Stille des Himmels

Hans Andersen Brendekilde (1857-1942)
Motorengeräusche und Lärm auf den Straßen
durchdringen doppelte Fensterscheiben;
nie gewöhnt an die Laute - nach außen, gelassen,
Beschaulichkeit muss auf der Strecke bleiben.

Man schiebt Jalousien als Sonnenblende,
vor den Lauten des Alltags schirmt man sich ab;
hinzu eine Prise TV-Elemente
mit lauter Beschallung - der Muße Grab.

Momente der Ruhe – zu Kränzen binden,
in Träumen nur wandeln durch Wiesen und Wald;
abgeschieden vom Leben Genüge finden,
wo die Stille des Himmels widerhallt.

Mit letzter Kraft

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Gang runter und mit letzter Kraft
den Berg erklimmen, der in Sicht.
Die Sonne sinkt. Bald wird es Nacht.
Sie taucht die Welt in rötlich Licht.

Bald ruht das Schweigen auf dem Hügel,
der mich umschließt in dunkler Welt.
Der Seele wachsen Himmelsflügel,
die Silberschnur, sie reißt – nichts fehlt.

Die Zeit hat sich ins Nichts verkrochen,
der Geist, die Energie, sie schweigt;
Gedanken reisen durch Epochen,
ätherisch sich das Dasein zeigt.

Ich bin zurück! Im Geist verbunden -
kein Wort beschreibt das ew’ge Licht;
der Sprache Klang, er ist verschwunden,
weil‘s einfach unbeschreiblich ist.

Des Lebens Kür

Ostern 1957 – Foto: Almuth Köhler

Ich mag in der Vergangenheit wühlen,
der alten Bilderkiste;
je mehr ich die Kindheit von damals fühle,
reis ich auf holpriger Piste.

Nichts ist mehr so, wie es einmal war,
die Gesichter der Kindheit sind fort.
Ich bilde mir ein, alle wären noch da
und sehe mein Leben dort.

Es gibt so vieles, das sie mich gelehrt,
viel Bitteres trenn ich vom Guten;
bin wieder Kind, denke: Ist es verkehrt,
Stunden von damals zu suchen?

Die Suche nach Gott ist des Schicksals Sinn,
das Leben ist eine Kür;
der Familie dank ich, für das, was ich bin. –
Nur, weil sie gelebt, bin ich hier!

Das Gemeine

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Es zeigt sich – menschlich seine Form,
gibt vielen ein Gesicht,
nur Macht und Gier sind dessen Norm,
Zerstörung das Gericht.

So schändet es die ganze Welt
und spricht mit lauten Tönen,
bringt ihr die Flötentöne bei,
liebt nur die Reichen, Schönen.

Prunkvoll geschmückt sein weißes Haus,
die andern reißt es nieder,
es lebt im lauten Saus und Braus,
Rad schlagend das Gefieder.

Stolziert wie mancher Pfau daher,
mit stolzer Drohgebärde,
der Kopf, zu klein für Empathie –
ein ‚schwarzes Schaf‘ der Herde.

Vertreibung ist sein Steckenpferd,
die Säuberung in Planung.
Besitzen ohne Gegenwehr,
sein Reden ist stets Warnung.

Gemeinheit ist ein dunkler Fleck
in menschlichem Ersinnen,
man reibt und reibt, er geht nicht weg,
denn er sitzt ganz tief innen.

Aus „Wallensteins Tod“ von Friedrich von Schiller:

Nicht was lebendig, kraftvoll sich verkündigt, ist das gefährlich Furchtbare.
Das ganz Gemeine ist’s, das ewig Gestrige, was immer war und immer wiederkehrt, und morgen gilt, weil’s heute hat gegolten!
Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht, und die Gewohnheit nennt er seine Amme.
Nur zwischen Glauben und Vertrauen ist Friede!

Die Sehenden

Foto: Pinterest
Strahlt die Sonne heute golden
oder ist sie stark verhangen?
Alles glüht in Dichteraugen
leuchtender, in Lieb und Bangen.

Größer ist das Hoffen, Warten
und die Sehnsucht nach dem Einen;
strahlender die Rosenkelche,
wenn sie blütenschwer erscheinen.

Hässlichkeiten scheinen größer
auf des Lebens Schattenseiten.
Üppig wie Getreidehalme
wird die Hoffnung Pläne breiten.

Doch ein Sensenhieb des Schicksals
trennt sie ab im Handumdrehen,
und der Schnitter ist gekommen,
um sie alle abzumähen.

Der Enttäuschung kalte Winde
wehen über Stoppelfelder;
trostlos ist des Menschen Sicht,
denn sie ernten nur sich selber.

Schriller dringt des Missklangs Plage
in des Dichters Ohr mit Schmerzen,
greller zünden sie, zerspringen,
brennen Wunden tief im Herzen.

Tiefer gehn die Seelenwunden,
wenn sie gleichgültig getrieben,
wenn sie um sich selbst nur kreisen,
die, die wir am meisten lieben.

Manche leiden schwer am Leben -
Dichterseelen an sich selber;
fühlen kalte Winde gehen
über viele Stoppelfelder.

Ein schöner Tag

Fototapete
Strahlend blauer Himmel wie ein Meer,
so unergründbar tief und grenzenlos.
Ein Nebelhauch am Horizont, nicht mehr,
das Leuchten wolkenlos, so klar und groß.

Als wenn der Frühling immer ist und hell,
die Blütenpracht, der Vogel auf dem Dach -
er singt so voller Leidenschaft. Ein Quell,
wohl inspiriert von Lust und Lebenskraft.

Die Energien schwirren durch den Raum
und treiben Müdigkeit ins Morgenlicht,
dort schwinden Traurigkeit und Traum,
wenn warmes Strahlen durch die Scheiben bricht.

Sommerzeit

Nur eine Stunde trennt uns vom Realen -
was Menschen tun, ist für die Konjunktur.
Der Aufschwung drückt sich aus in Zahlen,
das treibt uns auf die festgesetzte Spur.

Wir schalten um im Kopf, sind uns bewusst:
Es ist doch nur die Winterzeit zu Ende.
Stehn eine Stunde früher auf, mit Frust
und legen Zeit aufs Konto Sommerwende.

Die Uhren stellt man eine Stunde weiter.
Wer sagt den Tieren was von neuer Zeit?
Die Katzen schlafen noch. Das wird ja heiter!
Ist Zeitumstellung eine Kleinigkeit?

Politiker

Man sieht ihn kämpfen, und wie er verliert, 
wenn gesetzte Pläne zerstört,
wie er scharfe Worte, wie Pfeile gebiert -
Ziel verfehlend und ungehört.

Wie er zweifelnd im Kreise sich dreht,
nach einem Ausweg sucht;
wenn Hoffnung vom Winde verweht,
er seine Gegner verflucht.

Geht auf in Stein gemeißelten Stufen,
brüchig und ausgetreten;
gleitet aus, hört in sich „Hilfe“ rufen,
wie eindringliches Beten.

Das Stafelholz ist freudig übernommen,
es weitertragen, scheint zu schwer;
denn, der die Höhe suchte, ist benommen -
den Fall vor Augen, umso mehr.

Er suchte Größe, fühlte sich erwählt!
Ein Damenopfer, um zu siegen?
Er scheint schon kraftlos, ausgezählt,
muss sich in Kompromissen wiegen.

Für alle Menschen strömt der gleiche Segen.
Demokratie ist das, was zählt!
Erkämpfte Mangelhaftigkeit auf allen Wegen.
Verirrtes Volk, wen hast du dir erwählt?

Am Morgen

Am Morgen – Caspar David Friedrich (1774-1840)
Waren so viele Gedichte,
die mir mancher Morgen schenkte
und mich bei Tagesbeginn
in feinsinnige Bahnen lenkte.

Zuweilen in Trauer getaucht,
abseits gestanden vom Leben,
manchmal altersergraut,
einsam dem Schicksal ergeben.

Doch öffnete mancher Tag
die Türe zum lichtvollen Denken,
denn Freude und höherer Trost
sollten mein Augenmerk lenken.

Da wurde ein Sonnenstrahl
Liebkosung, damit mir nichts fehle;
er streichelte sanft meine Haut
und malte golden die Seele.

Es strich mir durchs fallende Haar
ein Hauch, der mich schützend umhüllte,
der meine fiebernde Stirn
mit heilender Duldsamkeit kühlte.

Sie richtet mich auf in Milde,
lehrt mich, unter Tränen zu lächeln,
durch Schmerzen hindurchzugehen,
nie an des Lebens Härte zu schwächeln.

War manchmal in Tiefen versunken,
dort traf mich himmlisches Licht,
das durch irdische Starrheit hinaus,
selbst durch felsigste Wände bricht.

Wenn alles morgens noch ruht,
schau ich zu den Sternen hinauf:
Alles Große braucht Einsamkeit!
Ich, kleines Licht, brauch sie auch.

Geistige Wahrheiten

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Du suchst dein wahres Ich ein Leben lang
und fragst dich oft nach einem Sinn.
Dein Geld treibt dich auf falschem Weg voran,
denkst trotz des hohen Alters an Gewinn.

Mit über achtzig Jahren noch ein Haus,
das neu gebaut wird - viel zu groß für dich?!
Bald gehst du auf die Neunzig und mir grausts:
Ein sehr viel kleineres ist längst in Sicht.

Kurzlebig nur noch, treibt dich dein Besitz.
Niemand der hilft, für alles musst du zahlen.
Des nachts, wenn Tod auf deiner Bettstatt sitzt,
treibst du im Traum die Handwerker in Qualen.

Denkst du denn wirklich, du wirst ewig leben?
Dein letztes Hemd hat keine Taschen!
Gibt es in dir ein spirituelles Streben?
Du hast noch viel zu tun, es reinzuwaschen.

Bald wirst du in den neuen Morgen gehn
und orientierungslos, wie kleine Kinder sind,
geistigen Auges Wirklichkeiten sehen,
für die bisher dein Lebensinhalt blind.

Luftschlösser, die du einst erbautest,
mit Geld, an dem mental du hingst,
und der Besitz, dem du vertrautest,
war nicht mehr als ein Truggespinst.