selbstvertrauen, Leichtigkeit der Schritte.

Die Moden ändern sich im Lauf der langen Zeit,
Gepflogenheiten sind nur temporär - das Alter kam,
und jede Falte zeigt mir, was es mit sich nahm:
die Schönheit und die Oberflächlichkeit.

Gespinste der Nacht

Quelle: Pinterest
Der Tag vergeht ganz leise
und bringt die Nacht zurück;
Minuten, die ermatten,
im kurzen Stundenglück.

Der Sonne Glanz verschwindet,
Mondlicht durchstreift das Land,
wo es die Wachen findet
und müde Augen band.

Vollmond beglänzt die Fenster;
gar mitternächtlich tief,
holt er die Nachtgespenster,
mit Namen, die er rief.

Sie rauben dir im Plaudern
den lang ersehnten Schlummer;
sie bringen dir ein Schaudern
im längst vergessenen Kummer.

Kalt scheinend ist das Leuchten,
auf Teichen, Schilf und Moosen,
treibt aus den dunklen Feuchten,
Nénuphar - weiße Rosen.

Bringt Schönheit in die Welten
durch geheimnisvolles Walten -
wenn es dämmert in der Ferne,
lichte Wunder sich entfalten.

Tierische Seelengefährten

Foto: privat – Doria (norwegische Waldkatze *2015)
Vorüber sind die sorgenschweren Tage,
es glättet eine Spur von Leichtigkeit die Welt,
die mir geblieben, denn es waren viele Jahre,
zu denen sich kein Hauch von Glück gesellt.

Nur ein Zufriedensein ist mir geblieben;
mit Händen greife ich das Glück beim Schopf;
die sich mir zugeneigt, zärtlich verbiegen,
um meine Beine streichen, Leib und Kopf.

Bei jedem Streicheln blinzeln sie mir zu
und schnurren mir den Laut der Harmonie,
was mich bedrückte, schwindet so im Nu;
denn ihre Seelen lächeln – irgendwie.
Foto: privat – Enja (norwegische Waldkatze *2015)